MINDO: Herr Pepper, ein heilsamer Glaube, der gute Impulse in unser Leben bringt – wie sieht der für Sie aus?

 

MARTIN PEPPER: Heilsamer Glaube braucht ein heilsames Gottesbild im Zentrum. Und das kann nur ein Bild der Liebe sein, denn im Zentrum der Selbstoffenbarung Gottes durch Jesus steht die erlösende Liebe. Gleichzeitig darf Gott nicht auf einen Mechanismus des Heilens reduziert werden. Wer nur darauf fixiert ist, wird die Realität vieler komplexer Zusammenhänge verdrängen. Leid gehört zu unserem Dasein, deshalb darf gesunder Glaube nicht euphorisch sein. Er braucht eine Grundakzeptanz des Laufs der Dinge, auch wenn wir durch Gebet eine „nach oben hin offene Wirklichkeit“ haben. Wir dürfen nicht den Fehler machen, uns mit der Bibel eine andere Welt ertrotzen zu wollen. Sie ist zwar voller Verheißungen über das geheimnisvolle und Hoffnung spendende Wirken Gottes, aber kein Zauberkasten für das Erstellen von Luftschlössern. Wir müssen auf dem Boden der Tatsachen bleiben.

 

 

Ist der Wunsch, dass Glaube vor allem auch uns Menschen guttun muss, dem heutigen Zeitgeist geschuldet – oder ist das biblische Wahrheit?

 

Das Wort „Zeitgeist“ wird manchmal pauschal in den Kontrast zur Bibel gestellt, was aber meines Erachtens weder wahr noch besonders weise ist. Biblische Wahrheit darf nicht blind zum höchsten Maßstab werden. Nur Jesus Christus selbst kann eine solche „letzte Wahrheit“ über Gott sein. Von ihm ausgehend muss man in der Bibel forschen, differenzieren und gewichten. Wer die Völkervernichtung der ersten Bücher, die Unterwerfungsphantasien der Feinde in den Psalmen, patriarchalische Herrschaftssysteme mit an den Rand gedrängten Frauen, das Zerschmettern der Kleinkinder Babylons an den Felsen und das Feuer vom Himmel über die Verächter des Glaubens gut findet, der mag vielleicht an „biblischer Wahrheit“ festhalten, aber Jesus-gemäß ist das nicht.

Jesus selbst schien das Wohl des Menschen Jesus über die formalen und gesetzlichen Interessen der Religion zu stellen. Der Sabbat war für ihn um des Menschen willen da, und nicht umgekehrt. Dabei steht der Sabbat doch sinnbildlich für das ganze Gesetz. Meint Jesus hier nicht: Wenn Gesetze Menschen nicht mehr helfen und heilsam umhegen, ist ihr Sinn ad absurdum geführt? Darum werde ich, wenn eine vermeintliche „biblische Wahrheit“ Menschen krankmacht und unreif in einer Vergangenheitssehnsucht fixiert, sie um Jesu willen anzweifeln und mich auch der Wut der „Gottesverteidiger“ stellen.

 

 

Welche ungesunden, ja vielleicht sogar krankmachenden Überzeugungen und Gottesbilder, die Menschen mit sich herumtragen, sind Ihrer Beobachtung nach am weitesten verbreitet?

 

Für viele Menschen scheint Gott ein Polizist zu sein, der alles, aber auch wirklich alles furchtbar ernst nimmt und es den Menschen kleinlich anrechnet. Aber Gott sieht uns nicht nur aus der Perspektive des Gesetzeshüters an, sondern bringt uns in seinem Blick auch mütterliche Wärme und echte interessierte, liebevoll zugewandte Aufmerksamkeit entgegen. Wenn ich daran denke, dass Gott mich sieht, wird mir warm ums Herz. Dieser Blick trägt und tröstet mich.

Gott ist weder Orwells Big Brother noch der Tätschel-Papa meiner Seele mit dem immer geöffneten Bankkonto für meine Gebetswunschwelt.

Gleichzeitig fordert Gott mich heraus und mutet mir die Konsequenzen meines Handelns zu. Ich verweichliche nicht durch ein überzogenes Gnadenverständnis, das mich immer nur gut findet und bestätigt.

Krankmachend finde ich auch eine Fixierung auf den Buchstaben bzw. eine bestimmte Lesart der Bibel. Es gibt darin keinen Raum für andere Abwägungen, für eine wertfreie Entfaltung des Denkens, für Experiment und Spiel. Es gibt kein entspannendes Verständnis dafür, dass das Leben sich so oder eben anders entwickeln kann. Es muss immer genau so sein, richtig oder falsch, gut oder böse, weiß oder schwarz, göttlich oder teuflisch. Menschen glauben dann entweder „richtig“ oder „gar nicht“. Wege sind dann entweder „geführt“ oder „Irrwege“ der Rebellion und des Eigensinns.

 

In der Bibel begegnet uns Gott nicht unmittelbar, sondern verschlüsselt und wird uns in einer Erfahrungswelt und Sprache ganz anderer Menschen vermittelt. Trotzdem kann und will Gott durch die Texte der Bibel zu uns sprechen. Der Buchstaben-Glaube aber will Gott total mit den Texten der Bibel identifizieren. Das kann auf die Dauer nicht gutgehen.

Der „Buchstaben-Gott“ ist zudem immer ein Gott der Vergangenheit. Er zwingt Menschen zurück in eine alte Welt mit ihren Ordnungen, die angeblich ewig gelten müssen. Der lebendige Gott ist aber immer auch der Gott der Gegenwart und der Zukunft. Er führt immer wieder über die bestehenden Verhältnisse hinaus in ein Verständnis der Welt, das zukunftsfroh und weltoffen ist. Der Geist Jesu durchbricht eine legalistische Buchstaben-Religion und führt in die Liebe, in die Barmherzigkeit und in das erlösende Handeln.

