In dieser Folge des „Psychologischen ABC“ erklärt der Pastoraltherapeut und Verhaltenswissenschaftler Dr. Hans-Arved Willberg, woran man eine Psychose erkennt, warum sie fälschlicherweise manchmal mit Schizophrenie verwechselt wird, und gibt darüber hinaus Betroffenen und ihrem Umfeld hilfreiche Tipps zur Bewältigung an die Hand.

 

Was kennzeichnet Psychosen?

Um eine Psychose diagnostizieren zu können, müssen folgende Kriterien erfüllt sein:

 

1. Bei einer Person treten besondere Erfahrungen, Ideen oder beides auf, die ihr selbst sehr wahrhaftig und realistisch vorkommen.

 

2. Dem „gesunden Menschenverstand“ ihrer Mitmenschen erscheinen diese allerdings sehr unrealistisch und sie haben auch nicht den Eindruck, dass sich ihnen dadurch neue lohnende Erkenntnisse auftun.

 

3. Die besonderen Erfahrungen und Gedanken der Person veranlassen sie zu Impulsen und Verhaltensweisen, die für andere ziemlich leicht ersichtlich weder ihnen noch ihrer Umwelt guttun können. Mitunter sind die Impulse sogar lebensgefährlich.

 

4. Der betroffenen Person fällt es außerordentlich schwer, den Realismus und die Logik dieser schädigenden Erfahrungen und Ideen zu bezweifeln und zu hinterfragen. Sie kann sogar völlig davon überzeugt sein. Dann leidet sie unter einem krankhaften Wahn.

 

 

Damit ist klar: Die ersten beiden Kriterien sind für die Diagnose einer Psychose zwar notwendig, aber nicht hinreichend. Erst die Kriterien 3 und 4 berechtigen dazu, von einer behandlungsbedürftigen psychischen Störung zu reden. Viele Psychotiker leiden unter einem starkem inneren Druck, den sie subjektiv oft als Fremdsteuerung erleben. Häufig ist der Druck mit sehr starken Ängsten verbunden.

 

Wie häufig sind Psychosen?

Es ist schwer zu sagen, wie viele Psychotiker es gibt. Man hat eine Millionen Betroffene in Deutschland geschätzt. Die Experten sind sich aber noch nicht im Klaren darüber, wo die genaue Grenze zwischen psychotischen Krankheitszuständen und psychose-ähnlichen Symptomen liegt, die man nicht als krankhaft bezeichnen muss. Außerdem schämen sich viele Menschen, die Psychose-Erfahrungen machen. Wer will schon von andern als verrückt angesehen werden? Daher gibt es wahrscheinlich eine recht hohe Dunkelziffer.

 

Wo kommen Psychosen vor?

Psychosen können in verschiedenen Zusammenhängen auftreten. Zum Beispiel kann es durch organische Hirnstörungen, Drogen, bipolare Störungen, schwere Depressionen, schwere Persönlichkeitsstörungen, schwere Traumatisierungen, paranoide Ängste oder fanatische Gruppenerfahrungen zu psychotischen Zuständen kommen. Vor allem ist die Psychose aber ein Kernsymptom der Schizophrenie. In der Literatur werden darum leider oft Psychose und Schizophrenie gleichgesetzt.

 

Was sind „schizophrene Psychosen“?

Schizophrene Psychosen beginnen in der Regel schon im jugendlichen Alter. Auch wenn sie nur schubweise in Erscheinung treten, also kommen und wieder vergehen, ist doch davon auszugehen, dass sie immer wieder zurückkehren, wenn das nicht durch neuroleptische Medikamente vorbeugend verhindert wird. Kennzeichnend für Schizophrenien ist aber in erster Linie eine massive Beeinträchtigung des Denkvermögens, die nach dem heutigen Wissensstand auch nur medikamentös therapiert werden kann.

Für das Zustandekommen von Schizophrenien spielt die genetische Veranlagung eine höhere Rolle als bei vielen anderen psychischen Störungen und Erkrankungen. Trotzdem ist sie nur einer von drei Faktoren, die bei der Entstehung zusammenwirken. Die beiden anderen sind Stress, insbesondere durch stark verunsichernde Beziehungserfahrungen, sowie die Tendenz zur übermäßig einseitigen Deutung von Wahrnehmungen, die zu falschen Schlussfolgerungen führt.

Häufig bemerkt die Umwelt die Störung zuerst und leidet unter Umständen mehr darunter, als die betroffene Person selbst.
Worauf müssen Angehörige und Freunde achten und wie können sie Betroffenen beistehen?

