„Alles, was Sie hier sehen, verdanke ich Spaghetti!“ Das waren noch Zeiten, in denen eine Schauspielerin, in diesem Fall Sophia Loren, mit Stolz verkünden konnte, dass sie ihre Rundungen allein einem anständigen Appetit zu verdanken habe. Für Frauen unserer Tage hingegen kommt der Sommer immer mindestens fünf Kilo zu früh. Weshalb auch Frau Loren, wäre sie heute 21 und nicht schon 91, womöglich ein Bett in der nächsten Schönheitsklinik buchen würde, wo sie sich nicht nur ihre Oberschenkel absaugen, sondern gleich auch ihre Nase begradigen und die Lippen aufspritzen lassen würde.
Schöne neue Welt?
Willkommen im Jahr 2026: Wenn es um das Thema „Schönheit“ geht, ist heute kaum etwas anstrengender, als eine Frau zu sein. Oder auch ein Mann. Denn längst hat sich das vermeintlich uneitlere Geschlecht einer unrühmlichen Aufholjagd verschrieben: 2025 ging mehr als jede zehnte Schönheitsoperation auf das Konto von Männern, Tendenz steigend. Überraschend ist das Ganze nicht. Bereits Anfang der 1990er-Jahre äußerte sich die amerikanische Psychologin Judith Rodin besorgt: „Die Unzufriedenheit mit unserem Körper hat epidemische Ausmaße angenommen. Wir sind Opfer der Körperfalle geworden.“
Ich schwanke zwischen dem Wunsch, schön zu sein und mich schön zu fühlen, und dem unbedingten Willen, nicht mit fragwürdigen Idealen auf Schulterschluss zu gehen.
In der Tat: Wohin man auch scrollt, wohin man auch zappt, worin man auch blättert – überall erzählt man uns, dass uns zum größeren beruflichen und privaten Glück eigentlich nur die glattere Stirn, die volleren Lippen, der strammere Bauch oder das markigere Kinn fehlen – Entkommen unmöglich! Wie aber sollen Menschen, die sich dem allgegenwärtigen Optimierungswahn entziehen wollen, der Tatsache begegnen, dass körperlich attraktive Menschen bei der Verteilung von Jobs nachweislich bevorzugt werden? Wie lebt ein Kind damit, dass seine hübscheren Altersgenossen schon in der Schule häufig mehr Zuwendung, Unterstützung und Nachsicht erfahren? Und wohin mit dem Schmerz, der nicht wenige Frauen beim Blick in den Spiegel trifft, weil er ihnen klar macht, dass sie wegen ein paar Falten oder erschlafften Brüsten gegen eine Jüngere ausgetauscht wurden?
Balance finden, aber wie?
Und mittendrin stehe ich – eine 58-jährige Frau (und zig Tausende Frauen mit mir) – und kämpfe um mein Gleichgewicht. Ich schwanke zwischen dem Wunsch, schön zu sein und mich schön zu fühlen, und dem unbedingten Willen, nicht mit fragwürdigen Idealen auf Schulterschluss zu gehen; habe Sehnsucht nach Gesundheit, Vitalsein und Attraktivität und gleichzeitig den Traum vom Altern in Würde. Und so klammere ich mich an die Hoffnung, dass ich es im Wirrwarr all dieser kritischen Stimmen trotzdem schaffe, meinen Selbstwert allein an der Liebe Gottes zu mir festzumachen.
Körperlichkeit, Jugendlichkeit, Schönheit – das sind Themen, denen man sich auch als jemand, der Jesus nachfolgt, nicht entziehen kann. Und auch nicht sollte, wenngleich ein paar Überlegungen bei der Urteilsfindung hilfreich sind: Wie viel Beschäftigung mit dem eigenen Körper tut mir gut? Wie komme ich zu einer gottgewünschten Annahme meines Körpers und wie schaffe ich rechtzeitig den Absprung vom immer weiter entgleisenden Eitelkeits-Zug? Und nicht zuletzt: Wie sieht Gott die ganze Sache überhaupt?
