MINDO: Frau Maynard, Angststörungen bei Kindern – das ist nicht unbedingt ein Thema, das eine große Öffentlichkeit hat. Der aktuelle Kinder- und Jugendreport der „DAK-Gesundheit“ jedoch zeigt, dass in Deutschland mittlerweile mehr als ein Viertel der Kinder und Jugendlichen psychische Auffälligkeiten aufweist und zwei Prozent gar an einer Angststörung leiden, die therapeutischer Begleitung bedarf. Beobachten auch Sie hier einen Anstieg?

 

INES MAYNARD: Das ist nicht ganz so leicht zu beantworten, denn die Frage ist: Haben wir heute die besseren Messmethoden oder sind wir schlicht aufmerksamer geworden? Dazu muss man wissen: Es gibt ja nicht nur eine, sondern viele unterschiedliche Angststörungen. Es gibt Phobien und Zwangserkrankungen, es gibt allgemeine Angststörungen und Panikstörungen neben Schulangst und Prüfungsangst und vielem mehr. Um zu sagen, ob und welche Erkrankung konkret ansteigt, müsste man sich eigentlich jeden einzelnen Bereich anschauen. Ich kann nicht für Deutschland sprechen, aber in den USA, wo ich seit einigen Jahren lebe, hat mittlerweile jedes zehnte Kind eine Angststörung, die sich verschlimmert, wenn sie nicht behandelt wird. Und die Corona-Krise hat die Situation nicht gerade verbessert!

 

 

Wo liegen die Ursachen für Angststörungen bei Kindern?

 

MAYNARD: Bei Angststörungen sind die Gründe in der Regel komplex und zumindest zum Teil vererbt. Wenn ich Kinder therapeutisch begleite, höre ich oft von Eltern: „Ja, also ich habe ja auch ein Problem damit“, oder: „Die Oma hatte das auch“. Ob man an einer Angststörung erkrankt, ist zum einen also genetisch bedingt und zu einem anderen Teil eventuell erlernt. Kinder sehen „Meine Mutter reagiert so und mein Vater so“, und lernen an deren Vorbild auch oft die Angst.

 

 

Wird die Problematik von Eltern ernstgenommen?

 

MAYNARD: Ich denke schon, dass Eltern diesbezüglich aufmerksamer geworden sind. Und doch hören Kinder auch heute noch Sätze wie: „Ach, das ist nichts!“, oder auch: „Hör doch einfach damit auf!“ Das geschieht natürlich oft aus Hilflosigkeit heraus, weil Eltern die Ängste ihres Kindes nicht verstehen und auch oft nicht wissen, wie sie helfen können. Oder das Problem wird weggeschoben, weil sie nicht wahrhaben wollen, dass ihr Kind eine Angststörung hat, weil es unbequem oder peinlich ist.

 

 

Bis wohin liegt ein gewisses Maß an Angst noch im Bereich des Normalen?

 

MAYNARD: Als Therapeutin schaue ich mir vieles an, bevor ich eine Einschätzung vornehme. Aber um es einfach auszudrücken: Eine Angststörung ist es, wenn es anfängt zu stören! „Angststörung“ – das ist ein tolles deutsches Wort! Angst vorm Dunkeln zu haben oder auch phasenweise schlecht zu träumen, ist völlig normal bei Kindern. Denn in aller Regel schläft das Kind irgendwann dann doch und ist nicht weiter in seinem Alltag beeinträchtigt. Zu einer Angststörung wird es, wenn das Kind aus Angst heraus über Monate überhaupt nicht mehr schläft.

Manchmal bekommen Kinder die Diagnose ADHS – dabei steckt eine Angsterkrankung dahinter.

Ein anderes Beispiel: Wenn ein Kind mal Angst vor der Schule hat, aber noch hingeht, liegt das im Rahmen des Normalen. Wenn es über einen längeren Zeitraum nicht mehr hingehen will, kann eine Angststörung vorliegen. Oder auch, wenn Kinder anfangen, sich selbst zu verletzen, wenn sie in der Schule Panikattacken bekommen, wenn sie keinen Test mehr schreiben können, weil sie so große Angst haben, dann fängt die Angst an zu stören. Eine Angststörung liegt also dann vor, wenn die Angst das Leben richtiggehend einschränkt.

