Fast zwanzig Jahre hängt er nun schon über meinem Schreibtisch. Er bedeutet mir viel. Vier Umzüge hat er hinter sich gebracht und immer war dieser Spruch das Erste, was ich in einer neuen Wohnung an die nackten Wände hängte. Ein schlichter Satz in einem schlichten Rahmen. Ein paar Wörter nur. Stille Mahner in einer lauten Welt: „Few things are really essential“ steht da. Auf gut Deutsch: „Wenige Dinge sind wirklich wesentlich“ oder auch: „(Nur) wenige Dinge sind wirklich wichtig“.

 

Vielleicht mag ich diesen Satz so sehr, weil er mich immer wieder an das erinnert, was auch für den Glauben gilt: Nur wenige Dinge sind wirklich wichtig. Ganz ähnlich hat es Jesus einst gegenüber der gestressten Marta ausgedrückt, als diese sich bei ihm über ihre Schwester Maria beklagte. Denn die hatte sich (wenig rollenkonform) Jesus zu Füßen gesetzt wie eine Schülerin und lieber seinen Ausführungen gelauscht, als beim Bewirten der Gäste zu helfen. „Meine liebe Marta“, kommentiert Jesus liebevoll Martas Beschwerde, „du machst dir Sorgen um so viele Kleinigkeiten. Aber im Grunde ist doch nur eins wirklich wichtig. Und das hat Maria begriffen.“ (Lukas 10,41)

 

Speed-Spiritualität?

„Nur eins ist wirklich wichtig“ – klingt gut, lebt sich aber schwer! Denn das Eine, das Entscheidende, das Wichtigste, hat im 21. Jahrhundert Konkurrenz wie noch nie. Schwindelerregend viele Angebote buhlen rund um die Uhr um unsere Aufmerksamkeit. Wie also kann man sich auf das Wichtigste besinnen in einer Welt, die immer unübersichtlicher wird? Wie in dem ganzen Getrampel die Fußstapfen Jesu erkennen, wie in all dem Getöse Gottes Stimme hören können und wie Achtsamkeit kultivieren, wenn der Tempo-Dämon scheinbar alles beherrscht? Kein Wunder, dass bei all dem Speed-Learning, Speed-Dating, bei Fast-Food und 5G auch mein Glaube zur Speed-Spiritualität zu verkommen droht!

 

Wer sich Anfang der Achtziger, als ich ein Teenager war, Christ nannte, sorgte für sein Glaubenswachstum getreu dem Kinderlied-Motto „Lies die Bibel, bet jeden Tag, wenn du wachsen willst“, und – was soll ich sagen? – er fuhr gut damit.

 

Heute gibt’s die Losungen als App, ich kann mir Erste-Klasse-Predigten aus aller Welt als Podcast abonnieren und auch die Bibel, statt sie selber zu lesen, beim Autofahren von Schauspieler XY vorlesen lassen. Zahllose Neuerscheinungen auf dem christlichen Buchmarkt bieten nicht nur eine, sondern gleichsam zehn Antworten auf ein und dieselbe Frage an. Ein Kongress für geistliches Wachstum jagt den nächsten, christliche Fernsehsender, die rund um die Uhr auf Sendung sind, gibt es längst nicht mehr nur in den USA, sondern auch bei uns – und dank Corona hat nunmehr auch die letzte Kirchengemeinde „Youtube“ für sich entdeckt.

 

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Vieles davon sind ganz wunderbare Sachen. Und doch treiben mich immer häufiger ein paar unbequeme Fragen um: Ist mehr wirklich immer mehr? Und ist schneller grundsätzlich besser? Oder steht vielleicht auch in Sachen Glaube das Gute dem Besten oft im Weg?

 

 

 Stiller Mahner in einer lauten Welt: „Wenige Dinge sind wesentlich.“ | Foto: privat

Stiller Mahner in einer lauten Welt: „Wenige Dinge sind wesentlich.“ | Foto: privat

 

Ist mehr wirklich mehr?

In seinem Buchklassiker „Einfach besser leben“ resümierte der Theologe und Seelsorger H. Norman Wright schon vor über zwanzig Jahren: „Das Muster des Überengagements, des Wirrwarrs und der Geschäftigkeit, das unser Leben privat und im Beruf prägt, wird uns in unser geistliches Leben folgen, wenn wir nicht wachsam sind.“

Spätestens also, wenn unsere Glaubenspraxis uns mehr stresst, als sie uns erfrischt, wenn die Berge christlicher Ratgeberbücher den Blick auf Gott eher vernebeln als erhellen und uns klar wird, dass der schnellere Internetzugang sich nicht automatisch positiv auf die Tiefe unserer Gottesbeziehung auswirkt, ist Entrümpeln angesagt. Nur wie? Wie soll sie aussehen, diese „entschlackte Spiritualität“?

Frei von Unwichtigem, wissen, was dran ist, ungeteilt leben, gelassen handeln trotz vieler Dringlichkeiten – was für ein Traum von einem einfachen und gleichzeitig erfüllten Leben!

