Uns fehlt etwas – klar, das ist immer so. Niemand ist perfekt und kein Zustand im Leben ist perfekt. Manchmal gibt es Glücksmomente, die uns denken lassen, dass wir überhaupt keinen Mangel mehr haben oder dass die noch vorhandenen Mängel völlig unbedeutend sind. Das ist wie bei einem Riesenrad, wenn die Gondel ganz oben angekommen ist und dort ein bisschen stehen bleibt. Es muss aber wieder abwärts gehen. Warum? Weil das Leben so ist.
Ich kann nicht verhindern, dass mir das Leben Krisen, Enttäuschungen, Verluste und Entbehrungen zumutet, die mein Wohlbefinden vielleicht sogar bis zum Tiefpunkt herunterdrücken. Genauso wenig kann ich vorherbestimmen, Glück zu haben. Das Schicksal lässt sich nicht zwingen. Es hat noch nie einen Menschen gegeben, der ein hohes Maß an Wohlstand und Wohlbefinden erreicht hat, ohne Glück zu haben. Es ist ein fataler Trugschluss, wenn die Ideologie der Leistungsgesellschaft lehrt, Erfolg erlaube den eindeutigen Rückschluss, dass man ihn verdient hat – und umgekehrt, dass Misserfolg der Beweis für eigenes Versagen ist.
Aufgeschlossen sein für Dankbarkeit
Insofern stimmt der Vergleich mit dem Riesenrad. Andererseits ist das Bild jedoch viel zu einseitig. Wir sind nämlich durchaus nicht in einer Gondel gefangen, in der wir mechanisch aufwärts und abwärts bewegt werden. Wir haben keinen Anspruch auf unser Glück, aber wir können etwas tun für unser Glück. Die Grundhaltung dafür ist die Dankbarkeit. Wenn wir das vorhandene Glück gar nicht zu schätzen wissen oder nicht einmal merken, wie gut es uns geht, hindern wir uns selbst daran, zufrieden und froh zu sein.
Es geht uns gut, wenn wir dankbar erfahren, dass unsere Bedürfnisse erfüllt werden. Dankbarkeit ist die Zwillingsschwester der Achtsamkeit. Sie ist entscheidend für unser Wohlbefinden, weil wir uns andernfalls zu wenig bewusst machen, welche Wohltaten wir empfangen. Ohne Dankbarkeit werden wir unzufrieden, wo wir eigentlich allen Grund hätten, uns zu freuen.
Achtsamkeit ist Aufgeschlossenheit für Dankbarkeit. Das heißt: Ich weiß zu schätzen, was mir zur Erfüllung der Bedürfnisse gegeben ist. Wenn ich bereit bin, all das achtsam wahrzunehmen und dankbar anzunehmen, finde ich im ganz normalen Alltag viele Gelegenheiten dazu. Nicht immer stellt sich dann auch gleich das Gefühl der Dankbarkeit ein, aber oft – und dieses Gefühl ist entweder Freude oder mindestens Zufriedenheit.
Wir tun unseren Mitmenschen und uns das Allerbeste, wenn wir ihnen mit dankbarer Wertschätzung begegnen und achtsam mit ihnen kommunizieren. Nur so können wir auch wieder zur Dankbarkeit füreinander zurückfinden, wenn wir uns nicht mehr verstehen.
Wir Menschen sind vor allem Beziehungswesen. Liebevolle und zugleich wahrhaftige Beziehungen zu erleben ist darum unser größtes Bedürfnis überhaupt. Darum tun wir unseren Mitmenschen und genauso auch uns selbst das Allerbeste, wenn wir ihnen mit dankbarer Wertschätzung begegnen und achtsam mit ihnen kommunizieren. Nur so können wir auch wieder zur Dankbarkeit füreinander zurückfinden, wenn wir uns nicht mehr verstehen.
