„Zuhören, Anteil nehmen, trösten und ermutigen – das kann jeder“, sagt Karin Ackermann-Stoletzky und macht Mut zu mehr „Seelsorge am Küchentisch“. Was man mitbringen muss, um anderen Menschen zur Seite zu stehen, was man vermeiden sollte und warum es gar nicht auf kluge Antworten ankommt, erläutert die Supervisorin im Interview mit MINDO.

 

 

 

MINDO: Frau Ackermann-Stoletzky, eines Ihrer Bücher trägt den Titel „Seelsorge am Küchentisch“. Die Küche scheint ein guter Ort für schwierige Gespräche zu sein …

 

KARIN ACKERMANN-STOLETZKY: Ja, denn Küchen sind ein privater Raum, da nimmt man nicht jeden mit rein. Und darum bieten sie in der Regel einen guten Rahmen, wenn es um persönliche Gespräche geht.

 

 

Was muss jemand eigentlich mitbringen, um ein guter Seelsorger, Ermutiger und auch Tröster zu sein?

 

ACKERMANN-STOLETZKY: Ein guter Seelsorger ist zunächst einmal einfach jemand, der bereit ist, da zu sein und zuzuhören, und der ein echtes Interesse an seinem Gegenüber hat. Jemand, der nicht vorhat, dem anderen zu erklären, wie die Welt funktioniert, sondern der erst einmal verstehen will, wie der andere denkt und was er fühlt.

 

 

Und eine gute Antwort zu haben ist zweitrangig?

 

ACKERMANN-STOLETZKY: Das kann sogar eher hinderlich sein. Denn solche Antworten sind ja immer meine Antworten, die ich dem anderen überstülpe. Gute Antworten ergeben sich jedoch aus der Begegnung und die besten sind immer die, die der Fragende selber findet. Zudem sorgt es für eine große Sperre im Kopf, wenn man immerzu denkt: „Oh, ich muss jetzt unbedingt etwas Kluges sagen!“ Nein, muss ich nicht.

 

 

Wie klingt ein guter Trost?

 

ACKERMANN-STOLETZKY: Trost findet die Kraft und den Mut, den anderen in seinem Leid auszuhalten. Am besten trösten wir, wenn wir wissen, dass wir uns hilflos fühlen und der andere auch und dass das in Ordnung ist. Denn es ist ja sehr immer sehr individuell, was jemand in einer bestimmten Situation braucht und was ich geben kann. Mancher Trost besteht schlicht aus einer Umarmung oder einem Händedruck. Aus dem Dableiben und Aushalten, wenn es jemandem nicht gut geht. Oder aus einer Tasse Tee für eine kalte Hand. Das alles kann Trost bedeuten.

 

Es sorgt für große Sperre im Kopf, wenn man immerzu denkt: „Oh, ich muss jetzt unbedingt etwas Kluges sagen!“ Nein, muss ich nicht.

Mein Mann ist zum Beispiel jemand, für den es tröstlich ist, wenn er mit jemandem reden kann, wenn es ihm schlecht geht. Ich hingegen bin eher introvertiert und wenn es mir nicht gut geht, muss ich mich verziehen dürfen. Trotzdem tut es mit gut, wenn jemand mir signalisiert, dass er mich gesehen hat und er für mich da ist, falls ich ihn brauche. Das ist es, was guten Trost ausmacht: Er ist sensibel dafür, was der andere wünscht.

 

 

Was sollte man unbedingt vermeiden, wenn man Menschen tröstend begleiten will?

 

ACKERMANN-STOLETZKY: Was man auf keinen Fall tun sollte, ist bewerten. Heißt, man sollte dem anderen nicht erklären, was nun sein Anteil an einer Situation ist. Das kann hilfreich sein, aber erst dann, wenn der andere es auch wissen will. Auch meine Bedürfnisse auf den anderen zu übertragen ist ein Fehler, der oft gemacht wird. Dabei gebe ich dem anderen, was ich mir wünschen würde, wenn ich in seiner Situation wäre, statt zu fragen, was er braucht – und das ist fast immer falsch. Vor allem aber sollte man Floskeln vermeiden, auch fromme Floskeln wie Bibelsprüche und ähnliches.

 

 

Aber was in der Bibel steht ist doch immer hilfreich, oder nicht?

 

ACKERMANN-STOLETZKY: Nicht immer. Die Frage ist vor allem, aus welcher Motivation heraus ich etwas sage. Floskeln gebrauchen wir gern, damit wir uns nicht so hilflos fühlen oder weil wir denken, wir müssten jetzt etwas Richtiges sagen. Und dann nimmt man halt einen Vers aus der Bibel, weil der ist ja immer richtig, nicht wahr? Dabei hat der Gebrauch frommer Floskeln oft vor allem mit meinem ganz persönlichen Balken zu tun, den ich im Auge habe. Der bestimmt nämlich, was ich in einer bestimmten Situation für richtig oder falsch halte. Und so nehme ich meinen Balken und schlage ihm den anderen mithilfe eines Bibelverses ins Gesicht. Das sollte man wirklich unterlassen, denn es ist nicht nur verletzend, sondern auch sinnlos.

