Ich will mich jetzt darauf konzentrieren, das nächste Kapitel zu schreiben. Wie mache ich das? Ich mache gar nichts. Ich sitze bloß da, schaue aus dem Fenster, trinke einen Schluck Kaffee. Und trotzdem bin ich ganz bei der Sache. Ich interessiere mich für die Aufgabe, diesen Beitrag zu schreiben, und ich interessiere mich für die Frage, wie Achtsamkeit und Flow zusammenhängen.
Mich zu interessieren heißt jetzt, mich gedanklich auf das Thema zu fokussieren. Dazu brauche ich Energie, aber nicht sehr viel. Anstrengend ist es nicht.
Wenn ich übermüdet oder emotional durch ein anderes Thema beschlagnahmt wäre, würde es mich anstrengen, jetzt zur Sache zu kommen. Genauso würde es mir gehen, wenn ich mir einbilden würde, den Beitrag jetzt schreiben zu müssen, obwohl ich es eigentlich gar nicht will. Dann würde ich mir Gewalt antun. Ich würde mich auf eine möglicherweise sehr angestrengte Weise zwingen dazu. Das könnte mich viel Kraft kosten.
Stress, den wir uns sparen können
Im vorherigen Beitrag haben wir uns mit Situationen beschäftigt, die Geduld fordern, weil sie unangenehm sind. Es gibt zwei Grundformen solcher Situationen: Die eine umfasst alles, was wir erleiden müssen, ohne etwas dagegen tun können. Von dorther kommt auch das Wort „Geduld“: Wir müssen es erdulden – und erdulden ist dasselbe wie erleiden. Wir sind nur froh, wenn es vorüber ist. Wenn es nicht sein müsste, würden wir sehr gern darauf verzichten.
Die andere Grundform enthält alles, was für sich genommen keine Leidenserfahrung ist, sondern nur von uns so beurteilt wird. Wenn wir uns so etwas vorstellen, gefällt es uns nicht. Wir haben Angst davor, wir halten es für eine Zumutung, weil es uns nicht liegt oder weil es uns ohne unser Einverständnis verordnet wird, es stört uns, es hält uns auf, es ist uns lästig.
Diese Geduldsproben begegnen uns in einem Spektrum zwischen freier Wahlmöglichkeit und der Grenze zur Nötigung: Es mag mir heute morgen lästig gewesen sein, die Zähne zu putzen. Niemand hat mich dazu genötigt, aber ich habe mich trotzdem freiwillig entschieden, es zu tun. Auf der andern Seite des Spektrums werde ich tatsächlich fast genötigt: Ich muss ein Bußgeld zahlen, weil ich geblitzt wurde. Was bleibt mir schon anderes übrig… Aber werde ich gezwungen dazu? Nur fast. Ich kann mich auch ohne Weiteres dagegen entscheiden, doch dann muss ich mit den Konsequenzen zurechtkommen. Dass ich die Zahlungsaufforderung bekommen habe, gehört zur ersten Grundform: Das kann ich nicht ändern. Aber was ich darüber denke und damit mache, gehört zur zweiten Grundform: Zum Beispiel kann ich mir großen Stress damit machen oder auch nicht. Ich werde zwar kaum sagen können, dass mich die Strafe freut, aber es ist gut möglich, dass mir mein achtsamer Umgang damit Freude macht. Was ich erfahre, liegt am Rand zur Nötigung, aber eine echte Nötigung wird erst daraus, wenn zum Beispiel die Polizei mir Handschellen anlegen würde.
Ich bin bei mir selbst. Bei sich selbst zu sein verursacht keinen Stress.
Ich tappe immer dann in die Falle der Unachtsamkeit, wenn ich mich selbst zu etwas zwinge, wozu mich sonst niemand zwingt. Muss ich das wirklich? Ich muss gar nichts. Ich entscheide mich dafür, weil ich es will. Es ist also nicht ganz richtig, wenn ich sage, dass mir nichts anderes übrigbleibt. Ich wähle freiwillig das geringere Übel.
