„Demenz“ – was ist das überhaupt? Zunächst eine leicht verständliche Definition: Demenz wird durch eine Erkrankung im Gehirn hervorgerufen. Medizinisch handelt es sich um ein Syndrom, also um ein Krankheitsbild, ein Leiden mit bestimmten Erscheinungsformen. Es sind verschiedene Arten von Demenz bekannt. Die mit Abstand häufigste ist die Alzheimer-Krankheit. Auch eine fortgeschrittene Parkinson-Erkrankung kann mit Demenz einhergehen.

 

Symptome von Demenz

Wie zeigt sich der Beginn? Vor allem darin, dass eine reibungslose Bewältigung vieler alltäglicher Tätigkeiten, wie sie etwa in der Haushaltsführung anfallen, immer weniger gelingen will. Wenn ich an meine Frau denke: Jahrelang hat sie für uns die Steuerangelegenheiten geklärt und erledigt. Irgendwann meldete sich Abwehr – sie wollte nicht mehr und konnte es schließlich auch nicht mehr. Ich musste es akzeptieren und selbst dieses für mich unangenehme Geschäft übernehmen.

Ein weiteres Symptom: Das flüssige Sprechen wird schwieriger, Wörter fallen dem Betroffenen nicht mehr ein. Das Verstehen komplexer Sachverhalte und Situationen lässt mehr und mehr nach, ebenso die Fähigkeit zu Problemlösung, Entscheidungsfindung oder „Multitasking“. Ebenso sind in der Persönlichkeit Veränderungen zu beobachten. Meine Schwester und auch Freunde bemerkten bei Charlotte, dass intensive Gespräche und persönliche Kontakte als anstrengend empfunden wurden.

Jahrelang hat meine Frau die Steuerangelegenheiten für uns geklärt und erledigt. Irgendwann meldete sich Abwehr – ich musste es akzeptieren und selbst dieses für mich unangenehme Geschäft übernehmen.

Hinzu kommt die zunehmende Vergesslichkeit: Dinge werden verlegt oder gehen verloren, was natürlich bei Wertsachen, Dokumenten, Schlüsseln besonders unangenehm und auch kostspielig ist. Mit der Vergesslichkeit wiederum hängt die Desorientierung zusammen. Der Erkrankte verläuft sich, weiß nicht mehr, wo er ist, findet nicht mehr nach Hause zurück. Als ich meine Frau eines Tages im Pflegeheim besuchte, fand ich sie nicht in ihrem Zimmer. Eine ältere Dame winkte mich an ihren Stuhl und flüsterte mir ins Ohr: „Ihre Frau liegt in meinem Zimmer. Da steht das Bett am Fenster – wie im Zimmer Ihrer Frau. Sie hatte ihre Zimmernummer vergessen und landete bei mir, weil ich den Raum nicht abgeschlossen hatte.“

 

Die Gefühlswelt ist ebenfalls betroffen. Erkrankte können unter Angst und Depressionen leiden, vor allem, wenn sie überfordert werden. Es können ein gestörtes Essverhalten, eine Vernachlässigung der Körperpflege, die Umkehrung des Tag-Nacht-Rhythmus, Unruhe und Aggressivität auftreten.

 

Demenz kann unseren Lebensstil spiegeln

Ein Gesichtspunkt, der in vielen Untersuchungen kaum berücksichtigt wird: Wie steht es um den Zusammenhang von Demenz und Lebensstil? Zum Lebensstil und seiner Fundierung gehören: der Inhalt meiner Grundüberzeugungen, meine Weltanschauung, mein persönlicher Glaube, meine Denk-, Lebens- und Arbeitsgewohnheiten. Er spiegelt die Kernpunkte meiner Persönlichkeit wider: In ihm wird sichtbar, wie ich umgehe mit Ehrgeiz, Konkurrenzstreben, Anerkennungsstreben, Erwartungsdruck, Perfektionismus, Idealismus, Minderwertigkeitsgefühlen, materiellen Wünschen, dem Gefühl des Zu-kurz-gekommen-Seins, hohen Selbstansprüchen und dem Mich-mit-anderen-Vergleichen. Und er beeinflusst die Ausprägung der Demenz: Die Forschung hat überzeugend belegt, dass der Erkrankte seinen Lebensstil auch in der Demenz fortsetzt. Seine inneren Bedürfnisse, die seinen Charakter geprägt haben, werden in den Symptomen der Demenz deutlich. So wird jemand, der schon immer ein introvertierter, nach innen gekehrter Mensch gewesen ist, eventuell noch stiller werden.

 

Was sollten Partner und Angehörige bedenken? 

