Advent, Advent, ein Lichtlein brennt. Weihnachtsbaum und Osterfeuer. Geburtstage. Einschulung. Hochzeit. Taufe. Tagebuch. Zähneputzen. Der erste Kaffee am Morgen. Sonntagsspaziergang. Einschlafgeschichten und Abendgebete. Karin Dölla-Höhfeld über die Kraft, die in Ritualen wohnt.

 

 

Rituale begleiten uns unser ganzes Leben. Vor allem jetzt zum Jahresende, in der Advents- und Weihnachtszeit, haben sie Hochkonjunktur – selbst bei Menschen, die sonst eher wenig mit ritualisierten Handlungen oder Traditionen anfangen können. Dabei sind nicht nur die großen und jahreszeitlich verankerten, sondern vor allem die kleinen Alltagsrituale für uns wertvoll. Rituale lassen uns zur Ruhe kommen, ordnen und trösten uns. Sie geben uns Kraft für den Alltag und unserem Leben Struktur. Doch wie können wir ihnen in unserem oft so hektischen Tagesablauf den nötigen Raum schenken? Nachfolgend ein paar Impulse für die Praxis:

 

1. Rituale fördern Bindung und sozialen Zusammenhalt

Rituale verbinden. „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist“, heißt es schon zum Beginn der Menschheitsgeschichte und macht uns klar, dass wir auf ein Leben in Gemeinschaft angelegt sind (siehe 1. Mose 2,18). Säuglinge können ohne den engen Kontakt zur Mutter nicht existieren und brauchen die einfühlsame Bindung zu ihr, damit sie sich gesund entwickeln. Und nicht von ungefähr zählt Einsamkeit zum größten Stressfaktor, den Menschen erleben können. Der so erfahrene Schmerz bildet sich in denselben Gehirnregionen ab, die auch bei körperlichem Schmerz aktiv sind.

Rituale als gemeinsame definierte Handlungen können das Gefühl der Zusammengehörigkeit stärken. Wenn Menschen sich finden, um in Gemeinschaft etwas Schönes zu erleben, dann können sie zusammenwachsen. Gemeinsames Feiern verbindet – vorausgesetzt, der Fokus liegt auf dem gemeinsamen Erleben und nicht auf einem möglichst perfekten Ablauf.

PRAXIS-TIPP: Freude aneinander haben statt Leistung bringen

Versuchen Sie doch dieses Jahr mal etwas Neues: Geben Sie der anstrengenden Tante oder den lauten Teenys einfach mal absichtlich Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit! Zeigen Sie echtes Interesse an ihnen. Freuen Sie sich am Zusammensein.

2. Rituale ermöglichen Erinnern und Vorfreude

Unsere Welt besteht aus Rhythmen, aus immer gleichen Wechseln, einem Hin- und Her-Schwingen: Tag und Nacht, die vier Jahreszeiten, Wochen und Monate. Unser Körper hat einen Bio-Rhythmus, der ihn in etwa 24-stündigen Zyklen verlässlich durch unterschiedliche biologische Zustände führt – wir sind unterschiedlich wach und leistungsfähig.

Wir können in unser Leben beglückende Rituale oder gute Gewohnheiten in bestimmten gleichen Abständen einbauen – ob einen heißen Becher Kakao am Morgen oder das Treffen mit der ältesten Freundin zum Jahreswechsel. Das hat den Vorteil, dass wir uns gut daran erinnern können, wie wohltuend der süße Tagesstart ist, wie schön das gemeinsame Feiern bisher gewesen ist. Und wir können uns schon vorher darauf freuen. Ein echter Glücksfaktor!

PRAXIS-TIPP: Installieren von individuellen Ritualen

Welche neuen positiven Gewohnheiten wollen Sie in Ihr Leben einbauen – am Tag, in der Woche, im Jahr? Woran möchten Sie sich gern erinnern, worauf sich regelmäßig freuen können? Schreiben Sie jetzt Ihre Ideen auf.

3. Rituale vereinfachen unsere komplexe Welt

Das Leben in unserer globalisierten Welt ist so komplex wie noch nie: Alles beeinflusst alles, selbst kleine Veränderungen an einer Stelle verändern mehr als gedacht. Doch Tempo und Fülle überfordern nicht wenige. Unternehmen und Politik sehnen sich nach dem Einfachen, viele Menschen wollen nicht mehr mit so vielem überfrachtet sein.

 Foto: Paola Chaaya | unsplash.com

Foto: Paola Chaaya | unsplash.com

 

Auch hier können Rituale helfen, denn sie reduzieren Komplexität, indem sie ordnen, Struktur geben und einfache Abläufe bieten. In Dänemark ist es zum Beispiel üblich, dass sich Teams in Unternehmen jeden Nachmittag zu Kaffee und Zimtkuchen treffen – ein Ritual, dass potenziell schwierige Situationen zwischen den Teammitgliedern entschärft, Kommunikation erleichtert und das Treffen von Entscheidungen vereinfacht.

