MINDO: Herr Morand, jeder Mensch scheitert im Leben früher oder später einmal, sei es beruflich oder privat. Warum hat eine Erfahrung, die jeder von uns macht, trotzdem so ein schlechtes Image?  

 

GEORGES MORAND: Scheitern ist seit Beginn der Menschheitsgeschichte kein Zuckerschlecken, daher ist der Mensch verständlicherweise nicht „schmerzgeil“ oder „scheitergierig“. Warum wir allerdings vor allem im westlichen Kulturkreis mit allen Mitteln versuchen, Fehler zu vermeiden, warum wir an den kleinsten Makeln wie Falten oder Leberflecken leiden, oder versuchen, den 2. oder 3. Platz auf dem Podest mittels Doping zu verhindern, hängt von vielen Faktoren ab. Insgesamt haben wir kaum mehr eine Fehler- und Leidenskultur. Und das hängt natürlich auch mit den Werten und Idealen sowie oft einseitigen Selbst-, Menschen- und Weltbildern zusammen, die wir so haben.

Wir leben auf einer wunderschönen Erde – aber dieser schöne Planet ist eben auch ein Ort des Mangels, des Schmerzes, der Krankheiten und des Scheiterns.

Wir leben auf einer wunderschönen Erde, in einem unbeschreiblichen und unfassbaren Universum. Aber dieser schöne Planet ist eben auch ein Ort des Mangels, des Schmerzes, der Krankheiten und des Scheiterns. Jede Substanz, jede Zelle, hat ein Verfallsdatum. Und fast alles, was wir erleben, steht in einem polaren Spannungsbogen: Licht und Dunkelheit, Gelingen und Scheitern, Sonnen- und Schattenseiten. Das ist der Normalzustand, das ist die Wirklichkeit! Es gibt hier kein Entweder-Oder, sondern immer ein Sowohl-als-Auch. Heimlich hoffen wir aber, durch viel Anstrengung, Optimierung und viel Glauben, die Schatten vermeiden oder eliminieren zu können. Mit fatalen Folgen: Durch das Nichtakzeptieren der gesamten Wirklichkeit, wird der Umgang mit Fehlern, Grenzen, Schmerzen und Scheitern unendlich viel schwerer.    

 

 

Stichwort „erfolgreich scheitern“: Wie kann aus einem Verlust ein persönlicher Gewinn werden – sprich: Wie wird aus unserem Mist Dünger, wie Sie es formulieren?  

 

„Erfolgreich“ steht hier für gelingenden, nützlichen, wiederverwertenden oder entsorgenden Umgang mit Tiefschlägen und Scheitern. Wie man das macht, ist die große Frage der Menschheit und lässt sich immer nur individuell und nur Schritt für Schritt durchbuchstabieren. Vielleicht gibt es einige Grundprinzipien, aber auch sie bleiben ein subjektives Stammeln. Ich rate Menschen immer, die Biografien von Menschen zu studieren, die Schweres erlebt haben. Oder, wenn sie die Möglichkeit haben, die Betreffenden direkt mit relevanten Fragen zu löchern. In meinem Buch „Mach Dünger aus deinem Mist“ stelle ich das 3:4-Tool vor, das aus drei Prinzipien und vier Schlüsselfragen besteht, wie wir mit Scheitern umgehen und zu einem Neufanfang finden können:

Das 3:4-Tool: Der Mist-zu-Dünger-Macher

 

1. Auf den Tisch mit dem, was ist!  

 

2. Hinschauen, bedenken und sortieren anhand der vier Schlüsselfragen: 

→ Was kann ich verändern, um vorwärtszukommen?

→ Was muss ich akzeptieren, um Frieden zu bekommen?  

→ Was will ich entsorgen, um mir Leichtigkeit zu verschaffen?

→ Was kann ich wiederverwerten, sodass Neues möglich wird?   

 

3. Aufrichten, Krone richten, weitergehen!

Manchmal scheint es, als hätten Christen besonders große Probleme mit der Tatsache des Scheiterns. Warum eigentlich?  

 

Jetzt bräuchten die Leser dieses Interviews und ich eigentlich etwas Zeit und müssten uns in die Augen schauen können, weil meine Aussagen ansonsten vielleicht etwas zu hart klingen. Aber ich wage es trotzdem.

 

Ein Problem scheint mir, dass wir als Christen unbewusst oder bewusst davon ausgehen, dass, wenn Gott gegenwärtig ist und ich genug glaube, es eigentlich kein Scheitern geben sollte. Nach dem Motto: „Ich sollte nicht scheitern (… wenn Gott und ich den Job gut machen), aber ich scheitere (… also haben Gott oder ich den Job offenbar nicht gut gemacht)!“ Doch damit verdoppeln wir den Frust, die Selbsterniedrigung und die Anklage. Um dieses Dilemma aushalten zu können, spalten wir etwas ab und leben fortan in einer Zwei-Welten-Welt: Wir trennen die reale Welt unserer Erfahrung von der idealen Welt des Glaubens; doch die eine hat mit der anderen nicht mehr viel zu tun. Die innere Zerrissenheit, die wir aufgrund der Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit erleben, produziert permanent Stress. Wir wollen glänzen – folglich ist Scheitern ein Spielverderber!  

