MINDO: Debora, Sarina, viele finden sich in dem Lebensgefühl wieder, dass „alles ein bisschen viel“ ist – und das irgendwie immer. Ist das nur ein diffuses Gefühl der Überforderung oder Lebensrealität in unserer heutigen Zeit?

 

SARINA PFAUTH: Ich denke, es ist nicht nur ein Gefühl. Das Leben ist real mehr und schneller geworden als noch vor ein paar Jahrzehnten, zum Beispiel mehr Erwerbsarbeit und mehr Information, die man erhält und verarbeiten muss.

 

DEBORA KUDER: Stichwort „information overload“: Früher hat man vieles gar nicht so im Detail mitbekommen. Wir müssen ständig mit unglaublich vielen zu verarbeitenden Informationen umgehen. Das betrifft die Weltlage, aber auch das, was nebenbei im normalen Alltag alles zu regeln ist.

 

 

MINDO: Habt ihr Wege gefunden, in dieser Welt entspannt oder zumindest nicht so getrieben zu leben, gerade wenn Radikalkuren wie Kloster oder Handyverzicht keine dauerhaften Lösungen sind?

 

DEBORA: Es ist schwierig, sich ganz rauszunehmen, das können wir auch gar nicht. Oft kommen Sachen, da müssen wir reagieren. Was hilft ist, zum Beispiel den Sonntag analoger zu verbringen. Einmal das Handy wegzulegen und zu entscheiden, an welchen Stellen ich auf dauernde Erreichbarkeit verzichten kann.

 

SARINA: Ich denke, es sind viele kleine Schritte, die man ausprobieren und gehen kann. Manche davon sind vielleicht auch nur für eine gewisse Zeit passend. Mir tut Rhythmus gut. Ich bin eigentlich kein strukturierter Mensch, aber ich merke, dass ein guter Rhythmus hilft, Prioritäten zu setzen und nicht getrieben zu sein. Ich überlege also, was mir im Leben wichtig ist. Dann gebe ich dem einen festen Platz. Gute Routinen im Alltag zu haben, bedeutet zu  wissen: Das, was mir wichtig ist, habe ich fest eingebaut. Es kommt nicht zu kurz.

Manche stressige Phase im Leben kann man nicht grundsätzlich ändern. Und doch gibt es immer Hebel.

MINDO: Ist es auch ein Ansatz, einem chaotischen Äußeren ein ausgeglichenes, versöhntes Inneres entgegenzusetzen?

 

SARINA: Es ist total gut, auf sich selbst zu schauen und zu fragen: Was macht mich so unruhig oder ängstlich? Oft will man das gar nicht so genau wissen. Aber die Arbeit lohnt sich – hinzuschauen auf die Wunde. Und sich dann auch Unterstützung zu suchen durch Seelsorge oder Therapie, um da weiterzukommen.

 

DEBORA: Mir hilft es, das Schöne im Leben zu dokumentieren. Seit ein paar Jahren haben wir einen großen DIN-A0-Kalender, wo für jeden Tag im Jahr Platz ist. Dort hinein klebe oder schreibe ich, was am Tag passiert ist. Beim Zähneputzen schaue ich mir den gerne an. Da wird mir dann bewusst: Manches ist nicht so gut gelaufen, aber es gibt auch ganz viele schöne Momente. Und die möchte ich festhalten und mehr hinzufügen. Das macht mich dankbar.

 

 

MINDO: Muss man eine gewisse Getriebenheit und Unruhe – zumindest in manchen Lebensphasen – akzeptieren? Wie in der sogenannten „Rush Hour des Lebens“, bei der Familiengründung, Kleinkindalltag und Berufsaufstieg zusammenfallen?

 

DEBORA: Ganz klar: Vor zehn Jahren hätten wir unser Buch so nicht schreiben können, weil wir durch die Kleinkindphase nicht die Kapazität dazu gehabt hätten. Ich denke, auch die Rush Hour des Lebens kann man bewusst gestalten – es ist aber auf jeden Fall leichter in einer späteren Phase.

