Eine der Veränderungen, die das Leben mit sich bringt, ist, dass man in der Jugend noch wünscht, es solle ständig etwas los sein, und im Alter immer die Hoffnung hat, es möge bitte nichts passieren. Aber man kann nicht leben, ohne dass ungewollte Dinge geschehen. Ich muss sicher keine Beispiele dafür nennen, aber mir ist bisher noch kein einziger Mensch begegnet, der völlig unversehrt durch das Dasein gegangen wäre. Man bekommt leicht Angst um sein Leben.
Ich selbst habe es mit einer Spur dieser Angst zu tun wie mit einer stummen Begleitung, die aus meinen Erlebnissen herrührt. Ich laufe nicht pausenlos mit Angst herum, aber manchmal schlägt sie zu. Ich merke das daran, dass ich immer öfter darum bete, dass meinen Lieben nichts passiert. Ich merke es auch im Straßenverkehr; ich muss immer öfter daran denken, wie schmal die Grenze zwischen Leben und Tod und wie unsicher alles ist. Ich bete darum, dass nichts passiert. Und ich glaube, das geht nicht nur mir so, sondern ziemlich vielen.
Ich höre mir oft ein Lied der norwegischen Komponistin und Sängerin Rebekka Karijord an. Sie fasst eine ähnliche Angst in Worte, aber weicht ihr nicht aus: I’m gonna take that fear and wear it like a crown („Ich werde diese Angst nehmen und wie eine Krone tragen“). Ich liebe diese Liedzeile; ihr Realismus und Kampfgeist geben mir Kraft. Und ich versuche, Rebekkas Fußspuren zu folgen, meine Angst zu nehmen und wie eine Krone zu tragen, wie etwas, dessen ich mich nicht schämen muss.
Ich glaube, wer etwas wirklich Wichtiges über das Leben lernen will, sollte die Nähe von Erfahrenen suchen, von Durchbohrten, die ihre Weisheit nicht aus billigen Selbsthilfebüchern geschöpft, sondern die Schule des Lebens durchlaufen haben.
Ich habe so viele Menschen kennengelernt, die ihr Leid getragen haben, ohne zu verzweifeln. Sie haben sich nicht heroisch oder stoisch über den Schmerz erhoben. Sie mussten mit ihm leben und kämpfen wie alle anderen auch, aber sie sind dabei nicht zugrunde gegangen oder verbittert geworden. Was sie erlebt haben, geben sie gerne weiter, wenn man sie bittet, und in ihrer Gesellschaft muss zumindest ein Teil der Angst weichen. Ich glaube, wer etwas wirklich Wichtiges über das Leben lernen will, sollte die Nähe solcher Menschen suchen. Die Erfahrenen, die Durchbohrten, die ihre Weisheit nicht aus billigen Selbsthilfebüchern geschöpft, sondern die Schule des Lebens durchlaufen haben. Es gibt Dinge, die man nicht anders lernen kann als nur auf dem Weg der persönlichen Erfahrung. Das ist ein steiniger Weg, aber wenn es einem vergönnt ist, sich jemandem anzuschließen, der ihn bereits gegangen ist, ist er begehbar. Ich bewundere all diejenigen meiner Freunde, die verschiedene Arten des Missbrauchs erlitten haben, aber wieder aufgestanden sind. Die das Leben gewählt haben und es durch ihre bloße Existenz feiern. Sie tragen ihre dornigen Lebensgeschichten wie Kronen.
Es ist offensichtlich, dass dieser Kampf die Menschheit begleitet hat, solange es sie gibt. Er zieht sich wie ein dünner roter Faden durch die Jahrtausende der biblischen Texte. Nicht als ihr Hauptthema – das ist nämlich die Befreiung –, sondern als Faden, den es geben muss, wenn das ganze Bild die Wirklichkeit widerspiegeln soll. Wo er fehlt, ist alles nur billiger Kitsch. Aber die Bibel überlässt niemanden seinem Schicksal, der Angst hat; unermüdlich versichert sie, dass die wahre Liebe die Angst vertreibt, dass sie sie sozusagen zu einer Krone umschmieden kann. Es gehört vielleicht zu den schwersten Dingen, das zu sagen, ohne im Straßengraben der leeren Floskeln zu landen: Es ist unmöglich zu leben, ohne manchmal Angst zu haben – aber die Angst ist nicht allmächtig.