Was bringt uns der Blick auf uns selbst? Ist Selbstreflexion für unser persönliches Wachstum unverzichtbar – oder ist sie bloß eine ungesunde Nabelschau? Für die Rubrik „Tiefer sehen“ stellen wir regelmäßig einem anderen Lebensberater oder Therapeuten dieselben sieben Fragen und bekommen im Gegenzug sieben ganz unterschiedliche Antworten, so vielfältig und bunt wie die Befragten selbst. Dieses Mal: Die Systemische Familien- und Eheberaterin Luitgardis Parasie.

 

 

MINDO: Genau hinsehen, Motive und Verhaltensmuster hinterfragen – das klingt nach Arbeit und auch nach der ein oder anderen unbequemen Entdeckungen. Warum lohnt es sich trotzdem für jeden, nicht an der Oberfläche stehen zu bleiben, wenn es um die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit geht?

 

LUITGARDIS PARASIE: „Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz, prüfe mich, und erkenne, wie ich’s meine“, bittet der Beter in Psalm 139. Ich gehe davon aus, dass er dabei auch sich selber besser erkennen will. Denn es geht ja weiter: „Und siehe, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.“ Sich selber zu erkennen und sich in Gottes Licht zu sehen, hängt also zusammen. Und es hilft, einen klaren Weg zu gehen und sich nicht zu verzetteln.

Es ist hilfreich, die eigenen Gaben und Schwächen zu kennen. Das bewahrt Menschen vor falschen Entscheidungen, zum Beispiel bei der Berufswahl oder dem Übernehmen eines Ehrenamtes. Ich kann beispielsweise gut schreiben und liebe es, Sprachen zu lernen, aber Mathe kann ich überhaupt nicht. Der Haushaltsplan meiner Kirchengemeinde ist für mich immer noch mühevoll zu entschlüsseln, und für den Finanzausschuss wäre ich völlig ungeeignet. Dafür schreibe ich Artikel für Zeitungen oder Andachten für den NDR. Mein Mann hingegen ist begeistert von Technik und Naturwissenschaften, er kann gut verwalten und organisieren und er kriegt die Leitung seiner Praxis super hin. Außerdem ist er viel geduldiger als ich. Wenn man um seine eigenen Fähigkeiten und die des anderen weiß – und um die Defizite – fordert und erwartet man nicht Dinge, die man selbst oder der andere nicht leisten kann.

 

 

Wie geht man eine gesunde Selbstreflexion, in der man nicht nur um sich kreist, sondern auch wirklich vorwärtskommt, am besten an? Kann man das selber bewerkstelligen oder muss jeder gleich zu einem Coach oder Therapeuten?

 

PARASIE: Die beste Freundin oder der beste Freund ist hinsichtlich vieler Fragen auch eine gute Option. Es sollte auf jeden Fall jemand sein, der einen wohlwollend begleitet, es aber auch wagt, einem mal kritisch die Meinung zu sagen.

 

 

Apropos Therapie: Coaching, Seelsorge, Therapie – was ist eigentlich für wen wann dran?

 

PARASIE: Psychotherapie gehört in unserer Gesellschaft zu den heilkundlichen Berufen. Ziel einer Psychotherapie ist die Heilung von Neurosen oder anderen psychischen Störungen. Sie beschränkt sich auf die Aktivierung der im Menschen selber liegenden Möglichkeiten, ist Hilfe zur Selbsthilfe. Aber sie gibt keine Antworten auf Sinnfragen. Eine wesentliche Regel in der Psychotherapie ist zudem die Abstinenz der Therapeutin oder des Therapeuten, das heißt sie bzw. er geht keine persönliche Beziehung zu seinem Klienten ein. Das Setting psychotherapeutischer Sitzungen ist klar strukturiert: feste regelmäßige Termine, je 50 Minuten Behandlungsdauer, Behandlungsvertrag, Bezahlung. Therapie ist kein Dauerzustand, sondern umfasst eine klar umrissene Zeit

Seelsorge ist nicht allein Hilfe zur Selbsthilfe, sondern sie rechnet mit einer Kraft außerhalb des Menschen.