Schönheit ist Geschenk
„Eine schöne Gestalt ist eine gute Schöpfung Gottes und mitnichten zu verachten“, sagte einst Martin Luther und kommentierte damit die Leibfeindlichkeit seiner Zeit. Denn von der Begeisterung des Alten Testamentes für den menschlichen Körper und dessen Schönheit war im Laufe der Kirchengeschichte nicht mehr viel übriggeblieben. Unter dem Einfluss des griechisch-platonischen Denkens, dem der „stoffliche“ Körper lediglich als Gefängnis der edleren, weil göttlichen Seele galt, geriet nur allzu schnell in Vergessenheit, was der Apostel Paulus schon den Christen in Korinth so eindrücklich ans Herz gelegt hatte: dass unser Körper nicht nur von Gott gewollt und geschaffen, sondern sogar dem Heiligen Geistes als Wohnung dient und aus diesem Grund mit Pflege, Liebe und Beachtung zu ehren sei (siehe 1. Korinther 6,19f).
Denn ganz entgegen dem weit verbreiteten Vorurteil, hat Gott nämlich nichts gegen Körperlichkeit und auch nicht gegen Schönheit, ist er doch der Schöpfer von beidem. Und doch muss er die manchmal krummen Maßstäbe seiner Nachfolgerinnen und Nachfolger immer wieder mal geradebiegen und sie daran erinnern, was bei ihm wirklich zählt. So wurde zum Beispiel der Prophet Samuel, der sich vom blendenden Aussehen Sauls hatte beeindrucken lassen, von Gott mahnend an das erinnert, auf das es ihm wirklich ankommt: „Denn der Herr sieht nicht auf das, worauf der Mensch sieht. Der Mensch sieht auf das, was vor Augen ist, der Herr aber sieht auf das Herz“ (1. Samuel 16,7). Soll heißen: Wenn außer der Optik nicht mehr viel zählt, ist der Holzweg verdächtig nah!
Und doch versteht Gott auch unsere Sehnsucht nach Schönheit und Heilsein, weiß er doch, dass für seine Ebenbilder ewige Gesundheit und körperliche Makellosigkeit mindestens in diesem Leben ein Traum bleiben. Darum macht er in seiner Liebe nicht nur unserem Geist und unserer Seele, sondern auch unseren begrenzten Körpern ein Versprechen: „Es wird gesät in Niedrigkeit und wird auferstehen in Herrlichkeit“ (1. Korinther 15,43).
Ich sehe dich!
Bis dieser Tag kommt, schlägt das Herz des Schöpfers für die Unscheinbaren und Übersehenen unserer Gesellschaft ganz besonders. Als er zum Beispiel sah, wie sehr die weniger hübsche Lea darunter litt, dass ihr Ehemann Jakob sein Herz ausschließlich der schönen Rahel zuwandte, ergriff ihn das Mitleid: „Als der Herr aber sah, dass Lea ungeliebt war, machte er sie fruchtbar. … Und sie sprach: Der Herr hat angesehen mein Elend“ (1. Mose 29,31ff).
Das Herz des Schöpfers schlägt für die Unscheinbaren und Übersehenen unserer Gesellschaft ganz besonders.
Damit ist der Standard für seine Nachfolger klar: Weil Gott es vormacht, sollen wir Menschen auch jenseits von Idealkörpern zu Ansehen und der ihnen zugedachten Würde verhelfen. Mit diesem Wissen im Herzen lässt sich auch in einer Welt, die einer zweifelhaften Vorstellung von Schönheit huldigt, ein positiver Contrapunkt setzen. Wie aber kann das praktisch aussehen? Was tun gegen die Bilderflut von außen und die kritische Stimme in unserem Inneren?
