Besonders in der derzeitigen Corona-Krise erleben manche Kinder ein hohes Maß an Angst, können schlecht ein- oder durchschlafen oder sind generell schnell gestresst und überfordert. Die Schulpsychologin Ines Maynard weiß aus ihrer Beratungspraxis: Die Angst sitzt vor allem auch im Körper – und genau hier muss ihr zuerst begegnet werden. Für MINDO hat sie darum nicht nur ein paar Fragen zum Thema beantwortet, sondern dazu ganz praktisch eine Anleitung zur gezielten Muskelentspannung für Kinder (und Erwachsene) eingesprochen.

 

 

MINDO: Die Corona-Pandemie stellt uns alle vor große Herausforderungen. Die Unberechenbarkeit des Virus und auch die Möglichkeit, zu erkranken, stresst uns und macht nicht wenigen Angst. Wie können Eltern ihren Kindern auf gute Weise erklären, was Corona ist, ohne sie zu ängstigen? Geht das überhaupt?

 

INES MAYNARD: Klar geht das! Kinder können schon so viel verstehen. Und sie haben Fragen. Am besten schaut man zusammen ein kindgerechtes Video zum Thema an und fragt dann, was das Kind verstanden hat und was es noch wissen möchte. Aus meiner Sicht eines der besten deutschsprachigen Videos zum Thema hat die Stadt Wien unter dem Titel „Das Coronavirus Kindern einfach erklärt“ entwickelt.

 

 

Sollte man mit Kindern auch über die Möglichkeit einer Erkrankung oder sogar den Tod reden?

 

MAYNARD: Dieses Thema sollten Eltern nur besprechen, wenn ihr Kind nach dem Video direkt danach fragt. Und falls zum Beispiel die Großeltern erkranken, wird das Kind sowieso anfangen, Fragen zu stellen. Wichtig ist generell, täglich Zeit für Gespräche zu finden, wo Kinder ihre Fragen loswerden und ihre Gefühle zum Ausdruck bringen können, zum Beispiel beim gemeinsamen Essen oder vor dem Schlafengehen.

 

 

Wie können Eltern vermeiden, dass sie ihre vielleicht latent vorhandenen eigenen Ängste auf ihre Kinder übertragen? Sollten sie offen über ihre Sorgen reden oder lieber nicht?

 

MAYNARD: Kinder haben tatsächlich eine Antenne dafür, wie es ihren Eltern geht. Als Erwachsene sind wir Vorbilder, wie man mit Angst umgehen kann. Und darum ist Ehrlichkeit auch dort der beste Weg, wo es um unsere eigenen Ängste geht. Wichtig ist, Kindern zu vermitteln, dass jeder mal Angst hat und dass das völlig okay ist. Angst zu haben gehört zum Leben dazu.

Danach können Eltern dann konkret erklären, was ihnen hilft, mit ihrer Angst umzugehen: eine feste Umarmung, ein Spaziergang im Wald, Sport, Beten, lustige Filme schauen, Sorgen aufschreiben, mal wieder richtig Lachen, Basteln, Nähen, mit einem Freund reden – es gibt so viele Möglichkeiten.

 

Angst sitzt vor allem auch im Körper. Und genau da müssen wir sie herauskriegen, damit unser Gehirn entspannt und wir wieder logisch denken können.

Was kann man praktisch tun, wenn ein Kind vielleicht nicht mehr schlafen will, sich auffällig verhält oder einfach große Angst zeigt?

 

MAYNARD: Oft sitzt die Angst nicht nur im Kopf, sondern vor allem auch im Körper. Wenn wir Angst empfinden, fluten Stresshormone wie Cortisol unseren Körper. Das führt zu Muskelverspannungen von Kopf bis Fuß. Außerdem blockieren die „Angstfunktionen“ unser Frontalhirn, das wir brauchen, um zu planen und logisch zu denken.

Deshalb müssen wir die Angst erst aus unserem Körper herauskriegen, damit auch unser Gehirn entspannen, wieder logisch denken und Angstgedanken bekämpfen kann. Aus diesem Grund rate ich sehr zu Entspannungsübungen. Muskelentspannungs- und Atemübungen sind am effektivsten, um innere Erregungszustände und Anspannung zu lösen. Sie entspannen die Muskulatur und das führt dazu, dass sich der Herzschlag verlangsamt. Wenn unser Körper dem Gehirn dann „Entspannung“ signalisiert, empfindet auch das Gehirn weniger Angst und kann klarer denken und auch wieder Lösungen finden. Ich habe zu diesem Zweck auf meiner Homepage zwei unterschiedlich lange Anleitungen zur Muskelentspannung für Kinder ab 6 Jahren eingesprochen, die man mit einem Klick auf den weiter unten aufgeführten Button anhören und einüben kann. Es braucht ein bisschen Zeit, um sie zu lernen. Aber wenn sie regelmäßig angewendet wird, hat sie erstaunliche Auswirkungen.

