„Ich glaube, ich habe mich in meinen neuen Kollegen verliebt. Er ist äußerst charmant, so ein selbstbewusster Typ. Mit Smalltalk in den Pausen fing es an, ein kleines Kompliment hier, ein Augenzwinkern da. Er bringt mich zum Lachen und wir erzählen uns auch Persönliches. Ich spüre, dass er sich für mich als Frau interessiert, seine Avancen sind nicht zu übersehen. Ehrlich gesagt, genieße ich jeden Moment in seiner Nähe, freue mich schon auf den nächsten Arbeitstag. Die Gefühle, die er in mir geweckt hat, werden immer intensiver. Ich fühle mich wie ein verliebter Teenager. Und dann erschrecke ich vor mir selbst: Was mache ich da eigentlich? Ich bin doch verheiratet, wir haben ein Kind! Ich will doch nicht meine Ehe und Familie aufs Spiel setzen! Und trotzdem muss ich immerzu an ihn denken, sogar dann, wenn ich neben meinem Mann einschlafe. Ich bin verliebt – und verzweifelt! Was soll ich bloß machen?“

 

 

So oder so ähnlich offenbaren fremdverliebte Frauen und Männer sich nicht selten in meiner therapeutischen Praxis. Sie suchen Hilfe in ihrer inneren Zerrissenheit. Sie zu begleiten stellt vor besondere Herausforderungen. Warum das so ist, wird deutlich, wenn wir der Frage nachgehen, was eigentlich mit einem Menschen passiert, der in eine solche emotionale Ausnahmesituation geraten ist.

 

Eins steht fest: Amors Pfeil kann jeden treffen! Auch dann, wenn man bereits gebunden ist. Die Erfahrung, sich in eine andere Frau oder einen anderen Mann zu verlieben, obwohl man in einer bestehenden Partnerschaft lebt, erleben die meisten Menschen ein- oder sogar mehrmals in ihrem Beziehungsleben. Letztlich ist niemand davor gefeit, dass Gedanken, Gefühle und Fantasien auf Wanderschaft gehen. Die Frage ist nicht, ob ein anderer Mensch in mir eine starke Faszination oder Anziehungskraft auslösen darf, sondern wie ich mit meinen aufwallenden Verliebtheitsgefühlen verantwortlich umgehen kann. Dabei sind zwei Fragestellungen zur Selbstreflektion enorm wichtig: Warum passiert mir das und was genau passiert da mit mir?

 

Warum passiert das mir?

Die Motive, sich fremd zu verlieben, können sehr vielfältig sein. Verliebtheit entsteht häufig aus Bedürftigkeit. Wer einen Mangel in der Partnerschaft oder in sich selbst erlebt, ist für emotionale Zuwendung und Aufmerksamkeit durch einen Dritten besonders anfällig. Je schmerzlicher das Gefühl ist, etwas in der Partnerschaft oder Ehe zu vermissen, umso unwiderstehlicher wirken die Werbungsversuche eines anderen, der an mir Interesse zeigt.

Verliebtheit entsteht häufig aus Bedürftigkeit. Wer einen Mangel in der Partnerschaft oder in sich selbst erlebt, ist für emotionale Zuwendung und Aufmerksamkeit durch einen Dritten besonders anfällig.

Mangelsymptome in der Zweierbeziehung sind beispielsweise fehlende Wertschätzung, verloren gegangene Leichtigkeit, Verlust von Zärtlichkeit und Nähe oder auch Probleme in der Kommunikation: „Ich fühle mich nicht mehr wirklich gehört, gesehen und verstanden.“ Frauen verlieben sich fremd, weil sie häufig einen Mangel an emotionaler Zuwendung durch den Partner beklagen. Männer dagegen geben den Wunsch nach sexueller Abwechslung und das Gefühl, als Liebhaber nicht mehr willkommen zu sein, als Grund für den gedanklichen oder realen Ausbruch aus der Beziehung an. Ein gefühlter Mangel verdreht uns sozusagen den Kopf. Wir blicken sehnsuchtsvoll über den Tellerrand der Ehe. Augen, Herz und Bauch begehren und machen Lust auf den Liebeszauber à la carte.

 

Der oder die Fremdverliebte muss sich ehrlich selbst hinterfragen: „Was vermisse ich eigentlich? Welche Bedürfnisse sind für mich unerfüllt? Welche bunten Facetten meines (Beziehungs-)Lebens sind vielleicht mit der Zeit verblasst?“ Was ich am Objekt meiner Verliebtheit begehre, weist mich häufig auf vorhandene Beziehungsdefizite hin. Damit werde ich vor die Wahl gestellt:

 

Möglichkeit Nr. 1: Ich thematisiere ganz offen meinem Partner gegenüber, was ich vermisse und trete in einen Dialog über meine und seine Bedürfnisse ein – mit dem Ziel, achtsamer füreinander zu werden und konstruktiv daran zu arbeiten.

