Spätestens seit Beginn der Pandemie zeigen sich in unserer Gesellschaft deutliche Spaltungstendenzen. Die verschiedenen Gruppen verstehen sich oft nicht mal mehr, selbst wenn sie noch miteinander reden. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine zeigt, welche Dimensionen dieses fundamentale Nichtverstehen annehmen kann. Was sagt das über uns Menschen?

 

„Was sagt oder schreibt der da? Das kann er doch nicht ernst meinen!“ Wie oft denke ich das, wenn ich die Medien verfolge, seit Putins Ukraineangriff mehr denn je. Natürlich geht es oft um politische Winkelzüge und haarsträubende Propaganda, bei den Streitereien um Corona, bei der Wahl von Donald Trump und erst recht jetzt, im Krieg. Dort stirbt die Wahrheit bekanntlich zuerst.

 

Vom Missverständnis …

Aber diese Erklärung ist mir zu dünn. Das Missverstehen beginnt viel früher und es ist auch nicht auf diese beiden aktuellen Beispiele begrenzt. Intelligente, vernünftige und lebenserfahrene Menschen können in wichtigen Fragen zu dermaßen diametral entgegengesetzten Schlussfolgerungen kommen, dass die jeweils andere Seite nicht mal im Ansatz die Denkmuster dahinter versteht. Man kommt dann (zu) schnell zu dem Schluss, dass der andere dumm ist oder bewusst die Unwahrheit sagt.

 

Mir hat ein Ansatz aus der Entwicklungspsychologie geholfen, tiefer zu graben: „Spiral Dynamics“ von Don Edward Beck und Christopher C. Cowan, basierend auf den Arbeiten des Psychologen Clare W. Graves. Der wichtigste Gedanke ist: Die Denkmuster eines Menschen, seine Gefühle und sogar die Verarbeitung seiner Lebenserfahrungen hängen vor allem davon ab, durch welche Brille er „die Welt anschaut“. Diese Weltanschauung gibt – unbewusst – vor, welche Informationen ein Mensch aufnimmt und wie er sie verarbeitet.

Wichtig: Verstehen heißt nicht zwingend zustimmen! Im Gegenteil: Vielleicht kann ich mich sogar noch entschiedener von einer Anschauung abgrenzen, wenn ich sie durchschaut habe.

Beck und Cowan haben ein verdichtetes Ebenenmodell entwickelt, das mich fasziniert. Es enthält neun Weltanschauungen, die mehr oder weniger alle Lebensbereiche eines Menschen beeinflussen, wenn er durch eine dieser neun Brillen sein Leben und sein Umfeld betrachtet. Menschen können solche Brillen zwar wechseln, aber es braucht extrem gute Gründe dafür. Meist zwingen erst außergewöhnliche Umstände sie zum Umdenken. Andere fühlen sich lebenslang in einer bestimmten Weltanschauung sicher und kämen nie auf die Idee, dass man die gleiche Welt eben auch völlig anders „anschauen“ kann.

 

… zum Verstehen

Wenn Beck, Cowan und Graves auch nur ansatzweise recht haben, gibt es nur einen Weg Spaltung besser zu verstehen: der ernsthafte Versuch, die Welt mit der Brille eines anderen anzuschauen. Und ihn nicht ohne diesen Versuch für dumm oder bösartig zu erklären. Wichtig dabei ist: Verstehen heißt nicht zwingend zustimmen! Im Gegenteil: Vielleicht kann ich mich sogar noch entschiedener von einer bestimmten Anschauung und deren Folgen abgrenzen, wenn ich sie durchschaut habe.

 

Mir hat „Spiral Dynamics“ geholfen, in manchen Momenten nicht schon durch das schiere Nicht-Verstehen in Schweigen, Schwermut oder Lethargie zu verfallen. Und mehr noch: Brücken zum anderen zu bauen – Verständnisbrücken, Beziehungsbrücken. Brücken, über die auch der andere manchmal besser auf mich zugehen kann.

 

 

Kristian Furch

ist Partner bei der Führungsberatung „LeadershipPartners“, die Unternehmen bei der strukturellen und individuellen Umsetzung „guter Führung“ unterstützt. Er ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und zwei Enkelkinder.

 

 

www.leadership-partners.com

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