 

 

Nun werfen ja manche Kritiker insbesondere dem christlichen Glauben vor, dass er nicht heilsam sei, sondern im Gegenteil: dass er Menschen unfrei mache und manchmal sogar krank. Was entgegnen Sie darauf?

 

„Gott“ ist wahrscheinlich eines der am meisten missbrauchten Wörter der Welt und wir sollten nicht die falschen Dinge verteidigen, wenn Menschen eine geschichtlich häufig negativ besetzte Gestalt unseres Glaubens angreifen. Der erste Impuls auf solch einen Einwurf muss aus meiner Sicht ein demütiges „Ja, leider“ sein. In dem religiösen Konzept einer absoluten Macht oder Wahrheit liegt grundsätzlich eine hohe Problematik, vor allem, wenn es darum geht, wer diese definieren, vermitteln und repräsentieren darf. Nur in Jesus sehen wir ein gesundes Gottesbild und einen machtfreien Umgang mit der Religion. Seine Nachfolger haben leider auch immer wieder manches missverstanden.

 

 

Wenn nun aber jemand bemerkt, dass sein Glaube ihn in der Tat mehr verletzt, als dass er ihn heil macht – was raten Sie diesem Menschen?

 

Umdenken! Die Gedanken sind frei. Sich nicht einschüchtern lassen. Absolute Behauptungen hinterfragen, Alternativen suchen, die das Heilende und Liebevolle in Gott mit dem scheinbar Drohenden und Konfrontativen in eine Balance bringen. Lernen, sich selber neu in seinem Empfinden Vertrauen zu schenken und seine kritischen Überlegungen über Sinn und Gesundheit des Glaubens nicht als Verrat an Gott anzusehen.

 

 

Was kann ich selbst dazu tun, dass mein Glaube wahrhaftiger und im wahrsten Sinne des Wortes „Heil bringend“ für mich und andere wird?

 

Indem ich nicht „außengesteuert“ glaube, sondern die eigene innere Balance suche und finde. Das gelingt nur, wenn man sich von manipulativen Umfeldern löst. Man muss aufhören, sich einschüchtern und kleinmachen zu lassen. Dazu gehört der Mut des Aufbegehrens, der Wille zur Emanzipation und der Bruch mit falschen Gesetzlichkeiten.

Gemeinde ist keine Welt-freie Zone, auch wenn manche sie einem als so etwas verkaufen wollen.

Das darf allerdings nicht zur Fixierung auf die vollkommene Gestalt der Gemeinde werden. Gesundheit gedeiht nicht in einem sterilen Umfeld, sondern sie braucht die regelmäßige Bewältigung und Integration auch potenziell kranker Keime. Die ideale Gemeinde gibt es nirgendwo. „In der Welt habt ihr Bedrängnis“, sagt Jesus. Gemeinde ist keine Welt-freie Zone, auch wenn manche sie einem als so etwas verkaufen wollen. Es geht darum, das Bedrängende in der Welt zu überwinden, zu vermitteln und zu integrieren.

Um einen heilsamen Glauben zu entwickeln, empfehle ich eine Mischung aus vertrauensvollem persönlichen Beten und gewissen Bildungsanstrengungen. Jeder vernetzte Mensch hat heute Bibliotheken, Hörsäle, Einblicke in Gottesdienste und Predigtkulturen „in Klickweite“. Vor allem aber brauchen wir Kontakt zu lebendigen Gemeinschaften mit Menschen, die Gesundheit nicht gesetzlich über alles stellen, aber ihren Wert sehen und verstehen.

 

 

Und zuletzt: In welchem Bereich Ihres Lebens hat der Glaube Sie ganz persönlich heiler gemacht?

 

Seit ich meinen „Jugendglauben“ noch einmal ehrlich, offen und betend überdacht habe, nehme ich anders am Leben in dieser Welt teil. Ich habe mehr Verbündete in anderen christlichen Glaubenskontexten gefunden und auch darüber hinaus Lesens- und Liebenswertes in meiner Welt entdeckt. Ich stehe heute zu einer Ambivalenz der christlichen Erfahrung – nämlich, dass manches gesund und gut, manches problematisch und leidvoll ist –, fühle mich aber auch tiefer, dauerhafter und manchmal sogar inniger mit Gott verbunden als zuvor.

 

Ich habe persönliche Brüche und Krisen bewältigen und integrieren können und lerne immer mehr, mich mit meinen Ecken und Kanten zu versöhnen. Ich muss nur überwinden, was ich auch bewältigen kann. Darüber hinaus bin ich „in seinen Händen“. Ich werde gehalten, ohne mich kontrolliert zu fühlen. Das alles empfinde ich als einen Heilungsgewinn durch meinen Glauben.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Die Fragen stellte Inge Frantzen.

 

Martin Pepper

ist Songwriter, Theologe und Buchautor. Mit 21 Soloalben und mehr als 1000 Konzerten, hat er die deutschsprachige christliche Musikszene in den letzten drei Jahrzehnten entscheidend mitgeprägt.In seinem aktuellen Buch „Faszination Anbetung – Weil Gott mehr ist als ein Wort“ hat er 40 Jahre Lebenserfahrung zusammengefasst und einen umfassenden Einblick in die Vielfalt und den Reichtum christlicher Anbetung geschaffen.

 

www.martinpepper.de

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