Die Kriterien des achtsamen Kommunizierens
In der Kommunikationsforschung ist schon seit langem bekannt, welche Kriterien für achtsames Kommunizieren es gibt. Nur wird das bis heute noch zu wenig unter dem Aspekt der Achtsamkeit vermittelt. Wahrscheinlich liegt es daran, dass Methoden und Veröffentlichungen zur Achtsamkeit zu sehr auf Einzelpersonen fokussiert sind. Weil unser Beziehungsbedürfnis so groß ist, liegt aber gerade dort auch das wichtigste Feld für die Praxis der Achtsamkeit. Das stille Zu-sich-Kommen ist das eine, und oft passt dazu am besten, die Augen zu schließen. Aber die Übung der Achtsamkeit als Lebenskunst vollendet sich erst, wenn wir die Augen dann auch wieder aufmachen, um achtsam nach den andern zu schauen und unser Beziehungsbedürfnis zu stillen.
Die Kriterien des achtsamen Kommunizierens sind Wertschätzung, Empathie und Echtheit. Lass mich das kurz erklären.
Ich wende die wertschätzende Dankbarkeit als Grundhaltung auch meinen Mitmenschen zu. Es ist gut, dass es sie gibt, und sie dürfen so sein, wie sie sind. Daran erinnere ich mich. Es würde mich nicht glücklich machen, wie Robinson allein auf meiner Insel zu leben, und es würde mich auch nicht glücklich machen, nur von lauter leibhaftigen Puppen umgeben zu sein, die immer meiner Vorstellung entsprechen. Es macht sie und mich selbst aber glücklich, wenn wir erkennen und anerkennen, dass wir uns brauchen, und dass wir uns gegenseitig guttun, wenn wir füreinander da sind. Das heißt: „Du bist wichtig für mich und ich bin wichtig für dich.“ Wertschätzung heißt: „Ich weiß deinen Wert für mich zu schätzen, weil ich weiß, dass du wichtig bist für mich. Wenn ich achtsam wertschätzend mit dir umgehe, dann erinnere ich mich beständig daran, dich auch wissen zu lassen, dass du für mich wichtig bist und was ich an dir schätze.“
Empathie ist Einfühlung. Wenn wir uns aber wirklich in einen Menschen einfühlen, dann denken wir uns vor allem in ihn hinein. Andernfalls bleibt das Einfühlen sentimental oberflächlich. Wir beginnen zu verstehen, wie es der Person wirklich geht. Wir können es allmählich nachvollziehen. Wir fangen an, sie wirklich zu verstehen. Wenn unser Kommunizieren dort, wo wir etwas an der anderen Person noch nicht oder nicht mehr verstehen, völlig darauf ausgerichtet ist, sie wirklich zu verstehen, dann sind wir auch ganz auf dem Weg der Achtsamkeit.
Übung der Achtsamkeit als Lebenskunst vollendet sich erst, wenn wir die Augen aufmachen, um achtsam nach den anderen zu schauen und unser Beziehungsbedürfnis zu stillen.
Wir selbst wollen aber ebenso verstanden werden. Um dem auf achtsame Weise gerecht zu werden, können wir dafür sorgen, nicht nur sorgfältig darum bemüht zu sein, das Gegenüber zu verstehen, sondern im gleichen Maß auch darum, uns selbst verständlich zu machen. Bei Konflikten verzichten wir darum so weit wie möglich auf aggressives Argumentieren, weil das viel zu leicht zu Streit führt. Streit ist eine Eskalation der Unachtsamkeit. Die Wahrscheinlichkeit, dass mich mein Gegenüber erst recht nicht versteht, wenn ich ihm Vorwürfe machen, ist leider sehr hoch. Auf Verständigungskurs bin und bleibe ich, wenn ich dich ohne Vorwurf fair und sachlich informiere, womit ich gerade ein Problem habe, und dabei wertschätzend bleibe. Auf der anderen Seite heißt das: Ich rede nicht durch die Blume, ich drücke mich so einfach und direkt aus, wie es geht, und ich vergewissere mich, dass es so angekommen ist, wie ich es gemeint habe.
