Wie heißt’s?
„Der Welt nicht mehr verbunden. Die wahren Ursachen von Depressionen – und unerwartete Lösungen“
Wer hat’s geschrieben?
Johann Hari, 40, ist ein britischer Journalist, Schriftsteller und Kolumnist, bekannt für seinen TED-Talk über die Natur der Sucht und seinen Bestseller „Drogen: Die Geschichte eines langen Krieges“.
Wo ist es erschienen?
Harper Collins Germany (Hamburg), 448 Seiten, EUR 20 (geb. Ausgabe), EUR 16,99 (E-Book)
Worum geht’s?
Mit einem Titel, der im direkten Widerspruch zu unserer ultra-vernetzten Welt zu stehen scheint, lässt Johann Hari aufhorchen. Wie kann man depressiv sein in einem Leben relativen Wohlstands, wo Freunde nur einen Mausklick entfernt sind, und wo, wenn es gar nicht mehr geht, der Arzt ein paar Pillen verschreibt? Doch auch Hari, jahrelanger Verfechter der Theorie, Depressionen hätten ihren Ursprung in einem biochemischen Ungleichgewicht, musste am Ende zugeben, dass seine eigenen schweren Depressionen trotz aller Psychopharmaka immer wiederkehrten. So begann er, nach den wahren Ursachen zu forschen, sprach über viele Jahre weltweit mit Hunderten von Experten und Betroffenen, und fand schließlich die gemeinsamen Nenner; Nenner, die so offensichtlich sind, dass man sie leicht übersieht – weil sie überwiegend in unserer modernen Lebensweise wurzeln, für die die menschliche Psyche nicht geschaffen ist. Sei es der Verlust von wahrer Gemeinschaft, tiefen Werten und Respekt, von Naturverbundenheit, von bedeutungsvollem Schaffen oder einer sicheren Zukunft oder Traumaverarbeitung. Hari analysiert jeden Aspekt und hinterlegt ihn mit Studien und Interviews, von denen auch viele auf seiner Webseite www.thelostconnections.com zu finden sind. Aber er belässt es nicht bei der schlichten Analyse, sondern zeigt im dritten Teil des Buchs konkrete Wege auf, diese verlorenen Verbindungen wieder aufzubauen und damit Depressionen langfristig den Hahn abzudrehen.
Wie ich es finde.
Für jemanden wie mich, die schon seit Jahrzehnten an Depressionen leidet, und die sich bisher an Antidepressiva geklammert hat wie an eine chemische Rettungsweste, war das Buch eine Offenbarung. Während Medikamente ohne Zweifel ihren Platz haben, musste ich wie Hari zugeben, dass sie kaum mehr erreichen, als mich über Wasser zu halten. Doch Hari sucht nicht nach Gummibooten – er sucht nach den Ursachen eines massiven psychischen Klimawandels, der in den weltweit steigenden Zahlen seelisch erkrankter Menschen sichtbar wird. Und argumentiert, dass Depressionen und chronische Angstzustände eine natürliche Reaktion auf eine „kranke Gesellschaft“ seien, ein psychischer Hilferuf, wie Fieber bei einer Infektion. Damit liefert Hari nicht nur eine scharfsinnige Analyse, sondern auch eine herausfordernde Gesellschaftskritik: nämlich, dass soziale und ökonomische Unsicherheit und Entmenschlichung schwerwiegende Auslöser von Gemütskrankheiten seien. In diesem Sinne verkündet er vielleicht Selbstverständlichkeiten, aber es sind Selbstverständlichkeiten, die wieder in politischen und gesellschaftlichen Gesprächen in Betracht gezogen werden müssen. Was dieses Buch so bemerkenswert macht, ist Haris Warmherzigkeit, seine Offenheit im Blick auf seine eigene schwere Kindheit, ohne je in Selbstmitleid zu verfallen, und den Mut, sich mit dem Schreiben dieses Buches seinen eigenen Dämonen zu stellen. Haris Stil ist ergreifend, mitreißend und ein wahrer Augenöffner.
Wer sollte es lesen?
Jeder, der langfristig Erleichterung von chronischen Depressionen sucht, und/oder Menschen, die verstehen möchten, was diese verursacht. Als Buchhändlerin stoβe ich auf viele Bücher dieser Art, aber Haris Werk hebt sich konkurrenzlos von ihnen ab. Ich empfehle es gern weiter, weil es neben seiner konkreten Thematik auf einer breiteren Ebene auch die Notwendigkeit von Sozial- und Wirtschaftsreformen fordert und die Wiederentdeckung einer menschlicheren Welt.
PATTY DOHLE
ist gelernte Buchhändlerin und leitet einen Buchladen in der englischen Kleinstadt Witney in der Nähe von Oxford.
4 Kommentare
Das überrascht mich. Da hat jemand über viele Jahre mit Hunderten von Experten gesprochen, und da war nicht ein einziger Therapeut dabei? Kaum zu glauben. Natürlich helfen Psychopharmaka genau da, wo sie sollen, am Tiefpunkt einer Depression. Aber das sollte doch der Anfang und nicht das Ende einer möglichen Heilungsgeschichte sein. Die eigentliche Arbeit an und mit der Depression beginnt doch erst. Die einseitige Reduzierung auf ein biochemisches Ungleichgewicht als Ursache der Depression wird nun abgelöst von der nächsten Ursachenreduzierung auf eine entmenschlichte Welt. Dabei kann Beides und sogar mehr als das Ursache sein. Hier von den "wahren" Ursachen zu sprechen, halte ich für ziemlich populistisch. Augen auf beim Bücherkauf.
Auf diesen Kommentar antwortenLieber Sven, danke fürs Feedback. Die Rezensions-Autorin wird dazu später Stellung nehmen. Ich bitte um ein wenig Geduld. LG Sabine
Auf diesen Kommentar antwortenLieber Sven, Wie Sie sicher nachvollziehen können, ist es nicht leicht, ein komplexes Buch auf kleinem Raum zusammenzufassen. Hari sagt nicht, dass Antidepressiva keinen Platz haben. Wie schon gesagt, litt er selbst lange an Depressionen. Er argumentiert eher, dass für viele Pillen langfristig nicht die Lösung sind. Und Sie haben recht - oft sind Antidepressiva das Fundament, das Betroffenen genug Stärke gibt, langfristigere Lösungen zu finden. Aber leider ist es oft der Fall - besonders in Großbritannien, wo Gelder für Seelsorge von vorne bis hinten gestrichen werden - dass Psychopharmaka eine Art Billiglösung sind. Natürlich sind die Ursachen von Depressionen total individuell, eine Kombination von verschiedenen Faktoren. Haris Nachforschungen bestätigen das, und er fasst zusammen, welche Faktoren ihm aufgefallen sind, und er hinterlegt es auch. Ich lade Sie ein, das Buch zu lesen - am Ende ist jedes Buch eine individuelle Erfahrung - aber ich und auch viele andere fanden das Buch wunderbar. Alles Liebe, Patty
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