Wenn man Menschen fragt, warum Beziehungen heute häufiger und schneller auseinandergehen als früher, bekommt man sehr unterschiedliche Antworten: „Die jungen Leute sind es nicht mehr gewohnt, Konflikte auszuhalten“, meinen die einen. „In unserer Multioptionsgesellschaft schaut man sich schneller nach Alternativen um“, sagen andere. Oder auch: „Viele glauben, die Liebe müsse laufen wie eine Hollywood-Romanze – und werden vom richtigen Leben enttäuscht.“

 

Ein Körnchen Wahrheit steckt vielleicht in jeder dieser Antworten, wir sehen allerdings einen anderen Faktor als Liebeskiller Nummer eins: Stress. Wir leben in einer dauergestressten Gesellschaft. Die Herausforderungen am Arbeitsplatz haben in den vergangenen Jahrzehnten erheblich zugenommen – alles muss schneller und produktiver ablaufen, immer mehr Aufgaben werden auf immer weniger Mitarbeiter verteilt.

 

Arbeit, Ehrenamt und Internet

Dazu kommt, dass heute Frau und Mann zunehmend beide berufstätig sind. Aus der Perspektive der Emanzipation ist das sicher ein Fortschritt, und viele Paare sehen es schlicht als ökonomische Notwendigkeit. Wer aber gleichzeitig eine Familie (insbesondere mit kleinen Kindern) zu managen hat, kommt häufig an die Grenze seiner Kräfte. Des Weiteren haben wir hohe Ansprüche an ein schönes Zuhause, an den Jahresurlaub, an den eigenen Wagen – das alles will bezahlt, organisiert, gepflegt sein. Sehr viele engagieren sich darüber hinaus ehrenamtlich, was wir super finden, und dafür opfern sie manche Stunde ihrer Freizeit. Und wenn dann noch 14 WhatsApp-Freunde auf eine Antwort von mir warten, brauche ich mich nicht mehr zu fragen, wo meine Zeit geblieben ist.

 

Warum ist Stress ein Liebeskiller? Ganz einfach: Weil er meinen Blick verengt – und zwar auf mich selbst. Diese Blickverengung ist ein Schutzmechanismus. Ich spüre, dass mir die Aufgaben und Ansprüche über den Kopf wachsen. Mein Gehirn versucht, das abzuarbeiten, Probleme zu lösen, Strategien zu entwickeln. Das sind geniale menschliche Fähigkeiten. Im Übermaß führen sie jedoch dazu, dass ich vor lauter Aufgabendruck meinen Partner nicht mehr sehe. Mir entgehen seine Probleme, denn Probleme habe ich schließlich im Moment selbst genug. Mich nervt, wenn er nicht wie üblich „funktioniert“ – ich muss schließlich auch funktionieren. Romantik? Ein zwangloses Date? „Klar, müssen wir auch mal wieder machen, wie sieht‘s in deinem Kalender übernächsten Monat aus?“

 

Ausgefallener Sex

Wenn in stressigen Zeiten die Beziehung auch noch stresst, kann das die Spirale abwärts beschleunigen. Mache ich doch lieber ein paar Überstunden, anstatt pünktlich nach Hause zu einem schlecht gelaunten Partner zu kommen. Manche stürzen sich sogar in noch mehr ehrenamtliche Aufgaben, um einem anstrengenden Zuhause zu entgehen. Solche Paare erleben übrigens nur noch ausgefallenen Sex. Montag: ausgefallen, Dienstag: ausgefallen, Mittwoch: …

Warum ist Stress ein Liebeskiller? Weil er meinen Blick verengt – und zwar auf mich selbst.

Eine Lösung ist das natürlich nicht, eher der Anfang vom Ende. Eine Lösung ist dagegen, Stress rauszunehmen, wo immer es geht. Und da geht sehr viel mehr, wenn wir unseren Alltag einmal schonungslos durchforsten: Wo sind die Belastungen, die wir abgeben können an andere? Welche Arbeiten können wir outsourcen? Würde sich eine Haushaltshilfe für ein paar Stunden pro Woche lohnen?

