Am 15. Februar 2021 rief mich Lauren an, eine meine besten Freundinnen. Sie war total aufgelöst. Ihr Mann Brian ist Polizist und war bei einem Einsatz angefahren und mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus gebracht worden. An diesem Tag schneite es, und er hatte während seiner Schicht kurz zu Hause vorbeifahren wollen, um seine durchnässten Stiefel zu wechseln. Auf dem Weg nach Hause kam er an einem Unfall vorbei, hielt an und half seinen Kollegen. Damit der Verkehr sicher um die Unfallstelle herumfahren konnte, sperrte er die Fahrbahn, und dabei passierte es: Ein Fahrzeug krachte in seinen Streifenwagen. In den folgenden Stunden erfuhren wir, dass er eine Schädelverletzung erlitten hatte. In den Minuten nach Laurens Anruf brachte ich kein Wort heraus. Ich kniete in meinem Zimmer auf dem Boden und weinte. Meine Gedanken wirbelten wild durcheinander.

 

WAS, WENN UNS DIE WORTE FEHLEN?

Seither sind die Tage, Wochen, Monate und Jahre ineinandergeflossen. Brian ist immer noch nicht wieder bei Bewusstsein. Wie kann man das Leid, das Lauren und Brian erleben, in Worte fassen? Manchmal kommen mir die Fragen: „Warum? Wie? Wie lange noch?“ Ich winke sie dann direkt zu Gott durch. Er soll sich damit befassen. Und dann bin ich wieder sprachlos.

Wir müssen keine Gebets-Experten sein, es genügt, mit Jesus zu reden. Er erwartet weder eine Mindestlänge noch eine besondere Ausdrucksweise. Ihm geht es um dich.

Immer wieder erlebe ich seitdem diese wortlosen Gebetszeiten. Vielleicht geht es dir auch so. Vielleicht hast du auch Leid und Schmerz in einem solchen Ausmaß erlebt, dass es dafür keine Worte gibt und du nicht weißt, was du zu Gott sagen sollst. Vielleicht bist du enttäuscht von Gott oder wütend auf ihn. Oder vielleicht hast du aber auch noch nie gebetet und weißt gar nicht, wie du anfangen sollst. An dieser Stelle möchte ich ein paar praktische Erfahrungen weitergeben, die mir helfen, wenn ich nicht beten kann. Eigentlich gehört so etwas an das Ende eines Artikels, aber ich würde das hier gern vorziehen.

 

 

WIE KANNST DU BETEN, WENN DU NICHT WEISST, WAS?

Rufe Gott an

In der Bibel steht: „Der Herr ist allen nahe, die ihn anrufen, allen, die ihn aufrichtig anrufen“ (Psalm 145,18). Gott ist für alle erreichbar, die sich ernsthaft an ihn wenden. Wir müssen keine Gebetsexperten sein, sondern können ihn anrufen. Das könnte z. B. so klingen: „Gott, in dem Psalm steht, dass du jedem nahe bist, der dich anruft. Ich bitte dich, mich jetzt zu hören. Ich fühle mich allein. Ich finde keine Worte für meine Situation und verstehe sie auch nicht. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich habe dir nicht viel zu bieten. Aber hier bin ich. Wirst du mir begegnen?“

 

Wenn dir nichts mehr einfällt, kannst du auch still sein und warten, ob dir noch etwas in den Sinn kommt. Du kannst alle deine Gedanken und Gefühle aussprechen. Gott interessiert sich dafür und kann damit umgehen. Auch deine negativen Gedanken, vermeintlich „falschen“ Gefühle und Wut auf ihn sind für Gott kein Problem. Alles ist ihm willkommen. Gott will dir nahe sein und wird sich dir nahen, auch wenn du gar nichts sagst. Es ist für den Anfang gar nicht so schlecht, schweigend vor ihm zu sein.

 

 

Bete Bibeltexte

In der Bibel begegnen uns die unterschiedlichsten Personen, und es finden sich Gebete in großer Bandbreite. Diese dürfen wir ruhig übernehmen. Wenn du dich in der Bibel nicht so gut auskennst, dann beginne mit den Psalmen. Dort findest du Anbetungslieder, Lieder über Leiden, Angst und Frustration, Gebete aus qualvollen Situationen, Schuldbekenntnisse und vieles mehr. Was auch immer du suchst, du wirst es in den Psalmen finden und kannst diese Texte zu deinen eigenen Gebeten machen.