Ich habe mich darauf gefreut, dieses Kapitel anzugehen. Davor hatte ich noch Hausaufgaben für einen Buchbeitrag zu erledigen. Das war mir lästig und hat sich auch noch länger hingezogen, als ich wollte. Ich bin nicht mehr ganz achtsam geblieben, sondern geriet in den Grenzbereich zur Nötigung, als müsste ich mich dazu zwingen. Das war zeitweise unangenehm anstrengend und es ging auf Kosten meiner Konzentration. Der Konzentrationsmangel beeinträchtigte die Qualität. Ich war nicht ganz bei der Sache und wurde oberflächlich. Auf diese Weise machte ich mir selbst unnötigen Stress.
Erinnerst du dich? Achtsamkeit heißt nicht, jederzeit achtsam zu sein, sondern jederzeit wieder in den Modus der Achtsamkeit zurückzukehren. Ich hätte mir auch Stress mit meinem Stress machen können – aber nein, ich habe akzeptiert, dass es mir lästig ist, ich habe wahrgenommen, dass meine Konzentration eingeschränkt war, und bin damit gut umgegangen! Ich habe akzeptiert, dass es länger gedauert hat, weil ich es anders nicht gut hinbekommen hätte. Und siehe da: Ich bin sehr zufrieden damit. Ich habe es gut gemacht und vor allem freue ich mich auf das, was daraus wird: Ein wertvoller Beitrag in einem wertvollen Buch.
Wie man in den Flow kommt
„Wenn Sie sich für etwas interessieren, sollten Sie sich darauf konzentrieren, und wenn Sie die Aufmerksamkeit auf irgend etwas richten, werden Sie es aller Wahrscheinlichkeit nach interessant finden.“ Das schreibt ein Autor mit dem interessanten Namen Mihaly Csikszentmihalyi. Interessiert dich, wer das ist? Einer der erfolgreichsten Stressforscher. Er hat den Begriff „Flow“ geprägt und das Phänomen sehr gründlich wissenschaftlich untersucht und beschrieben. Konzentrieren ist das, was ich gemacht habe, als ich mit diesem Kapitel begonnen habe. Konzentrieren ist eigentlich gar nicht anstrengend. Ich habe es gemacht, indem ich gar nichts gemacht habe. Ich saß da, schaute aus dem Fenster und trank einen Schluck Kaffee. Genau dasselbe mache ich auch jetzt, ungefähr eine Stunde später. Meine Aufmerksamkeit ist nicht auf das gerichtet, was ich draußen sehe, auch nicht auf den Kaffee. Das ist nur die angenehme Umgebung, die mir hilft, ganz bei der Sache zu sein. Ich bin dankbar für das alles, aber es interessiert mich gerade nicht weiter. Meine Aufmerksamkeit ist auf das gerichtet, was mir einfällt. Ich mache es nicht, ich lasse es einfach nur in mir erscheinen und in meinem Bewusstsein ankommen. Dann schreibe ich es auf. Nun gilt mein Interesse dem Vorgang des Schreibens. Ich bin darauf konzentriert, dabei möglichst wenig Fehler zu machen und vor allem das, was mir eingefallen ist, so auszudrücken, dass ich es darin so genau wie möglich wiederfinde und dass mir der Stil so gut wie möglich gefällt. Ich bin darauf konzentriert, das zu schreiben, was ich wirklich sagen will. Ich bin bei mir selbst. Bei sich selbst zu sein verursacht keinen Stress.
Bin ich im Flow? Ja, schon. Ich muss mich nicht zusammennehmen, um mich zu konzentrieren, es fällt mir leicht. Ich fühle mich wohl und bin ein bisschen traurig, wenn mir die Uhr sagt, dass ich bald wieder aufhören muss. Meine Leistungsfähigkeit ist gerade auf einem hohen Level. Ich empfinde überhaupt keinen Druck, sondern es macht mir wirklich Freude. Ich bin ganz bei der Sache.
Ist es Arbeit? Ist es Spiel? Im Flow ist die Arbeit Spiel und das Spiel ist Arbeit, weil es ernsthaft ist.