 

Möglichkeit Nr. 2: Ich lasse mich weiter auf die Erfüllungsversprechen einer Fremdverliebtheit hinter dem Rücken meines Partners ein und öffne die Tür für ein Doppelleben.

 

Beide Wege haben ihren Preis: Entweder ehrliche und nachhaltige Arbeit an der bestehenden Liebesbeziehung oder ihr drohender Verlust.

 

Der Sehnsucht auf der Spur

Verliebtheit resultiert in vielen Fällen aus unbewussten Sehnsüchten. Das, was wir am Objekt der Begierde wahrzunehmen glauben, triggert tief in uns verborgene Bedürfnisse: Seine männliche Stärke fasziniert sie deshalb so enorm, weil ihr eigener Vater sie nicht hatte. Ihre liebevolle Fürsorge und Wärme fasziniert ihn über die Maßen, weil seine Mutter sie ihm nicht geben konnte.

 

Wer seinem geheimen Verlangen auf die Spur kommt, beginnt zu verstehen, dass es Triggerpunkte sind, die verliebt machen, bei denen es aber in der Regel nicht wirklich um die Person des anderen als solche geht. Und nicht zuletzt lautet die Antwort auf die Frage, warum sich jemand fremdverliebt, einfach nur: Weil die verbotene Frucht besonders reizvoll und begehrenswert erscheint! Wenn das eigene Leben in trister Routine dahinplätschert und die Partnerschaft an Abenteuerarmut leidet, verspricht ein amouröses Liebeserlebnis, sich endlich wieder lebendig zu fühlen.

 

Wer das Warum seiner Fremdverliebtheit reflektiert, wird sich nicht mehr ganz so ohnmächtig in seinem Gefühlsüberschwang erleben. Er kann nach anderen Wegen Ausschau halten, wie er sich selbst und der eigenen Partnerschaft einen neuen, positiven Drive geben kann.

 

Betrunken vor Liebe?

Kommen wir zu der Frage, was in einem verliebten Menschen vor sich geht. Zahlreiche neurowissenschaftliche Studien belegen, dass es nicht einfach nur um romantische Gefühle oder schicksalhafte Fügungen geht, sondern Verliebtheitsgefühle einen biochemischen Ursprung haben. Die euphorischen Gefühle in der Verliebtheit werden durch einen Hormoncocktail hervorgerufen, den unser Gehirn verschwenderisch ausschüttet. Leidenschaftliche Zuneigung aktiviert bestimmte Hirnareale, die für Euphorie, Belohnung und Motivation zuständig sind. Der Neurotransmitter Dopamin, das sogenannte „Glückshormon“, wird im Überfluss ausgeschüttet, ebenso das Bindungshormon Oxytocin. Beide Stoffe überfluten uns mit Glücksgefühlen und Sehnsucht nach Zusammensein. Zugleich verringert das Gehirn die Produktion des Botenstoffs Serotonin, der die Aufgabe hat, uns rational denken und wahrnehmen zu lassen.

Verliebtheitsgefühle haben einen biochemischen Ursprung. Die euphorischen Gefühle werden durch einen Hormoncocktail hervorgerufen, den unser Gehirn verschwenderisch ausschüttet.

Diese biochemische Dynamik führt dazu, dass Verliebte wie euphorisiert sind, nicht mehr klar denken können und Kopf und Herz nur noch voller Begehren um den einen Menschen kreisen. Wie bei Suchterkrankungen läuft der Körper auf Hochtouren. Alles dreht sich um den „Suchtstoff Verliebtheit“ und das High-Gefühl, das mit der anderen Person verbunden wird. Deshalb wollen Verliebte ihr Suchtmittel nicht aufgeben, denn Amors Pfeil hat eine extrem süchtig machende Substanz an Liebeshormonen injiziert. In vielen Therapiegesprächen mit Fremdverliebten erlebe ich, wie diese unter dem Einfluss der genannten Stoffe denken, fühlen und handeln. Sie sind für rationale Argumente kaum noch zugänglich.

 

Und jetzt?

Was ist die Lösung? Wenn die verliebte Person ihren emotionalen Ausnahmezustand beenden oder überwinden möchte, weil die bestehende Partnerschaft nicht gefährdet oder zerstört werden soll, wird das nur mit der Entscheidung für eine konsequente Abstinenz gelingen. Ganz praktisch geht es darum, jede Art von Kontakt abzubrechen, sofern irgend möglich. Den Geliebten oder die Geliebte auf allen sozialen Kanälen zu blockieren, keine persönlichen Treffen mehr zu arrangieren und jede Art von Kontaktaufnahme des anderen ins Leere laufen zu lassen.

