MINDO: Frau Hack, leichter zu leben – danach sehnt sich eigentlich jeder. Warum löst allein der Gedanke an Leichtigkeit eigentlich so ein positives Gefühl in uns aus?

 

KERSTIN HACK: Leichtigkeit und Freude sind Grundbedürfnisse des Menschen. Ein Grundbedürfnis – wie Nahrung, Sicherheit, Nähe zu Menschen, aber eben auch Leichtigkeit – gehört essentiell zum Leben, wenn es auf Dauer fehlt, geht uns die Lebenskraft verloren.

Viele Menschen spüren die Last von Anforderungen durch Job, Familie, Gesellschaft und – sofern sie Christen sind – zusätzlich durch die Gemeinde. Einige Anforderungen bejahen wir freudig, unter andere beugen wir uns, um Erwartungen zu entsprechen.

Wenn wir etwas tun, was wir nicht tun wollen, macht uns das das Leben schwer. Die Sehnsucht nach Leichtigkeit ist oft die Sehnsucht danach, in Freiheit das tun zu können, was wir gerne tun und gut können.

 

 

Was macht uns heute das Leben denn am ehesten schwer? Die Menschen vergangener Jahrhunderte lebten ganz objektiv betrachtet häufig unter schwierigeren Bedingungen als wir heute. Oder ist das ein Irrtum?

 

In Bezug auf materielle Dinge und Aspekte wie Lebensqualität geht es selbst Menschen in eher armen Ländern heute tatsächlich viel besser als vergangenen Generationen. Milliarden von Menschen haben heute eine höhere Lebensqualität in Bezug auf Zugang zu Wissen oder medizinischer Versorgung als beispielsweise Könige im Mittelalter. Und dafür bin ich unendlich dankbar!

Was es uns heute schwer macht, glücklich und leicht zu leben, ist zum einen die Informationsfülle. Die Flut an Neuigkeiten, der wir uns selbst aussetzen, indem wir alle fünf Minuten die Nachrichten auf unserem Handy checken, macht unser Gehirn müde. Und das reduziert die Lebensfreude.

Ein weiterer Aspekt ist der Erwartungsdruck: Uns werden durch die Medien, durch Filme, Bücher und das Internet extrem viele Möglichkeiten für unser Leben vor Augen geführt. Da alles möglich ist oder scheint, steigt der Erwartungsdruck, man müsse in allen Bereichen immer das Beste erreichen und haben: den interessantesten Beruf, den liebevollsten Partner, das spannendste Hobby und so weiter. Da aber jeder von uns nur begrenzt Zeit und Energie hat, stellt man sich selbst unter den Druck unerreichbarer Ziele. Und das macht das Leben schwer.

 

 

Nun ist „Ich will leichter leben!“ natürlich leichter gesagt, als getan. An was scheitern die meisten bei der Umsetzung?

 

„Ich will leichter leben “ ist als Ziel so unkonkret, dass es unmöglich ist, es zu erreichen. Wann weiß man denn, dass man leichter lebt? Kein Mensch kann eine nebulöse Wolke einfangen.

Meine Empfehlung wäre, erst einmal einen einzigen Aspekt zu erleichtern. Das könnte sein: Zehn Apps auf dem Handy löschen, all die Newsletter abbestellen, die man eh nicht liest, regelmäßig wohltuende Termine oder Faulenzzeiten in den Kalender eintragen, Finanzen sortieren, 20 Prozent weniger Kleidung besitzen oder fünf Kilo Gewicht reduzieren. Dann lebt man schon mal leichter – in einem Bereich.

Die Frage, die man sich stellen muss, lautet: „Von welcher einen Veränderung verspreche ich mir die größte Verbesserung meiner Lebensqualität?“

Hilfreich finde ich es auch, Grundsatzentscheidungen zu treffen. Ich gestalte meine Woche nach dem von mir entwickelten SWING-Konzept (*). Da ist zum Beispiel für Montag immer Schreiben eingeplant, für Dienstag immer Buchführung und für Sonntag immer Zeit mit meinen zwei besten Freundinnen. Da die Termine – auch die mit mir selbst – feststehen, erleichtert das mein Leben ungemein.

