„Muss nur noch kurz die Welt retten
Danach flieg ich zu dir
Noch 148 Mails checken
Wer weiß was mir dann noch passiert
Denn es passiert so viel
Muss nur noch kurz die Welt retten
Und gleich danach bin ich wieder bei dir.“

  

 

Was Tim Bendzko da vor ein paar Jahren in seinem berühmten Song so augenzwinkernd thematisiert hat, ist für viele Paare trauriger Alltag. Wo zu viel Stress und mediale Attraktionen wie Facebook, E-Mails, Nachrichten die Aufmerksamkeit absorbieren, hat es ein Partner nicht leicht, mit seinen Bedürfnissen wahrgenommen zu werden. Frust kommt auf, wenn man sich die Zuwendung seines Gegenübers ersehnt, dieser gedanklich aber mit ganz anderen, für ihn anscheinend wichtigeren Dingen beschäftigt ist.

 

Szenenwechsel, ein Paar in einer anderen typischen Situation: „Warum kannst du nicht einfach mal stehen lassen, was ich sage? Musst du alles kommentieren? Das nervt!“

Hier möchte jemand von seinem Partner unzensiert angehört und akzeptiert werden. Es geht darum, sich mitteilen zu dürfen, ohne gleich Verbesserungsvorschläge oder womöglich Kritik zu kassieren.

 

Beide Szenen haben mit (fehlender) Achtsamkeit zu tun – einer inneren Haltung, die von Neugier, Offenheit und wertungsfreier Akzeptanz geprägt ist. Dass das Thema in den vergangenen Jahren in der Psychologie boomte, verwundert nicht. Denn zwei Entwicklungen charakterisieren unsere Zeit. Erstens: In unserer westlichen Leistungsgesellschaft werden wir von klein auf an Normen gemessen. Körpermaße, Sprachentwicklung, Sozialverhalten – alles wird überprüft und bewertet. Diese Schubladen-Mentalität zieht sich durch Schulzeit, Erwerbsleben, Elternschaft. Menschen und Dinge ohne Bewertung offen und neugierig zu betrachten und zu akzeptieren, verlangt daher in der Regel ein ganz bewusstes Umdenken und Freiwerden von erlernten Stereotypen.

 

Ein weiteres gesellschaftliches Phänomen ist die Explosion der digitalen Möglichkeiten, verbunden mit einer unüberschaubaren und permanent verfügbaren Fülle an Reizen. Konzentration und Fokussierung werden dadurch zu Eigenschaften, die zunehmend schwerfallen. Das Unternehmen „Microsoft“ fand 2015 in einer Studie mit Hirnstrom-Messungen heraus, dass die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne innerhalb weniger Jahre signifikant gesunken ist. Während die Probanden im Jahr 2000 in einer Testsituation noch 12 Sekunden bei einer Sache bleiben konnten, verloren sie das Interesse 2015 bereits nach acht Sekunden.

Menschen und Dinge ohne Bewertung offen und neugierig zu betrachten und zu akzeptieren, verlangt in der Regel ein ganz bewusstes Umdenken und Freiwerden von erlernten Stereotypen.

Trotz (oder gerade wegen) dieser Entwicklungen sehnen sich Menschen nach Wegen, ihr inneres Gleichgewicht wiederzufinden und im Einklang mit sich und ihrer Umwelt zu leben. Praktizierte Achtsamkeit hilft dabei, aus dem Hamsterrad von Stress und Wettbewerb auszusteigen und stattdessen Selbstliebe, Mitmenschlichkeit und Wertschätzung zu üben. Mit den folgenden fünf Haltungen gelingt es Paaren, ihre Beziehung durch Achtsamkeit zu verbessern:

 

1. Neugierig bleiben

Bei Paaren lässt sich häufig beobachten, dass beide glauben, den anderen genau zu kennen. Verblüffend sind da die Ergebnisse einer Studie von drei Psychologen der „Universität von Canterbury“ in Neuseeland: 74 unterschiedlich lang verheiratete Paare sollten nach einem Streit ihre eigenen Gefühle und Gedanken aufschreiben und außerdem darüber berichten, was ihrer Meinung nach im Partner während dieser Auseinandersetzung vorgegangen war. Anschließend verglichen die Forscher die Aussagen, um zu prüfen, wie gut die Partner einander verstanden hatten. Interessanterweise waren die Ergebnisse umso schlechter, je länger die Paare verheiratet waren.

Es stimmt also nicht, dass man sich umso besser kennt, je länger man zusammen ist; und man weiß auch nicht unbedingt, was den anderen bewegt. Der Wissenschaftsjournalist Bas Kast folgert in seinem Buch „Die Liebe und wie sich Leidenschaft erklärt“: „Es war, als hätten die Ehepartner im Laufe der Jahre einen ,Das-kenne-ich-doch-schon-längst‘-Standpunkt eingenommen. Sie glaubten genau zu wissen, was ihr Lebensgefährte denkt und fühlt. Gerade diese vermeintliche Gewissheit hinderte sie daran, ihrem Partner noch wirklich zuzuhören. Sie bemühten sich erst gar nicht, zu verstehen. Sie redeten nicht mehr miteinander, sondern aneinander vorbei.“

Achtsame Menschen bleiben offen und neugierig dem Partner gegenüber. Sie nehmen interessiert seine seelischen Facetten wahr. Offene Fragen wie „Wie geht es dir?“, „Was bewegt dich?“, „Was denkst du über dieses Thema?“ oder auch der gemeinsame Austausch über ein Buch oder eine gemeinsam besuchte Veranstaltung helfen dabei, die Persönlichkeitsentwicklung des Anderen nicht zu verpassen.