 

SARINA: Kleine Kinder zu haben, ist körperlich und mental einfach anstrengend. Auch andere stressige Phasen im Leben kann man nicht grundsätzlich ändern. Trotzdem gibt es immer Hebel. Als meine Kinder klein waren, habe ich gemerkt, dass es mich total stresst, viele Termine zu haben. Irgendwo pünktlich sein zu müssen, wenn immer ein Kind heult, nicht loswill und sich vor der Tür wälzt, strengte mich so an. Obwohl es sicherlich richtig toll ist für Kinder, wenn sie zum Babyschwimmen und zur musikalischen Früherziehung gehen, habe ich nur ganz wenige von diesen Kursen gemacht, weil ich gemerkt habe: Ich schaffe das nicht. Da kann man an dem Anspruch an sich selbst arbeiten oder an den Erwartungen, was „man“ müsste.

 

 

MINDO: Viel Stress kommt ja häufig daher, dass wir einem Ideal von uns und einem idealen Leben nacheifern. Was hilft, bei der „entspannten Version von uns“ anzukommen?

 

SARINA: Mir hilft es, zu reflektieren, dass der Anspruch, dass es in allen Lebensbereichen optimal läuft, nicht realistisch ist. Dass wir alles im Leben gleichzeitig unterkriegen – genügend Sport machen, uns gesund ernähren, in die Partnerschaft investieren, erfolgreich im Beruf sind und immer präsent mit den Kindern und nicht genervt – ist eine falsche Erwartung. Das zu entlarven, entspannt mich. Sonst werde ich immer frustriert sein. Ich will stattdessen versuchen, gnädiger mit mir und der Welt zu sein.

 

Das Ideal loszulassen, ist eine Übung, die im Kopf anfängt und in der Praxis weitergeht. Im echten Leben ist nicht immer alles auf Hochglanz poliert. Immer liegt was rum im Wohnzimmer. Eigentlich habe ich verinnerlicht, dass es aufgeräumt sein muss, wenn Besuch kommt. Aber dadurch ist Besuch bekommen so aufwändig und stressig. Also habe ich entschieden: Es ist okay, wenn es unordentlich ist und jemand kommt. Manchmal finde ich das blöd, aber dann denke ich: So isses einfach. So können viele Leute kommen, auch spontan, und ich habe eine schöne Zeit mit ihnen.

 

DEBORA: Für mich hat dieses Ideal viel mit Selbstbild und Akzeptanz zu tun. Durch Social Media bekomme ich das Gefühl, dass ich auch mit Mitte 40 noch aussehen muss wie 20. Aber dann stelle ich fest: Nee, das Leben ist anders! Das Leben besteht nicht nur aus Highlights und daraus, dass alles glattläuft. Sondern auch, wenn bei einem Urlaubsbesuch bei Freunden ein Wasserrohr bricht und wir alle anpacken. Im wahren Leben geht auch mal richtig was schief.

Das Ideal loszulassen, ist eine Übung, die im Kopf anfängt und in der Praxis weitergeht.

MINDO: Wie kann man lernen, mit diesem realen, ungeschönten Leben gut umzugehen – mit all den Herausforderungen und Krisen?

 

SARINA: Ich habe etwas Entscheidendes von unserer Freundin Mirjam gelernt. Ihr Mann hat Krebs bekommen, als die Kinder noch klein waren, und ist daran auch gestorben. Diese existenzielle Zeit haben wir ganz nah miteinander erlebt. Bei ihr habe ich beobachtet, dass diese Krankheit nie das ganze Leben der Familie eigenommen hat. Dazu haben sie sich bewusst entschieden. Da war ein Teil, der war schlimm. Aber es gab auch die guten Sachen – und das hatte alles seinen Platz. Ich will diese Spannung aushalten – dass etwas ganz schlimm sein kann und gleichzeitig daneben etwas ganz schön ist.

