Ein Glaube, der uns an Leib und Seele guttut – was gehört dazu? Für die Rubrik „Heilsam glauben“ stellen wir an dieser Stelle regelmäßig den unterschiedlichsten Menschen dieselben Fragen und bekommen im Gegenzug stets ganz unterschiedliche und spannende Antworten. Heute: Pastor und Autor Christof Lenzen.

 

 

 

MINDO: Herr Lenzen, ein heilsamer Glaube, ein Glaube also, der wohltuende und heilende Impulse in unser Leben bringt – wie sieht der aus?

 

CHRISTOF LENZEN: Das ist ein Glaube, der in die Weite führt, der uns verwurzelt, der heilt, der sich nicht um Sünde dreht – denn diese wurde beseitigt am Kreuz –, hinter dem ein gesundes Gottesbild steht. Jesus zeigt uns dieses gesunde Gottesbild, wenn er sagt: „Wer mich sieht, sieht den Vater.“ Ein Glaube hingegen, der abgrenzt, einengt und Sündenmanagement im Zentrum hat, der wird nicht heilsam sein können, sondern nur vorhandene Schieflagen verstärken und gegen echte Gottesbegegnung immunisieren.

 

 

Ist der Wunsch, dass Glaube vor allem auch uns Menschen guttun muss, dem heutigen Zeitgeist geschuldet? Oder ist das biblische Wahrheit?

 

LENZEN: Natürlich bringt der „Zeitgeist“, den es übrigens ja zu jeder Zeit gab, heute zum Beispiel die Individualisierung mit sich. Es dreht sich mehr als früher um das Ego und um Selbstoptimierung. Auf diesem Weg missversteht man aber den Glauben und geht nicht auf dem Weg der Heilung.

Der gute Anteil daran ist aber, dass natürlich das „Ich“ der Bibel wichtig ist. Die Rettung ist ein ganzheitlicher Begriff, durch seine Wunden werden wir nicht nur gerettet, sondern auch geheilt. Insofern: Das Gute behalten – die Fehlformen des Zeitgeistes getrost zur Seite legen. Und natürlich ist diese Heilung auch ein gemeinschaftlicher Akt – die Gruppe der Glaubenden, der Seelsorger, all das ist nötig für einen ganzheitlichen Prozess der Heilung.

Wir sollten das Gute behalten und die Fehlformen des Zeitgeistes getrost zur Seite legen.

Welche ungesunden Glaubenssätze und Gottesbilder, die Menschen mit sich herumschleppen, sind Ihrer Beobachtung nach denn am weitesten verbreitet?

 

LENZEN: „Es dreht sich alles um mich“ und „Es dreht sich nichts um mich“, beides. Das eine ist eine ungesunde Zentrierung auf die eigenen Bedürfnisse und fast schon eine Verwöhnungsverwahrlosung; das Zweite entspringt dem verletzten, verzagten Herzen, das keine gesunde Identität bilden durfte.

Insgesamt beobachte ich, dass bei den Gottesbildern der zornige Gott immer weiter zurücktritt. Gut so! Denn in Christus begegnet uns ein anderer Gott. Andererseits haben stattdessen viele Christen uneingestanden das Bild eines harmlosen Gottes „gewonnen“ – und das tut auch nicht gut! Wir sind oft praktische Atheisten, die nicht mehr damit rechnen, dass Gott leidenschaftlich interessiert ist am Alltag unseres Lebens.

 

 

Manche Kritiker werfen dem christlichen Glauben vor, dass er nicht heilsam sei, sondern im Gegenteil: dass er Menschen unfrei mache und manchmal sogar krank. Was entgegnen Sie darauf?

 

LENZEN: Religionen können krank machen, natürlich. Es hängt am Gottesbild: Nutze ich den Glauben und mein Gottesbild, um mich abzusichern und um Schmerz zu vermeiden – dann ist es toxisch. Dann verzwecke ich den Glauben. Schlechte Religion hat die dumme Eigenschaft, das Dunkle im Menschen eher noch zu verstärken. Überhöhte moralische Normen sorgen für eine größere Fallhöhe. Deswegen werden Fassaden aufgebaut, Pharisäismus droht. Das alles ist nicht lustig! Und deswegen halte ich es mit C. S. Lewis, der das Evangelium als „Ende der Religion“ bezeichnete. Dennoch kann natürlich der christliche Glaube ebenso verzweckt und pervertiert werden.

 

 

Wenn nun aber jemand bemerkt, dass sein Glaube ihn in der Tat mehr verletzt, als dass er ihn heil macht – was raten Sie diesem Menschen?

 

LENZEN: „Geh auf Null! Schmeiß dein Gottesbild weg. Such dir einen weisen geistlichen Begleiter und schau deinen Glauben an. Schau deine Persönlichkeitsstruktur an. Entdecke deine Glaubenssätze. Werde ehrlich und verletzlich. Entdecke Jesus neu als Freund, Herrn, Begleiter – der dein Bestes will.“ – Radikale Bestandsaufnahme. Gnade pur. Nur so kann es gelingen, die Glaubensvergiftung loszuwerden.

 

 

Was kann ich selbst dazu tun, dass mein Glaube wahrhaftiger und im wahrsten Sinne des Wortes „Heil bringend“ für mich und andere wird?

 

LENZEN: Als Erstes würde ich sagen: Finde eine christliche Gemeinde, in der du ehrlich werden kannst, zumindest in einem Hauskreis oder in persönlichen Beziehungen. Wo du keine fromme Show abziehen musst. Suche dir einen geistlichen Mentor. Wir brauchen die Außenwahrnehmung. Frage Freunde, besonders die, die keine Christen sind, wie sie dich und deinen Glauben wahrnehmen. Frage dich, ob dein Glaube in den letzten zehn Jahren leidenschaftlicher, weiter, entspannter und froher geworden ist. Solche Fragen führen auf die richtige Fährte.

 

 

Und zuletzt: In welchem Bereich Ihres Lebens hat der Glaube Sie ganz persönlich heiler gemacht?

 

LENZEN: Ganz sicher im Bereich Beziehungen. Und in Bezug auf mein Selbstbild. Heilung der Wunden der Vergangenheit. Dafür bin ich Jesus und der frohen Botschaft unendlich dankbar!

 

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Die Fragen stellte Sabine Müller.

Christof Lenzen

verheiratet mit Eva, Papa von zwei Kids und eines Bonussohns, ist Pastor der FeG Gera, Buchautor und Teil des Aufatmen-Redaktionsteams.

 

www.wegbegleiter.wordpress.com

Das könnte Sie auch interessieren