Das griechische Wort, aus dem unser Begriff „Empathie“ wurde, hatte einen negativen Klang, weil man darunter eine Voreingenommenheit verstanden hat, die eine Person dazu veranlasst, sich zum Beispiel mit einer anderen zu solidarisieren und für sie Partei zu ergreifen. Wenn sich unsere Empathie nur auf Gefühle beschränkt, ist das tatsächlich eine Gefahr. Wir verwechseln dann die Empathie mit oberflächlicher Sympathie. Das Oberflächliche daran besteht darin, sich nicht wirklich in die reale andere Person eingefühlt zu haben. Spiegelbildlich ist oberflächliche Antipathie dasselbe.
Damit Einfühlung die Realität einer anderen Person annähernd so erfasst, wie sie von ihr selbst erlebt wird, reicht es nicht hin, nur gefühlsmäßig von dem bewegt zu werden, was diese bewegt. Zwar ist das entscheidend wichtig, aber zum gefühlten Anteilnehmen will das Verstehen kommen, und dadurch wird das Einfühlen unweigerlich auch zu einem Hineindenken. Damit ich mich in dich hineindenken kann, sollten wir am besten miteinander reden.
Der Prozess des Verstehens ist ein Geben und Nehmen.
Spätestens von hier an wird die Empathie zu einem Prozess, der Geduld und den Mut zur Verletzlichkeit erfordert. Ich kann dich nur wirklich verstehen, wenn ich es dir erlaube und ermögliche, genauso auch an meinem Denken und Fühlen Anteil zu nehmen. Wenn ich dich verstehe, dann verstehen wir uns. Der Prozess des Verstehens ist ein Geben und Nehmen.
Verstehen heißt: Geben und Nehmen
Geduld und Mut zur Verletzlichkeit spielen jetzt eine Hauptrolle, weil wir uns von der Oberfläche in tiefere Dimensionen des Verstehens vortasten. Das geht nicht ohne Ernüchterung und Enttäuschung. Im schlimmsten Fall muss ich die bittere Einsicht gewinnen, dass deine Empathie, die ich so dankbar entgegengenommen habe, nicht authentisch war, oder dass du mein Bemühen, dich zu verstehen, mitsamt aller meiner Wertschätzung und Geduld nur dazu missbraucht hast, irgendein unehrliches Ziel zu erreichen.
Du schienst mir so nah zu sein, aber du bist mir fremd geworden. Ich meinte, dass wir uns verstehen, aber nun verstehe ich dich erst einmal nicht mehr. Wenn ich erkennen muss, dass dir gar nicht daran liegt, von mir verstanden zu werden, kann daraus folgen, dass ich dir nichts mehr zu sagen habe, weil ich nicht mehr weiß, was ich sagen soll. Du willst gar keine Verständigung, denn dein Urteil liegt fest. Ich bin sprachlos, hilflos, ohnmächtig. Ja, wenn ich mich dafür entscheide, mich durch Offenheit und Ehrlichkeit verletzlich zu machen, schließe ich mich zugleich dafür auf, dass du dich mir verschließt und lieber nicht ehrlich wirst, ehrlich vor dir selbst und dann auch ehrlich vor mir. Besonders hart wird es mich treffen, wenn du die Ehrlichkeit vor dir selbst dadurch verleugnest, dass du dir ein Verhalten gegen mich anmaßt, zu dem du etwa „schonungslos offene Ehrlichkeit“ sagst, obwohl es nur dazu dient, deine eigenen unbewältigten Konflikte auf mich zu projizieren. Du bist nicht wahrhaftig und missbrauchst mich dazu, deine eigene Verantwortung leugnen und dein Gewissen betäuben zu können. Ich diene dir als Sündenbock.
Veränderung braucht Gegenseitigkeit
Ein echter Verständigungsprozess braucht Gegenseitigkeit. Unter dieser Voraussetzung ist die Krise der enttäuschten Sympathie immer eine Chance, weil sich uns nun die Gelegenheit bietet, uns auf einer tieferen Ebene zu verstehen. Du bist erschrocken, wie ich mich so verhalten konnte, das hättest du nie von mir gedacht! Es hat dir auch sehr wehgetan. Wenn du jetzt ehrlich bereit dazu bist, mich mit meinem sonderbaren Verhalten zu verstehen, dann hast du schon den ersten Schritt zum Vergeben und Versöhnen getan. Wenn du jedoch stattdessen darauf bestehst, dass ich mich zu entschuldigen habe für etwas, das du nicht verstehst, heißt das in Wirklichkeit, dass du hoch über mir stehen möchtest, um mich gedemütigt tief unter dir zu sehen, und dein Vergeben, das dir vielleicht durchaus wichtig sein mag, ist nicht mehr als eine gnädige Herablassung.
Das große und vielleicht auch zunächst ferne Ziel des Wegs zum Verstehen und das authentische Motiv dafür ist die Liebe. „Wahre Liebe erfordert tiefes Verständnis“, schreibt beispielsweise der vietnamesische Zenmeister Thich Nhat. „Tatsächlich ist Liebe ein anderer Name für Verständnis. Wenn du nicht verstehst, kannst du auch nicht richtig lieben.“
Vollständige Empathie
Es gibt auch die rein gefühlte Empathie ohne Verstehen, aber wir sollten das besser nur als einen Teil der Empathie bezeichnen. Ebenso gibt es auch Empathie als Mittel zu einem nicht offen und ehrlich mitgeteilten Zweck; der mag respektabel oder böse sein, aber so oder so ist es Manipulation, und einen Menschen zu manipulieren ist moralisch nur zu rechtfertigen, wenn einem nichts anderes übrigbleibt.
