„Die Basisübung der Achtsamkeit fällt mir immer noch sehr schwer“, sagte mir eine Person, die hauptberuflich in der Seelsorge arbeitet, andere anleitet und begleitet, einen achtsamen Lebensstil zu pflegen, und eigentlich genau wissen sollte, was Achtsamkeit ist. Woran mag das liegen? Vielleicht denkt sie immer noch, dass Achtsamkeit etwas ist, das man macht. Wenn ich meine Achtsamkeitsübung als ein Machen verstehe, fädle ich falsch ein. Denn: Achtsamkeit ist der Verzicht auf jedes Machen dort, wo ich frei entscheiden kann, etwas zu machen oder nicht. Das kannst du dir sofort durch eine Übung veranschaulichen:

 

Frei entscheiden, etwas nicht zu machen

Gönne dir einen kleinen Spaziergang. Nimm dir vor, dabei ganz ungezwungen beständig auf deinen Atem zu achten. Wenn du dich nur freundlich immer wieder daran erinnerst, wirst du bemerken, dass dich die Konzentration auf den Atem gar nicht davon ablenkt, die Körperbewegung des Gehens und die vielen Sinnesreize wahrzunehmen, die dir unterwegs begegnen. Achtsam den eigenen Atem zu beobachten heißt, bei sich selbst zu sein. Wenn ich bei mir selbst bin, dann bin ich bei Sinnen. Und was ist das? Es bedeutet, bei den eigenen Sinnen zu sein, die mir die Wirklichkeit mitteilen, also bei dem, was ich gerade sehe, höre, rieche, empfinde. Ich bin ganz da.

 

Und dann gehst du los. Du hast jetzt die Möglichkeit, deine Sinne von gewissen Reizen fesseln zu lassen. Vor allem sind es die Dinge, die du siehst und hörst. Manches scheint wie ein Magnet den Blick auf sich zu ziehen. Du gehst zum Beispiel an einer Plakatwand vorbei und der Blick haftet für einige Sekunden an der Werbung. Automatisch entstehen in deiner Fantasie Assoziationen dazu, und genau das will die Werbung auch hervorrufen. Du sollst mit deinen Gedanken und Vorstellungen daran kleben bleiben, um irgendwann auf die Idee zu kommen, das Produkt sehr gern haben zu wollen. Bild und Text scheinen zu sagen: „Lass es dir ja nicht entgehen, mich genau angeschaut zu haben! Mach das unbedingt, sonst versäumst du was!“ Mache gar nichts. Du musst nicht einmal aktiv wegschauen. Setz einfach nur deinen Weg fort, ohne dich weiter mit der Wahrnehmung zu beschäftigen. Du kannst dich jetzt wieder auf deinen Atem besinnen. Dadurch löst du dich ganz ungezwungen von dem Reiz auf dem Plakat.

 

Dann siehst du vielleicht einen unangenehmen Müll am Wegrand. Wieder kannst du an der Wahrnehmung haften bleiben und dich zum Beispiel davor ekeln. Aber du kannst auch frei entscheiden, einfach nur den Weg fortzusetzen, ohne sich weiter für den hässlichen Gegenstand zu interessieren.

Wenn ich bei mir selbst bin, dann bin ich „bei Sinnen“ – also bei dem, was ich gerade sehe, höre, rieche, empfinde. Ich bin ganz da.

Hoffentlich begegnet dir aber auch viel wirklich Schönes auf dem Spaziergang. Wir bereiten uns allerdings immer wieder selbst ein Problem dadurch, dass wir uns einbilden, mit besonders Schönem etwas machen zu müssen. Auch dazu drängt uns die Angst, etwas Wichtiges zu versäumen, wenn wir darauf verzichten. Du könntest jetzt dein Handy herausziehen und den Anblick fotografieren, oder du könntest wenigstens stehenbleiben und dir irgendwelche erhabenen Gedanken dazu machen. Allerdings kann das den Preis haben, dass du dadurch nicht mehr ganz da bist, nicht mehr ganz bei dir. Du baust eine gewisse Distanz zu dem Wahrgenommenen auf: Du schiebst dein Handy dazwischen, schiebst den scheinbar erhabenen Gedanken ein. Aber du kannst dich auch frei dafür entscheiden, auf all das zu verzichten, dich wieder auf deinen Atem besinnen und schlicht weitergehen.

 

Nun sind bist du wieder zu Hause angekommen und liest weiter diesen Text. Was hatte das alles mit dem Thema zu tun? Sollte das eine Geduldsübung gewesen sein? Ja, tatsächlich, du hast dich gerade in Geduld geübt. Denn Achtsamkeit und Geduld sind die beiden Seiten derselben Münze.