Wesentlich ist, dass ich dabei weder mir selbst noch der anderen Person etwas vormache. Weil ich bei mir bin, kann ich auch zu mir stehen. Ich muss nicht so tun, als würde ich verstehen, obwohl es nicht wahr ist. Ich muss mich nicht davor schützen, dass mich das Gegenüber mit meinen eigenen Schwächen und Bedürfnissen wahrnimmt. Ich begegne ihm konsequent auf Augenhöhe und im Zweifelsfall eher von unten herauf als von oben herab.
Jetzt können wir zur nächsten Übung kommen. Dazu brauchst du einen Gesprächspartner.
ACHTSAMKEITSÜBUNG NR. 6:
Konsequent verständigungsorientierte Gespräche führen
Vereinbare mit einer Person, die dir sympathisch ist, drei Übungsgespräche. Begrenzt die Dauer jeweils auf eine halbe Stunde Dauer. Sage ihr im Vorfeld offen, wozu das gut sein soll. Sorge dafür, bei den Gesprächen ungestört zu sein.
Bitte die Person, etwas von sich zu erzählen, was sie ziemlich bewegt. Es ist unwesentlich, ob es sich um ein Problem oder um etwas Schönes handelt, nur soll es ein Inhalt sein, der ihr wichtig ist.
Widme deine ganze Aufmerksamkeit dem Verstehen. Vergegenwärtige dir dafür, dass es nur einen Weg gibt, garantieren zu können, wirklich und ganz verstanden zu haben, was das Gegenüber gesagt hat: Man muss es selbst nochmals zusammenfassen. Gebrauche dazu deine eigenen Worte. Nur den Wortlaut der Aussage zu wiederholen bedeutet noch nicht, dass auch der Inhalt angekommen ist, abgesehen davon, dass es albern und langweilig ist. Sage also mit deinen eigenen Worten, was bei dir angekommen ist, das heißt: was du verstanden hast.
Unterbreche dazu gegebenenfalls dein Gegenüber wertschätzend, bevor die Information zu umfangreich wird. Es würde sonst bei seiner Zusammenfassung zu viel durch die Maschen fallen. „Einen kleinen Moment bitte: Darf ich gerade mal zusammenfassen, was ich gerade verstanden habe?“ Wenn die andere Person danach sagt: „Nein, so habe ich das nicht gemeint“ oder „Ja, aber…“, sei dankbar dafür, weil du dadurch ein Missverständnis vermeidest. Wenn das Gegenüber versucht hat, sich noch verständlicher zu machen, fasse das wieder zusammen. Dazu braucht ihr beide Geduld. Aber wie gesagt: Geduld ist nichts anderes als die andere Seite der Münze „Achtsamkeit“.
Stelle möglichst wenig Fragen, denn mit Fragen steuert man das Gespräch – ob man will oder nicht. Wenn ich aber im Gespräch bestimme, wo es langgeht, steht das meinem Entschluss im Weg, dich zu verstehen in dem, was dir selbst wichtig ist. Teile stattdessen von Zeit zu Zeit ehrlich mit, was für Gedanken und Gefühle dir zu dem kommen, was du hörst.
Gönne dir im Anschluss noch eine kurze Phase der gemeinsamen Reflexion. Wenn du magst, könnt ihr in einem der nächsten Übungsgespräche auch einmal die Rollen tauschen.
Du wirst sehen: Es ist eine ganz andere und sehr angenehme Art, miteinander zu reden. Zu verstehen und verstanden zu werden tut uns unwahrscheinlich gut und schafft Vertrauen. Wie von selbst wird der Wunsch in dir entstehen, dieses achtsame Kommunizieren auch mit anderen Leuten zu erleben und es quasi zum „Basismodell“ deiner Kommunikationspraxis werden zu lassen.