 

Betroffene müssen sich klar darüber werden, dass es sogar notwendig sein kann, den Verein, die Gemeinde oder die Arbeitsstelle zu wechseln, um der eigenen Ehe das Überleben zu sichern. In Anlehnung an einen Appell von Jesus aus seiner Bergpredigt (Matthäus 5,29f) lässt sich überspitzt sagen: „Wenn dir deine Fremdverliebtheit zu schaffen macht, dann reiße sie aus und wirf sie von dir! Denn es ist besser, deine Verliebtheitsdroge zu verlieren, als deine Ehe an die Wand zu fahren!“

 

Jeder weitere Kontakt nährt die Verliebtheitsgefühle wie ein neues Holzscheit, das auf die Feuerglut gelegt wird. In manchen Fällen kann es hilfreich sein, ein letztes Abschiedsgespräch auf neutralem Boden zu verabreden. Der äußere Abschied kann die innere Verabschiedung erleichtern. Nach meiner Erfahrung befeuern alle halbherzigen Verabschiedungsabsichten die Gefühle nur weiter und boykottieren dadurch dauerhaft die konstruktive Arbeit an der eigenen Partnerschaft. Wenn bereits körperliche Zärtlichkeiten ausgetauscht oder eine sexuelle Beziehung eingegangen wurde und die Liebe zueinander wechselseitig offenbart wurde, fällt es ungleich schwerer, sich zu trennen, weil inzwischen eine enge seelische und körperliche Bindung gewachsen ist.

 

Offenheit ist Trumpf

Deshalb lautet mein dringender Appell an alle Fremdverliebten: Bitte erzählt eurem Partner oder eurer Partnerin so früh wie möglich davon – nämlich dann, wenn die ersten Anzeichen von Fremdverliebtheit spürbar werden! Natürlich erfordert das eine gehörige Portion Mut und Vertrauen. Es wird Gesprächsbedarf geben. Fragen werden gestellt werden: Wie konnte das passieren? Was fehlt dir oder mir in unserer Beziehung?

 

Mein dringender Appell an alle Fremdverliebten: Bitte erzählt eurem Partner so früh wie möglich davon!

Wer von seinem Partner erfährt, dass dieser dabei ist, sich zu verlieben, sollte versuchen, möglichst verständnisvoll zu reagieren. Mit Fremdverliebtheit Konfrontierte dürfen hinhören, nachfragen und sich dabei ihrer eigenen Versuchbarkeit bewusst sein, denn es kann jeden treffen. Der Verliebte muss erschüttertes und vielleicht sogar bereits verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen, indem er auf alle Fragen offen und ehrlich eingeht. Eine „Salamitaktik“, nach der nur scheibchenweise die Wahrheit ans Licht kommt, würde nur weiteres Vertrauen verspielen. Und als Vertrauensbeweis muss der Verliebte glaubhaft den Schritt eines Kontaktabbruchs umsetzen. Hier empfehle ich Paaren zum Beispiel eine gemeinsame Botschaft an den Außenstehenden zu übermitteln: „Wir wollen als Paar zusammenbleiben und an unserer Beziehung arbeiten. Wir wollen, dass jede Art von Kontaktaufnahme unterbleibt und bitten, diese Entscheidung zu respektieren!“

 

Die Kraft der Krise nutzen

Ich habe im Laufe der Jahre zahlreiche Paare begleitet, die für sich einen Weg gefunden haben, die Fremdverliebtheit zu besiegen. Es ist ihnen gelungen, ihre Beziehungskrise zu nutzen. Sie haben die Mangelerscheinungen ihres Zusammenlebens reflektiert und proaktiv etwas daran zum Positiven verändert. Ihre Liebe hat im Blick auf Vertrauen, Intimität und Lebendigkeit eine neue Qualität gewonnen. Eine weiter genährte Fremdverliebtheit und das Eingehen einer emotionalen und sexuellen Beziehung erhöhte hingegen das Risiko einer Trennung signifikant. Darum kann ich betroffenen Paaren nur empfehlen, sich frühzeitig kompetente Hilfe zu suchen, um am Ende gestärkt aus der Fremdverliebtheitskrise hervorzugehen.

Matthias Hipler

betreibt eine Praxis für Psychotherapie, Paartherapie und Coaching in Hanau.

 

www.psychotherapie-hipler.de

Das könnte Sie auch interessieren