Rita geht in ihrer Mittagspause 20 Minuten spazieren. Jens verschickt täglich kurze Nachrichten über WhatsApp an Bekannte. Silke sortiert ihre drei großen Kartons mit alten Fotos durch – jeden Tag ein paar Minuten.

 

Rita, Jens und Silke sind ganz verschieden: Sie wohnen in unterschiedlichen Ecken des Landes, befinden sich in ganz verschiedenen Lebenssituationen und könnten in vielen Punkten kaum gegensätzlicher sein. Eines jedoch haben sie gemein: Sie haben einen Vorsatz gefasst, sich selbst herausgefordert zu etwas, das ich gerne eine „Challenge an sich selbst“ nenne. Bei dieser Art Challenge handelt es sich um keine, die massenhaft im Internet gehypt wird: Man nimmt sich nicht vor, binnen vier Wochen zehn Kilo abzunehmen, verausgabt sich sportlich nicht über die Grenzen des Gesunden hinaus und mistet auch die Wohnung nicht in einer Radikalaktion aus. Stattdessen sind diese Challenges selbst gewählt und -kreiert.

 

Die Kraft der kleinen Schritte

Ritas Chef ist sehr fordernd, Überstunden häufen sich und sie findet kaum noch Zeit für sich. Die Situation nimmt ihr sprichwörtlich die Luft zum Atmen. Also geht sie raus an die frische Luft, tut sich selbst etwas Gutes, indem sie sich bewegt. Eine bewusste Entscheidung. Machbar und doch herausfordernd, wirklich dranzubleiben.
Jens hingegen hat seinen Job verloren. Seine Kollegen waren gleichzeitig seine Freunde. Nun sieht er sie nur noch selten, er fühlt sich einsam. Also fordert er sich selbst heraus, diesem Gefühl zu begegnen: Er sucht täglich mindestens einen Kontakt nach außen.
Silkes Leben scheint im Chaos zu versinken. Ein paar Ereignisse haben ihren Alltag durcheinandergewirbelt. Dieses emotionale Chaos lässt sie mit einem Gefühl der Ohnmacht zurück. Sie wählt ihre Fotokartons, um einen Gegenpol zu setzen: Vielleicht kann sie nicht alles Chaos auflösen, aber zumindest das in diesen Kartons!

Sich selbst als aktiv handelnd und gestaltend zu erleben, stärkt uns, gibt neue Energie und den Mut, auch andere Dinge anzupacken.

Viele Menschen kennen solche Zeiten im Leben, wo einem alles zu viel wird, man sich abgeschnitten fühlt von sich selbst und der Welt – in gewisser Weise ohnmächtig. Die dunkle Jahreszeit kann diesen Eindruck noch verstärken. Hier ist es hilfreich, diesem Ohnmachtsgefühl aktiv und bewusst etwas entgegenzusetzen.

 

Die Kontrolle zurückgewinnen

Rita, Jens und Silke tun genau das. Ihre Challenges gehören vermutlich nicht in die Kategorie, die viele Menschen zum Staunen bringen. Darum geht es ihnen auch gar nicht. Sie haben nach etwas gesucht, das sie zwar herausfordert, jedoch so dosiert ist, dass es sie nicht überfordert. Es passt zu ihrer Situation, setzt einen Gegenpol zu ihrem aktuellen Erleben. Durch die Challenge erleben sie, dass sie ihren Gefühlen zum Trotz doch etwas bewegen können. Sie erleben das, was man Selbstwirksamkeit nennt. Sich selbst als aktiv handelnd und gestaltend zu erleben, stärkt uns, gibt neue Energie und den Mut, auch andere Dinge anzupacken.

 

Überlegen Sie doch einmal, wo Sie sich aktuell (oder auch in der Vergangenheit) ohnmächtig oder überfordert fühlen. Wo gibt es das Gefühl von Fremdbestimmung? Wie können Sie in dieser Situation mit einer maßgeschneiderten „Challenge an sich selbst“ gegensteuern?

Nicole Sturm

ist Theologin und arbeitet als psychotherapeutischer Coach in Norddeutschland. Mit großer Begeisterung begleitet sie Menschen in Umbruchs- und Krisenzeiten und das am liebsten individuell und flexibel online.

 

www.vorwärtsleben.de

Das könnte Sie auch interessieren