MINDO: Frau Sommer, Sie beschreiben in Ihrem Buch „Die leisen Weltveränderer“ eine oft übersehene Gruppe Menschen, zu der Sie sich auch selbst zählen: Introvertierte. Was ist das eigentlich genau – Introvertiertheit?

 

DEBORA SOMMER: Meiner Beobachtung nach haben viele eine falsche Vorstellung von introvertierten Menschen, manche halten sie für zurückgezogen lebende Sonderlinge. Diese Vorstellung entspricht aber in den meisten Fällen nicht der Realität. Introvertierte sind nämlich oft gar nicht als solche zu erkennen. Wenn ich zum Beispiel irgendwo ein Referat halte, kämen wohl die wenigsten auf die Idee, dass ich stark introvertiert bin. Introvertiertheit – auch Introversion genannt – ist ein Persönlichkeitsmerkmal, das beschreibt, wie ein Mensch seine Umwelt wahrnimmt und sein Leben innerlich bewältigt.

 

Im Kern ist es eine Frage der Energiequelle: Introvertierte brauchen ihre Privatsphäre, genügend Rückzug und Ruhe, um neue Lebensenergie zu schöpfen. Im Alleinsein können sie ihre Batterien wieder aufladen. Sie beziehen ihre Energie also von innen heraus. Ganz anders ist es bei Extrovertierten: Sie brauchen Impulse von außen, zum Beispiel Geselligkeit mit anderen Menschen, um ihre Batterien wieder aufzuladen. Die Beschreibung dieser beiden Temperamente ist übrigens nicht neu. Bereits im Jahr 1921 hat der Schweizer Psychoanalytiker Carl Gustav Jung diese Begriffe geprägt und erklärt.

 

 

Haben introvertierte Menschen es schwerer in unserer Gesellschaft und auch in der christlichen Gemeinde?

 

Ich denke, ich spreche im Namen vieler Introvertierter, wenn ich das bejahe. Das liegt in erster Linie daran, dass sowohl in der Gesellschaft als auch in den Gemeinden extrovertierte Qualitäten oft sehr viel gefragter sind und wichtiger erscheinen, als introvertierte. In der Berufswelt gilt oft: Je besser die Socializing- und Selbstvermarktungsfähigkeiten, desto größer die Chance, dass man wahrgenommen wird.

 

Introvertierte wollen den Dingen auf den Grund gehen. Oberflächliche Antworten und Kurzschlusshandlungen sind für sie keine Option.

In christlichen Gemeinden beschlich mich schon mehrfach der Eindruck, dass hingegebenes Christsein danach beurteilt wird, wie sich Einzelne in die Gemeinschaft einbringen und an Aktivitäten teilnehmen. Gemeinschaft wird als einer der wichtigsten Werte deklariert. Das stellt Introvertierte vor große Probleme: Was ist, wenn mich allein schon die Begegnung mit anderen Menschen sehr viel Kraft kostet? Wenn es mich überfordert, neue Kontakte zu knüpfen oder bestehende zu pflegen? Solche Fragen können bei introvertierten Menschen viel Unsicherheit auslösen. Sie fragen sich, ob mit ihnen und ihrem Glauben etwas nicht stimmt. Sie fühlen sich latent dazu gedrängt, anders zu werden – allem voran kontaktfreudiger, aktiver, evangelistischer oder ähnliches –, damit sie in der Gemeinde als vollwertiges Mitglied akzeptiert werden. Das führt leider dazu, dass viele Introvertierte ganz aus christlichen Gemeinschaften verschwinden. Man gibt ihnen das Gefühl – oder vielleicht interpretieren sie es auch selber so –, unzulänglich zu sein. Dabei ist Introvertiertheit alles andere als eine Unzulänglichkeit oder eine mangelhafte Charaktereigenschaft. Im Gegenteil!

 

 

Ist Introvertiertheit und Schüchternheit eigentlich das Gleiche?

