Sich in andere Menschen hineinzuversetzen, sie gut einschätzen zu können, die Gefühlslage des Gegenübers zu erspüren und mitzufühlen – das alles und noch vieles mehr verbindet man landläufig mit dem Begriff „Empathie“. Doch was genau ist Empathie eigentlich?

 

Bislang wird sie ziemlich unterschiedlich definiert; nicht gegensätzlich, aber unterschiedlich. In der Wissenschaft ist die Frage, was der Empathiebegriff enthält, noch nicht vollends geklärt. Aber ich finde, dass sich die Wissenschaft auf einem guten Weg dorthin befindet. Nicht verkehrt ist es, Empathie als Containerbegriff zu bezeichnen. Aber eine schöne Bezeichnung ist das nicht. Man sieht von außen nicht, was sich in einem Container befindet. Für klare Definitionen ist das kontraproduktiv. Ein Team von Empathieforscher/innen sagt Umbrellabegriff dazu. Das gefällt mir. „Umbrella“ heißt Schirm. Es gibt verschiedene Aspekte, die sich unter dem Schirm des Begriffs „Empathie“ zusammenfinden und zusammenfügen. Wenn man die Aspekte für sich nimmt, reichen sie nicht hin, um zu behaupten: Das ist die ganze Empathie. Nein, es gehört jeweils noch mehr dazu.

 

Jedenfalls ist Empathie ein komplexer Begriff. Was die Wissenschaft derzeit mit ihm macht, ähnelt einem Werk aus Ton, dem viele Hände seine Form geben. Wenn die Töpfer darauf achten, dass wirklich ein gemeinsames Gebilde daraus wird, dann können sie der Wahrheit ziemlich nah kommen, und ich glaube, das ist auch so.

 

Ein Streifzug durch die Begriffs-Geschichte

Dass der Empathiebegriff überhaupt erst allmählich erschlossen werden muss, liegt an seiner Herkunft. Ursprünglich haben ihn die alten Griechen gebraucht, anscheinend aber nicht allzu häufig. Um 1900 herum suchte ein Entwicklungspsychologe nach einem Wort für die Resonanz zwischen einem Baby und seiner Mutter und sagte „Empathie “dazu. Empathie war also zunächst ein psychologischer Fachbegriff und im Prinzip ist es auch so geblieben. Aber es gehört zu den Fachwörtern, die in den allgemeinen Sprachschatz eingegangen sind.

Wir sind durchweg als Beziehungswesen konzipiert. Es klingt banal, aber darauf kommt es an: Menschsein gelingt nur durch Menschlichkeit.

Von den 1940er-Jahren an haben Psychologen erkannt, wie sehr es in der Psychotherapie auf die Empathie der Therapeut/innen mit ihrer Klientel ankommt. Sie stellten fest, dass die Empathie gar keine spezielle therapeutische Methode ist, sondern ein Kernkriterium von „healthy persons“, also „gesunden Personen“, wie es in einem 1958 veröffentlichten Standardwerk der damals aufkommenden Gesundheitspsychologie heißt. Geistig und seelisch gesunde Personen, schrieb die österreichische Sozialpsychologin Marie Jahoda, das sind Menschen, die darauf eingestellt sind, „das innere Leben anderer als eine Angelegenheit zu betrachten, die Sorge und Aufmerksamkeit verdient“ (in „Current Concepts of Positive Mental Health“, S. 52). Das steht in der ersten umfassenden Bestandsaufnahme der Merkmale seelischer und geistiger Gesundheit, die in der modernen Psychologie verfasst wurde. Für „Sorge“ gebraucht Jahoda das Wort „concern“ (dt. Anteilnahme, Sorge). Damit hat sie damals schon den Empathiebegriff recht treffend inhaltlich bestimmt. Aus heutiger Sicht muss man dem eigentlich gar nichts mehr hinzufügen. Aber man kann das noch ausdifferenzieren, denn wie gesagt: Die Empathie ist ein komplexes Phänomen.

 

Die 1950er- und 1960er-Jahre waren die große Blütezeit der so genannten Humanistischen Psychologie. Eine ihrer Hauptpersonen war der Psychologieprofessor und Psychotherapeut Carl Rogers. Er hat sorgfältig erforscht, welche Faktoren bewirken, dass Psychotherapiegespräche wirklich hilfreich sind. Das Wichtigste ist die Empathie, erkannte Rogers. Die Ergebnisse seiner Kommunikationsforschung zogen sehr weite Kreise; eine hoffnungsvolle Bewegung entstand daraus. Besonderes bekannt und wirkungsvoll wurde dann auch die so genannte Gewaltfreie Kommunikation seines Schülers Marshall Rosenberg. Das alles hat sehr viel Verständigung und Versöhnung unter den Menschen bewirkt. Auch die kirchliche Seelsorge wurde sehr dadurch bereichert.

 

Aber die Bewegung ließ nach ein paar Jahren wieder nach. In den Humanwissenschaften kam Skepsis auf. In den 1990er-Jahren setzte dann durch die neuen Erkenntnisse der Neurowissenschaften ein zweiter Boom ein. Der Psychologe und Journalist Daniel Goleman beschrieb auf dieser Grundlage als notwendige Ergänzung zur intellektuellen Kompetenz die emotionale Kompetenz. Hierfür kommt es vor allem auf die Empathie an. Jetzt konnte nachgewiesen werden, wie wichtig die emotionale Kompetenz für die soziale Kompetenz, die ein großes gesellschaftliches Thema wurde.

