Gesunde Selbstliebe und Narzissmus, also die grenzenlose Ichsucht, könnten nicht weiter voneinander entfernt sei: Es sind Gegensätze! Was aber macht gesunde Selbstliebe eigentlich aus? Sie wird von den folgenden vier Empfindungen getragen:

 

1. Zugehörigkeitsgefühl,

2. Wertschätzung,

3. Kompetenz und

4. Selbstachtung.

 

Zugehörigkeitsgefühl beinhaltet: Ich fühle mich angenommen, ich gehöre dazu, ich werde Wert geachtet. Christen wissen darüber hinaus: Ich gehöre auch dem lebendigen Gott, ich bin sein Eigentum. Er kümmert sich um mich. Er lässt mich nicht im Stich.

 

Wertschätzung heißt: Ich kann mich selbst ertragen, die anderen ertragen mich. Er liebt mich, dann bin ich in seinen Augen wertvoll.

 

Kompetenz heißt: Ich kann etwas. Gott hat mich mit Gaben gesegnet. Ich kann erfolgreich dem Leben begegnen.

 

Selbstachtung ist das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, in die eigenen Anforderungen, in unsere Erwartungen, dass das Leben gelingt.

 

Woran erkennt man einen Narzissten?

Das griechische Wort „Narzissmus“ bedeutet Selbstverliebtheit und geht zurück auf eine Figur aus der griechischen Mythologie: Laut der Legende war Narziss ein schöner junger Halbgott, der sich in sich selbst verliebte, als er eines Tages im Wasser sein Spiegelbild erblickte.

Davon abgeleitet wird als „narzisstische Neurose“ heute eine Störung bezeichnet, bei der eine Krise des Selbstwertgefühls im Vordergrund steht. Die Ichsucht und der übertriebene Egoismus kennzeichnen den Menschen.

 

Narzissten kennzeichnet ein überstarkes Gefühl der Einmaligkeit.

Sie spielen und beschäftigen sich übernormal mit Erfolg, mit Macht, Glanz, Schönheit und hochgesteckten Zielen.

Der Narzisst verlangt eine dauernde Aufmerksamkeit und Bewunderung.

 

In der Regel leiden diese Menschen jedoch an Minderwertigkeitsgefühlen. Unterschwellig können sie von maßloser Wut, von Zorn und von verschiedenen Ängsten heimgesucht werden. Innerlich werden sie von Zweifeln geplagt, können schwer aus Erfahrungen lernen  und sind oft unfähig zu lieben, weil der hohe Selbstanspruch im Vordergrund steht.

 

Wie kann man Narzissten begegnen?

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Narzissten auf den ersten Blick attraktiv wirken. Sie können erfolgreich sein, weil ihr Ehrgeiz, ihre Eitelkeit und ihr Überanspruch im Mittelpunkt stehen. Sie können sich zu gut selbst herausstellen und verkaufen. Aber:

Es fehlt ihnen an Mitgefühl,

es fehlt ihnen an Einfühlung,

es fehlt ihnen an Liebe,

sie wollen selbst im Mittelpunkt stehen.

 

Ein verständnisvolles Miteinander, das Einfühlen in den anderen und ein Ernstnehmen des Partners oder der Partnerin sind in der Regel nicht gegeben. Narzissten suchen die Bühne, das Rampenlicht. Sie brauchen und suchen Applaus, sie suchen Anerkennung.

Männer als Narzissten suchen in erster Linie Erfolg, Karriere, Geld und Macht.

Frauen suchen häufiger Schönheit, wollen glänzen, unterstreichen ihre Optik und stellen sich heraus.

Menschen, die sich mit Hilfe eines solchen Partners oder einer Partnerin selbst aufwerten wollen, können bitter enttäuscht werden. Denn die Geltungs- und Karrieresucht des Narzissten verhindern ein gleichwertiges Zusammenleben. Sie spiegeln Gefühlskälte.

 

Wie kommen Selbstwertstörungen zustande?

Wie kommt es, dass selbst viele feine Christen, die Christus vertrauen,

unter Selbstmitleid,

unter Selbsterniedrigung,

unter Minderwertigkeitskomplexen,

unter Selbstablehnung leiden?