 

Die beiden Seiten derselben Münze

Das Wort „Achtsamkeit“ löst eine angenehme Vorstellung aus, das Wort „Geduld“ lässt an Mühe und Belastung denken. Das Schicksal wirft für uns die Münze. Je nachdem, wie sie fällt, liegt die eine oder die andere Seite oben. Wenn es die Achtsamkeitsseite ist, erwartet das Leben die angemessene Antwort auf etwas Angenehmes von uns, wenn es die Geduldsseite ist, sind wir mit Unangenehmen konfrontiert. Aber es ist in beiden Fällen dieselbe Münze. Das heißt: Es handelt in beiden Fällen eigentlich um genau dasselbe.

 

Das Angenehme und das Unangenehme sind ja auch in der Lebenswirklichkeit gar nicht voneinander zu trennen. Den Menschen im Märchen vom Schlaraffenland geht es schon sehr bald sehr schlecht, weil es nichts mehr gibt, wofür sie sich anstrengen müssen, und weil sie völlig übersättigt sind. Verwöhnung ist genauso ungesund wie freudlose Askese. Wenn wir nicht Geduld lernen, können wir nicht genießen und uns nicht wirklich freuen. Und wenn wir nicht lernen, zu genießen und uns wirklich zu freuen, bleibt auch die größte Engelsgeduld ohne Sinn und Ziel und damit eigentlich etwas sehr Trauriges.

Wenn ich die Münze aufnehme, die das Schicksal für mich wirft, entscheide ich mich für ein ganzes Ja zum Leben, wie es mir hier und jetzt begegnet, egal, welche Seite gerade oben liegt.

 

Bevor wir zur vierten Übung kommen, will ich noch etwas genauer zum Ausdruck bringen, was ich unter einer Geduld verstehe, die nichts anderes ist als die Rückseite der Münze, auf der „Achtsamkeit“ steht. Ich unterscheide zwischen gesunder und ungesunder Geduld. Gesunde Geduld ist achtsame Geduld.

 

Gesunde Geduld

Ungesunde Geduld kommt aus einem Nein zum Leben, wie es gerade ist. Ein Beispiel dafür ist der Fatalismus: Weil sowieso alles keinen Zweck hat, kümmere ich mich auch nicht mehr um Veränderung. Ich gebe mich auf. Das mag aussehen wie Geduld, aber in Wirklichkeit füge ich mir dadurch Schaden zu. Es ist eine Art schleichender Suizid. Ich gehe nicht achtsam mit mir selbst und der Situation um.

 

Gesund geduldig zu sein bedeutet hingegen: Nicht aufgeben, auch wenn es sehr mühsam wird, weil es ein lohnendes Ziel gibt. Das Ziel kann in weiter Ferne liegen oder auch nur darin bestehen, diesen Tag heute zu bewältigen. Aber auch dann gibt es ein weiter entferntes Ziel. Sollte ich nur noch ein paar Tage leben, wäre dieses Ziel mein Tod. Zu sterben ist die größte Geduldsübung. Bekanntlich gibt es keinen Menschen, dem sie erspart bleibt. Gesunde Geduld ist immer auch eine Sterbeübung. Aber kann der Tod wirklich ein Ziel sein? Ja, schwer leidende Menschen können ihn als Erlösung betrachten und glaubende Menschen als ein Nach-Hause-Gehen. Geduld im Angesicht des Todes heißt: Es dauert nicht mehr lang. Die Qual hat bald ein Ende, auch die Qual der furchtbaren Angst, die jetzt aufkommen mag.

Gesund geduldig zu sein bedeutet: Nicht aufgeben, auch wenn es sehr mühsam wird, weil es ein lohnendes Ziel gibt.

Geduld brauchen wir, wenn die Wirklichkeit schwer erträglich oder auch, im Extrem, fast gar nicht mehr erträglich ist. Und wenn sie gar nicht mehr erträglich ist? Wir dürfen vertrauen, dass unser Organismus besser wahrnimmt als unser Verstand, wann diese Grenze erreicht ist. Wenn es so weit ist, schaltet er sich ab. Zum Beispiel verliert man das Bewusstsein.

 

Weil das schwer Erträgliche auch im ganz normalen Alltag auftritt, wenn auch selten im Extrem, dürfen wir jede Erfahrung dieser Art nicht nur als Geduldsübung interpretieren, sondern auch als eine Sterbeübung. Wir dürfen hoffen, uns dadurch allmählich auch auf den Tod vorbereiten zu können. Vielleicht wird uns der Abschied dann zuletzt gar nicht so schwerfallen, wie wir befürchten.

