MINDO: Herr Willberg, Corona beschäftigt uns nun seit gut einem Jahr und mittlerweile wissen wir recht viel über das Virus. Doch trotz der breiten Aufklärung blühen die Verschwörungstheorien nicht seltener, sondern immer wilder. Warum?

 

DR. HANS-ARVED WILLBERG: Es geht um die Frage, was wahr ist. Verschwörungstheorien entstehen aus dem Vorurteil, dass Menschen mit viel Einfluss in der Öffentlichkeit – Wissenschaftler, Politiker, Unternehmer, Journalisten und so weiter – bewusst, koordiniert und mit heimlichen schlimmen Zielsetzungen Informationen als Wahrheit verbreiten, die in Wirklichkeit Lügen sind. Davon ausgehend raffen Verschwörungstheoretiker alle Indizien zusammen, die ihr Vorurteil zu bestätigen scheinen. Das wird massiv und gezielt unterstützt durch die Propaganda von Machtpersonen, die danach streben, das Vertrauen in die tragenden Institutionen der Demokratie auszuhöhlen, um ihre egoistischen und ideologischen Ziele durchzusetzen.

 

 

Warum sind Menschen vor allem in Krisenzeiten offen für solche Theorien?

 

WILLBERG: Man könnte meinen, dass besonders solche Krisen und Ausnahmesituationen die Menschen dafür anfällig werden ließen. Ich glaube aber, dass durch sie lediglich die Flammen von Verschwörungstheorien noch stärker entfacht werden, wie wenn der Wind ins Feuer bläst. Erst einmal entzündet wird das Feuer weitgehend unabhängig von den tatsächlichen Krisen. Die dienen zunächst nur als Brennmaterial. Denen, die zündeln, ist es relativ egal, ob die Krisen wirklich leidvoll sind oder aufgebauschte Halbwahrheiten und Mythen. Hauptsache, es brennt! Das heißt: Hauptsache, sie können damit vielen bei Menschen Eindruck machen und Macht gewinnen.

 

 

Sind bestimmte Menschen anfälliger als andere?

 

WILLBERG: Ich fürchte, dass die Anfälligkeit sehr weit geht, ähnlich wie die Anfälligkeit für Viren. Darum können auch Verschwörungstheorien epidemische Ausmaße annehmen. Das zeigt sich immer, wenn sie sich auf breiter Front durchsetzen. Spätestens dann sind wirklich alle möglichen Leute Feuer und Flamme dafür. Ich würde sagen, dass Verschwörungstheorien grundsätzlich dorthin tendieren. Wenn sie nicht aufgehalten werden, verbreiten sie sich und schaukeln sich auf. Ob das geschieht oder nicht, hängt vom Widerstand ab und davon, wie wichtig und attraktiv den Menschen die Verschwörungsthemen erscheinen. Sehr attraktiv und scheinbar wichtig scheint es stets zu sein, sich zu den tapferen Guten zählen zu können, die miteinander dazu berufen sind, den im Verborgenen agierenden mächtigen Bösen das Handwerk zu legen. Mit Vorliebe wird das übrigens seit jeher „den Juden“ angedichtet.

 

 

Gib es Hoffnung? Sprich: Kann man einem Verschwörungstheoretiker freundlich und doch auch bestimmt den Wind aus den Segeln nehmen?

 

WILLBERG: Ja, das hätten wir gern, und dazu machen auch immer wieder Psychologen Mut, wenn sie sich zu diesem Thema äußern. Wenn es gelingt, ist es optimal, aber ich fürchte, dass es nur selten gelingt und allermeist nur bei Sympathisanten von Verschwörungstheorien, die selbst noch oder wieder Zweifel daran haben. Man braucht innere Ruhe, Souveränität und das Gespür dafür, dass der Zeitpunkt für ein Gespräch günstig ist. Es ist wichtig, sich nicht provozieren und verunsichern zu lassen.

 

Ohne souveränen Widerstand als Grundlage wird man in der Regel mit gewinnender Freundlichkeit nicht weit kommen.

Was aber tun, wenn es sich dabei um jemanden aus der Familie oder dem engeren Freundeskreis handelt?