 

 

 

2. Selbstfürsorge

Nur wer mit sich selbst achtsam umgeht, kann Liebe weitergeben. Der Unausgeglichene wird viel eher ins Nörgeln, in Unzufriedenheit und Abwehrverhalten verfallen. Deshalb ist es so wichtig, für die persönliche Balance zu sorgen. Dazu gehört auf jeden Fall eine gesunde Ernährung, ausreichend Schlaf und Bewegung. Gönnen Sie sich Zeit für sich selbst, für Kontemplation, ein Hobby, Freundschaften. Manche Paare finden gemeinsame Bereiche, in denen beide auftanken können, zum Beispiel beim Sport, bei Wellness-Ritualen oder gemeinsamen Gottesdienstbesuchen. Wichtig ist aber, dass die Partner sich nicht gegenseitig für das eigene Wohlbefinden verantwortlich machen, denn an diesem Punkt ist jede und jeder selbst gefragt.

 

3. Digital Detox

Digitale Geräte haben ein enormes Suchtpotential – da erzählen wir nichts Neues. Drei Viertel der Befragten zwischen 18 und 24 Jahren gaben in der erwähnten Microsoft-Studie an, dass sie, sobald bei ihnen Langeweile aufkomme, zum Handy oder Smartphone greifen. Und doch ist den meisten nicht bewusst, wie sehr sie tatsächlich davon gefesselt sind.

Paarbeziehungen leiden darunter. Die digitale Konkurrenz lenkt ab vom realen Gegenüber. Sie hindert Menschen daran, sich ganz auf das Du einzustellen. Die verletzende, versteckte Botschaft, die durch das ständige Schielen aufs Display beim Gegenüber ankommt, lautet: „So wichtig bist du nicht.“ Oder auch: „Du allein langweilst mich.“

 

Ein achtsamer Partner hört zu und manipuliert sein Gegenüber nicht auf seine eigenen Ziele hin. Achtsame Personen werten nicht, sondern schätzen die andere Person wert.

Da hilft nur eins: Immer mal wieder bewusst weg mit dem Handy, Bildschirm abschalten und digital entschlacken – und sich stattdessen ganz bewusst ganz analog Zeit zu zweit nehmen. Statt aufs Handy dem Anderen in die Augen schauen. Anstatt mit virtuell Anwesenden lieber miteinander kommunizieren. Wie wäre es zum Beispiel, das Telefon vom Esstisch und aus dem Schlafzimmer zu verbannen? Oder ab und zu einen handyfreien Tag zu vereinbaren?

 

4. Achtsamer Sex

Wenn Paare über sexuelle Lustlosigkeit klagen, liegt das nicht selten daran, dass die Leidenschaft durch zu viel Stress auf der Strecke geblieben ist. Oder dass einem oder beiden die Art und Weise, wie sie Sex haben, nicht gefällt, man aber nie darüber reden konnte. Manche geben sich auch mit Alltagssex zufrieden und können von lustvoller Erotik nur träumen.

Achtsamkeit kann da ein echtes Liebeselixier sein. Beim achtsamen Sex gönnt ein Paar sich richtig viel Zeit. Angenehme Musik und gedämpftes Licht helfen, sich ganz aufeinander einzulassen. Man erlebt und erkundet mit allen Sinnen – den Duft der Körper, die Beschaffenheit der Haut, die Gefühle bei unterschiedlichen Berührungen. Es geht vielmehr um das erotische Erleben und Seelennähe, als um ein zielgerichtetes Auf-den-Höhepunkt-Hinarbeiten. Nichts leisten müssen, sondern sein dürfen, schenken und beschenkt werden.

 

5. Toleranz üben

„Sei doch mal ganz du selbst – mach was, was mich interessiert“, dichtet der Kabarettist Uli Keuler und bringt damit die Problematik intoleranter Partner satirisch auf den Punkt. Wäre das nicht praktisch, wenn die Frau oder der Mann komplett auf derselben Wellenlänge wie man selber läge und man stets einer Meinung und einer Gesinnung wäre? Doch das Gegenteil ist wahr: Konflikte beleben, fördern die Kommunikation und führen im günstigen Fall zu ausbalancierten, guten Lösungen.

Auch bei der Konfliktbewältigung hilft Achtsamkeit. Ein achtsamer Partner hört zu und manipuliert sein Gegenüber nicht auf seine eigenen Ziele hin. Achtsame Personen werten nicht, sondern schätzen die andere Person wert. Sie können Unterschiede wertschätzen und akzeptieren andere Positionen.

Eine Anregung, achtsame Toleranz einzuüben, ist folgende: Jeder bekommt 15 Minuten ungestörte Redezeit. Der andere hört aufmerksam zu, kommentiert und wertet aber auf keinen Fall. Das ist der wichtigste Punkt! Dann werden die Rollen getauscht. Sind die 30 Minuten um, bedanken sich beide fürs Teilen und fürs Zuhören.

 

Was auch immer ein Paar von den genannten Punkten umsetzt: Es ist allemal wahrscheinlicher, dass die beiden mit Achtsamkeit ihre Beziehung retten (vor allem aber verbessern), als durch permanente Abgelenktheit die Welt!

Susanne & Marcus Mockler

sind seit über 30 Jahren verheiratet und Autoren des Ehe-Ratgebers „Das Emma-Prinzip“ (adeo Verlag). Sie halten Vorträge und Seminare zum Thema „Ehe und Familie“. Susanne ist systemische Paartherapeutin mit eigener Praxis und hat einen Bachelor-Abschluss in Psychologie. Marcus ist Journalist und Koautor verschiedener Bestseller. Die beiden leben mit ihren Kindern auf der Schwäbischen Alb.

 

www.geliebtes-leben.de

 

www.susanne-mockler.de

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