Hallo Junior, 

wie war Weihnachten damals, zu deiner Zeit, am Ende des großen Krieges? Klar, die Adventszeit war die Zeit der Wunschzettel, die du für den Weihnachtsmann geschrieben hast. Du wurdest angehalten, „schön“ zu schreiben, damit der Weihnachtsmann deine Kinderschrift auch lesen konnte. Aber irgendwie hattest du dich schon von dieser Vorstellung vom Weihnachtsmann, der die Geschenke bringt, verabschiedet. Du meintest, völlig zu Recht, wie sich später herausstellte, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Du hattest beim letzten Weihnachtsfest ausgemacht, dass Onkel Erich unter dem roten Mantel und diesem seltsamen Wattebart steckte. Durch seine Schuhe und seine Stimme, auch wenn sie verstellt war, hatte er sich verraten. Du hast trotzdem deine Wünsche an den Weihnachtsmann aufgeschrieben. Die Geschenke waren schließlich wichtig, egal von wem sie gebracht wurden …

 

Weihnachten – Zeit der Familie

Dass Weihnachten „das Familienfest“ ist, darüber ist man sich seit Jahrhunderten zumindest in der westlich geprägten Kultur einig. Das hast du auch zu deiner Zeit gehört. Aber die Sache mit den vier Kerzen, die Sonntag um Sonntag angezündet wurden, konnte dir niemand so richtig erklären. Die Eltern hatten ja selbst keine Ahnung. Aber irgendwie hatte es ja auch etwas: Kerzenschein, eine warme Stube, während draußen Väterchen Frost das Wetter bestimmte, und die leckeren Kekse, die Oma gebacken und der Familie geschenkt hatte.

Du warst hin- und hergerissen. Irgendwie war das mit den weihnachtlichen Zutaten ja ganz nett. Aber es war auch ganz schön sonderbar. „Besinnlichkeit“ sollte einkehren. Du hast damals nicht verstanden, was das eigentlich ist. Sich besinnen braucht ja Zeit, stille sein und Nachdenken. Aber das Gegenteil trat ein: eine große Hektik ergriff die Familie und deine Umgebung. Da waren die verschiedensten Weihnachtsfeiern, die von den Erwachsenen deiner Familie wahrgenommen wurden: im Betrieb, im Verein, in der Nachbarschaft, und ja, auch in der Kirche. Und manchmal kam Vater beschwipst und leicht angetrunken nach Hause. Ist ja bald Weihnachten und da muss eben gefeiert werden …

 

Weihnachten – Zeit des luxuriösen Genusses

Junior, lass mich in die 1960er- und 1970er-Jahre springen. Konsumkritik gab es auch schon damals aus bestimmten Kreisen. Ein Spruch aus dieser Zeit lautet: „Wenn es Weihnachten nicht schon gegeben hätte, hätte der Einzelhandel es erfinden müssen.“ Heute denken wir in Kategorien von Nachhaltigkeit und Verpackungsmüll. Das war damals noch nicht so im Blick.

Heute staune ich über den Einfallsreichtum der Online-Branche und der Supermärkte, mit dem sie uns gelangweilten Verbrauchern das Weihnachtsgeld aus der Tasche ziehen wollen. Gern werden die „Weihnachtsklassiker“ umgeschrieben, um die weihnachtlichen Sonderangebote zu bewerben und neuerdings versuchen sich Jahr um Jahr die Supermarktketten mit dem witzigsten oder aber herzerwärmendsten Werbespot zu überbieten …

Warum soll ich ausgerechnet zu Weihnachten Mitmenschlichkeit beweisen? Warum nicht einfach das ganze Jahr über Menschen lieben und ihnen das Leben erleichtern?
Weihnachten – Zeit der Mitmenschlichkeit

Zu keiner Zeit des Jahres nehmen Spendensammler so viel ein wie zur Weihnachtszeit. Große Fernseh-Galas generieren Millionenbeträge. Postbotinnen und Briefträger tragen Bitten um Spenden für diese oder jene gute Sache ins Haus. Manchmal werden dir auch kleine Geschenke oder Kartensets ins Haus geschickt mit dem diskreten Hinweis, dass du mit einer Spende die Kosten der Aktion decken kannst. Ich frage mich dabei immer nur: Warum soll ich ausgerechnet zu Weihnachten Mitmenschlichkeit beweisen? Warum nicht einfach das ganze Jahr über Menschen lieben und ihnen das Leben erleichtern?

Seitdem ich 1959 Christ geworden bin, lernte ich immer besser die Bibel kennen. Sie ist tatsächlich ein Handbuch für das Leben. Ich lernte das Evangelium kennen, in dem uns ein menschenfreundlicher Jesus uns begegnet. Seit damals fasziniert mich die Zusammenfassung des Evangeliums, wie sie Paulus seinem Schüler Titus gegenüber formuliert: „Als aber die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, unseres Retters, erschien, nicht aufgrund von gerechten Taten, die wir getan hätten, sondern weil er Erbarmen hatte mit uns, da rettete er uns durch das Bad der Wiedergeburt und durch die Erneuerung im heiligen Geist, den er in reichem Masse über uns ausgegossen hat, durch Jesus Christus, unseren Retter, damit wir, durch seine Gnade gerecht gemacht, das ewige Leben erben, auf das wir unsere Hoffnung gesetzt haben.“ (Titus 3,4–7)

 

Diese Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes habe ich erlebt – beim Lesen der Bibel, aber auch durch menschenfreundliche Exemplare von Gottes Bodenpersonal. Das hat mich verändert, nicht zuletzt meine Haltung gegenüber anderen Menschen – und zwar ganzjährig, nicht nur an Weihnachten. Gottes Erlösung ist alltagstauglich – mit und ohne Gefühle.