 

Eigentlich ist es himmelschreiend, dass ausgerechnet Christen damit solch große Mühe haben. Denn Christus „scheiterte“ am Kreuz, um genau dieses Dilemma ein für alle Mal aufzubrechen – nicht, um das Scheitern abzuschaffen! Er kam, um Frieden und Versöhnung mit allem zu bringen, auch mit dem Schatten. Er inkludiert mein ganzes Sein! „Nichts kann uns von Gottes Liebe trennen“, sagt Paulus im seinem Brief an die Gemeinde in Rom, und auch die Evangelien strotzen nur so von dieser Inklusions-Botschaft, sodass ich mich frage: Wie nur können wir diese Eindeutigkeit übersehen?    

 

 

Und welche Erklärung haben Sie für sich gefunden? 

 

Ich denke, es liegt daran, dass wir die wirkliche „Jesus-Revolution“ kaum verstanden und kaum implementiert haben. Wunderschöne Jesus-Lieder zu singen oder sich zwanzigmal zu bekreuzen, steigert das Verstehen offenbar nicht. Die christlichen Kirchen treten bezüglich dieser Kernbotschaft schon seit Jahrhunderten auf der Stelle. Vielmehr haben sie sich zu „Sortieranlagen“ entwickelt. Dazu braucht es Ein- und Aussortierungskriterien. Das ist bei den Kartoffeln wie bei den Gläubigen oder der Gesellschaft nicht anders. So können wir differenzieren und uns oder andere abheben oder runtermachen, „drinnen“ und „draußen“ definieren. Viele Christen haben etwas Elitäres entwickelt, das viel von Gnade redet, aber oft sehr gnadenlos lebt – andern und sich selbst gegenüber.  

 

Wenn Jesus in Detaildiskussionen verwickelt wurde, wies er immer auf das größere Ganze hin. Er redet vom Menschen- und Gottessohn, vom Reich Gottes – nicht von Kirchendetails, Fehlerlisten und Sortierregeln. Und er zog besonders die „Aussortierten“ an – die Samariter, Heiden, Frauen, Kinder, Leprakranken, Ehescheiternden, Mafiösen und viele mehr.  

 

Die geistlichen Führer und Wächter Israels zerrten einmal eine Ehebrecherin herbei, damit Jesus sich nun endlich mal klar zu den Sortierregeln bekennt. Doch der sagt einfach ganz provozierend, dass der, der ohne Sünde sei, den ersten Stein werfen solle. Plötzlich waren alle weg, keine Steinwerfer mehr! Und kein Ausschluss der Frau –  aber auch kein Ausschluss der religiösen Führer. Das war Inklusion pur! Jesus ließ sich nie auf Aussortierspiele der Religiösen ein. Wenn er von Gnade redet, meint er vorbehaltlose Gnade – das heißt, radikale Inklusion von allem, was wir sind, tun und lassen.  

Jesus ließ sich nie auf Aussortierspiele der Religiösen ein. Wenn er von Gnade redet, meint er vorbehaltlose Gnade – das heißt, radikale Inklusion von allem, was wir sind, tun und lassen.

Als Jesu lebte, gab es im Tempel eine Fülle an Absperrungen und Platzanweisungsregeln – für die religiösen VIPs bis zu den Heiden draußen vor der Tür. Man nannte sie Balustraden. Entsprechend der Würdigkeit, der Bewertung, der Einstufung war bestimmt, wo die jeweiligen Gruppen zugelassen waren, besonders Ausländer, Frauen, Kinder, etc. Dabei hielten sich die „Guten“ die „Bösen“ vom Leibe und auf Distanz zum Heiligtum. Genau das wollte Jesus reformieren und landete dafür am Kreuz. „Frieden, wirklichen Frieden wollte ich euch bringen“, sagte er einmal tränenüberströmt, als er am Stadtrand von Jerusalem stand, „aber ihr habt nicht gewollt!“ Er wollte Zugang für alle schaffen – mit allem Genialen, aller Andersartigkeit und allem Unschönen.  

 

Der Apostel Paulus bleibt später an diesem Thema dran und schreibt im Brief an die Epheser: „Christus ist unser Friede. Er hat den Zaun – die Balustraden und Ausgrenzungen – niedergerissen!“ Und im Galaterbrief: „Es gibt vor Gott nun keinen Juden oder Griechen mehr, keinen Mann und keine Frau, sondern alle haben Zugang zum lebendigen Gott.“  

 

Erschütternd finde ich, dass viele TV-Sendungen und Kirchennachrichten heute genauso vom Bau solcher Zäunen, Abgrenzungen und Mauern berichten, wie damals im Tempel. Und das nur, um andere Völker, Religionen, Parteien, Geschlechter oder Glaubenslevel ein- und auszusortieren. In den vergangenen 2000 Jahren haben wir offenbar wenig gelernt!  

 

Wer sich aber durch die lebensverändernden Jesus-News von innen heraus verwandeln lässt, der entwickelt nach und nach auch einen gesünderen Umgang mit dem Scheitern – weil Scheitern für Gott kein Ausschlusskriterium ist!  

 

 

Vielen Dank für das Gespräch.  

 

Die Fragen stellte Sabine Müller.

Georges Morand

ist Coach, Trainer und Speaker im deutschsprachigen Europa, und coacht und trainiert seit 20 Jahren Menschen in unterschiedlichsten Positionen, Branchen und Lebensphasen. Zum Thema des Interviews hat er das Buch „Mach Dünger aus deinem Mist“ (Brendow Verlag) veröffentlicht.

 

www.morandcoaching.ch

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