„Meine Kinder, 4 und 7 Jahre alt, halten sich nur sehr selten an die Regeln, die wir aufgestellt haben. Alles wird diskutiert und in Frage gestellt oder auch schlicht überhört. Im Umgang miteinander sind sie wild und oft rücksichtslos. Wie kann ich ihnen beibringen, dass es Grenzen gibt, an die man sich halten muss?“

 

 

Jeder Mensch hat seine Grenzen – Dinge, die er oder sie nicht tun will oder auch grade nicht kann. Diese Grenzen sind sehr individuell und haben etwas mit der jeweiligen Persönlichkeit zu tun. In jeder menschlichen Gemeinschaft, also gerade auch in einer Familie, ist es wichtig zu lernen, die eigenen Grenzen zu verteidigen und die der anderen zu respektieren. Kinder brauchen solche Grenzerfahrungen, denn Grenzen geben Sicherheit und damit auch ein Gefühl der Geborgenheit. Grenzen markieren Schutzräume, innerhalb derer man sich dann aber auch frei bewegen kann.

 

1. Helfen Sie Ihrem Kind, seine eigenen Grenzen kennenzulernen

Ein Kind lernt seine eigenen Grenzen am besten kennen, indem Sie mit ihm über seine Gefühle reden. Oft neigen Eltern dazu, die Gefühle ihrer Kinder zu ignorieren oder sie herunterzuspielen. Kennen Sie solche Aussagen wie: „So schlimm ist das doch gar nicht! Das ist doch nur ein Kratzer! Da muss man doch nicht gleich so losheulen!“ Oder: „Sprich nicht so schlecht über deinen Lehrer, der hat das bestimmt nur gut gemeint!“ So lernt ein Kind nur, dass es sich auf seine Gefühle nicht verlassen kann und dass es nicht verstanden wird.

 

Nur wer Gefühle ausdrücken kann, kann auch lernen, angemessen damit umzugehen – ohne dabei Schaden anzurichten.

Ermutigen Sie Ihr Kind stattdessen, mit seinen Gefühlen zu leben, nicht gegen sie! Und zwar, indem Sie seine Gefühle akzeptieren und ihm helfen, dafür Worte zu finden. Wenn ein Kind weint, können wir sagen: „Ich sehe, du bist traurig. Was ist denn passiert?“ Wenn Ihr Kind schimpfend aus der Schule kommt, können Sie sagen: „Du hast dich offensichtlich sehr geärgert. Erzähl mal!“ Kindern muss man oft helfen, ihren Gefühlen auf die Spur zu kommen und sie zu benennen. Nur wer Gefühle ausdrücken kann, kann auch lernen, angemessen damit umzugehen – ohne dabei Schaden anzurichten.

Ein Kind lernt seine eigenen Grenzen auch dadurch kennen, dass es „Nein“ sagen darf. Das bedeutet nicht, dass sich ein Kind nicht anziehen muss, weil es eben grade nicht will (schließlich gibt es außer den Grenzen des Kindes auch noch unsere Grenzen als Eltern oder auch zeitliche Grenzen). Aber ein Kind sollte seine Gefühle äußern dürfen, um dann zu lernen, seine eigenen Grenzen zugunsten anderer zurückzustellen.

 

Das hört sich theoretisch gut und leicht an, bedeutet aber in der Praxis oft tägliche Wiederholungen und Auseinandersetzungen. Lassen Sie sich nicht verunsichern, wenn Ihre Kinder etwas nicht wollen. Halten Sie kurz inne und äußern möglicherweise sogar Verständnis – schließlich wollen Sie auch nicht immer grade das tun, was getan werden muss, oder? Formulieren Sie dann aber möglichst konkret, dass Sie trotzdem dies oder jenes erwarten.

 

 

2. Helfen Sie Ihrem Kind, die Grenzen anderer zu respektieren

Eltern sollten sehr genau überlegen, in welchen Bereichen Grenzen wichtig oder sogar unerlässlich sind. Wenn ein Kind auf die Straße läuft, weil es nun mal grade Lust dazu hat, können wir ihm das nicht „durchgehen“ lassen – zu seinem eigenen Schutz. Aber es gibt durchaus Bereiche, in denen wir unseren Kindern auch die Entscheidungsfreiheit geben können.

Sprechen Sie als Paar oder mit Freunden darüber und überlegen Sie genau, wo Sie Grenzen setzen wollen. Wenn Sie dann Grenzen setzen, tun Sie dies in Klarheit und Ruhe und mit einer guten Begründung – allerdings ohne zu erwarten, dass Ihr Kind diese sofort versteht. Wenn Sie Grenzen setzen, müssen Sie es aushalten können, dass Ihr Kind sauer ist, dass es sich womöglich ärgert und diesen Ärger auch lautstark äußert. Da Sie aber genau wissen, warum Sie diese Grenze setzen, können Sie ruhig bleiben und klare Erwartungen formulieren, z. B.: „Ich möchte, dass du an der Straße entlang an meiner Hand läufst. Sobald wir im Park sind, darfst du wieder alleine laufen.“ Dabei ist es wichtig, dass wir individuelle Grenzen setzen, je nach Alter und Reife bzw. Verantwortungsbewusstsein unseres Kindes.

 

 

3. Lernen Sie, mit Ihren eigenen Grenzen gut umzugehen

Jemand hat einmal gesagt: „Du kannst deine Kinder erziehen wie du willst – sie machen dir doch alles nach.“ Eltern sind Vorbilder, auch was ihren Umgang mit Grenzen betrifft. Achten Sie daher auf Ihre eigenen Gefühle und nehmen Sie Ihre eigenen Bedürfnisse ernst. Kinder können mit Grenzen leichter umgehen, wenn sie nicht einfach nur Regeln einhalten müssen, sondern wissen: „Dies ist Mamas oder Papas Grenze.“ Sagen Sie rechtzeitig nein, wenn Ihnen etwas zu viel wird oder Sie etwas nicht wollen. Seien Sie bereit, für Ihre eigenen Grenzen zu kämpfen bzw. den Kindern gegenüber die Einhaltung von Grenzen durchzusetzen – auch wenn dies immer wieder zu Konflikten führt. Wer gelernt hat, die eigenen Grenzen wahrzunehmen und zu verteidigen sowie die Grenzen anderer zu respektieren, der gewinnt an Persönlichkeitsreife und Selbstachtung – und erfährt Achtung und Respekt von anderen.

 

Und schließlich: Bleiben Sie entspannt! So wie sich die Grenzen für die Kinder im Laufe ihrer Entwicklung erweitern dürfen, so dürfen auch Sie sich darauf einlassen, Grenzen zu überwinden. Auch als Erwachsene dürfen wir noch wachsen!

 

Claudia Hörster

Jahrgang 1966, verheiratet, Mutter von sechs Kindern, ist Fachreferentin für Familie und Erziehung.

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