MINDO: Debora und Rolf, ihr seid ein Paar mit sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten – stark introvertiert und stark extravertiert. Für Beziehungen liegt darin Konfliktpotenzial. Was sind die Hauptunterschiede zwischen beiden Lebenswelten, die in Paarbeziehungen irritieren können?

 

ROLF SOMMER: Der Hauptunterschied liegt in der Frage: Wie tanke ich meine Lebensenergie? Ich als Extravertierter tanke in Interaktionen mit anderen Menschen auf. Im Austausch entwickle ich Ideen und das gibt mir Energie, ich fühle mich gestärkt und motiviert. Introvertierte ziehen ihre Lebensenergie aus der Ruhe, dem Alleinsein.

 

Wenn der Extravertierte immer aktiv ist, kann die Introvertierte denken: „Der ist ruhelos, immer unterwegs, muss immer mit Menschen zusammen sein, er nimmt sich nie Zeit für sich.“ Die Extroperspektive auf die Introvertierte ist schnell: „Sie will allein sein, sie mag mich vielleicht gar nicht, ist nicht interessiert. Wir sind doch ein Paar! Jetzt ist sie zu Hause und wir könnten doch etwas unternehmen oder zu Freunden gehen!“ Viel Konfliktpotenzial bei Paaren kommt daher, dass sie nicht verstehen, wie der andere auftankt.

 

 

MINDO: Wie weit kann man sich denn überhaupt verändern oder aus seiner Komfortzone hinausgehen?

 

DEBORA SOMMER: Wichtig ist, dass es nicht um Festlegungen und Schubladen geht. Wenn eine Diskussion mit „Ich bin halt so“ endet, wird es ganz schwierig und zerstört das Miteinander. In unserem Verhalten können wir uns durchaus bewegen, in die eine oder andere Richtung. Du musst dir einfach bewusst sein: Was kostet dich wie viel Energie? Je weiter ein Verhalten von deiner natürlichen Grundschaltung entfernt ist, desto mehr Kraft kostet es dich.

 

Letztlich geht es darum, wie wir uns in dieser Unterschiedlichkeit entgegenkommen. Wenn wir Ja zueinander sagen, ist das auch eine Einladung, nicht auf meiner Position stehen zu bleiben. Dann ist es wichtig zu unterscheiden: Wo handelt es sich um eine „Grundschaltung“ und wo gibt es durchaus einen veränderbaren Bereich? Zum Beispiel, dass ich mich als Introvertierte für das Außen öffne oder lerne, mich früher mitzuteilen.

Wenn für die Grundpersönlichkeit des anderen Verständnis gewachsen ist, nimmt das Konfliktpotenzial in einer Beziehung massiv ab.

ROLF: Wenn für die Grundpersönlichkeit des anderen Verständnis gewachsen ist, nimmt das Konfliktpotenzial in einer Beziehung massiv ab. Man findet im Alltag wieder mehr Nähe und fühlt sich geliebt. Das stärkt die Bereitschaft, dem Gegenüber entgegenzukommen und das zu tun, was den anderen freut.

 

 

MINDO: Könnt ihr ein paar typische Alltagssituationen benennen?

 

ROLF: Ganz typisch ist zum Beispiel Spontaneität. Extravertierte gehen zum Beispiel einkaufen, treffen einen Freund und laden ihn zum Abendessen ein. Für Introvertierte kann das schnell stressig werden, weil sie unvorbereitet in eine Situation kommen, in der sie mit Menschen interagieren müssen.

 

DEBORA: Bei so einer spontanen Einladung geht es nicht nur um die Überforderung, mit Menschen zu interagieren. Das mache ich im Alltag ja auch. Sondern, dass man jemanden nach Hause holt. Nicht weil ich Menschen nicht mag. Für mich als introvertierte Person ist das Zuhause ein Safe Space, ein Rückzugsort. Der Ort, an dem ich ich sein kann und auftanke. Von hier aus kann ich mich wieder auf Begegnungen und Aktivitäten einlassen. Wenn dann unvorbereitet Menschen von außen in diese geschützte Welt hereinplatzen, ist das für mich ein Stressfaktor.

