MINDO: Ein heilsamer Glaube, der wohltuende und heilende Impulse in unser Leben bringt – wie sieht der aus?

 

HOLGER MIX: Heilsamer Glaube ist ein auf Christus ausgerichteter Glaube. Gott selber steht im Mittelpunkt und nicht ich. Wir brauchen einen Gott, der nicht durch meine Gefühle und Gedanken großgemacht werden muss, sondern dem ich in Anbetung und Staunen entgegentreten kann. Und in dieser Begegnung erlebe ich einen barmherzigen, liebevollen Vater, der alles für mich gegeben hat und gibt, der meine Sehnsucht kennt und mich in der Tiefe versteht. Damit der Glaube heilsam ist, brauchen wir eine Gottesfurcht, die unserer Menschenfurcht heilsam entgegentreten kann.

 

GEORGIA MIX: Wir reden von einer Liebesbeziehung zwischen Gott und uns, die mit der Liebeserklärung Gottes an uns beginnt: „Du bist eine Zuerstgeliebte, ein Zuerstgeliebter!“ So drückt es der Apostel Johannes in seinem ersten Brief aus. Als Geliebte dürfen wir erleben, dass wir wahrgenommen und gesehen werden und gleichzeitig angenommen sind, so wie wir sind. Diese Liebe, die unser ganzes Sein umfasst, lädt uns ein, uns selbst wahrnehmen und annehmen zu lernen, wie wir sind – und gleichzeitig Gott wahrzunehmen, in seiner Macht und in seiner Größe. In seiner Gegenwart sind wir eingeladen, ihm unsere Bedürfnisse, unsere Sehnsüchte und unseren Mangel hinzuhalten und darin seine Begleitung, seinen Trost und seine Heilung zu erleben.

 

 

Ist der Wunsch, dass Glaube vor allem auch uns Menschen guttun muss, dem heutigen Zeitgeist geschuldet – oder ist das biblische Wahrheit?

 

HOLGER: Der Wunsch ist sicherlich zunächst auch dem Zeitgeist geschuldet. Das ist unsere westliche moderne Lebenswirklichkeit: Wir fahren bequeme Autos, wir fahren E-Bikes und essen Fastfood. Sicher darf Glaube sich daher auch in diesen Sphären bewegen. Wo er sich aber nur darin erschließt, wird er nur ein trauriges Zerrbild dessen, was Glaube eigentlich sein will.

Dennoch verstehe ich den Glauben vom Ziel her als das Gute, die Gute Nachricht. Das heißt: Nicht jeder Weg ist leicht und tut mir gut, aber Gott ist der gute Hirte, der gekommen ist, um uns das Leben im Überfluss zu bringen. So sagt es Jesus selbst im Johannesevangelium in Kapitel 10, Vers 10. Das klingt für mich ziemlich gut! Er ist der Vater, der auf mich wartet und mich zum Fest einlädt.

 

 

Welche ungesunden, ja vielleicht sogar krankmachenden Überzeugungen oder auch Gottesbilder, die Menschen mit sich herumtragen, sind denn eurer Beobachtung nach am weitesten verbreitet?

 

HOLGER: Krankmachend sind zuerst falsche Vorstellungen von Gott. Zum Beispiel: „Ich muss es Gott recht machen!“, im Sinne von: „Gott schaut von oben auf mich runter und guckt, ob ich alles richtig mache.“ Aber auch das Gegenteil kann krankmachend sein: Dass ich mir Gott so vermenschlicht vorstelle, dass er kaum noch Kraft und Macht hat, wirklich etwas zu bewegen.

 

GEORGIA: Häufig erlebe ich dort Druck und Belastung, wo aus dem Glauben statt einer Liebesbeziehung eine Arbeitsbeziehung wird. Bestimmte Rollen und Aufgaben bestimmen den Alltag. Hohe, manchmal unerfüllbare Erwartungen lasten schwer auf den Schultern. Angst vor Bestrafung und Fehlern nehmen die Freude und die Freiheit. Glaube wird ein Regelwerk, das – neben all den alltäglichen Aufgaben – nicht zu erfüllen ist. Aber wir sind keine Knechte Gottes, wir sind Kinder Gottes! Und Kinder fragen nicht am Morgen: „Vater, was muss ich heute tun?“ Kinder sind wahrhaftig, sie leben aus der engen Beziehung zu ihrem himmlischen Vater und im Vertrauen auf seine Liebe zu ihnen, die sich nicht verändert, ganz egal, was sie tun.

 

 

Nun werfen Kritiker dem christlichen Glauben ja gern vor, dass er nicht heilsam sei, sondern im Gegenteil: dass er Menschen unfrei mache und manchmal sogar krank. Was entgegnet ihr darauf?

 

HOLGER: Das gibt es vielfach dort, wo der Glaube falsch verstanden wird. Und das passiert immer dann, wenn der Mensch im Mittelpunkt steht und nicht Gott. Hier erlebe ich zwei extreme Richtungen: Entweder erwarte ich fälschlicherweise, dass durch meinen Glauben mein Leben rosarot wird. Das steht aber nirgendwo in der Bibel. Dieses Wohlstandsevangelium ist leider weit verbreitet. Gott ist aber vor allem der, der sich mir im Leid zuwendet. Und manchmal auch daraus erlöst.

Das andere Extrem: Ich erlebe Glaube nur als eine persönliche Projektion. Glaube wird dann etwas, was in mir entsteht und was ich gleichsam besitze. Wenn dann nichts mehr funktioniert oder ich mich schlecht fühle, dann kann es passieren, dass jemand seinen Glauben schnell verliert. Für beide Extreme gilt darum: Krank macht, was wir aus dem Glauben machen.