 

Weihnachten – Zeit der Weihnachtsflüchter

Vor einigen Jahren brachte ein Verlag ein „Weihnachtshasserbuch“ auf den Markt, das inzwischen mehrere Auflagen erlebt hat. Ironisch bis sarkastisch sind die Beschreibungen der Erfahrungen, die die Autoren beitragen. Sie nehmen die wohlige Gefühligkeit aufs Korn, die um die Weihnachtszeit den Verstand vieler Zeitgenossen wider besseres Wissen zu vernebeln droht. Sie entlarven die geschäftsmäßige Unehrlichkeit weihnachtlicher Klänge und Reden. Schon zum Jahreswechsel gibt es dann wieder „Business as usual“. Dann kehren wir wieder zurück zur Ellenbogengesellschaft, mit deren Regeln wir uns ja so gut auskennen.

Vor Weihnachten zu fliehen, ist keine Lösung. Denn uns selbst und die oft unbewusste Sehnsucht nach Erlösung von uns selbst tragen wir ja mit uns, wo auch immer wir uns befinden.

Nicht alle „hassen“ Weihnachten. Es gibt auch die sanftere Variante. In meiner Zeit in der Reisebranche habe ich sie kennengelernt, die „Weihnachtsflüchter“. Beliebte Ziele über die Weihnachtstage und den Jahreswechsel sind die Kanarischen Inseln, die Karibik, die südlichen Länder überhaupt. Viele geben das unumwunden zu: „Ich kann das ganze Weihnachtsgetue einfach nicht mehr ab. Ich muss hier raus!“ Nur einen Haken hat die Sache trotzdem: Unterwegs begegnen solche Reisende dann doch wieder einem geschmückten Weihnachtsbaum, einer Weihnachtsshow und dem Fünf-Gänge-Menü mit Weihnachtsgans …

 

Weihnachten zu hassen bindet nur negative Emotionen, die uns keine Entspannung verschaffen. Vor Weihnachten zu fliehen, ist auch keine Lösung. Denn uns selbst, unsere Hoffnung auf bessere Zeiten und die oft unbewusste Sehnsucht nach Erlösung von uns selbst tragen wir ja in uns, wo auch immer wir uns befinden.

 

Weihnachten – die ganzjährige Wirklichkeit

Es ist ein wenig wie Geschenke auspacken. Wenn wir alle Papiere, Bänder und Schnüre entfernt haben, kommt das eigentliche Geschenk zum Vorschein. In einer größeren Familie können dann unter dem Weihnachtsbaum große Mengen von Verpackungsmüll entstehen. Doch die werden dann einfach entsorgt. Denn letztlich zählt nur eins: Das Geschenk selbst!

 

Was ist nun die Wirklichkeit von Weihnachten? Schließlich wissen wir, dass die ersten Christen Weihnachten gar nicht gefeiert haben, wie wir es kennen. Vielleicht konnten sie sich auch deswegen mehr als wir heute über das Geschenk Gottes an uns Menschen freuen – über Jesus Christus, der kam, um uns zu erlösen. Das war und ist nötig, denn nur das Kind in der Weihnachtskrippe ist unschuldig, nicht aber wir Menschen, zu denen es kam.

 

Wir feiern also eigentlich den Geburtstag von Jesus. Er kam aus Gottes Welt in unsere Welt, um Rettung anzubieten. Die brauchen wir nämlich, um die Menschen zu werden, wie Gott sie sich bei der Schöpfung gedacht hat. Und wir feiern auch den Namen, den er  bekommen hat: Immanuel, der übersetzt heißt „Gott ist mit uns“. Seit er kam, muss niemand mehr einsam sein.

 

Das ist Weihnachten heute für mich, Junior. Mit der Verpackung und dem ganzen Drumherum habe ich nichts am Hut. Aber den Kern von Weihnachten, den liebe ich:

 

Jesus wurde für die Welt  geboren. Auch für mich.

 

Jesus hat meine Sünden auf sich genommen und sie ans Kreuz getragen.

 

Jesus ist immer bei mir, ja durch seinen Heiligen Geist sogar in mir – an guten wie an schlechten Tagen.

 

Jesus überwindet das Böse in mir und macht mich immer mehr zu einem Menschen, wie Gott ihn sich wünscht: zu einem „Mit-Mensch“, der anderen zur Seite steht, so wie Jesus mir zur Seite steht.

 

 

Darum wünsche ich heute vielen „Frohe Weihnachten!“ – mit oder ohne Verpackungsmüll, ganz wie jede und jeder es mag.

 

Dein weihnachtlicher Senior

Heinz-Martin Adler

verheiratet mit Margret, Vater, Großvater und Urgroßvater, war Verlagsmitarbeiter, Geschäftsführer, Trainer und Erwachsenenbildner und befindet sich heute im aktiven Unruhestand. 

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