Mit 35 hat Kate Bowler alles erreicht: Sie ist glücklich verheiratet, hat einen kleinen Sohn und ist seit kurzem Professorin. Die Diagnose „Darmkrebs“ trifft sie aus heiterem Himmel und erschüttert ihr Leben – und ihren Glauben. In ihrem Buch „Ich muss nur fest genug glauben … und andere Lügen, die ich geliebt habe“ erzählt sie ihre Geschichte. Auf der Suche nach dem Warum begegnen ihr viele Erklärungen, aber nur wenige Antworten, die tragen. Doch mitten im Leid macht sie eine überraschende Entdeckung. Ein Auszug.

 

 

Es gibt drei Lektionen, die ich nach Meinung einiger Leute „fürs Leben“ lernen soll, und die mir offen gesagt manchmal schlimmer vorkommen als der Krebs selbst: Erstens, so meinen sie, solle ich mich nicht so sehr aus der Fassung bringen lassen, denn der Tod sei ja nur etwas Relatives. Diese Leute nenne ich „Die Verharmloser“. Manche von ihnen bringen ihre Botschaft auch christlich angehaucht rüber und weisen mich darauf hin, dass der Tod – kosmisch gesehen – nicht das Ende bedeutet. „Am Ende zählt es nicht, ob wir hier oder ‚dort‘ sind. Es ist alles dasselbe“, meint eine Frau. Dazu sendet sie mir jede Menge Emoticons, die betende Hände darstellen. Viele Christen lassen mich wissen, dass ja der Himmel meine wahre Heimat sei. Und ich möchte sie am liebsten fragen, ob sie nicht vor mir dorthin wollen. Wie wär’s mit jetzt gleich?

 

Aber auch Atheisten können solche Plattitüden von sich geben. Jemand schrieb mir, mein Glaube mache mich zur Sklavin eines undurchschaubaren Gottes. Ich solle mit diesen lächerlichen theologischen Begründungen aufhören und endlich anerkennen, dass wir in einem ziel- und planlosen Universum lebten. Die Botschaft beider Gruppierungen ist jedoch letztlich dieselbe: „Hör auf, dich zu beklagen, und akzeptiere die Welt, wie sie ist!“

 

 

Auf der Suche nach Gründen

Die zweite Lektion kommt von den Leuten, die ich „Die Lehrer“ nenne. Sie sind besonders darauf bedacht, dass die Erfahrung des Leids sich pädagogisch wertvoll auf Körper, Seele und Geist auswirkt. „Ich vermute, dass das hier die ultimative Glaubensprüfung für Sie ist“, meint ein Mann und hofft, dass ich Gottes Willen akzeptiere. „Auf jeden Fall“, beendet er seinen Brief, „bete ich für die Vergebung Ihrer Sünden und dass Sie nicht so sehr leiden müssen, wenn Sie sterben.“ Na, vielen Dank, Joe aus Indiana! (All diese Besserwisser sollen mich bitte informieren, wenn sie selbst dem Gespenst des Todes begegnen; dann werde ich ihnen ein Katzenposter schicken mit dem Aufdruck: „Halte durch!“)

„Ich hoffe, Sie haben eine Hiobserfahrung“, schreibt mir ein anderer ganz unverblümt. Ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen, das man einem Menschen wünschen könnte! Gott erlaubte Satan, Hiob alles wegzunehmen, sogar seine Kinder. Muss ich denn noch mehr verlieren, um Gott besser kennenzulernen?

 

Die härtesten Aussagen kommen jedoch von denen, die ich „Die Problemlöser“ nenne. Sie sind bereits ein wenig enttäuscht von mir, weil ich mich nicht selbst rette. „Keep smiling! Deine innere Einstellung bestimmt dein Schicksal!“, belehrt mich Jane aus Idaho und ich fühle mich ganz ausgelaugt von dieser Tyrannei verordneter Freude!

Es steckt etwas Abgedroschenes und Grausames in der Logik der absoluten Gewissheit.

Da mich durch meine Arbeit so viel mit dem Wohlstands-Evangelium verbindet (Kate Bowler erforschte im Rahmen ihrer Doktorarbeit die vor allem in den USA verbreitete „Prosperity Gospel“-Bewegung, auch als „Wohlstands-Evangelium“ bekannt; Anmerkung der Red.), bekomme ich Hunderte von Briefen von Anhängern dieser theologischen Bewegung. Oft sind es Menschen, die vom Gewicht einer problemlösungs-orientierten Theologie erdrückt werden und nicht mehr fähig sind, zu trauern.