 

Früher habe ich unbewusst auf den Moment gewartet, in dem „mal alles gut ist“. Dann würde ich mich entspannen können. Der Moment kommt aber nie! Immer ist irgendwas, was mich unruhig macht. Das ist ein großer Schritt: Die Spannung aushalten und das Schöne genießen zu können. Und bewusst Platz für das Schöne schaffen, gerade dann, wenn eh alles zu viel ist. Zum Beispiel etwas Leckeres zu kochen oder an den See fahren.

 

 

MINDO: Welche Rolle spielt der Glaube für euch dabei? 

 

SARINA: Für mich ist superwichtig und wertvoll, dass ich nicht allein bin in meinem Alltag, egal wie der gerade ist. Sondern dass ich gewiss bin, dass Gott immer da und dabei ist. Es tröstet mich wirklich, die Hoffnung auf den Himmel zu haben – dass irgendwann alles gut sein wird. Wenn sich alles so eng anfühlt, ich Nachrichten gucke, es für vieles keine Lösung gibt und die Zukunftsperspektive so düster ist, dann tröstet es mich, schon im Hier und Jetzt zu wissen: Das hat alles nicht das letzte Wort. Irgendwann wird es gut sein. Das gibt mir die Kraft, jeden Tag zu gestalten und die Welt ein bisschen besser zu machen. Dabei weiß ich auch, dass ich nicht die ganze Welt retten muss. Aber ich kann trotzdem was tun.

 

DEBORA: Der Glaube prägt unseren Alltag und ist eine Konstante im Leben. Wir haben zum Beispiel dienstagabends ein ökumenisches Abendgebet bei Sarina im Wohnzimmer. Da gehe ich hin, auch wenn ich gestresst bin. Dort beten wir eine Liturgie zusammen. Und ich weiß, da kann ich sein, wie ich bin, auch wenn sich mein Make-up über den Tag schon abgetragen hat. Wir können ehrlich sein und zu Gott kommen. Es ist unglaublich schön und eine tolle Gemeinschaft mitten in der Woche.

 

 

MINDO: Gemeinschaft im Alltag und ungeschminkte Begegnungen. Das ist ja eine große Sehnsucht für viele, aber auch sehr herausfordernd. Wie schafft ihr dafür Raum?

 

DEBORA: Freundschaften und echte Gemeinschaft sind uns in den letzten Jahren so wichtig geworden. Wir wohnen – zusammen mit unserer besten Freundin Mirjam – im selben Viertel und lieben es, dass wir über die Jahre viele schöne Beziehungen und Freundschaften aufbauen konnten. Das ist in der Großstadt gar nicht selbstverständlich. Es hat mit Zeit und Prioritäten zu tun, aber auch mit Hinhören, Interesse an den Menschen und damit, offen von uns zu erzählen. Gerade auch von den Dingen, die vielleicht nicht so toll laufen.

 

Ehrlicherweise bleibt leider im Alltag gar nicht so viel Zeit und Kapazität, alle möglichen Leute zum Essen einzuladen. Das war auch mit ein Grund, warum wir drei mit den „Cracker & Cheese“-Abenden angefangen haben: Leute zusammenzubringen, zu vernetzen und zu ehrlichem Austausch einzuladen. Wie Netzwerkveranstaltungen, nur in nett. Dazu mieten wir einen Gemeinschaftsraum in unserem Viertel und laden Nachbarinnen, Bekannte, Kolleginnen und Freundinnen ein. Wir drei bringen einen Grundstock an Essen und Trinken mit, ein paar Blumen aus dem Schrebergarten, Kerzen und Hintergrundmusik. Vorher überlegen wir uns ein Thema. Zum Beispiel, was Heimat für uns ist oder ob wir in Bezug auf den Job eigentlich da sind, wo wir einmal gern sein wollten. Und dann tauschen wir uns in kleineren Gruppen dazu aus. Wir haben gemerkt: Es braucht gar nicht so viel Aufwand. Viele haben Lust, etwas beizutragen. Wir stylen die Abende auch nicht perfekt durch, weil unser Leben so auch nicht ist. Viele melden uns zurück, dass gerade dieses entspannte Miteinander, dass es nicht um Äußerlichkeiten geht, ihnen super guttut.

