Im Zug wird ein junges Mädchen von einer Horde Halbstarker angepöbelt und keiner schreitet ein – ich auch nicht. Meine Freundin rastet aus und brüllt ihre Kinder an – ich schaue weg. Im Büro hält der Chef trotz knapper Zeit mal wieder Dauermonologe. Niemand unterbricht ihn – ich auch nicht! Wie ist das mit dieser geheimnisvollen Hand, die uns zurückhalten will, wenn Handeln angesagt wäre? Was will sie uns vermitteln? Und wie entkommen wir ihrer Macht?   Psychologen sind sich weitgehend darüber einig, was man tun muss, wenn man in eine Gefahrensituation kommt und niemand helfen will: „Personalisiere und konkretisiere den Hilferuf!“ Das junge Mädchen müsste also aufstehen, zu einem geeigneten Beschützer im Zugabteil gehen und diesen konkret bitten: „Würden Sie mir bitte helfen, bei der nächsten Station ungehindert auszusteigen?“ Diese konkrete Ansprache würde dem Mann die „schützende Hand der Anonymität“ von der Schulter nehmen und ihn dazu bringen, ausreichend mutig zu sein, um zu helfen.   Unser Unterbewusstsein will uns schützen. Es (er-)findet also alle möglichen Gründe, uns am Handeln zu hindern – gute und weniger gute, wahre und überzogene: „Sollen doch die Anderen helfen – ich muss sowieso gleich aussteigen“, „Der Typ dahinten ist viel besser geeignet als ich“, „Wenn ich eingreife, könnte ich sterben!“ Werde ich jedoch persönlich aufgefordert, zu helfen, übernimmt mein Bewusstsein die Kontrolle über die Situation und ich kann mir bewusst machen, für welche Werte ich stehe, was ich konkret leisten kann und welche Konsequenzen meinem Eingreifen einigermaßen realistisch folgen werden.

Unser Unterbewusstsein will uns schützen. Es (er-)findet also alle möglichen Gründe, uns am Handeln zu hindern – gute und weniger gute, wahre und überzogene.

Nun wird meine jähzornige Freundin mich vermutlich nicht bitten, sie zu stoppen. Und es ist ebenso eher unwahrscheinlich, dass mein selbstverliebter Chef mich auffordern wird ihn, zu unterbrechen. In diesen Fällen muss ich das also schon selber tun. Gegenüber meinen unbewussten und meist überzogenen Ängsten, funktioniert die Selbstansprache oft genauso gut: „Welche charmante, aber gleichzeitig klare Intervention würde meinem Chef helfen, zurück zum Thema zu kommen?“, „Warum sollte ich mir die Gelegenheit entgehen lassen, die Runde mit Mut und Entschlossenheit zu beeindrucken?“, „Was habe ich denn schon zu befürchten?“   Wenn ich einen Moment konkret nachdenke, habe ich meist auch etwas zu sagen. Wie wertvoll mein Beitrag ist, erkenne ich realistischer, wenn ich die unterbewusst aufkommenden, entwertenden Botschaften vergangener Verletzungen als überzogen entlarve und in mir unterbreche.   Und wer weiß? Vielleicht kann ich die Zivilcourage, die ich im Kleinen im Berufsalltag eingeübt habe, auch aktivieren, wenn ein anderer Mensch sie dringend braucht. Im Büro, in der Familie, im Zug.

Kristian Furch

ist Partner bei der Führungsberatung „LeadershipPartners“, die Unternehmen bei der strukturellen und individuellen Umsetzung von guter Führung unterstützt.   leadership-partners.com  

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