1. Lass Gottes gute Gedanken die Oberhand gewinnen. Es ist schon ein paar Jahre her, dass mir beim Wäschemachen ein T-Shirt in die Hand fiel, das ich kurz zuvor gekauft hatte. Bei näherem Hinsehen blieb mein Blick auf dem kleinen Schriftzug haften, der auf ein kleines Schild auf der Innenseite aufgedruckt war: „Selected, created and designed with love“, stand da und ohne Vorwarnung trafen mich die Worte mitten ins Herz. „Was für ein schöner Gedanke!“, schoss es mir durch den Kopf, sonderbar angerührt von dieser unerwarteten „Wäschepredigt“. Denn nicht nur T-Shirts haben einen Designer, sondern jeder Mensch wurde von Gott „mit Liebe ausgesucht, erschaffen und gestaltet“ (siehe Psalm 139,13ff). Auch du. Und ich.
2. Habe den Mut, schön zu sein. Statt immer nur deine Schwachstellen unter die Lupe zu nehmen – wie wär’s, wenn du dasselbe einmal mit deinen Vorzügen tun würdest? Jedes Gesicht, jeder Körper besitzt etwas einzigartig Schönes. Bring es zur Geltung! Mit guter Ernährung, regelmäßiger Bewegung, ausreichend Schlaf, täglicher Körperpflege und typgerechter Kleidung kannst du schon viel zum eigenen guten Aussehen beitragen. Und wenn du nicht weißt, was dir steht: Frag doch einfach eine/n Freund/in, der/die Geschmack hat. Oder gönn dir eine Typ- oder Schminkberatung.
Vor allem aber darfst du bleibende Schönheit kultivieren: Als Petrus die Frauen in der noch jungen christlichen Gemeinschaft für ihren übermäßigen Modeeifer kritisierte (1. Petrus 3,3f), tat er dies nicht, weil sie schön waren oder sein wollten; sondern deshalb, weil sie vor lauter Sorge um ihr Äußeres vergaßen, sich um jene Schönheit zu kümmern, die im tiefsten Sinne des Wortes „attraktiv“ macht: die Sanftheit eines Charakters, der von Jesus selbst erfüllt ist.
3. Nimm’s mit Humor. Hast du schon mal über deine vermeintlichen Mängel gelacht? Ich erinnere mich gut daran, wie ich als 19-Jährige eines Samstagabends im Bad vor dem Spiegel stand und mich für das anstehende Rendezvous mit meinem damaligen Schwarm XY aufbrezelte. Plötzlich gesellte sich mein jüngster Bruder zu mir und so lässig wie nur 14-jährige ultra-lässige Brüder es können, stellte er sich in den Türrahmen, schaute meinem Treiben ungefähr eine Minute schweigend zu und fragte dann ganz trocken: „Glaubst du ernsthaft, das hilft?“ Wir brachen beide lauthals in Gelächter aus – wie wunderbar befreiend!
Wir haben die Wahl: Entweder wir lassen es zu, dass unsere echten oder auch nur eingebildeten Defizite unserem Selbstbild Schaden zufügen; oder wir lernen, uns aus der Umklammerung des Schönheitsideals zu lösen und unsere kleineren und größeren Makel mit Humor zu nehmen. (PS. Lachen macht übrigens auch schön!)
Die Fahne des Lebens ergreifen
Ich finde, es ist an der Zeit, dass Jesus-Nachfolgerinnen und -folger verzerrte Schönheitsideale mit selbstbewusster Gelassenheit kommentieren. Und dabei als von Gott (auch zur Körperlichkeit) befreite Menschen so anziehend leben, dass man ihnen Gehör schenkt. Wäre es nicht schön, Menschen den Blick für ihre Einmaligkeit zu öffnen, in der auch Alter, Krankheit und Tod ihren Platz haben dürfen? Und daran zu erinnern, dass wir unsere Identität nicht im ewig-schönen Äußeren finden, sondern allein in der ewig-schönen Beziehung zu unserem Schöpfer? In der Tat wäre es mehr als traurig, wenn am Ende der Theologe Karl Heim Recht behielte, als er sagte: „Wir sind schlechte Haushalter gewesen im Blick auf die Gottgabe der Leiblichkeit. Wir haben der Kreatur in ihrer Lebendigkeit nicht aufgeholfen. Nun haben andere die Fahne des Lebens ergriffen, die die Kirche Christi hat sinken lassen.“
SABINE MÜLLER ist Gründerin von MINDO.