Ja, ich interessiere mich für dieses Thema, und darum gehe ich achtsam damit um, indem ich es gewissermaßen meditiere. So wie ich auf meinen Atem achten kann, erlaube ich mir jetzt, ganz auf das zu achten, was mir zum Thema dieses Kapitels einfällt. Ich habe keine Angst, dass mir nichts einfällt, ich nötige mich nicht dazu, mir etwas Bestimmtes einfallen zu lassen, sondern nehme mit Vertrauen das in Empfang, was kommt. Ist es Arbeit? Ist es Spiel? Im Flow ist die Arbeit Spiel und das Spiel ist Arbeit, weil es ernsthaft ist.
„Und wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit auf etwas richten, werden Sie es aller wahrscheinlich nach interessant finden.“ Das weist zurück auf den vierten Schritt. Die Übung, in einer Tätigkeit ganz achtsam wahrnehmend bei der Sache zu sein, kann das Gehirn so gesund für den ganzen Organismus finden, dass es uns mit einer Dopaminausschüttung belohnt, die uns in den Flow versetzt. Mir ist es darum tatsächlich schon hin und wieder passiert, dass ich Freude beim Putzen und bei der Buchhaltung hatte, fast so wie jetzt beim Schreiben. Aber am häufigsten und am leichtesten kommen wir natürlich bei den Tätigkeiten in den Flow, für die wir uns sowieso schon interessieren und in denen wir gut sind oder es sehr gern werden wollen. Darauf wollen wir uns jetzt auch bei der nächsten Übung konzentrieren.
ACHTSAMKEITS-ÜBUNG NR. 5:
Die Voraussetzungen für Flow-Erfahrungen schaffen
Die Übung hat zwei Teile. Erstens: Entschließe dich freiwillig dafür, dir ungestört Zeit für eine Art Meditation zu nehmen. Du kannst mit der Atemübung beginnen. Hauptsache ist, dass du es dir gönnst, dir in aller Ruhe etwas einfallen zu lassen. Setze dich dazu vor den Laptop oder lege dir Papier und Stift zurecht.
Und nun bitte ich dich, dass du dich freiwillig dazu entschließt, ganz ehrlich zu sein. Okay?
Erinnere dich jetzt bitte an irgendeine Tätigkeit, die du eigentlich (wenn du ehrlich bist) sehr gern ausüben würdest. Richte dabei deine Aufmerksamkeit nicht auf bequeme Erfahrungen, sondern lass den Optionen den Vortritt, bei denen du wirklich etwas leisten musst. Vielleicht kommt dir dabei sogar in den Sinn, dass du dich ein Stück weit dazu überwinden musst. Aber du weißt auch, dass es sehr schön sein und gut tun kann, wenn du dich dazu aufgerafft hast.
Ignoriere achtsam die Einwände: „Das kann ich doch sowieso nicht richtig“, „Das habe ich doch schon ewig nicht mehr gemacht“, „Das mache ich doch bloß für mich“ und was dir sonst noch in den Sinn kommen mag.
Schreib es auf! Du musst gar nicht begeistert sein. Es reicht, wenn du zugibst, dass es ja eigentlich stimmt: „Es könnte wirklich schön sein, wenn ich das mache.“
Vielleicht ist das aber auch gar keine Herausforderung für dich, weil du schon genau weißt, bei welcher Tätigkeit du in den Flow kommst. Umso besser! Aber vielleicht kam dir im ersten Teil der Übung doch auch etwas in den Blick, was du aus den Augen verloren hast oder was dir noch gar nicht richtig bewusst war?
Und nun zum zweiten Schritt: Nimm eine von diesen Tätigkeiten für die nächsten vier Wochen auf deine Agenda. Gib ihr hohe Priorität. Freu dich darauf! Gönne sie dir, gerade auch dann, wenn es dir nicht besonders gut gehen sollte. Nimm diese Termine als deine speziellen Achtsamkeitsübungen, genau wie auch die Geduldsübungen im vierten Schritt. Die Belohnung wird nicht ausbleiben.