 

ROLF: Ich habe inzwischen gelernt, vorausschauend zu planen. Dem Freund beim Einkaufen würde ich jetzt sagen: „Wäre schön, dich mal wieder zu sehen, ich melde mich bei dir.“ Zu Hause würde ich es erst einmal mit Debora besprechen.

 

Ein anderer Unterschied ist Terminplanung. Werde ich gefragt: „Hast du nächsten Samstag Zeit?“, würde ich in den Kalender schauen und Ja sagen, wenn am Samstag nichts drinsteht. Debora plant anders. Sie würde bei derselben Anfrage die Agenda aufschlagen und sehen: Samstag steht nichts drin. Aber wie sehen der Donnerstag und der Freitag aus und der Sonntag und der Montag? Wenn da schon viel los ist und sie zu viel Energie dafür braucht, kann es sein, dass sie nach einigem Nachdenken Nein sagt.

 

DEBORA: Auch wie unterschiedlich man Gefühle zeigt, wird im Alltag sehr deutlich: Extros zeigen sie oft viel unmittelbarer. Wenn es der Person nicht gut geht, sie gestresst oder wütend ist, wird das häufig sichtbar und spürbar. Introvertierte dagegen haben ein privates Selbst und ein öffentliches Selbst. Deswegen denkt man oft bei Intros, sie seien unnahbar und distanziert, oder positiv formuliert: geheimnisvoll. Das liegt daran, dass Intros stärker filtern: Welche Emotionen zeige ich nach außen, welche nicht? Die Person ist vielleicht empört, wütend, es geht ihr schlecht – und nach außen merkt man vielleicht nur wenig davon. Bei mir als hochsensibler Introvertierter sind diese Emotionen innerlich oft sehr intensiv, aber ich wirke sehr kontrolliert. Das macht es im Alltag schwierig: Extros lassen vieles schneller raus, bei Intros ist meist weniger sichtbar, was in ihnen vorgeht. Für Intros ist es eine Aufgabe, in einer Beziehung zu lernen, mehr vom privaten Selbst mitzuteilen. Wie soll mein Gegenüber sonst wissen, dass es mir schlecht geht?

 

 

MINDO: Ihr sprecht immer wieder von „unterschiedlich und gleichwertig“. Aber auch wenn man ein Verständnis für die berechtigte Andersartigkeit des anderen entwickelt hat, kann das Verhalten des anderen trotzdem frustrieren. Wie geht man damit um?

 

DEBORA: Das ist für das alltägliche Miteinander tatsächlich das Entscheidende. Es geht um die unterschiedlichen Bedürfnisse. Man kommt im Grunde aus zwei Kulturen und versteht zuerst die Sprache des anderen nicht. Aber man kann sie lernen und ein gleichwertiges Miteinander im Alltag üben und stärken. Es ist wichtig, dass man nicht beleidigt ist, weil man sich nicht versteht.

Es darf auch nicht passieren, dass man den anderen in seine Lebenswelt zerren will. Das geschieht, wenn man sich der unterschiedlichen Welten nicht bewusst ist. Für eine gewisse Zeit mag es funktionieren, dass sich einer stark anpasst. Aber auf Dauer wird derjenige überfordert sein, weil es nicht seine Art ist, Energie zu tanken. Dann nehmen die Spannungen zu. Aber wenn man sich verstehen lernt, kann man bewusster auf die Bedürfnisse des anderen eingehen und sich immer wieder auf seine Lebenswelt einlassen und so das Miteinander stärken. Genau darum geht es auch in unserem vertiefenden Kurs „Zwei Sprachen – ein Gespräch“. Ein konkretes Beispiel: Ich weiß, wenn Rolf nach Hause kommt, möchte er gern von seinem Tag erzählen. Ich lerne seine Sprache, stelle mich darauf ein, frage ihn, wie sein Tag war und höre ihm zu.

 

Ganz wichtig ist, dass Paare verstehen, dass die Andersartigkeit ein Potenzial ist, die zu einer Ergänzung werden kann, wenn man lernt, gut mit ihr umzugehen.

MINDO: Der dahinterliegende Konflikt ist ja die Erwartung an eine Partnerschaft. Bei stark unterschiedlichen Persönlichkeiten sind die Enttäuschungen vorprogrammiert. Aber warum ziehen sich Gegensätze eigentlich an – oder wie lange?