 

Finanzdruck rausnehmen

Müssen wir wirklich beide in dem Umfang berufstätig sein, wie wir das im Moment sind? Wo können wir ohne große Abstriche an der Lebensqualität Geld einsparen, damit wir nicht so hohe Rechnungen bezahlen müssen? Muss ein preiswerter Urlaub ein schlechter Urlaub sein? Können wir uns mit anderen Eltern absprechen, um unsere Kinder nicht immer selbst durch die Gegend zu kutschieren? Wäre es angemessen, zum Wohl meiner Ehe mein Ehrenamt zumindest ein Stück zurückzufahren?

 

Zum Entstressen gehört zudem ein intelligenter Umgang mit unserer Freizeit. Stundenlanges Serienglotzen hat zwar einen wunderbar zerstreuenden Effekt (deshalb lieben wir es so), aber es dient selten wirklich der Erholung. Dasselbe gilt für endloses Herumstöbern in Sozialen Medien. Mehr Kraft gewinnen wir aus gemeinsamem Sport, gemeinsamem Konzertbesuch oder einfach einem zwanglosen Abend mit unserem Partner, vielleicht auch aus der Lektüre eines brisanten Buchs, das wir in aller Ruhe lesen und das unseren Geist anregt. Wir müssen an Fernseher und Computer vorher nur den Aus-Knopf finden und bereit sein, das Smartphone für zwei Stunden zur Seite zu legen.

 

„Du bist meine Nummer eins“

Überhaupt werben wir dafür, Oasen im Alltag zu schaffen. Zeit, die nur uns beiden gehört. Solche Zeiten müssen uns noch wichtiger sein als ein Termin mit dem wichtigsten Geschäftspartner. Wir geben einander das Signal: „Du bist meine Nummer eins!“– auch und gerade in stressigen Zeiten. Dass das phasenweise nicht geht, sieht jeder ein. Ein erkranktes Kind kann die Priorität eine Zeitlang verschieben, auch besondere berufliche Verpflichtungen wie zum Beispiel die Vorbereitung einer wichtigen Messe o. ä. Entscheidend ist, dass diese Phasen begrenzt bleiben. Ein Leben in Vertröstung („In einem halben Jahr wird alles besser“) ist ein Selbstbetrug, der irgendwann auffliegt.

 

Stressbedingte Erschöpfung ist, wie bereits angedeutet, einer der Haupt-Störfaktoren für das Liebesleben von Paaren. Viele sind so überarbeitet, dass sie schlichtweg keine Zeit und Energie mehr für Sex aufbringen. Wenn der Partner und ein erfülltes Liebesleben Priorität bekommen sollen, dann muss die Zeit, die neben dem Unvermeidlichen übrigbleibt, auch für diese Priorität genutzt werden. Geplant etwas früher gemeinsam zu Bett gehen, für körperliche Entlastung durch einen gemeinsamen Spaziergang nach Feierabend sorgen, einander mit Massagen verwöhnen oder der gemeinsame Besuch eines Entspannungs-Kurses können solche Prioritäts-Bestätigungen sein. Denn: Der Stress soll nicht eure Liebe killen, sondern eure Liebe den Stress!

 

 

SUSANNE & MARCUS MOCKLER

sind seit über 30 Jahren verheiratet und Autoren des Ehe-Ratgebers „Das Emma-Prinzip“ (adeo Verlag). Sie halten Vorträge und Seminare zum Thema „Ehe und Familie“. Susanne ist systemische Paartherapeutin mit eigener Praxis und hat einen Bachelor-Abschluss in Psychologie. Marcus ist Journalist und Koautor verschiedener Bestseller (u. a. „Dem Leben Richtung geben“). Die beiden leben mit ihren Kindern auf der Schwäbischen Alb.

 

www.geliebtes-leben.de

 

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SIE MÜSSEN NICHT, ABER SIE KÖNNTEN.

 

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