Wut, Angst, Rache oder auch Trauer sind dunkle, unangenehme Gefühle, die jeder kennt. Was also machen wir mit ihnen, bevor sie etwas mit uns machen? Heißen die Alternativen bloß Leugnen oder Austoben? Der Seelsorger Hermann Dueck lädt dazu ein, sich auch den unschönen Gefühlen zu stellen, um sie heilsam verarbeiten zu können. Hilfreich dabei: Die Klagepsalmen der Bibel.

 

 

Gefühle – was ist über sie nicht schon alles gesagt und geschrieben worden! Doch trotz der Fülle an Informationen über Gefühle, geht unsere Gesellschaft oft nicht hilfreich mit Gefühlen um. Das trifft leider auch auf Christen zu. Ich kann es sowohl aus meiner persönlichen Erfahrung als auch aus meiner Erfahrung als Seelsorger bestätigen: Vielen fällt es schwer, ihre Gefühle, besonders die dunklen, zu akzeptieren und auszudrücken.

 

Gefühle: Sie sind, was sie sind

Die nordamerikanische Psychotherapeutin Mirjam Greenspan schreibt in ihrem Buch „Healing Through the Dark Emotions“, dass wir in unserer westlichen Kultur Angst vor dunklen, schweren und unangenehmen Gefühlen haben und bezeichnet diese Haltung als Emotionsphobie. Es ist die Angst vor Gefühlen wie Trauer, Angst, Verzweiflung und Ärger. Wir möchten gerne die hellen und angenehmen Gefühle erleben, wir sind geradezu süchtig nach ihnen – die dunklen jedoch möchten wir am liebsten ganz vermeiden. Greenspan bezeichnet Gefühle nicht als positiv oder negativ, denn das würde implizieren, dass bestimmte Gefühle gut und andere schlecht sind. Doch Gefühle sind einfach, wie sie sind, sie sind weder gut noch schlecht. Und hinzu kommt: Nur das, was sein darf, kann auch verändert werden.

Wir möchten gerne die hellen und angenehmen Gefühle erleben, wir sind geradezu süchtig nach ihnen – die dunklen jedoch möchten wir am liebsten ganz vermeiden.

Wir leben in einer „Happy-End-Kultur“, die will, dass wir nur angenehme Gefühle erfahren. Doch die Wirklichkeit ist, dass wir nicht nur angenehme Gefühle erleben. Die Spannung, die sich daraus ergibt, führt am Ende dazu, dass wir hinsichtlich unserer Gefühle unehrlich werden. Greenspan beschreibt verschiedene Wege, auf denen unsere Gesellschaft mit dunklen Gefühlen umgeht und die wir durch Prägung in unseren Familie, durch Religion und Kultur verinnerlicht haben:

 

Sturer Stoizismus: Hier wird das Zeigen von Gefühlen als Schwäche angesehen und das Verdrängen von Gefühlen als Stärke.

 

Verneinung: Die Verneinung dunkler Gefühle ist eine unbewusste Trennung davon. Extreme Verneinung ist eine der verheerendsten und zerstörendsten Energien in unserer Welt. Opfer wie auch Täter des Bösen benutzen Verneinung. Neurotische Verneinung ist typisch für jegliches Suchtverhalten.

 

Rache: Dunkle Gefühle werden nicht unterdrückt oder verdrängt, sondern sie werden ausgelebt. Der Energie der dunklen Gefühle wird Luft gemacht: „Wie du mir, so ich dir!“ Das kann bis zu Gewalt und Mord führen.

 

Flucht: Dieser Mechanismus steht in den westlichen Gesellschaften sicher an erster Stelle, wenn es um den Umgang mit dunklen Gefühlen geht. Unsere Unterhaltungsindustrie hat Zerstreuung und Ablenkung bis ins Feinste arrangiert. Mehr und mehr Unterhaltung, Vergnügen, Personenkult sowie suchtartiges Konsumieren, sind die beliebtesten Fluchtwege unserer Gesellschaft.

 

Diese Verhaltensweisen im Umgang mit dunklen Gefühlen können begrenzt durchaus gut, hilfreich und notwendig sein, zum Beispiel in einer akuten Krisensituation. Problematisch und verheerend sind sie aber, wenn sie zu unbewusstem Zwangsverhalten werden.