 

 

In der Seelsorge sorgen wir uns ja im Wortsinn um die Seele. Was genau beinhaltet das und was unterscheidet es von einer professionellen Therapie?

 

ACKERMANN-STOLETZKY: Therapie heißt: Irgendwo sitzt ein Profi und wenn ich ein gesundheitliches Problem habe, muss ich ihn aktiv aufsuchen, sprich: Ich stelle einen Antrag bei der Krankenkasse und wenn ich Glück habe, habe ich nach drei Monaten einen Termin.

Seelsorge hingegen ergibt sich im Alltag, dort, wo ich mitbekomme: Da geht es jemandem nicht gut. Und als Christen wissen wir, dass uns das etwas angeht, denn „wenn ein Glied leidet, dann leiden alle anderen mit“ (1. Korinther 12,26). Also schauen wir, wie wir helfen können. Wir drängen uns nicht auf, aber wir bieten unsere Hilfe an.

Seelsorge ist ja nicht nur Reden, sondern nimmt den anderen ganz in den Blick.

Was wir uns immer vor Augen halten sollten: Seelsorge ist ja nicht nur Reden, sondern sie fokussiert den ganzen Menschen. Das hebräische Wort für Seele ist „nefesh“, was so viel wie „Kehle“ oder auch „Lebendigkeit“ heißt. Seelsorge nimmt also den anderen als Ganzes in den Blick. Im Neuen Testament finden wir die Aufforderung zu dieser Art Seelsorge ständig. Da heißt zum Beispiel immer wieder, dass wir aufeinander achten sollen, dass wir uns gegenseitig wahrnehmen sollen und auch, dass wir bei all dem unseren Blick auf Jesus halten sollen. Denn weil Gott in mir lebt und auch in dem anderen, darum schwingt auch geistlich in der Seelsorge etwas zusammen.

 

 

Wie ist das: Ist die Fähigkeit, andere zu sehen, eine Gabe, die manche haben und andere nicht, oder kann das jeder kultivieren?

 

ACKERMANN-STOLETZKY: Seelsorge ist zum Teil sicher auch eine Gabe. Es gibt Menschen, denen fällt es einfach leicht, zu sehen, wie es anderen geht. Aber es ist auch eine Aufgabe, die sich uns allen stellt: Dass ich einen Blick für andere bekomme und nicht nur mich sehe. Und auch wenn uns das vom Typ her nicht so leicht fällt, stehen wir als Christen dennoch vor der Herausforderung, uns zu fragen: „Was kann ich tun, dass ich ein offeneres Auge bekomme?“ Wichtig ist, dass ich das zum Gegenstand meines Gesprächs mit Gott mache. Ihm kann ich sagen: „Herr, du wünschst dir, dass wir aufeinander achten, weil wir durch dich eins sind. Ich habe das im Moment aber noch nicht so drauf. Hilf mir, darin besser zu werden!“

 

 

Was raten Sie jemandem, der glaubt, seelsorgerlich begabt zu sein? Braucht der gleich eine Ausbildung?

 

ACKERMANN-STOLETZKY: Ich glaube, dass es für die ganz normale Lebensbegleitung – also keine therapeutische Begleitung – völlig reicht, wenn ich offen und sensibel für andere bin. Hilfreich ist, wenn man selber regelmäßig in die Seelsorge geht. Sprich, dass ich mir angewöhne, mit Dingen, die mich belasten, oder mit Fragen, die ich habe, jemanden aufzusuchen, mit dem ich darüber reden kann. Dabei lerne ich schon ganz schön viel. Und wenn ich dann merke, dass ich gern noch viel mehr wissen würde, dann kann ich eine Aus- oder Weiterbildung in dem Bereich machen. Denn natürlich ist es hilfreich, wenn man etwas mehr an Hintergrundwissen hat, um zu bemerken, dass jemand vielleicht nicht nur ein kleines Problem hat, das man mit zwei Gesprächen lösen kann, sondern an einer behandlungsdürftigen Depression oder Angststörung leidet.

Nicht jeder, der in der für andere da sein will, muss ein profundes Verständnis von Krankheitsbildern haben.

