Manchmal ist es nur ein Wort. Man hört es oder liest es oder träumt es und irgendwo im Herzen fängt es an zu singen.

Seit vielen Jahren schon, stets im November, beginne ich nach einem Bibelwort Ausschau zu halten, um es wenig später quasi als eine Art „persönliche Jahreslosung“ über das kommende Jahr zu stellen. Dabei suche ich nicht nach etwas Bestimmtem, ich lasse mich bei Lesen eher betend treiben – und was soll ich sagen: noch immer hat auf diesem Weg Gottes Reden zu mir gefunden. Und so passierte es, dass ich eines Tages im Buch des Propheten Hesekiel über folgenden Satz stolperte: „Ich gab ihnen meine Sabbate zum Zeichen zwischen mir und ihnen.“ (Hesekiel 20,12, ELB)

 

Dass der Vers aus dem Alten Testament stammte und ursprünglich an das Volk Israel adressiert war, spielte in diesem Moment keine Rolle. Es war einfach so, dass mein Herz leicht wurde – so wie es immer leicht wird (und auch ein bisschen schneller schlägt), wenn man der Wahrheit begegnet. „Sabbat“, wiederholte ich vor mich hin und erinnerte mich daran, dass mir einmal jemand, der mehr von Theologie versteht als ich, erklärt hatte, dass dieser wunderbare hebräische Begriff wörtlich „aufhören“ oder auch „von etwas ruhen“ bedeutet.

Es war einfach so, dass mein Herz leicht wurde – so wie es immer leicht wird (und auch ein bisschen schneller schlägt), wenn man der Wahrheit begegnet.

Ich dachte an meine Kindheit und unseren Bauernhof, an meine Eltern und Großeltern, die an sechs Tagen die Woche zwölf, dreizehn, vierzehn Stunden arbeiten mussten und für die „Urlaub“ ein Fremdwort war. Aber sie kannten den Sonntag und sie nahmen ihn ernst. Er gehörte Gott. Und ihnen. Und der Familie. Auf keinen Fall aber der Arbeit, soviel stand fest! Und es war völlig egal, ob das Heu gemäht oder das Getreide gedroschen werden musste. Selbst wenn für den nächsten Tag schlechtes Wetter vorhergesagt und die Ernte in Gefahr war – am Sonntag standen die Räder still. Stattdessen gab es Gottesdienst und den „Internationalen Frühschoppen“ und Kohlrouladen mit viel Soße und frische Waffeln und fröhlich-faule Nachmittage im Schwimmbad.

 

Es heißt, das Zeichen derer, die Jesus nachfolgen, sei ihre Liebe. Ich möchte hinzufügen: und ihre Gelassenheit. Menschen, die Gott kennen, und in ihm nicht nur den machtvollen Schöpfer sehen, sondern auch ihren liebenden Erhalter, können lassen, können los-lassen – Arbeit, Ansprüche, Sorgen und Dringlichkeiten. Können aufhören, zu machen, und beginnen, zu sein. Können zur Ruhe kommen, ganz so wie Gott es sich von Anfang an für uns gedacht hat. „Der Sabbat wurde für den Menschen geschaffen, nicht der Mensch für den Sabbat“, sagte Jesus einmal. Nie bin ich dem Geheimnis dieser Freiheit nähergekommen als in jenen Tagen.

Sabine Müller

ist Gründerin und Redaktionsleiterin von MINDO.

E-Mail: sabine.mueller@mindo-magazin.de

 

Weitere Sonntagsgedanken, die sich insgesamt 20 Autorinnen und Autoren gemacht haben, finden sich in dem Buch „Die Suche nach dem Sonntag“ (scm Verlag, Witten).