 

Negative Gefühle verwandeln

Es gibt aber auch hilfreichere Wege, mit dunklen Gefühlen umzugehen – und zwar in der „aktiven Klage“. Anhand des Klageliedes in den Psalmen will ich aufzeigen, wie es therapeutische Wirkung entfalten kann und beziehe mich dabei auf Untersuchungen des Alttestamentlers Walter Brueggemann in „The Message of the Psalms“.

 

Der Psalter, dieses Buch mit Liedern, Gebeten und Gedichten, hat die Glaubensvorstellung und das Gebet in Tempel, Synagoge und Kirche über Jahrtausende fundiert und geprägt. Was vielen nicht bewusst ist: Über die Hälfte des Psalters sind Klagepsalmen! Die Autoren der Psalmen sind sich dessen zutiefst bewusst, dass in ihrem Leben mit Gott und Mitmenschen vieles fehlt. Und sie scheuen sich nicht, alles, was das Leben an Beschwerden und Leiden mit sich bringt, vor Gott zur Sprache zu bringen. Wenn wir genauer hinschauen, merken wir, dass das Klagen eine immer wiederkehrende, geordnete Form hat.

Über die Hälfte des Psalters sind Klagepsalmen! Die Autoren der Psalmen sind sich dessen zutiefst bewusst, dass in ihrem Leben mit Gott und Mitmenschen vieles fehlt.

Die Psalmisten wussten, wie man mit dunklen Gefühlen wie Trauer, Angst,

Ärger, Hass, Rachegefühlen, Enttäuschung, seelischem Schmerz und Schuld umgeht. Diese Gefühle werden wahrgenommen, bejaht und in sehr anschaulicher, kraftvoller und bildhafter Sprache voll und ganz ausgedrückt. Doch obwohl diese Gefühle akzeptiert und ausgesprochen werden, wird ihnen doch nicht einfach freier Lauf gewährt. Nein, sie werden geordnet, meditiert, durchbetet, besungen und auf diese Weise durchgearbeitet und schließlich auch verarbeitet. Dieses Ordnen der rohen Gefühle ist die Rolle des Gedichts und die Gabe des Dichters. Das klassische Modell des Klagegebets oder Klagelieds der Psalmen hat sechs Elemente:

 

1. Die direkte Anrede. Das Gebet beginnt sehr häufig mit einer persönlichen, direkten Anrede an Gott: „Mein Gott“, „Gott meiner Vorfahren“, „Höre mich, Gott, und antworte mir!“ Die Klage wird nicht vor einen Fremden gebracht, sondern sie wird direkt vor den Gott gebracht.

 

2. Der Seelenschmerz. Das Gebet beschreibt sofort nach der Anrede die schwere Situation, zum Beispiel: „Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht!“ Der Beter sagt offen und ehrlich, was das schwere Problem ist. Die Hintergründe des Problems werden in der Regel nicht beschrieben.

 

3. Die eigentliche Klage. Das Gedicht kommt dann zu der eigentlichen Klage und Bitte, und zwar in sehr direkter Ausdrucksweise: „Neige dich zu mir!“, „Höre mein Schreien!“, „Eile, mir zu helfen!“, „Befreie mich von meinen Feinden, ich hasse sie, zerstöre sie, lass ihren Namen vom Erdboden verschwinden!“, und so weiter.

 

4. Die Dringlichkeit der Klage. Die Klage und die Bitte könnten unter normalen Umständen genug sein, aber hier handelt es sich nicht um normale Umstände. Der Beter scheint zu denken, dass seine Not allein für Gott nicht Grund genug ist, um zu handeln; es sieht so aus, als müsse er Gott beweisen, dass auch für ihn etwas auf dem Spiel steht: „Wenn du mich sterben lässt, dann kann ich dich nicht mehr preisen.“ Manchmal wird die Sprache geradezu respektlos. Doch Menschen in großer seelischer Not wagen diese Sprache und auch das Ausdrücken dessen, was nicht unbedingt „rechtgläubig“ ist. Da mag die Höflichkeit verloren gehen, doch in Israel darf man ehrlich sein vor Gott.

