Es war das Taschentuch.

 

Ich war sieben, vielleicht acht, als im Kindergottesdienst das letzte Buch der Bibel in den Fokus rückte: die Offenbarung des Johannes. Das Himmlische Jerusalem beeindruckte mich ziemlich und seine Perlentore und goldenen Straßen beflügelten meine kindliche Fantasie. Aber am besten gefiel mir das Ende: Jesus würde wiederkommen. Und dann würde es Frieden geben und Liebe zwischen den Menschen. Niemand würde mehr leiden oder sterben und es würde nie mehr dunkel sein. Und das Beste: All das würde für immer und ewig so bleiben!

 

Der Tränensammler

Und dann begegnete mir das Taschentuch. Nicht wirklich natürlich. Aber seit ich die Worte das erste Mal hörte, taucht es bis heute vor meinem inneren Auge auf, wann immer ich mir folgende Szene ausmale: „Und ich hörte eine laute Stimme vom Thron her rufen: Siehe, die Wohnung Gottes bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und Gott selbst wird mit ihnen sein, ihr Gott. Und er wird abwischen jede Träne von ihren Augen.“ (Offenbarung 21,3+4)

 

War das derselbe unvorstellbar Große und Heilige, von dem ich immer im Gottesdienst hörte? Derselbe, der Sonne, Mond und Sterne, die Erde und alles Leben erschaffen hatte? Der, der das Meer geteilt, Löwenmäuler verschlossen, Propheten aus Feueröfen und Fischbäuchen gerettet und seinen Sohn von den Toten auferweckt hatte? Und der würde höchstpersönlich am Ende aller Zeit dastehen und uns die Tränen abwischen und die Nase putzen? – Ich glaube, damals bekam ich zum ersten Mal eine Ahnung davon, wie Gott wirklich ist. Und bevor ich mich versah, war der Tränenabwischer in mein Herz geschlüpft.

 

Meine Vorstellung von Gott sollte in den darauffolgenden Jahren um viele Bilder erweitert werden und dabei nicht nur gute Formen annehmen, sondern leider auch so manche Verformung erleiden. Lieblings-Bibelverse kamen und gingen wie die dazugehörigen Lebensphasen. Aber der Gott mit dem Taschentuch blieb. Er wohnte tief auf dem Grund meines Herzens, wo Zweifel und Lügen ihm nichts anhaben konnten, was auch immer das Leben, die Erfahrung oder andere Menschen (und manchmal auch ich selber) mir an Schlechtem über ihn erzählen wollten.

 

Ja, es stimmt: Man könnte über so vielem verzweifeln! Oder wütend werden. Oder weinen. Und manchmal tue ich es auch. Doch dann muss ich wieder an Gott mit dem Taschentuch denken – und fasse neuen Mut.

Als ich vor einigen Jahren eine Therapie wegen eines Burn-outs inklusive einer fiesen Panikstörung machte, entdeckte ich auf dem Schreibtisch meiner Therapeutin eine Schachtel mit Papier-Taschentüchern. Es war gerade Winter und so fragte ich mitfühlend, ob sie eine Erkältung erwischt habe. „Nein. Das ist eine meiner wichtigsten Arbeitsutensilien“, klärte sie mich auf. „Die Taschentücher sind für meine Klienten.“ Und noch bevor ich nachhaken konnte, ergänzte sie: „Sie haben ja keine Vorstellung davon, wie viele ungeweinte Tränen ich hier zu sehen bekomme!“

 

Ungeweinte Tränen. Tränen der Trauer, Tränen des Schmerzes, Tränen des Zorns, Tränen der Enttäuschung, Tränen der Einsamkeit, Tränen des Scheiterns, Tränen der Verzweiflung, Tränen der Angst – unsere Herzen sind voll davon! Diese Welt mag sie übersehen – Gott tut es nicht. Menschen mögen sie belächeln oder verachten – für ihn sind sie kostbar. Er sieht und zählt sie – und er sammelt sie alle! (Psalm 56,9)

 

Und nicht nur das: Er selbst weiß, wie Tränen schmecken und wie Verzweiflung sich anfühlt. Von Jesus heißt es, dass er seinen Schmerz über den Zustand dieser Welt mit Tränen im Gebet vor Gott ausgeschüttet und dabei sogar laut geschrien hat (Brief an die Hebräer 5,7)! Und weil er das als Gottes Sohn getan hat, weiß ich, dass auch meine Traurigkeiten bei Gott gut aufgehoben sind.

 

Apfelbäumchen-Mut

Noch immer läuft vieles in dieser Welt nicht gut. Zerbrochene Ehen und Familien. Verfeindete Freunde. Verrat und Lieblosigkeiten. Missbrauch und Unterdrückung. Sklaverei und Diktaturen. Krebs und Corona. Kriege und Klimawandel. Es sind nicht nur wir, die weinen, sondern mit uns die ganze Schöpfung! (Römer 8,18–22)

 

Und ja, es stimmt: Man könnte über so vielem verzweifeln! Oder wütend werden. Oder weinen. Und manchmal tue ich es auch. Doch dann muss ich wieder an Gott mit dem Taschentuch denken – und fasse neuen Mut. Mut, aufzustehen und weiterzumachen. Mut, mich für die Schwachen stark zu machen. Mut, gegen das viele Böse in der Welt anzulieben. Mut, zu vergeben. Und Mut, das Apfelbäumchen doch zu pflanzen.

 

„Und Gott wird abwischen jede Träne von ihren Augen.“ Es mag noch eine Weile dauern. Aber eines Tages wird es Wirklichkeit sein: Er wird kommen! Leid und Tod werden für immer schweigen. Tränen werden getrocknet werden. Fragen beantwortet. Neues wird sein. Die Welt wird heil werden. Und ich auch.

Sabine Müller

ist Redaktionsleiterin von MINDO.

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