 

Der meiste krankmachende Glaube kommt nicht von den Bibeltexten, die wir selber lesen, sondern von Menschen, die uns irreführende Wahrheiten um die Ohren hauen.

GEORGIA: In der Seelsorge erlebe ich es leider immer wieder, dass Gott als strafend und bedrohlich erlebt wird. Der christliche Glaube hebt sich von anderen Religionen dadurch ab, dass Gott eine Liebesbeziehung zu seinen Geschöpfen sucht und alle Hindernisse überwunden hat, um ihnen nah sein zu können. Wo diese Liebe Gottes ausgeklammert wird oder als etwas Angstmachendes und Bedrohliches verstanden wird, da kann auch der christliche Glaube unfrei und krank machen. Doch ohne Liebe ist alles nichts.

 

 

Wenn nun aber jemand bemerkt, dass sein Glaube ihn in der Tat mehr verletzt, als dass er ihn heil macht – was ratet ihr diesem Menschen?

 

GEORGIA: In diesem Fall wäre ich als Seelsorgerin mit der betroffenen Person erst einmal mit-traurig. Was muss diese Person für eine traurige Geschichte erlebt haben, in der die „frohe Botschaft Gottes“ zu einer Leid bringenden Botschaft wurde! Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass Gott stärker ist und mit seiner Wahrheit und seiner Liebe dem verletzten Herzen begegnen kann und seine Liebe hindurchdringt und Heilung schenkt.

 

HOLGER: Ja, zuerst ist Mitleiden angesagt. Mitgehen, Trost und Barmherzigkeit zeigen. Ein Rat hilft hier selten. Und dann braucht es Hilfe zur Selbsthilfe. Ich versuche der betroffenen Person Jesus so vorzustellen, wie er sich in der Bibel vorstellt. Der meiste krankmachende Glaube kommt nicht von den Bibeltexten, die wir selber lesen, sondern von Menschen, die uns irreführende Wahrheiten um die Ohren hauen.

 

 

Was kann ich selbst dazu tun, dass mein Glaube wahrhaftiger und im wahrsten Sinne des Wortes „Heil bringend“ für mich und andere wird?

 

HOLGER: Ich kann endlich aufhören zu tun und anzufangen, zu sein. Das beginnt mit der Annahme: Jesus nimmt mich an, wie ich bin – nicht wie ich sein will. So darf ich mich erst einmal sehen und erleben. Ich darf mich befreien von dem ständigen Veränderungsgedanken, hin zur Annahme. Und dann darf ich schauen, was Jesus zu mir sagt und über mich denkt. „Er hat mich so gemacht“ und „Ich bin so geworden“ – beides gehört zusammen. Und dann kann ich mit ihm darüber ins Gespräch kommen.

 

GEORGIA: Die Glaubens-Beziehung ist nichts Statisches, sie ist organisch. Sie lebt aus dem Versorgtsein und dem Gesehensein und mit dem Erkennen und Vertrauen auf den, der umsorgt – Gott. Sie lebt aus dem Austausch mit ihm. Wir brauchen Zeiten, in denen wir unsere Beziehung nähren. Zeiten, in denen wir mit Gott reden und er mit uns, zum Beispiel durch die Bibel. Wir brauchen Menschen, mit denen wir ehrliche Beziehungen leben, damit wir uns gemeinsam stärken und ermutigen, immer wieder Gottes Gegenwart zu suchen. Und manchmal brauchen wir auch Menschen, die uns helfen, Hindernisse in der Beziehung zu Gott beiseite zu schaffen, wie beispielsweise einen Mentor oder Seelsorger.

 

 

Und zuletzt, wenn ihr uns das verraten möchtet: In welchem Bereich eures Lebens hat der Glaube euch ganz persönlich heiler gemacht?

 

HOLGER: In meiner Meinung über mich. Ich könnte es, glaube ich, sonst kaum aushalten mit mir! Aber weil ich weiß, dass Jesus mich so liebt, fange ich zögerlich an, mich selber zu lieben. Und das hat Auswirkungen. Ich werde barmherziger anderen gegenüber.

 

GEORGIA: Ja, und vor allem haben wir es in unserer Ehe erlebt: Glaube ist eine Beziehung, die immer wieder in Gefahr steht, gestört zu werden. In unserer Ehe-Beziehung durften wir ebenfalls erfahren, dass unser Miteinander oft hakte und wir es uns schwer miteinander gemacht haben. Aus unserer Not heraus konnten wir in manchen Streitereien nur noch beten. Wir trugen unsere nicht zu vereinenden Ansichten unzensiert vor Gott aus. In seiner Gegenwart haben wir beide erlebt: Gott nimmt jeden von uns wahr. Er ist ganz bei dem einen – und ganz bei dem anderen. Und während wir noch schimpfend über den anderen beteten, veränderte Gott unsere Herzen. Keine Ahnung, wie er das hinbekommen hat, aber er hat uns immer wieder vereint! Gott ist als dreieiniger Gott, als Vater, Sohn und Heiliger Geist, ja „in sich“ Beziehung, und er schafft Beziehung – auch dort, wo scheinbar keine Beziehung mehr möglich ist. In unserer Ehe durften wir erleben, dass Gott uns an diesen Stellen Heilung geschenkt hat.

 

 

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Die Fragen stellte Sabine Müller.

Georgia & Holger MIx

haben drei Töchter und leben in Gütersloh. Holger ist Pastor der EFG Gütersloh, Georgia ist christliche Beraterin, Diakonin für Seelsorge und Leiterin der Seelsorgepraxis der EFG Gütersloh. Vor kurzem ist ihr gemeinsames Buch „KostPAARZeiten – Ein Andachtsbuch für Frischverheiratete“ erschienen (SCM Hänssler).

 

www.herzwärts-cb.de

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