„In unserer Gesellschaft existiert mittlerweile ein regelrechter Vereinfachungs-Kult“, bemerkt der Theologe Donald Whitney in „Simplify Your Spiritual Life“ (auf deutsch etwa: „Vereinfache dein geistliches Leben“), „und das aus vielen verständlichen Gründen. Viele Menschen glauben, der Vereinfachungsgedanke bedeute vor allem, weniger zu machen. In Wahrheit aber geht es nicht darum, bloß weniger Dinge zu tun, als vielmehr die richtigen Dinge zu tun.“

 

Der Echtheits-Test

„Die richtigen Dinge“ – nach denen hatten einst schon die Pharisäer gefragt. Sie wollten wissen: Wenn es um Gott, wenn es um den Kern des Glaubens geht, was ist dann das Entscheidende? Die Antwort, die Jesus ihnen gab, ist ebenso einfach wie herausfordernd: „Liebe den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen, mit ganzem Willen und mit deinem ganzen Verstand! Dies ist das größte und wichtigste Gebot. Aber gleich wichtig ist ein zweites: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!“ (Matthäus 22,37–39)

 

„Nimmt meine Liebe zu Gott und zu meinen Mitmenschen zu?“ Das ist der Lackmustest des Glaubens – allem voran, wo es um die Frage nach den „richtigen Dingen“ geht. Denn wenn wir sie aus den Augen verlieren, erliegen wir beim Vereinfachen nur allzu leicht einem folgenschweren Irrtum: Wir nehmen an, mit dem Verändern ein paar äußerer Faktoren sei alles erledigt, Motto: „Ab sofort werde ich weniger Zeit im Internet verdaddeln und mehr beten!“ Oder: „Ich will weniger Bücher und dafür mehr in der Bibel lesen.“ Oder auch: „Ab heute werde ich mir weniger gönnen und viel mehr spenden!“

 

Nicht, dass solche Vorsätze schlecht wären. Doch verändertes Verhalten erwächst aus einer veränderten Einstellung – nicht umgekehrt. „Um echte Einfachheit zu erlangen braucht es eine gründliche Umwandlung unserer Seele“, sagt der anglikanische Pastor und Autor Matt Woodley. Wir brauchen eine regelrechte Revolution unseres Denkens, um das zu erlangen, was die Benediktiner „Schlichtheit des Herzens“ nennen. „Ein solches Herz ist frei von jeglichem Hang zur Unwichtigkeit und hat einen festen geistlichen Fokus: Jesus Christus“, resümiert Woodley.

 

Revolution des Herzens

Frei von Unwichtigem, wissen, was dran ist, ungeteilt leben, gelassen handeln trotz vieler Dringlichkeiten – was für ein Traum von einem einfachen und gleichzeitig erfüllten Leben! Jesus hat ihn uns vorgelebt: Er wusste, wann Zeit zum Beten und wann Zeit zum Schlafen war. Wann es dran war, zu lehren, zu heilen und hart zu arbeiten – und wann es wichtiger war, am Lagerfeuer Fische zu braten oder mit Freunden Hochzeit zu feiern.

 

Warum um alles in der Welt glauben wir bloß, wir seien Gott vor allem dann besonders nah, wenn unsere Tage vollgestopft sind mit „frommem Engagement“? Und dass es ihn weniger freuen würde, wenn wir das so nötige Nickerchen machen, mit den Nachbarn grillen oder mit den Kindern Fußball spielen? Natürlich sind Gebet, Stille, Bibellese, Gottesdienst, Fasten, Dienen und Geben wichtig. Aber den richtigen Fokus haben wir erst dann, wenn wir begreifen, dass all diese Dinge nicht dazu da sind, um Gott (und anderen) zu beweisen, wie ernst es uns mit unserem Glauben ist, sondern weil er sie gebraucht, um uns zu Liebenden zu machen.

Glaube und Liebe entfalten sich nicht auf der Überholspur.

Das ist Gottes große Sehnsucht für uns, das ist das Ziel des Glaubens: dass wir Liebende werden. Und zwar aus „einem reinen Herzen, einem guten Gewissen und einem Glauben, der frei ist von jeder Heuchelei“ (1. Timotheus 1,4). Denn erst dann wird auch alles, was wir tun und geben, anderen Leben bringen. Und sie auf den verweisen, der die Liebe und das Leben in Person ist: Gott selbst.

 

Richtig richtig leben

Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden können, zielgerichtet leben, Gott und andere lieben lernen – das war zu allen Zeiten herausfordernd, nicht erst im Jahr 2020. Die Aufgabe ist vielmehr seit zweitausend Jahren dieselbe: Wir alle müssen immer wieder neu für uns herausfinden, welche Dinge Gottes Gütesiegel „wirklich wichtig“ verdienen. Und für alles, was uns davon abhält, unsere Liebe zu Gott und anderen zu vertiefen, bleibt nur eins: Ersatzlos streichen!

 

„Few things are really essential“ – dieser Satz wird noch lange über meinem Schreibtisch hängen. Denn er bringt ein paar schlichte Wahrheiten auf den Punkt, die ich immer tiefer verstehen und immer mehr leben lernen will:

Dass Veränderung eine Frage der Blickrichtung ist.

Dass Einfachheit die Frucht eines ungeteilten Herzens ist.

Und dass Glaube und Liebe sich nicht auf der Überholspur entfalten.

Sabine Müller

ist Redaktionsleiterin von MINDO.

 

 

 

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