Die Veränderungen in Persönlichkeit und Verhalten der erkrankten Person können in nahestehenden Menschen Widerstand, Ablehnung und Entfremdungsgefühle hervorrufen. Die Kommunikation mit Menschen, die eine beginnende bis mittelschwere Demenz aufweisen, ist nicht einfach. Darum an dieser Stelle ein paar Handreichungen dazu, was Angehörige vermeiden und was sie bedenken sollten:

 

→ Behandeln Sie den Betroffenen nicht von oben herab – auch nicht bevormundend wie ein Kind, das vieles nicht versteht.

→ Seien Sie vorsichtig mit Vorwürfen. Die demente Person deutet sie womöglich falsch, denn ihre „Logik“ hat sich verändert.

→ Reagieren Sie einfühlsam.

→ Zeigen Sie deutlich Ihre Liebe – das gilt besonders für Ehepaare. Liebe stärkt die Beziehung, schenkt Geborgenheit, verringert den Abstand zum Betroffenen.

→ Seien Sie bei Gesprächen und bei der Weitergabe von Informationen langsam. Der Demente hat jegliche Schnelligkeit eingebüßt. Alles ist verzögert, nicht nur das Sprechen, auch das Denken, die Einordnung von Begriffen.

→ Schauen Sie den Erkrankten an und seien Sie dicht bei ihm. Wer anderweitig mit seinen Augen beschäftigt ist, bekräftigt seinen inneren Abstand und vergrößert die Distanz.

→ Bringen Sie kleine Geschenke mit, besonders wenn der demente Mensch nicht mehr zu Hause lebt, sondern in einem Heim oder einer anderen entsprechenden Einrichtung. Geschenke erfreuen und schaffen eine liebevolle Stimmung.

→ Singen Sie mit dem Betroffenen vertraute tröstliche Lieder. Der gemeinsame Gesang verbindet.

→ Wenn Sie glaubende Menschen sind: Lesen Sie gemeinsam eine Andacht. Es gilt: Je fortgeschrittener die Krankheit, desto kürzer die Texte.

→ Nehmen Sie beim Gebet den Partner oder die Partnerin fest in die Arme. Die Innigkeit tröstet und die gegenseitigen Gefühle bleiben positiv.

→ Berührungen sind generell sehr wichtig. Immer wenn ich Charlotte besucht habe, haben wir uns geküsst, ich habe sie gestreichelt, ihre Hände gehalten. Berührungen festigen die Liebesgefühle, wirken dem Zweifel und der Unruhe entgegen und stärken das Vertrauensverhältnis.

Demenz: Auf dem Weg zur globalen Epidemie?

Das aus dem Lateinischen abgeleitete Wort „Demenz“ meint wörtlich einen Zustand, bei dem man „ohne Verstand“ bzw. „ohne Geist“ ist. Aktuell gibt es in Deutschland nahezu zwei Millionen Demenzkranke mit unterschiedlichem Schweregrad. Es wird mit 300.000 Neuerkrankten jährlich gerechnet.

Global betrachtet kann man geradezu von einer Epidemie sprechen. Weltweit soll es über 50 Millionen Betroffene geben und jährlich zehn Millionen Neuerkrankungen.

Bis zum Jahre 2050, sollte bis dahin keine durchgreifende Therapie gefunden sein, würde die Zahl der Kranken auf 150 Millionen steigen. Natürlich trägt auch die immer weiter steigende Lebenserwartung zum Anstieg bei. So ist die Mehrheit der Betroffenen älter als 80 Jahre, ungefähr 70 Prozent sind Frauen.

Wo steht die Demenz-Forschung heute?

Die Computertomografie ermöglicht es inzwischen, im menschlichen Gehirn Umbauprozesse nachzuweisen. Man hat festgestellt, dass neue Verknüpfungen von Nervenzellen möglich sind, ja dass es sogar zur Neubildung von Nervenzellen kommen kann, wenn Menschen sich körperlich und geistig aktiv beschäftigen. Bekannt wurde die sogenannte „Nonnenstudie“, eine Langzeitstudie in den Vereinigten Staaten mit mehreren Hundert Ordensschwestern, die im Kloster ein gesundes und geregeltes Leben führten, das aktiv, manuell und geistig anspruchsvoll, kreativ und sinnhaft gestaltet war. Überraschend war, dass bei der Untersuchung der Gehirne von einigen Nonnen, die bis ans Lebensende geistig aktiv waren, die typischen Anzeichen der Alzheimer-Krankheit festgestellt wurden – ohne dass die Krankheitssymptome sich zu Lebzeiten zeigten! Offensichtlich hat eine positive Art der Lebensführung einen erheblichen Einfluss darauf, ob eine Demenz auftritt.