PRAXIS-TIPP: Treffen mit anderen ritualisieren

Reden hilft. Vertrauensvolle Beziehungen helfen. Regelmäßige Kontakte helfen. Überlegen Sie, welche Menschen Sie gewohnheitsmäßig treffen wollen – auf Ihrer Arbeit oder privat. Vielleicht richten Sie auch eine tägliche gemeinsame Pause ein? Oder gehen einmal im Monat mit einer Person oder einer Gruppe essen?

4. Rituale fördern Achtsamkeit

Bewusste Gewohnheiten können helfen, fokussierter und aufmerksamer zu sein für das, was gerade ist. Wenn ich morgens in Ruhe meine Tasse Kaffee oder Tee trinke, kann alles andere erst mal warten. Ich kann achtsam ganz bei dem heißen Getränk sein – einfach nur wahrnehmend, wie es sich anfühlt und schmeckt. Ohne zu denken. Ohne zu bewerten. Einfach nur sein.

 

Rituale helfen uns, aufmerksam die Welt zu betrachten und zu begreifen. Sich auf das zu konzentrieren, was in dem Moment gerade ist – regelmäßig, als gute Gewohnheit – macht wacher und kann gleichsam inneren Stress reduzieren.

PRAXIS-TIPP: Achtsames Erleben regelmäßig einbauen

Überlegen Sie, wann Sie im Alltag mehrmals kurz innehalten können, um achtsam wahrzunehmen, was ist: wie Ihr Körper sich anfühlt, was Sie riechen und schmecken können, welche Geräusche Sie hören. Nehmen Sie sich dafür bewusst jeweils ein paar Minuten Zeit.

5. Rituale vermitteln Geborgenheit

Gute Gewohnheiten geben Orientierung. Sie können verhindern, dass wir uns in gefühlt unendlichen Möglichkeiten verlieren, können Unsicherheit und Angst reduzieren und Halt geben.

 

Wir haben ein Hund, einen kleinen Terrier, und der ist – untypisch für die Rasse – so ruhig, dass viele sich wundern. Aber das war nicht immer so. Als wir ihn als Welpen bekamen, war er ein absoluter ADHS-Hund: Nonstop in Aktion, überwachsam und niemals müde, reagierte er auf alles, was in seiner Umgebung los war. Die ersten beiden Jahre war es überaus stressig, mit ihm zusammen zu sein. Feste Rituale haben – neben Reizreduktion und vielem liebevollen Streicheln – immens geholfen, ihn zur Ruhe zu bringen. Unser Hund liebt es, wenn alles seinen geregelten Ablauf hat: das Begrüßungsritual am Morgen, das eine bestimmte Spielzeug nach dem Frühstück, seine gewohnten Leckerchen, der nachmittägliche Spaziergang, die ausgedehnte Spielstunde am Abend. Am Anfang hat es ihn beunruhigt, wenn etwas anders lief als sonst. Der gewohnte Ablauf gibt ihm Sicherheit, er fühlt sich geborgen und drückt das auch in seinem Verhalten aus.

 

Bei Menschen ist das ganz ähnlich: Kinder lieben Rituale wie abendliches Vorlesen oder Miteinander-Beten, und auch als Erwachsene fühlen wir uns in guten Gewohnheiten zuhause.

PRAXIS-TIPP: Das Zuhause-Gefühl fördern 

Wann fühlen Sie sich in Ihrem Körper so richtig wohl und zuhause? Was lässt Ihren inneren Stresspegel sinken und das Gefühl von Ruhe und Frieden zunehmen? Welche geistliche Übung fördert Ihr Erleben, bei Gott sicher und geborgen zu sein? Wie gelingt Ihnen das allein, wie in Gemeinschaft?

Alltagsrituale bieten uns eine wunderbare Möglichkeit, unserem Leben und auch unserem Glauben Gestalt und Struktur zu geben und mit achtsamen Momenten anzureichern, die uns das Leben dankbar in seiner Fülle wahrnehmen lassen. Machen Sie also dieses Jahr doch einfach einmal die alten Rituale der Weihnachtszeit zu einer ganz neuen Erfahrung für sich! Sie werden staunen.

Karin Dölla-Höhfeld

ist Diplom-Biologin und Expertin für ein gutes Leben. Auf ihrem malerischen Winzerhof in Rheinhessen berät und begleitet sie Unternehmer, Selbstständige, Gestalter und Veränderer.

 

www.doella-hoehfeld.de

 

www.hoehfelds-hof.de

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Von uns an dieser Stelle schon mal ein herzliches „Dankeschön“!

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