 

Es gehört zu einem von vielen Vorurteilen, mit denen sich Introvertierte konfrontiert sehen, dass „introvertiert“ mit „schüchtern“ gleichzusetzen sei. Aber das stimmt nicht. Nur weil jemand eher still ist und nicht so viel redet, ist er noch lange nicht schüchtern. Und umgekehrt sind auch nicht alle schüchternen Menschen introvertiert. Auch Extrovertierte können in gewissen Situationen schüchtern sein.

 

Der Unterschied liegt darin, dass es sich bei Introvertiertheit um eine ganz normale Persönlichkeitseigenschaft handelt, während Schüchternheit ein erlerntes, beziehungsweise übernommenes Verhalten ist. Schüchterne Menschen fühlen sich im Umgang mit anderen Menschen unwohl und befangen. Ein zentrales Thema ist die Angst vor der Bewertung durch andere, die Introvertierte nicht unbedingt haben. Im Gegensatz zu introvertierten Menschen ziehen sich Schüchterne aus Unsicherheit zurück und leiden aber gleichzeitig unter diesem Rückzug. Pointiert gesagt: An Schüchternheit kann man arbeiten. Man kann sie „therapieren“ und im Idealfall sogar lernen, sie zu überwinden. Introvertiertheit hingegen ist nichts, was man therapieren müsste. Es ist eine Veranlagung, die genauso ihre Berechtigung, Stärken und Schwächen hat wie Extrovertiertheit.

 

 

Und was genau sind die Stärken Introvertierter?

 

In meinem Buch arbeite ich mit dem Vergleich, dass Introvertierte wie U-Boote sind, die mit der Fähigkeit geboren wurden, in den dunklen, tiefen Ozean ihres Geistes abzutauchen, wo sie ungestört und allein mit sich sind. Im Gegensatz dazu sind Extrovertierte wie Schiffe, die sich gut sichtbar und aktiv auf der Wasseroberfläche bewegen. Dieses Bild zeigt eine der größten Stärken von introvertierten Menschen auf: Ihre Tiefgründigkeit! Im Gegensatz zu Extrovertierten, denen vor allem die konkrete Tat und die praktische Umsetzung eines Themas am Herzen liegt, wollen Introvertierte den Dingen auf den Grund gehen. Oberflächliche Antworten und Kurzschlusshandlungen sind für sie keine Option. Es braucht Zeit – und seitens der Extrovertierten oft Geduld –, bis Introvertierte die Dinge tiefgründig durchdacht haben. Aber wenn es soweit ist, dann haben ihre Aussagen Hand und Fuß. Ihre Worte sind reflektiert und differenziert. Ich sehe Introvertiertheit daher als besonderen Schatz in Ergänzung mit Extrovertiertheit. Wenn sich diese beiden Pole – die Handler und Denker – mit ihren Stärken ergänzen, dann stehen Entscheidungen und entsprechende Umsetzungen auf einem ganz anderen Fundament.

 

Zu den besonderen Stärken von Introvertierten gehört aber nicht nur ihr reiches Innenleben, sondern auch ihre Beobachtungsgabe. Sie sind aufmerksame Zuhörer und haben oft auch ein Gespür für Unausgesprochenes. Auch die Genauigkeit von Introvertierten steht im Zusammenhang mit ihrer Beobachtungsgabe. Introvertierte machen keine halben Sachen, sondern möchten das bestmögliche Ergebnis abliefern. Dazu zeichnen sie sich oft durch ihre Fähigkeit, sich intensiv auf etwas konzentrieren zu können, aus, aber auch durch ihre große Vorstellungskraft, die aus ihrem reichen Innenleben schöpft und nicht selten in künstlerischer Form Gestalt annimmt. Ich wünsche mir sehr, dass Introvertiertheit in der Gesellschaft und der christlichen Gemeinde ganz neu als Stärke erkannt wird und Introvertierte mit ihren Stärken zu einer Bereicherung für viele werden können.