 

 

Wie äußert sich eine Angsterkrankung bei einem Kind, sprich: Woran können Eltern das erkennen?

 

MAYNARD: Hier kommt es natürlich auf das Alter des Kindes an und darauf, welche Fähigkeiten es hat. Ein recht untrügliches Zeichen ist, wenn Kinder anfangen, das zu meiden, wovor sie Angst haben: „Ich habe Angst vor der Dunkelheit, ich meide das Bett“, „Ich habe Angst vor Hunden, ich renne weg“, „Ich habe Angst, wenn Papa und Mama weggehen, ich weine“ usw. Natürlich ist das bis zu einem gewissen Grad auch normal, aber wenn ein Kind nicht mehr aufhört zu weinen, wenn man es nicht mehr in den Kindergarten bringen kann, weil es dort nicht bleiben will, dann kann es sich schon um eine Störung handeln, die man sich anschauen sollte.

Wieder andere Kinder zeigen ihre Angst, indem sie aggressiv werden oder indem sie sich zurückziehen. Und natürlich gibt es körperliche Anzeichen: Das Kind zittert und ist nervös, es kann sich nicht konzentrieren oder es vergisst ständig Dinge. Manchmal bekommen Kinder mit solchen Symptomen die Diagnose ADHS, dabei steckt eine Angsterkrankung dahinter. Ich habe solche Fälle in meiner Beratungspraxis gehabt.

 

 

 

 

Wenn es nahe liegt, dass ein Kind an einer Angststörung leidet, was sollten Eltern auf keinen Fall tun?

 

MAYNARD: Das Kind nicht ernstnehmen und sein Problem kleinreden. Aber auch: Dem Kind dabei helfen, die Situation, die es fürchtet, dauerhaft zu meiden, indem man es aus allem herausnimmt. Beide Extreme verschlimmern oft die Situation. Eltern helfen, wenn sie ihr Kind einerseits ernstnehmen und gleichzeitig das Kind behutsam mit dem in Berührung bringen, wovor es Angst hat. Aber bitte nicht zwingen! Vor allem dann nicht, wenn die Angststörung schon stark ist. Dann braucht man einen Therapeuten.

 

 

Den man spätestens wann konsultieren sollte?

 

MAYNARD: Wenn der Zustand länger als 6 Monate andauert und es immer schlimmer wird. Denn bei einer Angststörung ist die Zeit nicht auf deiner Seite. Je länger man wartet, desto intensiver wird es, auch weil negative Lernprozesse stattfinden und sich verfestigen. Die Krux bei der Angst ist: Wenn man ihr nicht begegnet, wird sie immer größer. Wenn man sie vermeidet, wächst sie, und umso länger muss man sie behandeln. Doch wenn man ihr frühzeitig therapeutisch begegnet, kann man relativ schnell Fortschritte sehen.

 

Was hilft gegen die Angst?

 

MAYNARD: Am besten hilft kognitive Verhaltenstherapie in Kombination mit Entspannungsübungen und bei kleinen Kindern mit Spieltherapie. Eine Sache, die ich betonen möchte, weil sie so unglaublich wichtig ist und so oft missverstanden wird: Angst ist keine „reine Kopfsache“. Sie sitzt nie nur im Kopf – vor allem nicht bei Kindern –, Angst sitzt im Körper! Und darum sind Entspannungsübungen besonders für Kinder wichtig. Kinder sind heute oft nicht mehr so viel draußen, haben nicht mehr so viel Bewegung. Und: Sie kennen oft keine Langeweile mehr. Dabei ist „Mal-nichts-zu-tun-haben“ so wichtig, um zu entspannen!

