Ich wusste nur eins: So hatte ich mir das nicht vorgestellt!

 

2016 sollte eines der besten Jahre meines Lebens werden. Wir standen mit über 2500 jungen Menschen aus mehr als 50 Nationen am Anfang eines neuen Jahres, feierten, beteten, erwarteten Großes. Ich leitete seit Jahren eine europäische Missionsorganisation und war genau dort, wo ich immer sein wollte. Ich liebte es, in junge Menschen zu investieren und Räume zu schaffen, in denen sie Gott begegnen konnten. Es fühlte sich an wie … angekommen.

 

Und dann kam dieser Anruf.

 

Ich erinnere mich noch genau: Während mir am Telefon für meinen Einsatz gedankt wurde, wurde mir gleichzeitig mitgeteilt, dass ich nicht mehr die Richtige für die Aufgabe sei und meine Leitung nicht mehr erwünscht sei. Während mir die Argumente vorgelesen wurden, liefen mir die Tränen übers Gesicht. Ich saß da und wusste: „Gerade verändert sich alles!“ Heute, im Rückblick, würde ich sagen: Das war der Moment, in dem ich ins Stolpern geriet.

 

 

Jede Menge Stolperfallen

Was danach kam war das pure Chaos – von einem klaren, aufgeräumten Prozess keine Spur! Gedanken und Gefühle schlugen wie Wellen über meinem Kopf zusammen. Ich verstand nicht, was passiert war. Über Monate hinweg ging ich hart mit mir ins Gericht: Wer war ich ohne diese Position? Würde noch jemand mit mir arbeiten wollen? Dürfte ich jemals wieder leiten? Und wo war Gott in all dem?

 

Ich lag nachts wach, grübelte, weinte, zweifelte. Rückblickend realisierte ich in diesen Momenten, dass Stolpern und Scheitern selten isoliert passieren. Sie erscheinen mir vielmehr eingebettet in all die Herausforderungen, die unser Leben sowieso schon komplex machen.

Es sollte das beste Jahr meines Lebens werden – und dann kam dieser Anruf!

Manchmal sind es Krisen, die uns ins Wanken bringen. Dazu zählen innere Krisen, in denen unser Glaube plötzlich nicht mehr so trägt wie früher. Es kommen vielleicht Fragen auf, die wir nicht mehr so leicht beantworten können. Oder wir sind mit äußeren Krisen konfrontiert wie dem Verlust eines geliebten Menschen, einer Trennung oder einem Job, der wegbricht. Allesamt sind es Dinge, die uns den Boden unter den Füßen wegziehen können.

 

Oder wir stolpern über die Komplexität des Lebens. Zu viele Entscheidungen. Zu viele Erwartungen. Zu viele Dinge gleichzeitig. Wir versuchen, allem gerecht zu werden und merken irgendwann, dass wir den Überblick verlieren.

 

Dann wäre da noch die Erschöpfung. Wir versuchen stets unser Allerbestes zu geben und gehen über unsere Grenzen hinweg, manchmal auch dauerhaft. Egal ob wir es für Gott oder Menschen tun, irgendwann merken wir: Unsere Seele und auch Körper kommen nicht mehr hinterher.

 

Auch zwischenmenschliche Konflikte lassen uns stolpern. Menschen, mit denen wir eng unterwegs waren, wenden sich plötzlich ab – mal leise, mal sehr öffentlich. Die Person, die mich damals „hinausgebeten“ hat, hatte ich selbst in eine verantwortliche Position gebracht. Ich hatte ihr vertraut und mein Rauswurf fühlte sich daher an, als würde ich rücklings erdolcht.

Doch derartige Konflikte begegnen uns nicht nur im Job. Vielleicht kennst du das auch aus deiner Familie. Manchmal sind es unausgesprochene Erwartungen, verletzende Worte oder auch Missverständnisse, die einfach im Raum stehen bleiben. Vielleicht kennst du es aus Freundschaften, wenn sich jemand zurückzieht, ohne große Erklärung und du mit all deinen Fragen zurückbleibst. Und manchmal passiert es eben am Arbeitsplatz, wo Spannungen, Konkurrenz oder unterschiedliche Werte plötzlich Konflikte auslösen.