 

WILLBERG: Verschwörungstheorien sind unvernünftig, aber ihre Vertreter geben sich so, als verfügten sie über ein besonders vernünftiges Wissen. Als „höhere Vernunft“ auftretende Unvernunft ist ja ein durchaus häufig auftretendes Phänomen in Familien und anderen sozialen Verhältnissen. Pubertierende benehmen sich mitunter so, als hätten sie die Weisheit mit Löffeln gegessen, wahnhaft Kranke beharren auf ihren seltsamen Erkenntnissen, autoritäre Eltern verordnen ihren Kindern „Wahrheiten“, die keine sind. In all diesen Fällen vereinen sich Unvernunft und Uneinsichtigkeit, die sich als Rechthaberei äußert – und in all diesen Fällen ist das empathische freundlich-gewinnende Gespräch zweifellos das Beste, aber in der Realität viel eher das Ziel als der Weg. Damit es überhaupt möglich wird, ist erst einmal eine starke Positionierung vonnöten, und die kann folgendermaßen aussehen:

 

Erstens: Ich gebe dieser Person eine klare Information darüber, wie es mir mit ihrem Auftritt geht. Zum Beispiel: „Ich kann deiner Ansicht überhaupt nichts abgewinnen und muss ehrlich sagen, dass ich mich sehr darüber ärgere.“ Wie klar ich das vermittle hängt davon ab, wie souverän ich dabei bleiben kann. Wichtig ist aber vor allem, dass der andere von nun an weiß, was ich darüber denke und wie sich das für mich anfühlt.

 

Zweitens: Wenn es sich um ein Verhalten handelt, das mich und andere in der sozialen Gruppe unfair einengt, definiere ich klare Grenzen und sorge dafür, dass sie eingehalten werden, das heißt: ich brauche auch Maßnahmen zu ihrer Sicherung.

 

Und drittens: Auf dieser starken Basis kann ich mich dem andern wieder persönlich zuwenden: „Ich bin gern zu einem vernünftigen, sachlichen Gespräch bereit, wenn du es wünschst. Außerdem gestehe ich dir zu, deine Meinung weiter zu pflegen, solange du dich an die Grenzen hältst. Leider kann ich aber nichts daran ändern, dass es unsere Beziehung ziemlich belastet.“

 

 

Und zuletzt: Warum ist es für uns als Gesellschaft wichtig, solche Ansichten zu konfrontieren?

 

WILLBERG: Weil derartige Unwahrheiten, wenn sie Raum gewinnen, irgendwann gefährlich für unser Zusammenleben werden. Daher hoffe ich, dass aus obigen drei Verhaltensvorschlägen deutlich wird, was ich für das Vorrangige im Blick auf den Umgang mit Verschwörungstheoretikern halte: Souveränen Widerstand. Ohne diese Grundlage wird man in der Regel mit gewinnender Freundlichkeit nicht weit kommen.

 

Das sehe ich auch als die Priorität für den politischen und überhaupt allen öffentlichen Umgang mit Verschwörungstheoretikern: Ein kompromissloses und durchaus auch emotionales Nein zu dem gefährlichen Unsinn, den sie vertreten. Dazu klare und bei Übertretung schmerzhafte Grenzen für ethisch und rechtlich unakzeptables Verhalten, das sie ihrer Ansichten wegen zeigen. Und dann erst kommt die Dialogbereitschaft.

 

Sie haben es oben in Ihrer Frage richtig formuliert: Es geht darum, Verschwörungstheoretikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Und das gelingt am besten, wenn sie nachhaltig erleben, dass sie mit ihren kruden Ideen längst nicht den erwünschten Anklang, dafür aber überraschend viel unangenehmen Widerstand erfahren – von Menschen, die dabei ruhig und sachlich bleiben und somit ihre eigene Glaubwürdigkeit nicht aufs Spiel setzen.

 

 

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Die Fragen stellte Sabine Müller.

DR. PHIL. HANS-ARVED WILLBERG

ist Sozial- und Verhaltenswissenschaftler, Theologe M.A. und M.Th., Philosoph M.A., Rational-Emotiver Verhaltenstherapeut & Coach (DIREKT e.V.); seit vielen Jahren Praktiker in Seelsorge, Coaching, psychologischer Beratung und Seelsorgeausbildung.

 

www.life-consult.org

 

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