Es liegt in Natur der Sache, dass der subjektive Leidensdruck bei Psychotikern häufig entweder gering ist oder jedenfalls von ihnen nicht als Problem ihrer gestörten Psyche begriffen wird, für das sie therapeutische Hilfe brauchen. Häufig bemerkt die Umwelt die Störung zuerst und leidet unter Umständen mehr darunter, als die betroffene Person selbst. Wenn dieser jedoch die Krankheitseinsicht fehlt, kann die Psychose kaum behandelt werden.

Für Angehörige und Freunde ist es in solchen Fällen sehr wichtig, nicht allein in der Hilflosigkeit zu bleiben, sondern fachliche Beratung und Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Hierfür kann man sich an den zuständigen Sozialpsychiatrischen Dienst oder an eine öffentliche Psychosoziale Beratungsstelle zu wenden.

Bei akuten psychotischen Zuständen, die gefährlich wirken oder zumindest sehr viel Aufmerksamkeit des Umfelds beanspruchen, bleibt keine andere Wahl, als die Person möglichst schnell zum Arzt oder in die Ambulanz einer Psychiatrie zu bringen. Bei Gewalt oder Gewaltandrohung sollte man nicht zögern, die Polizei zu rufen. Konsequente Maßnahmen wie diese können Psychotikern nicht zuletzt helfen, so weit zu sich zu kommen, dass sie wenigstens einräumen, ein Problem zu haben, mit dem sie allein nicht zurechtkommen.

 

Nicht mit dem Problem allein bleiben sollten die Bezugspersonen von Psychotikern schon allein der Gefahr wegen, es womöglich durch ihr Co-Verhalten zu stabilisieren. Co-Verhalten kann zum Beispiel darin bestehen, die Psychose totzuschweigen oder sich in gewisser Weise anstecken zu lassen, indem man die seltsamen Argumente der Betroffenen bestätigt und sich entsprechende Verhaltensweisen von ihnen diktieren lässt. Es ist generell schwer, sich selbst im Zusammenleben mit einem psychisch kranken Menschen ohne Krankheitseinsicht konsequent gesund zu benehmen. Das geht nicht ohne klare Grenzziehungen, die aber manchmal viel Mut erfordern.

 

Was können Psychotiker für sich selbst tun?

Obwohl sich im Psychiatriewesen verglichen mit früher einiges zum Positiven verändert hat, erleben offenbar immer noch viele Psychotiker, nicht ernstgenommen, abgestempelt und fast ausschließlich medikamentös behandelt zu werden. Andere haben gute Gründe zu beklagen, erst durch die Diagnose zu Psychotikern gemacht worden zu sein, weil sich niemand darum bemüht hat, die angeblich psychotische Erfahrung aus ihrer eigenen Perspektive zu betrachten und nachzuvollziehen. Die jüngere Forschung zur Therapie von Psychosen hat aber gezeigt, dass die Ressourcen und Kompetenzen der Betroffenen ebenso wie vertrauensvolle helfende Beziehungen offenbar große Bedeutung dafür haben, mit dem Problem wesentlich besser zurechtzukommen. Eine Initiative, die das fokussiert, ist der „Bundesverband Psychatrie-Erfahrener e. V.“ (BPE).

 

Ganz entscheidend ist für Menschen mit wiederkehrenden Psychosen, dass sie einen Unterschied zwischen ihrer Identität und ihren psychotischen Wahrnehmungen machen. Es ist nicht gesagt, dass sich die psychotischen Phänomene völlig überwinden lassen, aber es ist möglich einzuüben, mit ihnen gesund umzugehen, rechtzeitig die Symptome eines neuen Schubs zu erkennen und präventive Maßnahmen einzuleiten. So wird aus der Krankheit eine Behinderung, mit der man leben kann. Die gegenseitige Unterstützung in Selbsthilfegruppen kann sehr hilfreich sein, man sollte aber keinesfalls dabei auf die ärztliche, medikamentöse und psychotherapeutische Behandlung verzichten.

Dr. Hans-Arved Willberg

ist Theologe, Philosoph sowie Sozial- und Verhaltenswissenschaftler. Er leitet das Institut für Seelsorgeausbildung (ISA) und ist selbstständig als Rational-Emotiver Verhaltenstherapeut (DIREKT e.V.) und Pastoraltherapeut, Trainer, Coach und Dozent mit den Schwerpunkten Burnoutprävention und Paarberatung sowie als Buchautor tätig. Er hat mehr als 30 Bücher und zahlreiche Zeitschriftenartikel veröffentlicht. 

 

 www.life-consult.org

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