 

Oder die Stolperfalle Einsamkeit macht uns zu schaffen. Sei es mitten im Trubel, in Beziehungen, im Job oder in Zeiten, in denen wir große Verantwortung in einem Bereich tragen. Sie bringt uns ins Wanken, weil wir uns plötzlich nicht mehr wirklich gesehen und verbunden fühlen.

 

Und nicht zuletzt  gibt es da ja noch die Veränderungen und Unsicherheiten im Leben, die wir uns nie ausgesucht hätten. Das Leben, das plötzlich eine Richtung nimmt, die wir nicht geplant haben. All das können Momente sein, in denen wir stolpern. Manchmal geschieht dies schleichend und manchmal von jetzt auf gleich.

 

 

Stolpern ist nicht das Ende

Ich möchte dir heute gerne mitgeben, dass Scheitern und Stolpern völlig in Ordnung sind. Sie besitzen keine allgemeine Aussagekraft darüber, ob du ein guter Christ oder eine gute Christin bist. Wenn wir in die Bibel schauen, sehen wir, dass Gott uns nicht versprochen hat, dass wir keinen Stolperfallen begegnen werden. Aber er hat uns versprochen, uns nie alleine zu lassen und nie zu „versäumen“, wie es im Hebräerbrief heißt (Kapitel 13,5). Ich habe erlebt, dass Gott nicht erst nach der Krise, nach dem Stolpern und Scheitern auftaucht, sondern dass er mittendrin ist. Auch wenn ich ihn nicht immer gespürt habe. Er hat mich nicht dort gelassen, wo ich gestolpert bin.

Gott uns nicht versprochen hat, dass wir keinen Stolperfallen begegnen werden. Aber er hat uns versprochen uns nie alleine zu lassen.

Und vielleicht ist das die wichtigste Hoffnung im Stolpern und Fallen, an der wir festhalten dürfen: Dein Stolpern ist nicht dein Ende!

 

Stolpern ist eine Phase, die sich oft chaotisch und unübersichtlich anfühlt. Wir verlieren kurz den Halt, verstehen nicht, was gerade passiert und haben mehr Fragen als Antworten. In dieser Phase geht es nicht darum, sofort alles einzuordnen oder die perfekte Reaktion zu haben. Es geht vielmehr darum, ehrlich zu bleiben, vor uns selbst und vor Gott. Die eigenen Gedanken und Gefühle wahrzunehmen, statt sie wegzudrücken. Nicht vorschnell Entscheidungen zu treffen, sondern auszuhalten, dass gerade nicht alles klar ist. Und vielleicht ist genau das der erste Schritt im guten Umgang mit dem Stolpern: nicht sofort weiterzurennen, sondern bewusst wahrzunehmen, wo wir den Halt verloren haben und uns darin von Gott finden zu lassen.

 

Im nächsten Teil geht es genau an diesem Punkt weiter: beim Hinfallen und dem Aufprall. Was passiert, wenn wir wirklich am Boden liegen? Und wie gehen wir ganz praktisch damit um?

ZUM MITNEHMEN

✔︎ Stolpern sagt nichts über deinen Wert aus – weder als Mensch, noch dort, wo du Verantwortung trägst. Wo stolperst du gerade? Was hat dazu geführt?

 

✔︎ Krisen und Herausforderungen gehören zum Leben – nicht nur zu deinem. Zeichne deine Herausforderungen doch einmal auf und überlege, wo Gott sich gerade aufhält.

 

✔︎ Dein Stolpern ist nicht das Ende. Halte deine Situation mit offenen Händen vor Gott.

DR. EVI RODEMANN

(Jg. 1971) lebt im Großraum Hamburg und arbeitet als Theologin und Eventmanagerin. Ihr Schwerpunkt ist die junge Leitergeneration. Dafür engagiert sie sich in der internationalen Arbeit der Lausanner Bewegung und in ihrem Verein „LeadNow“, am liebsten bei einem Earl Grey Tee.

 

Ihr Buch „Scheitern erwünscht – Warum uns Krisen als Leitende wachsen lassen“ ist bei R. Brockhaus erschienen.

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