Psalmen für Zeiten, in denen dir die Worte fehlen

Psalm 16 – Gott wird mich niemals verlassen

Psalm 27 – Ich werde auf Gott warten

Psalm 63 – Meine Seele sehnt sich nach Gott

Psalm 91 – Gott ist meine Zuflucht

Psalm 139 – Gott kennt mein Herz

Bete ruhig kurz

Mein Mann hörte kürzlich den Podcast „Dad Tired“ (dt. Müder Papa). Der Sprecher erinnerte die Zuhörerinnen und Zuhörer daran, dass die Gebete von Jesus oft kurz waren. Wir müssen keine Gebets-Experten sein, es genügt, mit Jesus zu reden. Er erwartet weder eine Mindestlänge noch eine besondere Ausdrucksweise. Im Gegenteil, Jesus hat die religiösen Leiter seiner Zeit dafür getadelt, dass sie beim Beten so viele Worte machten (Matthäus 6,5–7). Ihm geht es um dich.

 

Bitte andere, für dich zu beten

Es ist für mich eine große Herausforderung, dieses Buch zu schreiben. So etwas habe ich noch nie gemacht. Heute hatte ich das Gefühl, mir wächst die Aufgabe über den Kopf. Ich ging in die Küche, um mir einen Kaffee zu machen, und während ich auf den Kaffee wartete, dachte ich darüber nach, wie schön es wäre, wenn jetzt jemand für mich beten würde. Im Nebenzimmer hörte ich die Stimmen meines Sohnes und seiner Babysitterin. Sollte ich sie fragen? Nein, so schlimm ist es nun auch wieder nicht, oder? Fast wäre ich mit meinem Kaffee wieder in mein Büro gegangen. Aber dann ging ich doch zu ihr, und was soll ich sagen? Ihr Gebet für mich war eine große Wohltat. Ich weinte, und danach zog tiefer Friede in meine Seele ein. Jetzt sitze ich wieder in meinem Zimmer und schreibe weiter. Wenn wir gemeinsam mit anderen beten, dann ist Jesus immer dabei (Matthäus 18,20). Wenn dir das Beten schwerfällt, dann bitte andere, für dich zu beten.

 

Bete wie Jesus

Manche von uns haben dieses Gebet schon in ihrer Kindheit auswendig gelernt. Vielleicht fandest du es schon immer sterbenslangweilig. Aber es ist ein richtig guter Einstieg ins Beten. Man könnte es zum Beispiel so versuchen (Matthäus 6,9–13):

 

Unser Vater im Himmel, dein Name werde geehrt.

Sage Gott, wer er für dich ist und wie du sein Wirken in deinem Leben, bei anderen und in der Schöpfung wahrnehmen kannst.

Dein Reich komme bald. Dein Wille erfülle sich hier auf der Erde genauso wie im Himmel.

Bitte Gott, dir die Augen für seinen Willen und die ewigen Dinge zu öffnen, die um dich herum geschehen.

Schenk uns heute unser tägliches Brot,

Bitte Gott, für deine Bedürfnisse zu sorgen. Sage ihm, was dein Körper, deine Seele und dein Geist heute am meisten brauchen.

und vergib uns unsere Schuld,

Bitte Gott, dir zu zeigen, wo dir etwas anderes wichtiger war als er.

wie auch wir denen vergeben haben, die an uns schuldig geworden sind.

Bitte Gott, dir zu helfen, zu anderen gnädig zu sein, da er dir gegenüber so gnädig ist.

Lass nicht zu, dass wir der Versuchung nachgeben,

Bitte Gott, dir nahe zu sein und dich im Alltag zu begleiten. Sage ihm, wo du heute seine Führung brauchst.

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Bitte Gott, deinen Verstand und deinen Geist vor allem Bösen, das gegen dich gerichtet ist, zu bewahren.