Wenn es für vieles keine Lösung gibt und die Zukunftsperspektive düster, dann tröstet es mich, schon im Hier und Jetzt zu wissen: Das hat alles nicht das letzte Wort.

MINDO: Stabile Gemeinschaft, Glaube – was hilft euch noch dabei, dass die Schwere der Weltlage oder düstere Zukunftsaussichten euch nicht erdrücken oder lähmen?

 

SARINA: Ich muss ein bisschen darauf achten, welche Infos ich zu mir nehme. Ich höre total gerne politische Podcasts. Wenn ich aber nur die höre und zu viele davon, dann werde ich bedrückt. Ich muss ein gutes Maß finden und auch Dinge zu mir nehmen, die mich fröhlich machen, die mir Hoffnung und Mut geben. Und zum anderen: Wir sind nicht für alles verantwortlich, aber jeder hat ein Umfeld. Dort kann man schauen, wie man Verantwortung übernehmen und so gut wie möglich prägen kann. Es ist nicht die ganze Welt, aber immerhin schon ein Stück. Es macht Mut, wenn man etwas um sich herum verändert und den Effekt sieht. Zum Beispiel beim Müllsammeln im Park.

 

 

DEBORA: Das Schwierige ist die Frage, wo man überhaupt anfängt. Es gibt so vieles, was im Argen liegt, und tausend Möglichkeiten, anzupacken. Ich finde es wichtig, einfach irgendwo anzufangen oder sich inspirieren zu lassen von Menschen, die schon aktiv sind. Für das Buch haben wir Sachen ausprobiert. Ich habe beispielsweise bei einer Bedürftigenspeisung in München mitgeholfen. Dabei habe ich erlebt: Dadurch, dass ich aktiv werde, erlebe ich Selbstwirksamkeit – dass ich etwas beitragen und einen Unterschied machen kann. In dem Rahmen, der mir in meiner Lebensphase möglich ist.

 

 

MINDO: Sich für andere einsetzen heißt ja auch, von sich selbst wegzuschauen. In eurem Buch schreibst du, Sarina, vom Glück der Selbstvergessenheit. Wie gelingt das?

 

SARINA: Für mich hat das viel mit meinem Glauben zu tun. Es ist ein Glaubensschritt, Gott zu vertrauen, dass er nach mir schaut und für mich sorgt. Dass ich nicht alles für mich selber machen muss. Wenn diese Gewissheit da ist, fällt es viel leichter, großzügig zu sein und die Hände aufzumachen. Und das ist ansteckend.

 

 

MINDO: Debora, Sarina, vielen Dank für das Gespräch.

 

 

Interview: Andrea Specht

DEBORA KUDER

hat Kommunikationswissenschaft, Japanologie und Sinologie studiert. Sie arbeitet als Referentin im Hochschulbereich sowie als Autorin und ist Gründungsmitglied der Citychurch München und lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern in München.

 

SARINA PFAUTH

hat ebenfalls Kommunikationswissenschaft und dazu Politik und interkulturelle Kommunikation studiert und ist ausgebildete Journalistin. Zurzeit arbeitet sie freiberuflich als Autorin. Ehrenamtlich engagiert sie sich im Vorstand des CVJM München und in dem genossenschaftlichen Wohnprojekt, in dem sie mit ihrem Mann und ihren drei Töchtern lebt.

 

 

Die beiden haben gemeinsam mehrere Bücher veröffentlicht. Ihr aktuelles Buch „Alles bisschen viel“ ist vor kurzem im adeo Verlag erschienen. 

 

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