Dennoch denke ich nicht, dass jeder, der in der für andere da sein will, ein profundes Verständnis von Krankheitsbildern haben muss. Was ein Seelsorger jedoch haben sollte, ist Selbstwahrnehmung. Man muss merken, wenn man sich bei Gesprächen ständig im Kreis dreht oder wenn man sich an jemandem regelrecht „abarbeitet“. Grob würde ich sagen, wenn ich mit jemandem fünfmal dasselbe Feld beackert habe und wir sind nicht vorwärts gekommen, dann gehört dieser Mensch in andere Hände. Dann muss man den Mut haben, zu sagen: „Ich denke, du brauchst eine andere Unterstützung als mich.“ Hier wünschte ich mir ganz prinzipiell, dass Menschen in unseren Gemeinden stärker vermittelt würde, dass es kein Problem ist, sich professionelle Hilfe bei Ärzten und Therapeuten zu holen.

 

 

Wenn man einen Blick in die Bibel wirft, begegnet einem das Wort „Trost“ immer wieder. Wenn Anteilnahme ein so großes Thema für die biblischen Autoren war – wie sieht es diesbezüglich in der christlichen Gemeinde aus?

 

ACKERMANN-STOLETZKY: Ich habe natürlich nicht den Gesamtüberblick, aber mich beschleicht doch öfters der Eindruck, dass wir sehr viele Schönwetter-Gemeinden haben. Hier tauscht man sich über die guten Erfahrungen mit Gott aus und macht schönen Lobpreis und das finde ich toll, keine Frage. Was ich jedoch selten erlebe ist, dass mal jemand Zeugnis gibt, der nicht von seinen Siegen spricht, sondern der sagt: „Damit kämpfe ich schon ewig und ich bin schon wieder gescheitert!“ Das würde ich mir verstärkt wünschen. Leider stehen vorne immer nur die Starken – oder kennen Sie eine Gemeinde, die einen Hartz IV-Empfänger oder psychisch Erkrankten in der Gemeindeleitung hat? Aber genau das hat mit Seelsorge zu tun: Jemandem Platz und Gehör zu schenken, der nicht den Nimbus hat, der Erfolgreiche zu sein. Ich wünsche mir, dass wir bereit werden, von solchen Menschen zu lernen. Nicht nur, sie zu bemuttern – auch wenn das schon mal ein Anfang wäre! –, sondern sie zu fragen: „Was hast du uns eigentlich zu sagen?“

 

 

Glauben Sie, die Arztpraxen wären leerer und die Kirchen voller, wenn gerade Christen den Auftrag des Tröstens wieder ernster nehmen würden?

 

ACKERMANN-STOLETZKY: Da bin ich fast sicher. Aber das würde dazu führen, dass jede Menge Menschen in die Gemeinde kämen, die viele Mittelstandschristen da gar nicht haben wollen. Zum Glück gibt es mittlerweile immer mehr Gemeinden, die wieder einen verstärkt diakonischen Auftrag verfolgen. Aber dieser Ansatz ist noch längst nicht so weit entwickelt, wie ich glaube, dass es uns guttun würde.

 

 

Und wie können wir diese vernachlässigte Kunst in unseren Gemeinden wieder reaktivieren?

 

ACKERMANN-STOLETZKY: Man muss bei der Gemeinde selber anfangen. Ich finde es wichtig, dass Pastoren und Gemeindeleiter ehrlich werden. Darüber hinaus könnte man zum Beispiel mal an einem Wochenende einen Einführungskurs in die Seelsorge  anbieten, an dem die ganze Gemeinde teilnimmt. Oder auch ganz praktisch: Einmal im Monat gibt es statt eines Gottesdienstes ein Frühstück und da liegen dann Fragen auf dem Tisch. Dieses Ehrlich-voreinander-Werden braucht Übung, aber es kann gelingen.

 

 

Und zum Schluss: Was motiviert Sie immer neu, sich in der Seelsorge zu engagieren?

 

ACKERMANN-STOLETZKY: Meine große Motivation war und ist, dass ich das große Glück hatte, dass Menschen in entscheidenden Momenten für mich da waren, besonders in der Zeit, als ich eine Jugendliche war. Ich wäre heute die schlechteste Sekretärin Ostfrieslands, wenn es nicht Menschen gegeben hätte, die mir geholfen hätten, meine Möglichkeiten zu erkennen. „Lasst uns aufeinander achthaben und anspornen zur Liebe und zu guten Werken“, heißt es im Brief an die Hebräer. So jemand möchte auch ich für andere sein.

 

 

Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

Die Fragen stellte Sabine Müller.

Karin Ackermann-Stoletzky

arbeitet als selbstständige Supervisorin und Coach und bietet Aus- und Weiterbildung zum Personal Coach und zum Demenzseelsorger an. Mit ihrem Mann, dem Journalisten Cyrill Stoletzky, lebt sie in Solingen. Ihr Buch „Seelsorge am Küchentisch“ ist diesen Herbst in einer aktualisierten Fassung erschienen (Brendow Verlag).

 

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Von uns an dieser Stelle schon mal ein herzliches „Dankeschön“!

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