 

WENN DU TROTZDEM NICHT BETEN KANNST

Nach dem Unfall unseres Freundes kamen wöchentlich über siebzig seiner Freunde und Verwandten in Zoom-Meetings zusammen, um zu beten. Vor dem ersten Treffen war ich sehr nervös. Ich wusste nicht, was ich beten sollte, und dachte, dass ich nichts beitragen könnte. Kurz vor einem dieser Meetings lag ich auf dem Teppich im Spielzimmer und schlug meine Bibel auf. Die Tür war zu, ich wollte ungestört sein. Eine Randnotiz: Wenn dir das Bibellesen zu einer lästigen Pflicht geworden ist, dann lass es. Beschränke dich darauf, die Stellen zu lesen, die dir schon immer Freude gemacht haben. So mache ich es auch oft. Für mich ist das achte Kapitel im Römerbrief einer der Texte, die mir immer guttun. An diesem Tag las ich Vers 26: „Der Heilige Geist hilft uns in unserer Schwäche. Denn wir wissen ja nicht einmal, worum oder wie wir beten sollen. Doch der Heilige Geist betet für uns mit einem Seufzen, das sich nicht in Worte fassen lässt.“

 

Ich erkannte: In diesem Text wurden meine Sprachlosigkeit, mein Kummer und meine Überforderung als die Voraussetzung für das Eingreifen des Heiligen Geistes beschrieben. „Wir wissen ja nicht einmal, worum oder wie wir beten sollen …“ Gott wusste also um diesen Zustand und hatte eine Lösung dafür! Der Heilige Geist würde mit mir zusammen zu Gott gehen und an meiner Stelle beten. Er würde für mich handeln.

 

Danach betete ich mit siebzig weiteren Personen, denen ebenfalls die Worte fehlten. „Heiliger Geist, bitte hilf uns! Wir sind leer und verängstigt, uns fehlen die Worte. Wir sind darauf angewiesen, dass du für uns betest. Du hilfst uns, wenn wir schwach sind. Du gehst für uns zum Vater, wenn uns die Worte ausgehen. Bitte, bete jetzt für uns, für Brian und Lauren. Bringe all unsere Bedürfnisse und den Schmerz, den wir fühlen, zum Ausdruck. Wir sind fassungslos, traurig und voller Angst. Heiliger Geist, kannst du all das für uns zum Vater tragen?“

 

Immer mehr Worte kamen. Aus meiner Leere und Schwäche entstand Gebet. Aus meinem Vertrauen und meinem Glauben, dass der Heilige Geist am Werk war, entstanden Hoffnung und Ermutigung.

 

Der Heilige Geist hilft uns

Der Heilige Geist lebt in jeder Person, die an Jesus glaubt. Das gesamte achte Kapitel des Römerbriefs handelt von ihm. Paulus verfasste diesen Brief für die Christen in Rom, die neu zum Glauben gekommen waren, und im achten Kapitel beschreibt er sehr eindrücklich, wie man aus der Kraft des Heiligen Geistes leben kann.

 

Ich bin in einer christlichen Familie aufgewachsen, in der kaum über den Heiligen Geist gesprochen wurde. So wurde ich erwachsen, ohne zu ahnen, welche Kraft in mir lebt. Der Heilige Geist in mir eröffnet mir erstaunliche Möglichkeiten, und wenn mir das Leid die Sprache verschlägt, dann betet er für mich. Er kennt uns ganz genau, und er kennt Gott, den Vater. Für ihn ist es leicht, genau das Richtige zu sagen.

 

Mitten in unserem Leid

Wenn wir beten oder wenn jemand für uns betet, dann betet der Heilige Geist mit (Römer 8,26–28), und wir spüren, wie die Schwere unserer Situation leichter wird, zumindest vorübergehend. Doch nach wenigen Augenblicken oder Tagen gewinnt unser Verstand wieder die Oberhand, und unsere Aufmerksamkeit kehrt zu den Problemen zurück.

Unser Schmerz ist berechtigt, denn wir leben in einer Welt, die nicht unsere Heimat ist. Tatsächlich leidet die gesamte Schöpfung mit uns und sehnt sich nach Erlösung. Jede Blume, jeder Baum, jeder Berg, jeder Stern, jedes Meer …  wartet sehnlichst darauf, dass wir vollkommen gemacht werden und alles wieder gut wird. Und der Heilige Geist stimmt ein „mit einem Seufzen, das sich nicht in Worte fassen lässt“. Er kennt und fühlt unser Leiden.

