Wirkliches Mitgefühl entsteht durch Einfühlung. Wenn du von einer Person sagst, dass sie einfühlsam ist – was meinst du damit? Ich würde es so beschreiben: Sie nimmt auf eine erkennbar freundliche Weise das auf, was mich bewegt. Das Aufnehmen zeigt sich daran, dass sie das, was mich bewegt, jetzt auch bewegt. Sie nimmt wirklich Teil an dem, was mich bewegt, und so, wie es geschieht, tut es mir gut. Ich bin dankbar dafür.

 

Mitgefühl und Mitleid

Mitgefühl durch Einfühlung ist ein Hauptbestandteil von Empathie. Und Mitleid? Es könnte sein, dass du zu mir sagst: „Auf dein Mitleid kann ich verzichten!“, und dass du dafür einen guten Grund hast, weil es ein Mitleid ohne Einfühlung wäre. Ich demütige dich durch mein Mitleid, weil ich mich überlegen fühle. Es kommt von oben herab. Ich scheine besser zu wissen als du selbst, wie es dir geht und was du brauchst. Ich scheine es nicht nötig zu haben, überhaupt erst einmal auf deine Wellenlänge zu kommen. Solch ein Mitleid ist zu billig und anmaßend.

 

Es kann aber auch sein, dass ich mich mit dir auf eine Weise identifiziere, die weder dir noch mir guttut. Ja, ich lasse bei mir ankommen, was dich bewegt, aber ich interpretiere es falsch, weil ich so tue, als sei deine Erfahrung meine eigene. Du hast Angst? Ich bilde mir ein, genau zu wissen, worum es dabei geht. „Ich weiß, wie das ist“, sage ich, um dich aufzumuntern. Weiß ich es wirklich? Angst ist Angst, das kenne ich vielleicht so gut wie du. Aber was für eine Angst das jetzt für dich ist und welche Bedeutung sie für dich gerade hat, davon mache ich mir womöglich ganz falsche Vorstellungen.

Echtes Mitgefühl ist nicht mehr und nicht weniger als Mit-Gefühl: Ich fühle mit dir, ich bin mit dir, ich bin bei dir.

Ob Mitleid guttut oder nicht, hängt davon ab, ob ich weiß, was du wirklich brauchst, aus deiner Sicht, und ob du es überhaupt brauchen kannst, wenn ich es dir gebe. Was motiviert mich eigentlich dazu? Will ich durch ein bisschen sentimentale Zuwendung mein schlechtes Gewissen beruhigen? Meine ich, unbedingt dein emotionales Leid stillen zu müssen, weil ich es nicht ertragen will? Bewerte ich es übermäßig dramatisch, weil ich selbst mit einer ähnlichen Emotion nicht zurechtkomme und deinen Zustand damit gleichsetze?

 

Echtes Mitgefühl ist nicht mehr und nicht weniger als Mit-Gefühl: Ich fühle mit dir, ich bin mit dir, ich bin bei dir. Es macht etwas mit dir: Was du fühlst, fühle ich auch, was dir weh tut, das tut auch mir weh, aber ich freue mich auch mit dir. Doch auch wenn ich ganz bei dir bin, bleibe ich zugleich auch ganz bei mir. Es geht mir um dich, es ist dein Zustand, auf den ich mich einlasse. Unter dieser Voraussetzung kann Mitleid aus dem Mitgefühl hervorgehen: „Oh Mann, du tust mir echt leid – was kann man denn da nur machen?“ Wenn es meinem Mitleid aber darum geht, wirkliches Mitempfinden gar nicht erst aufkommen zu lassen, oder wenn es sich darin verliert, mich auf unangemessene Weise mit dir zu identifizieren, steht es sogar im Gegensatz zum Mitgefühl. Das wird noch deutlicher, wenn wir noch einen weiteren Begriff hinzuziehen, der zum Bedeutungsspektrum von Empathie gehört: die Compassion.

 

Mitgefühl und Compassion

Empathie und Compassion in enge Verbindung zu bringen, ist in Wissenschaft und Öffentlichkeit modern geworden. Wenn man einfach nur die übliche Übersetzung des englischen Worts für sich betrachtet, ist damit nichts gewonnen: „compassion“ kann „Mitleid“ oder „Mitgefühl“ heißen. Aber es hat noch eine dritte Bedeutung, und auf die kommt es hier an: Erbarmen. Unsere deutschen Worte „Erbarmen“ und „Barmherzigkeit“ spielen eine große Rolle im traditionellen christlichen Wortschatz. „Compassion“ knüpft hier nahtlos an, aber die Tatsache, dass sich der Begriff im human-wissenschaftlichen Diskurs eingebürgert hat, reicherte seine Bedeutung mit den neueren Befunden aus der Empathieforschung an.