Ewas anderes ist die Höflichkeit, denn ernsthafte Höflichkeit ist nie dasselbe wie Heuchelei. Sie ist ein menschenfreundliches gutes Benehmen mit Takt, Respekt und Zuverlässigkeit. Die Empathie findet sich gern dort ein, wo Menschen höflich sind. Klar, ich bin dein Kunde und es liegt auf der Hand, dass du Geld durch mich verdienen möchtest. Aber dein gutes Benehmen überzeugt mich davon, dass ich dir vertrauen kann. Und wenn ich dann noch, je nach den Umständen, die Resonanz der Empathie bei dir wahrnehmen darf, überzeugt es mich erst recht.
Darauf kommt es an: Dass wir möglichst nur dann von Empathie reden, wenn wir damit nicht nur einen ihre Teilaspekte meinen, sondern die vollständige Empathie: Das ist gefühlte Resonanz plus Verstehen. Wissenschaftlich ausgedrückt geht es um die Wechselwirkung von „Emotional Empathy“ und „Cognitive Empathy“. Beides zusammen wird „Empathic Concern“ genannt. „Concern“ kann man mit „Besorgtsein“ übersetzen. Es geht darum, dass jemand sich nicht nur Sorge macht, sondern auch Sorge trägt.
Der Theologe und Religionsphilosoph Paul Tillich hat die Aufgaben, denen sich ein lebendiger Glaube stellt, „Ultimate Concern“ genannt, in seinen deutschen Schriften ist es „Das, was uns unbedingt angeht“. Meine emotionale Resonanz und mein Hineindenken und Hineinfühlen in das, was dich bewegt, hat die Tendenz, dass ich mich auch und gerade für das aufschließe, was dich jetzt unbedingt angeht, und es aus echtem Verstehen und Mitfühlen zu der Sache mache, die auch mich unbedingt angeht.
In den Schuhen des anderen
Das Hineindenken bezeichnet man auch als Perspektivenübernahme. Das soll nicht heißen, dass ich jetzt empathisch den gleichen womöglichen Unsinn denke wie du, aber es heißt, dass ich emotional und gedanklich nachvollziehen kann, wie du das, was dich beschäftigt, selbst erlebst. Ich nehme deine Perspektive ein, um die Welt möglichst aus deinem Blickwinkel sehen zu können: „So ist das also für dich, so fühlt es sich an, so geht es dir damit.“ Wenn ich das zusammenfasse und du dich jetzt wirklich verstanden fühlst, dann habe ich dich auch wirklich verstanden.
Erklären kann ein sehr wichtiger Aspekt des Verstehens sein. Aber bei dem, was uns existenziell bewegt, ist es viel wichtiger, von Mensch zu Mensch, von Herz zu Herz, empathisches Verständnis zu erfahren.
Wenn ich mich darum bemühe, deine Perspektive zu übernehmen, wenn ich mich also so gut es geht in dich hineinversetze, dann nähere ich mich dem an, was nur du allein genau so kennst, wie es ist. Es ist deine eigene Wirklichkeit. Dazu sagen wir Subjektivität. Vollständige Empathie zielt immer auf das Teilhaben an der subjektiven Wirklichkeit, um die andere Person vollständig zu verstehen. Wir teilen unsere Wirklichkeiten von Subjekt zu Subjekt, du gibst mir empathisch Teil an deiner Wirklichkeit und ich dir an meiner, darin liegt das Grundprinzip.
Im Unterschied zur Objektivität nennen wir das Intersubjektivität. Wir können auch von zwei Kommunikationsebenen sprechen: Auf der Sachebene geht es um das Objektive, auf der Beziehungsebene geht es um das Intersubjektive. Auf der Sachebene spielen die Emotionen eine untergeordnete Rolle, auf der Beziehungsebene sind sie das Wichtigste. Wenn einer von uns in Not ist oder einfach aus gutem Grund die Rollen so verteilt sind, darf das für eine Weile auch asymmetrisch sein: Du willst mich verstehen, damit du mir angemessen helfen kannst.
Sehr viele Verständigungsprozesse kommen dort aber gar nicht an, obwohl es oft genau das ist, was wir voneinander brauchen. Gerade dann, wenn wir einander helfen wollen, ist intersubjektives Verstehen das Wohltuendste und Hilfreichste, das wir füreinander tun können, aber gerade Helferpersonen beschränken sich zu häufig auf das sachliche Erklären, das Empathie nicht zu benötigen scheint. Dadurch werden jedoch die Personen, denen geholfen werden soll, wie unpersönliche Gegenstände behandelt.
Erklären kann ein sehr wichtiger Aspekt des Verstehens sein. Aber bei dem, was uns existenziell bewegt, ist es viel wichtiger, von Mensch zu Mensch, von Herz zu Herz, empathisches Verständnis zu erfahren.
→ DEMNÄCHST: Im 4. Teil unserer Serie werfen wir einen näheren Blick auf „Zwei Wege zur empathischen Verständigung“