Das Telefon klingelt, während du gerade aus der Tür rennen willst, und im Kopf rattert schon die Liste der unerledigten Aufgaben. Dein Puls steigt, die Hektik hat dich fest im Griff. In solchen Momenten sehnen wir uns nach Gelassenheit – danach, innerlich ruhig zu bleiben, auch wenn um uns herum alles drunter und drüber geht. Doch wie schafft man es, in der Unruhe wirklich Ruhe zu finden?

 

Jesus im Sturm – ein Bild für unser Leben

Ein Blick in die Bibel zeigt, dass diese Frage nicht neu ist. Jesus und seine Jünger gerieten einmal mit ihrem Boot in einen heftigen Sturm. Während die Jünger in Panik verfielen, schlief Jesus seelenruhig hinten im Boot. Als sie ihn weckten, stellte er den Sturm mit einem Wort und fragte sie: „Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr denn kein Vertrauen?“ (Markus 4,40) Hier offenbart sich ein Schlüssel zur Gelassenheit: Vertrauen. Jesus konnte selbst im Sturm ruhig bleiben, weil er voll Vertrauen auf Gottes Beistand war.

 

Gelassenheit beginnt mit Loslassen

Der Begriff „Gelassenheit“ kommt von „gelassen“ – etwas losgelassen haben. Innere Gelassenheit hat viel damit zu tun, Dinge abgeben zu können: die Kontrolle, die Ängste, das ständige Gedankenkreisen. Natürlich ist das leichter gesagt als getan. Aber es gibt erprobte Wege, wie wir mehr Ruhe in unsere Seele einkehren lassen können, auch mitten im Aufruhr. Wege zu Ruheinseln mitten im Sturm.

 

Wer loslässt, hat Hände, Kopf und Seele frei, um Gottes Frieden zu empfangen.

 

Wege zu innerer Gelassenheit

Annehmen, was ist: Oft entsteht innere Unruhe, weil wir gegen Umstände ankämpfen, die wir nicht ändern können. Der erste Schritt zur Gelassenheit ist, die Situation anzunehmen, wie sie ist. Das bedeutet nicht, dass du alles gutheißen musst. Aber solange du dich innerlich sträubst (Überstunden, Stau, schlechtes Wetter), raubst du dir selbst Frieden. Sprich vielleicht ein einfaches Gebet: „Gott, hilf mir, das anzunehmen, was ich gerade nicht ändern kann.“

 

Abgeben an Gott: Hast du schon einmal bewusst eine Sorge „losgelassen“? Stell dir vor, du legst deine Ängste oder Probleme in Gottes Hände – vielleicht im Gebet oder symbolisch, indem du sie aufschreibst und den Zettel weglegst. „Lass los und lass Gott wirken“ heißt ein Sprichwort. Wenn wir aufhören, alles krampfhaft kontrollieren zu wollen, kann Gottes Frieden in uns wirken. Petrus schreibt: „Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch“ (1. Petrus 5,7). Dieses Werfen ist ein aktives Loslassen.

 

Im Jetzt bleiben: Unruhe kommt häufig daher, dass wir mit den Gedanken in der Zukunft oder Vergangenheit festhängen. Ängste drehen sich um das „Was, wenn…“ von morgen, Wut kreist um das „Hätte ich doch…“ von gestern. Übe dich darin, ins Jetzt zurückzukehren. Nimm einen tiefen Atemzug, spüre deine Füße auf dem Boden und sag dir: „Jetzt gerade, in diesem Moment, bin ich sicher.“ Gott begegnet uns im Hier und Heute – nicht in unseren Was-wäre-wenn-Gedanken.

 

Auf Gott schauen: Wenn rundherum Chaos herrscht, ist es entscheidend, wohin du deinen Blick richtest. Erinnerst du dich an Petrus, der auf dem Wasser zu Jesus ging? Solange er auf Jesus schaute, trug ihn das Wasser; als er jedoch auf die Wellen blickte, bekam er Angst und begann zu sinken (Matthäus 14,30). Gelassenheit bedeutet, den Blick von den Wellen weg hin zu Jesus zu lenken. Im Alltag heißt das: Mach dir bewusst, dass Jesus bei dir ist – mitten im Sturm. Du bist nicht allein in dem, was dich beunruhigt. Es gibt echte Ruheinseln für dich.

 

Gelassenheit bedeutet nicht, dass der Sturm aufhört, sondern dass er dich innerlich nicht mehr beherrscht.

BUCHTIPP ZUM VERTIEFEN

Du möchtest gern mehr rund um das Themenfeld „Ruheinseln“ lesen? Vor kurzem ist Heiko Metz’ neues Buch „Einfach mal durchatmen. Geistliche Pausen für dein Leben“ erschienen. Erhältlich bei der Neukirchener Verlagsgesellschaft – und überall, wo’s Bücher gibt.