 

Im Kapitel zum ersten Schritt habe ich mitgeteilt, wie es mir gerade selbst mit einer schwer erträglichen Situation ging und wie ich achtsam damit umgegangen bin. Ich bilde mir darauf nichts ein, denn das würde heißen, auf eine besondere Leistung stolz zu sein, also auf etwas, das man macht. Ich habe mich aber nur darauf besonnen, nichts zu machen außer dem, was ich mir vorgenommen hatte, weil es mir sinnvoll erschien. Es hat mich emotional aufgewühlt, aber ich habe mich freiwillig dafür entschieden, mich nicht zu sehr dadurch irritieren und ablenken zu lassen. Ich habe mich also zu der unangenehmen Erfahrung nicht anders verhalten als vielleicht du eben, als du beim Spaziergang den Müll am Wegrand sahst. Obwohl es mir schwerfiel, habe ich mir den Blick von dieser Hässlichkeit nicht fesseln lassen. Die emotionalen Wellen haben sich dann bald auch wieder gelegt. Nichts zu machen ist die Voraussetzung dafür, irgendwann sagen zu können „Es macht nichts“ im Sinne von „Es macht mir nichts. Es ist hässlich, aber ich kann damit leben.“

ACHTSAMKEITS-ÜBUNG NR. 4:

ACHTSAM ETWAS TUN, WAS MIR KEINEN SPASS MACHT

 

Du hast ja bereits für einen Teil der zurückliegenden Übungen den Kalender einbezogen. Das empfehle ich dir auch für diese Übung: Wähle eine wiederkehrende Alltagssituation aus, zu der du dich überwinden musst, die du dir aber besser nicht ersparen solltest, weil dadurch Schaden entstehen würde, weil du dich der Verantwortung entziehst. Wenn du eigentlich weißt, dass es heilsam wäre, sich das regelmäßig anzutun, dann plane es fest und regelmäßig für die nächsten Wochen ein. Setzen dir eine Frist für die Testphase, um dann zu entscheiden, ob du es so fortsetzen oder etwas verändern willst. Ich nenne ein paar Beispiele, die sich gut für die Übung eignen:

 

● Lauftraining in der Natur oder ein anderes Sport- und Fitnesstraining

● Achtsam gesundes Essen zubereiten

● Putzen

● Aufräumen

● Geschirr spülen

● Wäsche waschen

● Buchhaltung

● Hausaufgaben

 

Lege dich auf eine wiederkehrende Situation dieser Art fest und definiere das ab jetzt als deine „Achtsamkeitsübung in Geduld“.

 

Und nun noch die Anleitung: Gönne dir jeweils wieder ein paar Minuten (es reicht mittlerweile wahrscheinlich auch schon etwa eine Minute) für die Basisübung. Wenn es sich um eine Tätigkeit handelt, was ja wahrscheinlich ist, gehe danach Schritt für Schritt in die Aufgabe hinein, so wie bei der Spaziergang-Übung. Erinnere dich daran, immer nur den nächsten Schritt zu tun und dafür ganz da zu sein, ganz bei der Sache. Das gelingt dir, indem du deine Aufmerksamkeit ungeteilt beobachtend dem zuwendest, was du gerade tust. Nimm gedanklich nur vorweg, was für die unmittelbaren nächsten Handlungen nötig ist. Lass dir Zeit, aber bleibe auch dran. Eins nach dem andern. Lass die Fantasien, wie mühevoll und langweilig das jetzt alles ist, genauso am Wegrand liegen wie jenen Dreck.

 

Es würde mich nicht wundern, wenn du beim ruhigen, besonnenen Weitergehen sogar Gefallen an der Tätigkeit findest. Vielleicht kommst du sogar in den Flow dabei. Und damit sind wir beim Thema für den fünften Schritt, den wir hier demnächst genauer betrachten: Flow als Lohn der Achtsamkeit.

Dr. phil. Hans-Arved Willberg

ist Sozial- und Verhaltenswissenschaftler, Theologe und Philosoph. Er leitet das Institut für Seelsorgeausbildung (ISA) und ist selbstständig als Rational-Emotiver Verhaltenstherapeut (DIREKT e.V.) und Pastoraltherapeut, Trainer, Coach und Dozent mit den Schwerpunkten Burnout-Prävention und Paarberatung sowie als Buchautor tätig. 

 

www.isa-institut.de

 

 www.life-consult.org

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