 

Und die Überkompensation schlägt in Narzissmus um. Selbstverständlich hat das auch mit unserer Erziehung zu tun. Es gibt Kinder, die von Eltern und Großeltern geliebt und Wert geachtet wurden. Sie spiegeln ein gesundes Selbstbewusstsein und Selbstliebe wider.

Sie mögen sich,

sie bejahen sich,

sie glauben an sich.

 

Andere Kinder wiederum

fühlen sich abgelehnt und wollen im Mittelpunkt stehen,

fühlen sich kritisiert und wollen sich behaupten,

fühlen sich lieblos behandelt und wollen gelten,

fühlen sich an die Seite gedrängt, hinten angestellt und übersehen. Sie bringen mangelnde Selbstliebe von zu Hause mit.

 

Doch auch wenn Menschen zum Glauben kommen, kommt nicht sofort ein starkes Selbstvertrauen zur Sprache. Selbstwertstörungen und Minderwertigkeitsgefühle sind mit dem Glauben nicht automatisch beseitigt.

Narzissten kennzeichnet ein überstarkes Gefühl der Einmaligkeit. In der Regel leiden sie jedoch an Minderwertigkeitsgefühlen.

Was also kann der an der Selbstliebe Zweifelnde tun? In Psalm 139 drückt David es wunderbar aus, wie unser Selbstbewusstsein und unsere Selbstliebe gestärkt werden können: „Von allen Seiten umgibst du mich. Ich bin ganz in deiner Hand“ (Psalm 139,5).

Wenn ich weiß: „Gott umgibt mich von allen Seiten“, dann muss ich einen unschätzbaren Wert in seinen Augen besitzen.

„Ich bin in seiner Hand!“ Ich werde gehalten und getragen. Sein Schutz und seine Begleitung sind mir sicher. Seine Liebe schenkt Selbstbewusstsein, Selbstachtung und Selbstliebe.

 

Selbstmitleid überwinden

Wer sich hingegen künstlich aufpäppeln will, ist in einer gesunden Selbstliebe gestört. Selbstmitleid ist das Gegenteil von Selbstliebe. Wer Mitleid mit sich empfindet, leidet unter sich, mag sich nicht, liebt sich nicht.

Positives Nachdenken über sich selbst und Grübeln sind zwei Paar Schuhe. Bitterkeit, Neid und Selbstmitleid sind destruktive Einstellungsmuster. Sie bescheren uns negativen Stress. Wie sagte Mutter Teresa: „Selbstmitleid ist eine Ohrfeige für die, denen es wirklich schlecht geht.“

 

Selbstmitleid ist Klagesucht.

Ich werde vernachlässigt,

ich werde abgelehnt,

ich muss mich selbst bedauern,

ich werde nicht geliebt.

 

Hier spricht das Aschenputtel, der Sündenbock, das schwarze Schaf, der Betrogene, das Opfer. Alle Begriffe können eingeredet oder eingebildet sein. Frage an uns: Spiegeln wir das Selbstmitleid in einem dieser Begriffe wider? Was ist geschehen, dass wir uns nicht bejahen?

Mögen wir uns nicht leiden?

Haben wir uns das eingebildet?

Wer hat es uns eingeredet?

Oder gehören wir zu den Grüblern und Negativdenkern, die nichts von sich halten, die sich abwerten?

 

Überehrgeizige Eltern können Selbstmitleid gefördert haben. Ihre Erwartungen lagen weit über unseren Fähigkeiten. Wir haben ihre Hoffnungen, ihre Erwartungen nicht erfüllt. Wir haben keine Liebe gespürt.

 

Neu denken lernen

Welchen Rat gibt uns der Apostel Paulus? „Passt euch nicht den Maßstäben dieser Welt an. Lasst euch vielmehr von Gott im Innern umwandeln. Lasst euch eine neue Gesinnung schenken. Dann könnt ihr erkennen, was Gott von euch will. Ihr wisst dann, was gut und vollkommen ist und was Gott gefällt“ (Römer 12,2).