 

 

Da möchte jemand sein Berufsleben, sein Beziehungsleben oder auch einfach seine Freizeit leichter gestalten, kann aber schwerlich alle Baustellen zugleich in Angriff nehmen. Was wäre hier ein umsetzbarer erster Schritt?

 

Ich hätte da Hunderte von Ideen, ein paar habe ich oben bereits genannt. Um konkret zu wählen, würde ich die Frage stellen: „Von welcher einen Veränderung verspreche ich mir die größte Verbesserung meiner Lebensqualität?“

Wenn man sich ständig schlapp und müde fühlt, könnte der erste Schritt zu mehr Leichtigkeit sein, mehr zu trinken – Wasser, meine ich, nicht Alkohol. Wenn man sich oft überfordert fühlt, dann wäre ein erster Schritt, einige Aufgaben und Ehrenämter zu reduzieren.

Wenn man ahnt, dass die empfundene Überforderung übermäßig groß ist und nicht wirklich zur erlebten Situation passt, kann es hilfreich sein, mit einem Seelsorger oder Berater zu arbeiten, um der Wurzel des Gefühls auf die Spur zu kommen.

 

 

Wie wirkt es sich auf einen Menschen aus, wenn er sein Leben dann tatsächlich leichter macht, indem er seinen Alltag, seine Beziehungen, seine Arbeit, und vielleicht sogar seinen Glauben „entrümpelt“?

 

Wie es sich bei anderen auswirkt, kann ich nicht sagen. Bei mir war das so, dass ich im Zug des Umzugs auf das Hausboot, das ich gebaut habe, etwa ein Drittel meines Besitzes reduzieren musste, im Büro waren es sogar 80 Prozent der Unterlagen. Heute erlebe ich es als extrem entlastend, fast nur noch Dinge zu besitzen, die ich liebe oder brauche. Das spart Zeit, denn ich brauche weniger zu suchen und zu putzen.

Auch in Bezug auf Glauben hat es mir gutgetan, eine ganze Menge Ideen wegzuwerfen, was ich tun könnte, um Gott näher zu kommen. Ich habe tatsächlich vier Kilo Notizen mit „Ideen zur Verbesserung meines Glaubenslebens“ weggeworfen! Jetzt ist nur noch übrig, was ich tatsächlich tun kann und will – und nicht, was ich theoretisch, wenn ich unendlich viel Zeit hätte, auch noch machen könnte. Die Reduktion auf das Gewollte und tatsächlich Machbare hat mir unendlich gut getan!

 

Und wie vermeidet man, dass diese Übung zum Egotrip wird, der bloß auf Kosten anderer geht?

 

Ich glaube zutiefst, dass man anderen nur guttun kann, wenn man selbst in seiner Kraft ist. Ich erleichtere mir mein Leben beispielsweise dadurch, dass mein Schiff nur drei Wochen pro Monat für Gäste zur Verfügung steht. Die vierte Woche ist für mich. Da tanke ich die Kraft für die anderen drei Wochen. Würde ich mir diese Zeit nicht gönnen, wäre die Gefahr des Ausbrennens groß. Und dann nutze ich niemandem mehr.

 

 

Zum Abschluss: Wie würden Sie den folgenden Satz ergänzen? „Leichter leben lohnt sich, weil …

 

… man dadurch stärker wird. Die frei gewordene Kraft kann man für sich und andere nutzen.“

 

 

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Die Fragen stellte Sabine Müller.

 

 

(*) Weitere Infos zum SWING-Konzept: https://kerstinhack.de/autorin/das-gute-leben/

Kerstin Hack

Jahrgang 1967, ist Autorin, Speakerin und Coach. Aus ihrer Feder stammen elf Bücher und zahlreiche kompakte Impulshefte und Quadro-Ratgeber, die in verschiedenen Verlagen, unter anderem dem von ihr gegründeten Down-to-Earth-Verlag erschienen sind. Sie lebt und arbeitet in Berlin auf einem alten DDR-Marineschiff, das sie gemeinsam mit Freunden zu einem Haus- und Seminarboot umgebaut hat. In ihrem neuesten Buch „Leinen los“ (bene! Verlag) erzählt sie, wie sie „mitten in Berlin ein Hausboot baute, um meinen Traum zu leben“.

www.kerstinhack.de und www.down-to-earth.de

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