„Ich liebe meine Mutter wirklich, aber sie hat einige Eigenschaften, von denen ich mir früher immer gesagt habe: ,Wenn ich mal erwachsen bin und eigene Kinder habe, werde ich das nie so und so machen, sondern anders – aber vor allem: besser!‘ – Jetzt bin ich erwachsen und merke, dass ich anderen Menschen gegenüber oft das gleiche Verhalten an den Tag lege, das ich als Kind an meiner Mutter so gehasst habe. Ich habe wirklich die besten Vorsätze, alte Muster nicht zu wiederholen, trotzdem passiert es immer wieder. Kann ich diesen Kreislauf unterbrechen?“  

 

 

Die meisten Menschen machen irgendwann – vor allem, sollten sie eigene Kinder haben – die Erfahrung, dass sie alte Muster wiederholen und sich plötzlich in vielem wie ihre eigenen Eltern verhalten. Vielen ist es lediglich so lange nicht bewusst, dass sie genau die Verhaltensweisen übernommen haben, die sie immer so furchtbar fanden, bis plötzlich eine aktuelle Auseinandersetzung die alten Konflikte wieder zum Vorschein bringt. Manche merken sogar gar nicht mal selber, dass sie wie ihre eigenen Eltern reagieren. Erst wenn ihnen z. B. der Partner, ein Verwandter oder eine gute Freundin, die die Familie kennt, mehrfach bestätigt: „Du bist genau wie deine Mutter (oder dein Vater)!“, werden sie hellhörig.

 

Jeder Mensch stammt aus einer Familie und trägt ihre Spuren – sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Unsere Eltern haben uns entscheidend geprägt, ob wir das wollen oder nicht! Wie sie mit Krankheit umgegangen sind, Konflikte miteinander und anderen gelöst haben, wie sie miteinander, mit Ihnen und mit Freunden umgegangen sind – von all dem haben wir gelernt und es verinnerlicht. Sich über diese Muster im Klaren zu sein, ist ein erster Schritt hin zur Veränderung.

Jeder Mensch stammt aus einer Familie und trägt ihre Spuren – sowohl im positiven als auch im negativen Sinne.

Das Auseinandersetzen mit der Vergangenheit, um zu begreifen, wie es zum eigenen Handeln kommt, ohne sich dafür abzuwerten oder schuldig zu fühlen, bedeutet viel Arbeit, aber es lohnt sich. Erinnern Sie sich dabei vor allem auch an das Gute: Welche Kindheitserfahrungen haben Sie positiv geprägt? Was haben Ihre eigenen Eltern richtig gut hinbekommen und was haben Sie davon für Ihr eigenes Leben übernommen? Lernen Sie, Positives und Negatives zu trennen und für sich auszuwerten, was Sie behalten und was Sie verwerfen wollen.

 

Ein solcher Prozess braucht Zeit und Geduld. Ein ehrliches Gegenüber, das Ihre Familie kennt, kann hier eine große Hilfe sein. Fragen Sie ehrlich: „Wo erlebst du, dass ich so reagiere und mich verhalte wie meine Mutter?“ Dann kommen Sie nach und nach den einzelnen Punkten auf die Spur. Wenn Sie so nicht weiterkommen, kann auch die Begleitung durch einen Seelsorger oder einen Therapeuten oder eine Therapeutin äußerst fruchtbar sein. Am Ende wird der Blick auf Ihre Familienvergangenheit Ihnen helfen, vom automatisierten Verhalten zu einem eigenständigen zu gelangen, das dann mal mehr und mal weniger dem Ihrer Mutter ähnelt.

 

 

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Inge Frantzen

ist systemische Lebensberaterin (IACP) und arbeitet als Redakteurin bei MINDO.

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