Ein geistlicher Übungsweg

Diese Wege klingen vielleicht einfach, aber ihre Umsetzung braucht Übung und Geduld. Wichtig: Verurteile dich nicht, wenn es dir nicht sofort gelingt, gelassen zu bleiben. Gelassenheit ist ein Prozess, ein geistlicher Wachstumsweg. Jeder kleine Schritt zählt – vielleicht bemerkst du irgendwann, dass dich Dinge, die dich früher sofort aus der Bahn geworfen haben, heute weniger stark erschüttern.

 

Meine Erfahrung: Frieden trotz Dauersturm

 

Unsere Krisenerfahrung ist anhaltend – und sie hat immer wieder Belastungsspitzen. Unser zweiter Sohn hat das Kabuki-Syndrom, eine seltene genetische Erkrankung. Für ihn – und rund um ihn – gibt es wahnsinnig viel zu bedenken: Papierkram, Anträge, Therapien, regelmäßige Arzttermine, Hilfen, Umwege und Erfindungsreichtum, damit er möglichst viel am Alltag teilhaben kann. Begleitet wird das von Sorgen, herausforderndem Verhalten, ständiger Überforderung unsererseits, ständig nötiger Flexibilität und unzähligen Umplanungen (Plan B, C, D und vielleicht auch noch E).

 

Dazu kommen die eigene Arbeit, unser erster Sohn, die Beziehung zu meiner Frau – und am besten ja auch noch Selbstfürsorge für mich selbst. Es ist dauerhaft mindestens herausfordernd, oft einfach überfordernd, zehrend, überbordend. Vieles an Energie, die man eigentlich bräuchte, wird einfach aufgefressen. Lange habe ich versucht, das alles irgendwie hinzukriegen. Mich reinzuhängen. Immer noch ein bisschen mehr zu geben. Aber es hat nie gereicht. Es ist eigentlich gar nicht möglich, angesichts dieser Situation „ausreichend viel zu tun“.

Wenn rundherum Chaos herrscht, ist es entscheidend, wohin du deinen Blick richtest. Gelassenheit bedeutet, den Blick von den Wellen weg hin zu Jesus zu lenken.

Ich habe ein völliges Ausgebranntsein gebraucht, um langsam – übend – an den Punkt zu kommen, all die Belastung, Herausforderung und Überforderung an Gott abzugeben. Bei ihm aufzutanken. Und mir die Erlaubnis zu holen, nicht alles schaffen zu müssen. Mir zusagen zu lassen, dass ich wertvoll und geliebt bin – auch wenn ich nicht alles schaffe. Auch wenn ich manchmal kaum etwas leisten kann. Dass Gott auch meine Frau und unsere Jungs trägt. Und dass ich es nicht retten muss.

 

Das brauche ich immer wieder. Und es tut mir immer wieder unendlich gut. Weil es mir Frieden mitten im Sturm schenkt. Frieden, der mich meistens über Wasser bleiben lässt – auch wenn der Sturm weiter tobt.

 

Kleine Übungen für große Wirkung

Vielleicht steckst du gerade in einer Situation, die dich sehr unruhig macht. Genau dann ist es paradoxerweise am wichtigsten, kleine Ruhe-Inseln einzubauen und dir Momente der Besinnung zu gönnen. Nimm dir ein paar Minuten, atme bewusst und sprich ein kurzes Gebet des Vertrauens. Du wirst merken, dass sich deine innere Anspannung löst, zumindest ein bisschen.

IMPULS

Übe doch einmal ganz praktisch das Loslassen: Schreibe heute Abend eine Sorge oder einen Stressfaktor auf einen Zettel und gib ihn symbolisch an Gott ab – zum Beispiel, indem du den Zettel in deine Bibel legst oder verbrennst. Beobachte, wie es sich anfühlt, diese Last loszulassen. Vielleicht magst du dazu das Gelassenheitsgebet sprechen: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

 

REFLEXIONSFRAGE

Welche Gewohnheit möchtest du am kommenden Sonntag ändern, um mehr Gelassenheit zu finden – und was kannst du dafür loslassen?

HEIKO METZ

doppelt Papa, ein bisschen Theologe, immer wieder Autor und mehr als gerne Dozent. Redaktionsleiter bei der „Stiftung Marburger Medien“. Außerdem: Bücher-Verschlinger, Gerne-Griller, Apple-Fanboy, Kaffee-Abhängiger. Und Marburger. Mehr unter www.heiko-metz.de, Instagram: @heikometz

 

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