Es steckt etwas Abgedroschenes und Grausames in der Logik der absoluten Gewissheit. Denn diese Briefe wollen mir nicht nur etwas geben – sie ziehen auch immer eine Bilanz meines Lebens, auf der Suche nach Hinweisen und manchmal auch nach Antworten. Aber immer, um am Ende zu einem Urteil über mich zu gelangen. Aber ich stehe doch hier nicht vor Gericht!

 

Niemals allein

Die Briefe hingegen, die mich wirklich berühren, drehen sich allesamt nicht um die Frage, warum wir sterben, sondern sie reden von dem, der bei uns ist. Sie fragen: „Als du Angst hattest, dass dir das Ende bevorstand, warst du da allein?“

Kürzlich las ich in einem Zeitungsartikel, was eine Stiftung zur Erforschung von Nahtod-Erfahrungen herausgefunden hat. Tausende Menschen wurden zu ihrer Begegnung mit dem Tod befragt. Und viele beschrieben etwas, was sich auf eine seltsame Weise ähnelte: Sie sprachen von Liebe.

Wahrscheinlich hätte ich den Artikel gar nicht gelesen, wenn er mich nicht an etwas erinnert hätte, das mir selbst auch passiert war, das ich mich vorher aber nicht zu erzählen getraut hatte. Es kam mir seltsam und auch ein bisschen zu simpel vor, das auszusprechen, was ich als wahr erkannt hatte: Als ich begriff, dass ich wahrscheinlich sterben würde, empfand ich keinen Zorn – ich fühlte mich geliebt!

 

Zu einem Zeitpunkt, an dem ich eigentlich das Gefühl hätte haben müssen, von Gott verlassen zu sein, fühlte ich mich nicht wie in Schutt und Asche gelegt. Ich hatte eher den Eindruck, zu schweben; ich schwebte auf der Liebe und auf den Gebeten all derer, die wie Arbeitsbienen um mich herumsummten, mir Kärtchen und Blumen brachten, warme Socken und Decken, auf die ermutigende Worte gestickt waren. Wie Priester kamen sie herein zu mir – und in ihnen spiegelte sich das Gesicht von Jesus!

Wenn sie neben mir saßen, meine Hand in ihren Händen, dann kam es mir so vor, als würde mir mein Leid das Leid der anderen offenbaren. Ich betrat die Welt derer, die genau wie ich zwischen den Trümmern ihrer Träume herumstolperten, auf die sie früher meinten, einen Anspruch zu haben.

Als ich begriff, dass ich sterben würde, empfand ich keinen Zorn – ich fühlte mich geliebt!

Dieser Eindruck wich monatelang nicht von mir. Ja, ich hatte mich schon so sehr an dieses schwebende Gefühl gewöhnt, dass ich bei dem Gedanken, es wieder zu verlieren, in Panik geriet. Also begann ich, Freunde, Theologen, Historiker, Pastoren und Nonnen, die ich schätzte, zu fragen: Was soll ich tun, wenn es wieder verschwindet?

Sie wussten genau, wovon ich sprach. Und sie alle sagten, die Gefühle würden wieder verschwinden. Der Eindruck der Gegenwart Gottes würde sich verflüchtigen. Es würde keinen dauerhaften Beweis für seine Existenz geben.

Doch sie alle gaben mir auch ein kleines Stück Gewissheit, und daran klammerte ich mich: Wenn die Gefühle schwinden, so wie die Flut verebbt, dann werden sie eine Spur hinterlassen. Irgendwie würde ich durch die Gegenwart eines Gottes geprägt sein, der wie ein unerwarteter Gast zu mir gekommen war.

 

Lesen Sie hier → auch die Rezension zu Kate Bowlers Buch „Ich muss nur fest genug glauben … und andere Lügen, die ich geliebt habe“.

 

Hier geht’s zum TED-Talk mit Kate Bowler, in dem sie ihre Geschichte erzählt (ca. 14 Minuten, englischsprachig)

Kate Bowler

ist Historikerin und arbeitet als Dozentin an der „Duke Divinity School“ in Durham in North Carolina/USA. Sie ist verheiratet mit Toban und Mutter eines kleinen Sohnes. Seit 2015 lebt sie mit der Diagnose Darmkrebs im 4. Stadium. Der vorliegende Artikel ist ein gekürzter Auszug aus ihrem aktuellen Buch „Ich muss nur fest genug glauben … und andere Lügen, die ich geliebt habe“, das vor kurzem im Brunnen-Verlag (Gießen) erschienen ist.

 

katebowler.com

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