 

ROLF: Das ist wie ein Wechselspiel. Am Anfang zieht dich beim anderen an, was du bei dir selbst nicht findest. Bei Debora hat mich ihr Tiefgang fasziniert, wie sie Gespräche führt. Aber auch die Dinge für die sie sich interessiert, diese Vielfalt an Themen, ihre Kompetenzen – da gab und gibt es viel für mich zu lernen. Später im Zusammenleben und als der Alltag mit Kindern angespannter wurde, haben sich diese Gegensätze dann gerieben. Da haben mich das Schweigen und der Rückzug, wenn sie etwas überlegte, geärgert. Als Extravertierter wollte ich sofort über die Sache reden.

 

Zuerst ist da Faszination, dann stört man sich an genau der Sache. Ganz wichtig ist, dass Paare verstehen, dass die Andersartigkeit ein Potenzial ist und zu einer Ergänzung werden kann, wenn man lernt, gut mit ihr umzugehen.

 

 

MINDO: Stichwort „Potenzial“: Worin konkret ergänzen sich Intros und Extros und können sich dementsprechend gegenseitig bereichern?

 

ROLF: Als wir unsere Unterschiedlichkeit besser verstanden haben, habe ich gelernt, Debora Zeit zu geben, wenn ich mit ihr über etwas sprechen möchte. Das ist auch für mich ein Gewinn, denn sie überdenkt die Themen viel differenzierter. Ich bekomme viele Impulse aus Blickrichtungen, die ich nicht bedacht hatte.

 

DEBORA: Die Innen- und Außenwelt kommen im Grunde zusammen. Das gibt eine spannende Bereicherung, wenn man das nicht als Konkurrenz sieht. Wir können aus beidem schöpfen und uns in beidem ergänzen. Wenn Rolf etwas ausarbeitet, hat er nicht so viel Geduld und Ausdauer wie ich, dem Thema stundenlang auf den Grund zu gehen. Dann gibt er es mir zum Gegenlesen und ich kann noch ein paar Impulse geben, wo man noch mehr in die Tiefe gehen könnte. Im Kontakt mit anderen dagegen, wo er sich wie ein Fisch im Wasser fühlt und ich mich schwertue, kann er mich toll unterstützen, weil es ihm viel leichter fällt, mit anderen in Kontakt zu treten.

 

ROLF: Dadurch, dass Debora so eine reiche Innenwelt hat – und ihre Hochsensibilität das noch verstärkt –, entdeckt sie auch so viel Schönes und macht mich auf Details aufmerksam. Während ich so meinen Pfad trample, sie sieht immer, was rechts und links ist. Das macht auch mein Leben reicher.

 

 

MINDO: In eurem Buch „Intro liebt Extro“ bin ich an der Aussage hängengeblieben, dass Intros von Extros als „defizitär“ oder entwicklungsfähig wahrgenommen werden. Ist das auch umgekehrt so? Oder herrscht in unserer Gesellschaft generell ein Ideal von Extraversion vor?

 

DEBORA: Ich würde stark zu Letzterem tendieren. Ich habe nicht gedacht, dass Rolf defizitär ist. Gerade unter einem solchen gesellschaftlichen Ideal paart sich das Erleben von Intros mit einem sehr negativen Selbstbild und Minderwertigkeitsgefühlen: „Ich bin falsch, mit mir stimmt was nicht.“ Dieses Grundgefühl begegnet mir bei überraschend vielen Introvertierten. Ich dachte auch lange, dass ich das Problem in unserer Beziehung bin. Der Druck, dass ich mich verändern muss, damit unsere Beziehung glücklicher wird, hat mich unglaublich belastet. Ich wusste nicht, was ich tun soll, denn ich kann nicht aus meiner Haut.

 

 

MINDO: Woher kommt diese Wahrnehmung?