 

 

Was sollte man im Umgang mit introvertierten Menschen beachten?

 

Dazu gäbe es sooo vieles zu sagen! Vielleicht ganz grundlegend: Bleiben Sie nicht bei Vorurteilen stehen! Erinnern Sie sich daran, dass Introvertiertheit in den meisten Fällen unsichtbar ist. Dies führt dazu, dass introvertierte Menschen oft unterschätzt werden. Das beginnt oft schon in der Schule: Wenn sich ein Kind im Unterricht passiv verhält, wird es schnell als „dumm“ oder „uninteressiert“ schubladisiert. Dabei ist das Innenleben von introvertierten Kindern so unglaublich reich, dass sie oft selbst überfordert sind damit. Während extrovertierte Kinder schon längst ihre Hand in die Höhe strecken, um eine Frage zu beantworten, deren Antwort sie vielleicht gar nicht sicher wissen, kann sich ein introvertiertes Kind kaum überwinden, sich zu melden bei all den Unsicherheiten, die im Blick auf eine korrekte Antwort offen sind.

Introvertierte Menschen oft unterschätzt werden. Das beginnt oft schon in der Schule: Wenn sich ein Kind im Unterricht passiv verhält, wird es schnell als „dumm“ oder „uninteressiert“ schubladisiert.

Dieses Prinzip zieht sich auch im Erwachsenenleben weiter. Extrovertierte werfen stillen Mitarbeitern oftmals Lethargie und fehlendes Engagement vor. Dabei denken Introvertierte einfach sehr viel gründlicher über alles nach. Entsprechend länger dauert es, bis alles durchdacht ist und sie sich zu einer Entscheidungsfindung durchringen können. Daher mein Appell: Unterschätzen Sie introvertierte Menschen nicht! Helfen Sie ihnen dabei, die Diskussion zu bereichern, indem Sie sie um ihre Meinung fragen! Locken Sie introvertierte Teammitglieder aus der Reserve, indem Sie sie konkret ansprechen und zum Beispiel fragen: „Was denkst du dazu?“

 

Introvertierte haben oft wertvolle Einsichten, die für das ganze Team von Bedeutung sind. Und versuchen Sie, barmherzig zu sein mit Introvertierten! Deren Lebensrealität ist eine ganz andere als diejenige von Extrovertierten. Nehmen Sie es nicht persönlich, wenn ein Gespräch mit einer introvertierten Person nicht so recht in Gang kommt. Das bedeutet nicht, dass Ihr introvertiertes Gegenüber ein Problem mit Ihnen hat. Introvertierte tun sich einfach sehr viel schwerer mit Small Talk und oberflächlichen Gesprächen. Erst recht, wenn dieses Gespräch irgendwo im Gedränge eines Kirchenkaffees oder ähnliches stattfindet. Da fühlen sich Introvertierte schnell überfordert. Und doch sehnen auch sie sich durchaus nach Begegnungen im kleinen Rahmen und tiefen Gesprächen. Suchen Sie daher nach anderen Möglichkeiten, Zeit mit einer introvertierten Person zu verbringen. Gestalten Sie das Gemeindeleben so, dass sich auch Introvertierte in ihrem Wesen und ihren Bedürfnissen ernst genommen fühlen, und, und, und. Sie merken: Hier gäbe es noch ganz viel zu sagen.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Die Fragen stellte Inge Frantzen. 

DEBORA SOMMER

ist promovierte Theologin, Studienleiterin Fernstudium am Theologischen Seminar St. Chrischona und Co-Researcher an der University of South Africa. Daneben arbeitet sie als Autorin und Referentin. Sie ist verheiratet, zweifache Mutter und lebt in der Schweiz. Ihr aktuelles Buch heißt „Die leisen Weltveränderer – Von der Stärke introvertierter Christen“ (SCM Hänssler).

 

www.deborasommer.com

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