Seelsorge hat es dagegen nicht in erster Linie mit psychischen Störungen zu tun. Sie wird vielmehr in verschiedensten Situationen des Alltags praktiziert: Bei Schwierigkeiten in der Familie, mit den alten Eltern, bei Sterbefällen und im Krankenhaus. Oder wenn Menschen sich schuldig gemacht haben – auch Beichte und Vergebung sind ein wichtiger Teil der Seelsorge. Seelsorge lebt in erster Linie von der Seelsorge Gottes am Menschen. Sie ist also nicht nur ein Ereignis zwischen zwei Menschen, sondern sie bezieht Gott als Dritten mit ein. Sie ist auch nicht allein „Hilfe zur Selbsthilfe“, sondern sie rechnet mit einer Kraft außerhalb des Menschen. Seelsorge ist auch gerade dann sinnvoll, wenn keine Hilfe zur Selbsthilfe mehr möglich ist, also wenn zum Beispiel mit einer Krise oder auch mit einer Krankheit gelebt werden muss.

 

Coaching würde ich eher im beruflichen Kontext anordnen. Also etwa bei Fragen wie: Was muss ich besser machen, um meine Abteilung zu leiten? Wie kann ich mich beruflich weiterentwickeln? Welche Ziele sollte ich mir setzen?

 

 

Lange Zeit standen Psychologie und Religion ja eher auf Kriegsfuß miteinander. Das ist mittlerweile zum Glück ja weitgehend anders. Wie kann Glaube denn konkret von der Psychologie und ihren Erkenntnissen profitieren?

 

PARASIE: Ich selber habe am meisten gelernt von der systemischen Therapie: Nicht problemorientiert, sondern lösungsorientiert denken. Nicht die Schwächen thematisieren, sondern die Ressourcen. Beliebt ist unter systemischen Therapeuten folgendes Beispiel: Wenn ich in einer fremden Stadt zum Bahnhof will und mich verfahren habe, nützt es mir gar nichts zu wissen, warum ich mich verfahren habe. Ich muss nur wissen, wo der Bahnhof ist und wie ich dorthin gelange, und dann muss ich mich auf den Weg machen.

 

 

Und was kann umgekehrt Psychologie von Religion lernen?

 

PARASIE: Die Sinnfrage ernst zu nehmen. Den Menschen in einem größeren Kontext zu sehen. Den Glauben, Rituale, Gottesdienst und Gemeinschaft als spirituelle Ressource zu respektieren.

 

 

Kann Selbstreflexion auch gefährlich werden?

 

PARASIE: Selbstreflexion wird dann gefährlich, wenn man sich nur noch um sich selber dreht. Martin Luther spricht vom „homo incurvatus in se“ – dem in sich selbst verkrümmten Menschen, der nur durch eine Kraft außerhalb seiner selbst befreit werden kann.

 

 

Der sicher gute Ansatz, sich weiterentwickeln zu wollen oder auch besser zu werden – ob als Mensch, in seinem Beruf oder auch als Jesus-Nachfolger –, kann auch kippen. Wie schafft man es, auf eine gute Art und Weise an der eigenen Entwicklung zu arbeiten und sich doch gleichzeitig auch so anzunehmen, wie man ist, und der heute überall und permanent geforderten Selbstoptimierung eine Absage zu erteilen?

 

PARASIE: Durch konkrete Aufgaben. Sich um einen anderen Menschen kümmern. Kranke besuchen. Flüchtlinge begleiten bei der Wohnungssuche, der Ausbildung, der Integration. Für die alte Nachbarin einkaufen. Glücksforscher haben herausgefunden: Wer etwas für andere Menschen tut, ist viel glücklicher als jemand, der sich nur um sich selber dreht.

 

Die Fragen stellte Inge Frantzen.

 

LUITGARDIS PARASIE

Jahrgang 1954, ist Pastorin in der Kirchengemeinde Langenholtensen bei Northeim. Sie hat eine Zusatzausbildung in Systemischer Familientherapie, ist Autorin mehrerer Bücher (u. a. „Starke Mütter, starke Töchter“, Neukirchener Verlag) und arbeitet bei der NDR 1-Sendung „Zwischentöne“ mit. Sie ist verheiratet mit dem Arzt und Psychotherapeuten Dr. Jost Wetter-Parasie, hat drei erwachsene Kinder und drei Enkeltöchter.

 

www.wetter-parasie.de

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