 

Seither ist das Interesse an der Empathie wieder ziemlich lebendig. Wer möchte heute nicht gern emotional kompetent und sozialkompetent sein? Wie wertvoll das eigentlich ist, ahnt und weiß man heute eigentlich auch in Führungskreisen. Das ist nicht nur etwas für Helferpersonen. Empathie brauchen wir Menschen, um wirklich freundlich und ehrlich miteinander zurechtzukommen und wirklich konstruktiv mit Freude zusammenzuarbeiten.

 

Empathie ist wesentlich für Menschlichkeit

Die auf Jesus Christus zurückgehende Maxime der „Goldenen Regel“, dem Mitmenschen das zuteil werden zu lassen, was man sich selbst von ihm wünscht (siehe Matthäus 7,12), entspricht dem, was wir heute über die Natur des Menschen wissen. Wir sind durchweg als Beziehungswesen konzipiert. Es klingt banal, aber darauf kommt es an: Menschsein gelingt nur durch Menschlichkeit. Was bedeutet es, menschlich miteinander umzugehen? Was wünschen wir uns vor allem von unseren Mitmenschen? Dass sie uns verstehen und annehmen, und das geht nur mit Empathie.

 

Ein wesentlicher Aspekt von Empathie ist das Mitgefühl. Obwohl der Jesus, von dem uns die Evangelien berichten, vor allem durch sein Mitgefühl motiviert war, ist die Goldene Regel in der Folge mehr sachlich als emotional als Gerechtigkeitsmodell interpretiert worden. Das Mitgefühl ordnete der herrschende männliche Klerus eher den Frauen zu und er achtete darauf, es nicht allzu stark werden zu lassen und es nicht den Falschen zuzuwenden. Viele Menschen wurden verteufelt, nur weil sie anders oder keine Christen waren. Mitgefühl für solche galt als gefährlich und verdächtig. Darum konnte im Namen des christlichen Gottes auch so viel grausame Gewalt angewendet und gerechtfertigt werden.

 

Bis zur Neuzeit glaubte man, dass autoritäre männliche Führungspersonen überall mit harter Hand regieren müssen, weil die Menschen andernfalls wie bösartige Raubtiere aufeinander losgehen würden. Im 19. Jahrhundert wurde dann auch Darwins Evolutionstheorie so interpretiert: Das Leben ist ein Kampf und die Stärkeren setzen sich durch. Das fand man einerseits natürlich, andererseits sollte es aber auch von gerechten Starken autoritär kontrolliert und geregelt werden.

Zwar gibt es immer noch einflussreiche Wissenschaftler, die behaupten, das Prinzip der Durchsetzung der Stärkeren entspreche der Natur des Menschen, aber der wissenschaftliche Konsens sieht anders aus.

Es gab schon immer viele Menschen, die das nicht glauben wollten, aber es war schwer, dagegen anzukommen, weil das zugrunde liegende Menschenbild so sehr dominierte. Viele wussten es einfach auch nicht besser.

 

Das hat sich sehr verändert. Zwar gibt es immer noch einflussreiche Wissenschaftler, die behaupten, das Prinzip der Durchsetzung der Stärkeren gegen die Schwächeren entspreche der Natur des Menschen, aber der wissenschaftliche Konsens sieht anders aus. Immer mehr Puzzleteile zeigen miteinander ein ganz anderes Bild des Menschen: Seiner gesamten Veranlagung nach ist der Mensch ein reines Beziehungswesen und wenn er das nicht ernst genug nimmt, schadet er sich selbst, den andern und der Umwelt.

 

Zu Recht schreibt darum Marshall Rosenberg in seinem Buch „Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens“: „Es gibt nichts, das besser ist, nichts, das sich besser anfühlt, nichts, das mehr Freude macht, als unsere Kraft in den Dienst am Leben zu stellen, um zum Wohlergehen eines anderen Menschen beizutragen.“ Die Maxime der Gewalt kommt „von der Art und Weise […], wie wir erzogen werden, und nicht aus unserer Natur“, fährt er fort. Warum ist das so? Weil wir so sind – das brauchen wir, das tut uns gut. Das Recht des Stärkeren zur ethischen Maxime zu machen, sei Produkt äußerer Erziehungseinflüsse, es komme „nicht aus unserer Natur“ (S. 18). Das ist heutzutage nicht mehr nur ein Glaubenssatz, sondern es wird von Tag zu Tag durch neue Forschungsergebnisse bekräftigt und vertieft. Und die Empathie spielt dabei eine Hauptrolle.

 

 

→ WEITERLESEN: Im 2. Teil unserer Serie werfen wir einen näheren Blick auf „Empathie als Mitgefühl“

Dr. Hans-Arved Willberg

ist Sozial- und Verhaltenswissenschaftler, Theologe und Philosoph. Er leitet das Institut für Seelsorgeausbildung (ISA) und ist selbstständig als Rational-Emotiver Verhaltenstherapeut (DIREKT e.V.) und Pastoraltherapeut, Trainer, Coach und Dozent mit den Schwerpunkten Burnoutprävention und Paarberatung sowie als Buchautor tätig. Er hat mehr als 30 Bücher und zahlreiche Zeitschriftenartikel veröffentlicht. 

 

www.isa-institut.de

 

 www.life-consult.org

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