 

Compassion als neues Wort für Erbarmen vereint die Empathie mit der aktiven Zuwendung. In enger Nachbarschaft zur Empathieforschung beschäftigt man sich derzeit in den Humanwissenschaften auch ernsthaft mit der Frage, was man eigentlich unter einem Sorgen für andere zu verstehen hat, das denen, die es erfahren, möglichst guttut. Hintergrund der dringlichen Fragestellung ist die erschreckend häufige Feststellung, dass die unbestreitbaren Wohltaten des Sozial- und Gesundheitswesens durch Maßnahmen und Unterlassungen des Sorgens überschattet werden, die den Menschen nicht nur wenig helfen, sondern schaden.

 

Auch für das Spektrum der Methoden und Einrichtungen des Sorgens haben wir uns ein neudeutsches Wort angeeignet: Wir sagen Care dazu. In Übereinstimmung mit dem gesunden Menschenverstand sagen die Forschungsbefunde heute so deutlich wie noch nie: Das Herz aller Care ist das Caring. Und was ist Caring? Nichts anderes als Compassion.

Compassion heißt, sich unter die Last des andern zu stellen, nicht um mit ihm oder an seiner Stelle darunter zusammenzubrechen, sondern um die Herausforderung dieser Last erfolgreich zu bewältigen.

Compassion heißt einerseits, sich Sorgen zu machen, aus Mitgefühl und echtem Mitleid. Andererseits heißt es aber auch, daraus ein dem Mitgefühl entsprechendes Sorgen für die anderen werden zu lassen, mit dem entschlossenen Ziel, ihre Situation so deutlich zu verändern, dass sie sich wieder ihres Lebens freuen können, sofern das möglich ist. Compassion heißt, sich unter die Last des andern zu stellen, nicht um mit ihm oder an seiner Stelle darunter zusammenzubrechen, sondern um die Herausforderung dieser Last erfolgreich zu bewältigen. Es ist sehr bedenkenswert, dass der Apostel Paulus dieses Prinzip im Neuen Testament „das Gesetz Christi“ genannt hat. Mit anderen Worten: Das wollte er als den Zentralpunkt aller christlichen Ethik verstanden wissen (siehe Galater 6,2).

 

Der stoische Philosoph Seneca, Zeitgenosse von Paulus, stand dem lateinischen Wort Misericordias für „Erbarmen“, dass die Christen gebrauchten, noch skeptisch gegenüber, denn es hatte bis dato für die Römer die Hauptbedeutung „Mitleid“, und das war für sie so ambivalent wie für uns. Es hatte sich aber noch kein alternatives Wort für „Mitgefühl“ und „Erbarmen“ eingebürgert. Seneca hat viel Schönes und Wahres über Mitgefühl und Compassion geschrieben, aber er musste das mit anderen Begriffen als mit „misericordia“ zum Ausdruck bringen. Vor allem gebrauchte der das Wort „Wohltat “ dafür (beneficium). Idealerweise, so sagt Seneca, ist achtsames Mitgefühl so sorgsam, dass es gar nicht erst zu den Notlagen kommt, die das Mitleid heraufbeschwören. Darum „muss man erahnen eines jeden Menschen Wünschen und es, wenn man es erkannt hat, von der sehr belastendenden Notwendigkeit des Bittens befreien“ (De Beneficiis: Über die Wohltaten, S. 145, 1995). Man sollte, um ihn vor Demütigung zu schützen, seinem beschämenden Bitten zuvorkommen. Auf Lateinisch heißt zuvorkommen „praevenire“. Von daher kommt unser Wort „Prävention“. Wir dürfen folgenden Schluss daraus ziehen: Compassion kümmert sich nicht nur um eingetretenen Schaden, sondern greift ihm auch vor. Compassion und Caring ist etwas Ganzheitliches. Es geht um die Liebe.

 

 

→ Im 3. Teil unserer Serie werfen wir einen näheren Blick auf „Empathie als Verstehen“

Dr. Hans-Arved Willberg

ist Sozial- und Verhaltenswissenschaftler, Theologe und Philosoph. Er leitet das Institut für Seelsorgeausbildung (ISA) und ist selbstständig als Rational-Emotiver Verhaltenstherapeut (DIREKT e.V.) und Pastoraltherapeut, Trainer, Coach und Dozent mit den Schwerpunkten Burnoutprävention und Paarberatung sowie als Buchautor tätig. Er hat mehr als 30 Bücher und zahlreiche Zeitschriftenartikel veröffentlicht.

 

www.isa-institut.de

 

 www.life-consult.org

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