 

DEBORA: Oft beginnt das schon in der Kindheit. Da wird man in der Schule für die mündliche Teilnahme bewertet. Für viele Intros gibt es kaum etwas Schlimmeres, als sich öffentlich zu blamieren. In solchen Situationen fühlen sie sich oft nicht sicher und wollen nicht bloßgestellt werden. Wenn ich mir bei einer Frage in der Schule nur zu 98 Prozent sicher war, habe ich mich nicht gemeldet. Rolf dagegen hat schon seinen Arm gehoben, bevor der Lehrer überhaupt die Frage zu Ende gestellt hat. Dann wird ein Kind, das qualitativ gute Antworten geben könnte, aber sich nicht traut, schlecht bewertet. Das macht etwas mit einem. Oder dass man permanent hört: „Du solltest dich mehr einbringen …“ Das gilt auch bei Aussagen in der Arbeitswelt wie: „Du musst dich gut vermarkten können …“ Da herrscht ganz klar das extravertierte Ideal. Wenn du dann nicht weißt, wieso du bist, wie du bist, und nicht für dich eintreten kannst beziehungsweise das niemand sonst für dich tut, gehst du unter. Dann verhärtet sich das Gefühl: Ich bin falsch, ich müsste anders sein. Dass Introversion mit einem Defizit assoziiert wird, ist auch geschichtlich begründet. 2010 wurde sogar diskutiert, Introversion in die nächste Ausgabe der „Diagnosebibel für psychische Störungen“ aufzunehmen. Letztlich wurde sie jedoch nicht als psychische Störung aufgenommen.

Dass unsere Beziehungen wegen unserer Persönlichkeiten nicht funktionieren, ist eine Lebenslüge.

ROLF: Über dieses Ideal habe ich in meiner Masterarbeit geschrieben. In verschiedenen gängigen Persönlichkeits-Tests wird Introversion als Mangel dargestellt, nicht als zentrales Persönlichkeitsmerkmal. Das zeigt, wie stark die Gesellschaft Extraversion als Ideal darstellt.

 

DEBORA: Auch in meiner Identität als Geschöpf Gottes brauchte es einen Heilungsweg. Über Jahre war es meine Überzeugung, dass meine Introversion – und auch meine Hochsensibilität – meinen Dienst im Reich Gottes hindern oder mich sogar dafür disqualifizieren. Es ist mein Herzensanliegen, Menschen zu helfen, diese Blockaden auszuräumen. Damit sie in das hineintreten können, was Gott für sie vorbereitet hat – mit ihrer Persönlichkeit.

 

 

MINDO: Inwiefern gilt das auch für Beziehungen?

 

DEBORA: Dass unsere Beziehungen wegen unserer Persönlichkeiten nicht funktionieren, ist auch eine Lebenslüge. Ja, es stellen sich gewisse Herausforderungen. Dann geht es um die Frage, ob wir uns hier miteinander auf einen Weg machen. Solange ich keinen Frieden mit meiner Persönlichkeit habe, ist das schwierig. Erst, wenn ich mit meiner Persönlichkeit im Reinen bin, ist Augenhöhe in Beziehungen möglich. Ich dachte immer, die Last liegt bei mir. Als ich mit Gottes Hilfe heil geworden bin, konnten wir uns als gleichwertige Persönlichkeiten begegnen. Sonst ist es immer ein Gefälle. Auch Rolf musste dahinkommen, dass ich mich nicht verändern muss. Erst heute sind wir so auf Augenhöhe unterwegs und das war auch für uns ein Weg.

 

 

MINDO: Vielen Dank euch für das Gespräch.

 

 

Die Fragen stellte Andrea Specht.

 

 

 

DR. DEBORA SOMMER & ROLF SOMMER

Debora (Jg. 1974) ist Theologin, Autorin zahlreicher Bücher, Eventsprecherin und Menschenbegleiterin. Rolf (Jg. 1966) ist Paar- und Krisencoach, freiberuflicher Theologe und hat einen MAS in Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung. Die beiden leben im Schweizer Mittelland und sind Eltern von zwei jungen Erwachsenen.

 

 

 

Gemeinsam haben sie den Beziehungsratgeber „Intro liebt Extro – Beziehungsdynamiken verstehen und daran reifen“ verfasst, der vor kurzem im Hänssler Verlag erschienen ist.

 

MEHR UNTER: https://deborasommer.com/intro_liebt_extro/

 

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