Wenn wir Angst haben, werden ganz viele Stoffe in unserem Körper freigesetzt, die ihn stressen – und die im Körper bleiben! Bei jemandem, der eine Angststörung hat, potenziert sich das Ganze um ein Vielfaches. Dieser Stress muss aus dem Körper raus und darum muss an diesem Punkt besonders gearbeitet werden. Je nachdem, wie fortgeschritten eine Angststörung bereits ist, muss man auch über Medikamente nachdenken, damit das Kind therapiefähig ist. Aber Entspannungsübungen, die Muskeln und den Atem einbeziehen, sind ganz grundsätzlich wichtig und helfen enorm (siehe Infokasten: „Entspannt von Kopf bis Fuß“).

Angst sitzt nie nur im Kopf, vor allem nicht bei Kindern – Angst sitzt im Körper!

Nun sind psychische Erkrankungen trotz aller Aufklärung auch heute oft noch stigmatisiert. Was sagen Sie Eltern und Kindern, die damit ein Problem haben?

 

MAYNARD: Ich versuche, die Angststörung zu normalisieren – sowohl für die Kinder als auch für die Eltern. Es ist wichtig, dass man Kindern erklärt, dass sie nicht „komisch“ sind, und ihnen zu vermitteln, dass sie nicht alleine sind, sondern dass diese Erkrankung mehr Kinder betrifft, als viele annehmen. Ich erkläre es gerne so: „Manche Kinder haben Diabetes – und du hast halt eine Angststörung. Das ist nichts Schlimmes. Das wird nur schlimm, wenn wir nichts tun. Wie wenn du einen zu hohen Blutzucker hättest und kein Insulin nehmen würdest.“ Kinder müssen verstehen: „Ich bin nicht die Angst! Sondern das ist etwas von außen, das mich stört, aber ich kann es besiegen!“ Man sollte einem Kind nicht sagen: „Naja, du bist halt ängstlich“, sondern: „Du kannst das überwinden, das und das sind die Schritte. Du schaffst das!“

Aber auch für die Eltern ist es wichtig, die Erklärung weg von der emotionalen auf die sachliche Ebene zu holen. Angststörungen haben zunächst einmal eine genetische Komponente und haben mit einer überaktiven Amygdala zu tun, also dem Teil in unserem Gehirn, der eine wichtige Rolle bei der Emotionsverarbeitung spielt – und nicht etwa damit, dass ein Kind nicht gut erzogen wurde. Hier liegt vielleicht einer der Gründe, warum Eltern nicht zum Therapeuten gehen: weil sie denken, dass es ein schlechtes Licht auf sie wirft. Ich mache Eltern darum Mut, denn mit einem ängstlichen Kind umzugehen, ist nicht immer leicht.

 

 

Inwieweit liefert der Glaube Betroffenen hilfreiche Impulse – und was könnte insbesondere von Gemeinden noch besser gehandhabt werden?

 

MAYNARD: Der Glaube an Gott schenkt ein Grundvertrauen, das Mut macht. Gleichzeitig sind Angststörungen eine Erkrankung und müssen als solche ernstgenommen werden. Man sollte nicht bloß sagen: „Dann gib es doch an Jesus ab!“ Wenn jemand an einer Angsterkrankung leidet, braucht er medizinische und therapeutische Hilfe.

Jesus hat unsere Ängste ernstgenommen und auch Gott nimmt unsere Ängste ernst! Und darum wünsche ich mir das auch verstärkter von der christlichen Gemeinde. Es wäre wunderbar, wenn Pastoren mit Therapeuten zusammenarbeiten und sich umfassender informieren würden, damit sie ein paar Werkzeuge mehr an der Hand haben, um Menschen langfristig zu helfen. Vor allem muss ganz klar sein: Eine Angsterkrankung zu haben, ist kein Unglaube!

 

 

Und zu guter Letzt: Mit welchem Satz würden Sie einem erkrankten Kind Mut machen?