„Denen, die Gott lieben, werden alle Dinge zum Besten dienen.“ Natürlich, der Satz steht so in der Bibel. Aber er kann auch ein Ausdruck von Härte und fehlendem Mitgefühl sein.

Wenn wir die Unvollkommenheit unserer vorübergehenden Heimat hier auf Erden spüren, dann können wir mit unserem winzigen Senfkorn-Glauben an dieser Verheißung aus dem Römerbrief festhalten: Gott wird für uns alles zum Guten zusammenwirken lassen.

 

Ich habe allerdings auch schon miterlebt, wie Menschen mitten im größten Leid mit diesem Satz konfrontiert wurden, der sie trösten sollte: „Denen, die Gott lieben, werden alle Dinge zum Besten dienen.“ Natürlich, der Satz steht so in der Bibel. Aber er kann auch ein Ausdruck von Härte und fehlendem Mitgefühl sein. Er ist nur wahr, wenn man ihn im Zusammenhang mit dem Leiden von Jesus betrachtet. Er versteht unseren Kummer und fühlt mit uns. Weil es Jesus gibt und weil er für uns gelitten hat, können wir glauben, dass Gott alle Dinge zu unserem Besten wenden wird.

 

 

Während wir warten

Wir warten immer noch. Wir leiden mit Lauren, hoffen und beten wortlose Gebete, dass Brians Körper und Verstand wiederhergestellt werden.

 

Es gibt noch ein kostbares Detail, das mir in diesem Zusammenhang bewusst wurde und meine Hoffnung zusätzlich stärkt. Jesus, der unsere Schmerzen selbst gefühlt hat, betet auch für uns. Er musste das Leiden selbst erfahren und spricht mit dem Vater über mein Leiden. Dieses Wissen lässt mich mit Zuversicht in Gottes Gegenwart treten. Gott will mir begegnen. Der Heilige Geist ist an meiner Seite, und sein Seufzen über meine Not erreicht den Vater. Und Jesus ist auch da, setzt sich für mich ein und betet mit mir zusammen. Wir sind in unserer Not nicht allein.

WENDE DIE WAHRHEIT AN

● Warum fällt es dir manchmal schwer zu beten (jetzt gerade oder generell)?

 

● Bist du froh, dass Gebete nicht perfekt formuliert sein müssen?

 

● Tröstet dich der Gedanke, dass Jesus (der viel leiden musste) und der Heilige Geist mit dir zusammen beten?

 

● Schreibe deine wichtigsten oder ältesten Gebetsanliegen auf. Suche dann zu jedem Thema eine passende Bibelstelle. Formuliere den Bibeltext anschließend so um, dass er zu einem Gebet für die jeweilige Person oder Situation wird. Lege das Blatt an einen Ort, an dem du es immer griffbereit hast, um die Gebete regelmäßig vor Gott zu bringen.

 

● Überlege, wie Gott dir begegnet ist und wie dein Glaube gewachsen ist, während du für besonders belastende Anliegen gebetet hast. Danke ihm für sein Wirken in dir. Wie ging es dir, während du vergeblich auf Dinge gewartet hast, von denen du wusstest, dass Gott sie dir eigentlich geben könnte? Erzähle Gott von deiner Wut, deiner Enttäuschung und deinem Schmerz. Bitte ihn, dir an diesen Stellen zu begegnen und dir einen Weg nach vorn zu zeigen.

 

● Bitte Gott um die richtige Person, die mit dir zusammen betet und dich bei deinen schwierigsten Gebetsanliegen unterstützt.

VERA SCHMITZ & NATALIE ABBOTT

sind Schwestern und Mitbegründerinnen der Online-Community „Dwell Differently“ sowie des gleichnamigen Podcasts.

 

Der vorliegende Artikel ist ein gekürzter und bearbeiteter Auszug aus ihrem Buch „Vom Kopf ins Herz – Gottes Wahrheit neu verankern“, das vor kurzem im Hänssler Verlag erschienen ist.

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