 

5. Die Bitte um Rache. Nachdem der Dichter sein dringendes Anliegen als Klage vor Gott gebracht hat, bittet er häufig, dass Gott den Feind bestrafen oder sogar zerstören möge. Der Beter bringt kühn die tiefste Finsternis seiner Seele vor Gott zur Sprache. Diese Art des Betens ist den meisten von uns fremd. Sie passt gar nicht in unser frommes, höfliches und vorsichtiges Gebet. Solche Gebete sind in der Tat in Grenzsituationen gesprochen. Vor allem aber ist wichtig, zu bemerken: Die eigentliche Rache wird Gott überlassen.

 

6. Die unerwartete Wende. Sonderbar: Wenn die Not, der Schmerz, der Ärger, der Hass, das Gift, das tiefe Verlangen, sich zu rächen, vollkommen ausgesprochen ist, geschieht etwas Unerwartetes: Die Stimmung und der Ton des Gebetes verändern sich. Die Energie der dunklen Gefühle ist verausgabt und der Beter findet Neuorientierung. Zum Schluss ist der Beter zuversichtlich, dass Gott ihn gehört hat und es gut mit ihm meint. Und so endet der Psalm dann in Dank und Lobpreis.

 

Eine neue Perspektive

Wie lange dieser Prozess im wirklichen Leben dauerte, wird nicht gesagt. Es ist auch nicht klar, was diese Wende ermöglicht hat. War es das Aussprechen und Durchleben der Gefühle vor Gott? Half die Glaubensgemeinschaft in konkreter Art und Weise? Ermöglichte die Liturgie eine neue Perspektive? Was es auch immer gewesen sein mag: das Gebet erreicht etwas. Der Beter ist am Schluss des Psalms in einem anderen Zustand.

Was es auch immer gewesen sein mag: das Gebet erreicht etwas. Der Beter ist am Schluss des Psalms in einem anderen Zustand.

Der Psalmist nimmt mutig wahr, dass nicht alles okay ist in dieser Welt. Das steht in deutlichem Widerspruch zur neurotischen Verneinung dunkler Gefühle in unserer Kultur. Die Psalmisten ringen mit den großen, schweren Fragen des Lebens, den Problemen des Bösen, der Ungerechtigkeit und des Leidens in ehrlicher und offener Art und Weise. Jede Frage ist erlaubt, Zweifel sind erlaubt, Schimpfen ist erlaubt! Das geschieht in gewagter, mutiger und kraftvoller Sprache. Solche Sprache schafft etwas Neues. Israels Gott kann mit all dem umgehen.

 

Was hat die biblische Klage nun für die Seelsorge zu bedeuten? Vor allem zwei Dinge leuchten hier auf:

 

1. Was ist, das ist – und was ist, darf auch sein! Das dunkle Gefühl ist eine Wirklichkeit und diese Wirklichkeit will akzeptiert werden. Der bekannte amerikanische Psychologe Carl Rogers pflegte zu sagen, dass nur das, was akzeptiert wird, sich verändern kann. Das ist paradox, doch die Erfahrung scheint es zu bestätigen. Ehrliches Annehmen ist notwendig für die seelische Genesung.

 

2. Dunkle Gefühle brauchen nicht negativ beurteilt zu werden. Besonders Menschen, die mit Depressionen kämpfen, verurteilen sich häufig wegen ihrer dunklen Gefühle. Die Erkenntnis, dass die Gefühle an und für sich, obwohl unangenehm und schwer, nicht böse oder gut sind, kann im Umgang mit ihnen eine große Hilfe sein. Entscheidend ist, was man mit Gefühlen macht. Und dabei können die Klagepsalmen, die auch unseren dunklen und unangenehmen Gefühlen in konstruktiver Form ehrlich und offen Ausdruck verleihen, mehr als hilfreich sein.

Hermann Dueck

Master of Arts in „Pastoral Counselling“, Master of Divinity, Spiritual Health Specialist. Er arbeitet als Seelsorger in der Senioreneinrichtung „Concordia Village“ in Winnipeg/Kanada sowie in privater Praxis.

 

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