 

Je mehr wir gegen das Selbstmitleid anbeten, desto mehr halten wir es aufrecht. Wer nur auf sich schaut, bleibt im Negativen. Wer jedoch auf Gott schaut, gewinnt neue Perspektiven. Wenn er unser Leben bestimmt, wenn ich mich von ihm gehalten und getragen sehe, sehe ich stärker von mir weg, ich bin nicht nur mit mir beschäftigt. Der andere, der Mitmensch, rückt stärker ins Blickfeld.

 

Im Kümmern um andere finde ich aus dem Selbstmitleid heraus. Meine Blickrichtung wird eine andere. Mein negatives Selbstbild ändert sich. Der andere ist dankbar für meine Liebe, für meine Fürsorge, für meine Hilfe. Ich erlebe und erfahre Dankbarkeit. Sie stimmt mich um. Mein krankhaftes, ichsüchtiges und narzisstisches Verhalten ändert sich. Und: Ich fühle mich von Gott bestätigt. Er nimmt mich ernst. Ich spüre seine Liebe, seine Zuwendung. Wenn sich hingegen alles um mich dreht, bin ich fehlgesteuert. Meine Problematik beherrscht mein Leben.

 

Was bin ich wert?

„Du bist nur so viel wert wie deine Leistung!“ Sicher haben Sie diesen falschen Satz auch schon gehört – von Eltern, Lehrern, Pastoren, Vorgesetzten. Dieser Satz spiegelt in Gänze unsere Leistungsgesellschaft. Geld, Ruhm und übertriebener Selbstwert entsprechen dem Zeitgeist. Doch er beinhaltet eine handfeste Lüge. Wer danach lebt, baut negativen Stress auf, der baut Narzissmus auf.

 

Viele Menschen fühlen sich ohne Leistung hilflos und nutzlos. Einer der Gründe, warum viele unter Burnout leiden. Sie belasten sich sehr, sie überfordern sich selbst. Sie stehen dauernd unter Druck. Nicht wenige spielen mit dem Gedanken an Suizid. Sie überfordern sich.

Wir dienen Gott als Erlöste, als Begnadete, als Befreite und als Geliebte. Er sieht unsere Grenze – und wir erkennen sie an.

Was schreibt Paulus? „Er bleibt sich selbst treu, indem er alle als treu anerkennt, die sich einzig und allein auf das verlassen, was er durch Jesus getan hat“ (Römer 3,26). Wir leben aus ihm, Jesus! Er ist unsere Kraft, er ist unsere Leistungsgrenze. Er setzt die Maßstäbe, nicht wir. Wenn wir uns an ihn halten, hat das falsche Leistungsdenken ein Ende.

 

Und kurz zuvor schreibt Paulus: „… und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade …“ (Vers 23). Wir sind in Gottes Hand, er gestaltet unser Leben. Wer alles in die eigenen Hände nehmen will, ist egoistisch und eigensüchtig, handelt narzisstisch.

Die totale Selbstüberforderung ist teuflisch. Wir zerstören uns selbst und fallen aus.

 

Für Jesusnachfolger gilt: Ohne Verdienst, ohne Eigenleistung, ohne eigennütziges Erfolgsstreben dienen wir ihm! Wir dienen ihm als Erlöste, als Begnadete, als Befreite und als Geliebte. Er sieht unsere Grenze – und wir erkennen sie an.

 

Weil Christus uns bejaht, dürfen wir uns selbst bejahen.

Weil Christus uns angenommen hat, dürfen wir uns selbst annehmen.

Weil Christus uns liebt, dürfen wir uns selbst lieben.

Weil Christus uns begabt hat, leben wir unsere Begabungen.

 

Nächstenliebe und Selbstliebe, die wir in Gott und aus Gott heraus leben, machen uns stark, machen uns zuversichtlich, machen uns mutig, machen uns selbstvertrauend und selbstbewusst. Sie schenken uns Zufriedenheit und Gelassenheit – und bewahren uns vor Narzissmus und Ichsucht.

Reinhold Ruthe

ist evangelischer Theologe, Supervisor und Berater und hat viele Jahrzehnte als Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche gearbeitet. Der 92-Jährige gilt als wesentlicher Impulsgeber der Seelsorgebewegung in Deutschland und hat sich als Autor von mehr als 150 Ratgeberbüchern mit psychologischem Schwerpunkt einen Namen gemacht hat. 

 

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