Wie heißt’s?

„Homosexualität und christlicher Glaube: ein Beziehungsdrama“

 

Wer hat’s geschrieben?

Dr. Martin Grabe ist Ärztlicher Direktor der „Klinik Hohe Mark“ in Oberursel, wo er die Abteilung Psychotherapie und Psychosomatik sowie ein Weiterbildungsinstitut für Psychotherapie leitet. Darüber hinaus ist er Vorsitzender der Akademie für Psychotherapie und Seelsorge (APS), hat Lehraufträge in Masterstudiengängen im Fach „Praktische Theologie“ und ist Mitherausgeber der Zeitschrift „P & S – Magazin für Psychologie und Seelsorge“. Grabe ist verheiratet und hat vier Kinder.

 

Worum geht’s?

„Dürfen Christen, die die Bibel als Gottes verbindliches Wort auch in Fragen der Sexualethik betrachten, Homosexualität bejahen und – falls sie selbst betroffen sind – diese im Rahmen einer verbindlichen Beziehung (sprich: einer Ehe) auch ausleben?“ – Um nur weniges wird in der (vorwiegend) evangelikalen Welt zurzeit wohl kontroverser und leidenschaftlicher gestritten, als um die richtige Antwort auf dieses heiße Eisen. Nicht von ungefähr: Kaum ein Thema ist mit so vielen menschlichen und gesellschaftlichen, vor allem aber auch geistlichen Ängsten behaftet wie Homosexualität, dementsprechend stark polarisiert es. Homosexualität und Glaube – das ist tatsächlich weithin genau das Beziehungsdrama, das der Buchtitel nahelegt.

 

Martin Grabe kennt den Kampf, den Christen, die sich an der Bibel orientieren wollen, im Blick auf dieses Thema führen, nur zu gut. Lange Zeit vertrat auch er die theologisch traditionelle Position, die zwar dafür plädiert, homosexuell empfindenden Menschen Wertschätzung entgegenzubringen, die aber gleichzeitig jegliche Form des Auslebens von Homosexualität als sündhaft versteht und darum von Betroffenen einen zölibatären Lebensstil erwartet.

 

Als Therapeut kennt er jedoch auch die andere Seite: das oft jahrzehntelange Leiden betroffener Christen und Christinnen, die verzweifelt versuchen, ihre sexuelle Identität und ihren Glauben miteinander zu versöhnen. Etwas, das in der Praxis nahezu unmöglich ist, und daher nicht selten im Zerbrechen des Glaubens oder aber im psychischen Zerbrechen des Betroffenen endet.

 

Im Buch nimmt Grabe den Leser mit auf die persönliche Reise, die er in den letzten Jahren als Christ und Therapeut unternommen hat: hinein in das schmerzhafte Erleben homosexueller Christen, hinein in seine Erfahrungen mit den Grenzen sogenannter „Konversions-Therapien“, hinein in die neuesten Erkenntnisse aus Medizin und Forschung. Vor allem aber hinein in seine theologische Auseinandersetzung, die darin mündete, dass er zu einer neuen Bewertung kam.

 

Wie ich es finde.

Ein unerwartetes, ein mutiges, ein wichtiges Buch. Denn bisher haben sich im deutschsprachigen Raum nur wenige (keine?) evangelikale Theologen oder Therapeuten so eindeutig für die Akzeptanz homosexueller Partnerschaften im christlichen Kontext ausgesprochen wie Martin Grabe es auf den vorliegenden 96 Seiten tut. Jedenfalls bieten seine Schlussfolgerungen jede Menge Sprengstoff für eine bisher doch eher einseitig geführte Diskussion.

 

Was das Buch so nachdenkenswert macht, ist, dass sich hier nicht irgendjemand unreflektiert äußert, sondern dass sich vielmehr ein Arzt, Therapeut und evangelikal geprägter Christ zu Wort meldet. Ein Mensch, der sich, berührt vom Schmerz seiner homosexuellen Mitchristen, auf die Suche nach Antworten gemacht hat. Einer, der es sich nicht leicht gemacht hat. Einer, der seine vermeintlich sichere Position verlassen und sich von persönlichen Begegnungen, vor allem aber von intensivem theologischen Nachdenken hat hinterfragen lassen. Und der sich im Verlauf mehrerer Jahre vom Nein zum Ja und von der Ablehnung zur Unterstützung homosexueller Partnerschaften gearbeitet hat.

 

Die Kürze, in der Martin Grabe diese herausfordernde Thematik abhandelt, macht einerseits die Würze des Buches aus und kann gleichsam zum Stolperstein werden. Vor allem seine theologische Argumentation wird in ihrer Knappheit jene, die eher der traditionellen Auslegung folgen, womöglich nicht überzeugen.

 

Bei allem bleibt: Grabe lädt ein, tradierte Positionen nicht unhinterfragt zu lassen, neue Erkenntnisse aus Biologie und Psychologie in den Blick zu nehmen und auch andere Lesarten der betreffenden Bibelstellen zumindest mitzudenken.

 

Wer sollte es lesen?

Jeder menschlich und geistlich redliche Christ sollte sich im Rahmen seiner Möglichkeiten zumindest einmal ernsthaft und offen mit der Thematik auseinandergesetzt haben. Es wird in den nächsten Jahren sicher nur wenige Fragen geben, die vom evangelikalen (und sicher auch katholischen) Teil der Christenheit kontroverser diskutiert werden, als die Frage danach, ob das Thema Homosexualität neu bewertet werden muss und ob und wie homosexuelle Christen ihren Platz in der Gemeinde finden. Das Buch von Martin Grabe ist eine erste Handreichung, sich dem Thema aus einer anderen als der theologisch traditionellen Perspektive zu nähern. Welchen Standpunkt man auch einnehmen mag – es bleibt nicht zuletzt eine Frage der Barmherzigkeit und Liebe, dass Christen einander immer wieder zuhören, mutig nachdenken und, falls nötig, auch neu Position beziehen. So langwierig und schwierig dieser Prozess auch sein mag.

 

Wo ist es erschienen?

Verlag der Francke-Buchhandlung (Marburg), 96 Seiten, gebunden, EUR 10,95

 

 

SABINE MÜLLER ist Redaktionsleiterin des MINDO Magazins.  

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