 

 

Können Eltern bei den Übungen mitmachen?

 

MAYNARD: Auf jeden Fall! Auch Eltern sollten lernen, sich zu entspannen. Außerdem kann durch die gemeinsame Zeit die Verbindung und das Vertrauen zwischen Eltern und Kindern gestärkt werden. Kinder fühlen sich verbundener und weniger allein. In Zeiten, die Angst machen, sind Verbundenheit und Vertrauen das A und O. Zu wissen: „Wir stehen das gemeinsam durch. Wir haben vielleicht im Moment weniger Geld, aber wir haben immer noch einander. Und das ist das Wichtigste!“

 

 

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Die Fragen stellt Sabine Müller.

 

 

 

→ Zur Audio-Anleitung für „Entspannt von Kopf bis Fuß“ 

 

Entspannt von Kopf bis Fuß – so geht’s!

Wenn wir uns gestresst oder ängstlich fühlen, spannt sich unser Körper an. Manche Kinder werden aggressiv, einige zappeln ununterbrochen und wieder andere weinen oder ziehen sich zurück. Die meisten von uns versuchen zuerst, die Angst im Kopf zu bekämpfen. Aber wenn unser Körper angespannt ist, funktioniert unser Denken nicht gut. Unsere Logik geht verloren, denn die Angst „steckt“ in unserem Körper fest. Deshalb ist es wichtig, zuerst den Körper zur Ruhe zu bringen, um die Gedankenspirale zu unterbrechen.

 

Wenn es darum geht, Angst und Stress im Körper abzubauen, ist Muskelentspannung sehr effektiv. Regelmäßig angewendet, hat sie erstaunliche Auswirkungen:

 

> Muskelentspannung hilft uns dabei, den Fokus auf unseren Körper richten, besonders wenn unsere Gedanken rasen und immer um eine bestimmte Befürchtung kreisen.

 

> Sie entspannt den Körper. Das bringt Kinder überhaupt erst in die Lage, mit Stress umzugehen, ihr Erleben mit den Eltern zu besprechen und gemeinsam Lösungen zu finden, Hausaufgaben zu machen, sich wieder zu freuen u. v. m.

 

> Und Muskelentspannung sorgt zudem für einen erholsameren und tieferen Schlaf.

 

 

 

→  Suchen Sie mit Ihrem Kind einen ruhigen Ort auf, an dem Sie ungestört sind: im Wohn- oder Schlafzimmer, im Garten, auf dem Balkon – wo auch immer.

 

Begleiten Sie Ihr Kind! Machen Sie bei den Muskelentspannungsübungen mit und machen Sie die Übungen auf diese Weise zu einem Erlebnis, die Sie und Ihr Kind fester miteinander verbindet.

 

Üben Sie die Muskelentspannungsübungen mit Ihrem Kind ein, wenn es entspannt ist, damit es lernt, wie es Stress begegnen und ihm vorbeugen kann. Idealerweise planen Sie die Übungen zu einem bestimmten Zeitpunkt in Ihren Tagesplan ein, z. B. vor dem Schlafengehen.

 

→  Machen Sie die Übungen, wenn Ihr Kind nur wenig aufregt ist. Es ist ideal, wenn Sie die frühen Anzeichen bemerken, dass Ihr Kind sich anzuspannen beginnt.

 

Wichtig: Wenden Sie die Übungen bitte nicht an, wenn Ihr Kind extreme Angstzustände oder eine akute Panikattacke hat!

 

Verwenden Sie die Übungsanleitung als Teil der Schlafenszeit-Routine. Sie werden Ihrem Kind helfen, zur Ruhe zu kommen und besser zu schlafen.

 

→ Üben Sie zwei Wochen lang mindestens einmal täglich, um eine bleibende Wirkung zu erzielen. Nach 10 bis 12 Wochen des täglichen Übens werden Sie bei Ihrem Kind deutlich positive Veränderungen feststellen.

 

Sobald Ihr Kind die Bewegungen der Muskelentspannungsübungen als Schlafenszeit-Routine erlernt hat, können Sie Kopfhörer benutzen, um ablenkende Nebengeräusche auszublenden.

 

Ines Maynard

ist Schulpsychologin und ehemalige Redakteurin der Frauenzeitschrift „Lydia“ sowie Co-Autorin des Buches „Werte für Kinder“. Sie lebt in Kentucky/USA, wo sie in ihrer Freizeit gern mit ihrem Mann David und ihren beiden Kindern Wandern geht.

 

Mehr unter: www.kycounseling.org

 

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