 

MAYNARD: Ich würde sagen: „Deine Angst und das, was du spürst, ist real. Und sie hat viel Macht über dich, weil du sie noch nicht so gut kennst. Wenn du sie erst besser kennenlernst und weißt, wie du mit ihr umgehen kannst, wird es leichter. Du kannst sie überwinden lernen.“

 

 

Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

Die Fragen stellte Sabine Müller.

Ines Maynard

ist Schulpsychologin und ehemalige Redakteurin der Frauenzeitschrift „Lydia“ sowie Co-Autorin des Buches „Werte für Kinder“. Sie lebt in Kentucky/USA, wo sie in ihrer Freizeit gern mit ihrem Mann David und ihren beiden Kindern Wandern geht.

 

Mehr unter: www.kycounseling.org

Entspannt von Kopf bis Fuß – so geht’s!

Wenn wir uns gestresst oder ängstlich fühlen, spannt sich unser Körper an. Manche Kinder werden aggressiv, einige zappeln ununterbrochen und wieder andere weinen oder ziehen sich zurück. Die meisten von uns versuchen zuerst, die Angst im Kopf zu bekämpfen. Aber wenn unser Körper angespannt ist, funktioniert unser Denken nicht gut. Unsere Logik geht verloren, denn die Angst „steckt“ in unserem Körper fest. Deshalb ist es wichtig, zuerst den Körper zur Ruhe zu bringen, um die Gedankenspirale zu unterbrechen.

 

Wenn es darum geht, Angst und Stress im Körper abzubauen, ist Muskelentspannung sehr effektiv. Regelmäßig angewendet, hat sie erstaunliche Auswirkungen:

 

> Muskelentspannung hilft uns dabei, den Fokus auf unseren Körper richten, besonders wenn unsere Gedanken rasen und immer um eine bestimmte Befürchtung kreisen.

 

> Sie entspannt den Körper. Das bringt Kinder überhaupt erst in die Lage, mit Stress umzugehen, ihr Erleben mit den Eltern zu besprechen und gemeinsam Lösungen zu finden, Hausaufgaben zu machen, sich wieder zu freuen u. v. m.

 

> Und Muskelentspannung sorgt zudem für einen erholsameren und tieferen Schlaf.

 

 

 

→  Suchen Sie mit Ihrem Kind einen ruhigen Ort auf, an dem Sie ungestört sind: im Wohn- oder Schlafzimmer, im Garten, auf dem Balkon – wo auch immer.

 

Begleiten Sie Ihr Kind! Machen Sie bei den Muskelentspannungsübungen mit und machen Sie die Übungen auf diese Weise zu einem Erlebnis, die Sie und Ihr Kind fester miteinander verbindet.

 

Üben Sie die Muskelentspannungsübungen mit Ihrem Kind ein, wenn es entspannt ist, damit es lernt, wie es Stress begegnen und ihm vorbeugen kann. Idealerweise planen Sie die Übungen zu einem bestimmten Zeitpunkt in Ihren Tagesplan ein, z. B. vor dem Schlafengehen.

 

→  Machen Sie die Übungen, wenn Ihr Kind nur wenig aufregt ist. Es ist ideal, wenn Sie die frühen Anzeichen bemerken, dass Ihr Kind sich anzuspannen beginnt.

 

Wichtig: Wenden Sie die Übungen bitte nicht an, wenn Ihr Kind extreme Angstzustände oder eine akute Panikattacke hat!

 

Verwenden Sie die Übungsanleitung als Teil der Schlafenszeit-Routine. Sie werden Ihrem Kind helfen, zur Ruhe zu kommen und besser zu schlafen.

 

→ Üben Sie zwei Wochen lang mindestens einmal täglich, um eine bleibende Wirkung zu erzielen. Nach 10 bis 12 Wochen des täglichen Übens werden Sie bei Ihrem Kind deutlich positive Veränderungen feststellen.

 

Sobald Ihr Kind die Bewegungen der Muskelentspannungsübungen als Schlafenszeit-Routine erlernt hat, können Sie Kopfhörer benutzen, um ablenkende Nebengeräusche auszublenden.

 

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