 

Salutogenese – ein Bewusstseinswandel

Das Forschungsgebiet der Salutogenese beschäftigt sich mit der Entstehung von Gesundheit (lat. salus = Gesundheit). Die Frage lautet: Woran liegt es, dass bestimmte Personen seltener krank werden und schneller wieder gesunden? Fachleute haben übereinstimmend einen klar umrissenen Personenkreis ausgemacht. Es sind Menschen, die

– ohne innere Widersprüche leben;

– an sich glauben und überzeugt sind, dass alles wieder gut wird;

– einigermaßen im seelischen Gleichgewicht leben;

– ihr Leben mit Zuversicht und Vertrauen gestalten;

– nicht ängstlich in die Zukunft schauen;

– einen Sinn im Leben entdeckt haben.

 

Diese Einstellungen und diese innere Haltung, davon gehen die Wissenschaftler aus, setzen besondere Botenstoffe frei, die die Ausschüttung von Wachstumshormonen auslösen und die Nervenzellen anregen, neue Verbindungsstellen zu bilden, sich neu zu verknüpfen und auf diese Weise das Gehirn besser arbeiten zu lassen. Menschen dagegen, die ihre Probleme als unlösbar ansehen, die freudlos und unglücklich leben, die ihr Leben als sinnlos empfinden, sind in der Regel von dieser „Neuverschaltung“ im Gehirn ausgeschlossen.

 

Vorbeugende Maßnahmen

Die Demenz macht am Anfang kaum Probleme. Der Betroffene hat keine Schmerzen. Kleine Fehler und kleine Schwachheiten werden nicht als bedrohlich oder als warnende Vorzeichen wahrgenommen, vielleicht auch ignoriert oder verdrängt. Wichtig für die Verhinderung der Demenz ist es, die Risikofaktoren zu kennen, um bereits im Vorfeld vorbeugend tätig werden zu können:

– Diabetes,

– Bluthochdruck,

– Übergewicht und Fettstoffwechselstörungen,

– Herzkrankheiten und Durchblutungsstörungen.

 

Daher ist es hilfreich, einmal im Jahr einen gründlichen Gesundheitscheck vornehmen zu lassen. Eine gesunde Ernährung ist ein wesentlicher Baustein für ein Anti-Demenz-Programm. Obst und Gemüse, vor allem mehr Fisch als Fleisch oder gar Umstellung auf vegetarische Ernährung. Zu nennen ist hier die sogenannte „mediterrane Kost“. Auch der Schlaf spielt eine große Rolle. Wir alle wissen, dass ein gesunder Schlaf unsere Ausgeglichenheit und unsere Konzentrationsfähigkeit garantieren. Schlafmittel können nur kurzfristig helfen.

Das Hauptproblem bei der Demenz-Prophylaxe ist aber das Thema „Bewegung“. Fachleute gehen davon aus, dass ein generelles Bewegungstraining die Nervenzellen vor dem Abbau schützt und das Gehirn besser arbeiten lässt.

Das Hauptproblem bei der Demenz-Prophylaxe ist aber das Thema „Bewegung“. Ich kann nur gestehen, dass meine Frau und ich uns an diesem Punkt versündigt haben. Wir haben uns immer wieder vorgenommen, uns mehr zu bewegen, öfter spazieren zu gehen, und haben es unterlassen. Fachleute gehen davon aus, dass ein generelles Bewegungstraining die Nervenzellen vor dem Abbau schützt und das Gehirn besser arbeiten lässt. Die Herzleistung wird verbessert, die Durchblutung wird gefördert, die Gelenke bleiben beweglich, die Sturzgefahr wird verringert. Dabei geht es hier natürlich überhaupt nicht um Leistungssport. Schon ein regelmäßiges Laufen, Radfahren, Schwimmen, Tanzen und die alltäglichen Bewegungsmöglichkeiten wie etwa das Treppensteigen genügen. Also: Meiden Sie den Aufzug!

Ganz allgemein gilt: Bewegung entspannt. Der Kopf wird frei für neue Pläne und Vorhaben. Hobbys, die wir pflegen, halten gesund, fördern die Zufriedenheit und die Ausgeglichenheit. Denn Lebensfreude stärkt den Menschen – vom Scheitel bis zur Sohle.

 

 

→ Weiterlesen: Lesen Sie hier die Buchbesprechung zu „Charlotte geht“.

Reinhold Ruthe

ist evangelischer Theologe, Berater und Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche. Der 91-Jährige gilt als wesentlicher Impulsgeber der Seelsorgebewegung in Deutschland und hat sich als Autor von mehr als 90 Ratgeberbüchern mit psychologischem Schwerpunkt einen Namen gemacht hat.

 

Der vorliegende Artikel ist ein gekürzter und bearbeiteter Auszug aus seinem neuesten Buch „Charlotte geht – Das hohe Alter, die Demenz und der Abschied von meiner Frau“, das im Februar im Kawohl Verlag (Wesel) erscheint.

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