MINDO: Herr May, wenn jemand zum Glauben findet, ist die Begeisterung für Gott am Anfang oft groß. Doch genau die geht im Lauf der Jahre oft verloren. Warum eigentlich?

 

WERNER MAY: Zunächst einmal ist es toll, dass es diese anfängliche Begeisterung überhaupt gibt. Das möchte ich erst mal betonen, damit man das nicht überhört. Viele verbinden ja mit dem christlichen Glauben nicht unbedingt Begeisterung und Abenteuerlust – aber es ist für Menschen auf der ganzen Welt immer wieder eine tolle Erfahrung, zu erleben, wie der Glaube sie und ihr Leben verändert. Egal, ob diese anfängliche Begeisterung nun zwei, drei oder acht Jahre anhält: Menschen finden durch den Glauben neuen Lebensmut, staunen über die verschiedenen Möglichkeiten der Vergebung und vieles mehr.

 

Leider ist es dann aber oft tatsächlich so, dass diese anfängliche Euphorie spätestens nach zehn Jahren zurückgeht. Das hat meiner Ansicht nach vor allem damit zu tun, dass wir als Menschen ständigen Veränderungsprozessen ausgesetzt sind. Wir werden älter, die Lebensumstände verändern sich, es kommen neue Aufgaben im Leben hinzu – das alles hat natürlich auch Einfluss auf unseren Glauben. Leben und Glaube müssen sich gegenseitig befruchten. Ich bleibe nicht der gleiche Mensch, deshalb bleibt auch mein Glaube nicht der gleiche Glaube. Wenn Menschen es nicht gelernt haben oder es ihnen gar nicht bewusst ist, dass ihr Glaube immer wieder neu befruchtet werden muss, kann es sein, dass es zu einer Verflachung kommt, die dann oft mit einer großen Enttäuschung verbunden ist.

 

 

GLAUBE IM WANDEL

Haben wir vielleicht auch zu hohe Erwartung an den Glauben? Sprich, wir denken, dass wir uns von jetzt auf gleich und vor allem automatisch verändern – und dann kommt es zu einer Ernüchterung kommt, wenn das nicht so passiert?

 

MAY: Die Anfangsbegeisterung – diese Erfahrung von Nähe, Liebe, Beziehung und neuer Perspektive – gibt es ja nicht nur im Glauben, sondern auch in vielen anderen Bereichen in unserem Leben. Wenn ich einen neuen Job antrete, bin ich erst mal begeistert. Oder auch in einer neuen Liebesbeziehung, da bin ich in den ersten Jahren Feuer und Flamme für den anderen. Und das ist gut so, wir brauchen das als Menschen! Im Laufe des Lebens geht es dann aber eben darum, nicht immer nur das aufrecht zu erhalten, was wir am Anfang hatten, sondern den Glauben in anderen Dimensionen neu zu entdecken und ihn in andere Lebensbereiche einfließen zu lassen. Wir entwickeln uns, und das muss auch bei unserem Glauben so sein.

 

Natürlich erfordert das Lernprozesse – wie zum Beispiel in der Gestaltung des Familienlebens, im Gleichgewicht zwischen dem Engagement in Gemeinde, Lebensumfeld und Beruf, oder auch darin, wie man Kritik aufnimmt und Konflikte löst. Und ich glaube, Gott schafft unser ganzes Leben hindurch immer wieder auch Durchbrüche und öffnet uns unterschiedliche Türen. Aber dann müssen wir auch hindurchgehen und uns manchmal langfristigen Lernprozessen stellen: Wir gehen Schritte, dann geht Gott Schritte, dann wieder wir – und ja, manchmal ist es zäh und mühsam, weil die Umstände sich ständig verändern.

 

Wenn wir Lernschritte nicht gehen wollen, stagnieren wir und projizieren diesen Prozess der Stagnation vielleicht auch auf Gott und den Glauben. Wenn wir uns den Prozessen jedoch stellen, führen sie uns in eine tiefere Beziehung zu Gott und helfen uns, ihn noch besser kennenzulernen. Das ist eine lebenslange Reise und dafür braucht es Zeit, denn es gilt, Charaktereigenschaften zu entwickeln.

 

 

SCHÖNHEIT SPIEGELT GOTT

Sie haben ein Buch geschrieben, das den Titel „Näher. Schöner. Weiter – Wie die Freude am Glauben bleibt“ trägt. Was bedeutet Schönheit im Blick auf den Glauben für Sie?

 

MAY: Ich habe mich viel mit Schönheit beschäftigt, weil ich irgendwann einmal sehr berührt war von dem Gedanken, dass Schönheit der Abglanz der Herrlichkeit Gottes ist. Wir brauchen Schönheit. Sie ist kein überflüssiger Luxus, den wir in unseren Kirchen und Gemeinden nicht benötigen, sondern ein Abglanz und Vorgeschmack der Herrlichkeit Gottes, die wir eines Tages einmal sehen werden. Schön sind dabei nicht nur Dinge, sondern auch kreative Herausforderungen und neue Aufgaben, die wir anpacken. Wir erleben, dass etwas in den „Flow“ kommt, dass es fließt, wenn wir Dinge tun, die uns Spaß machen. Das gilt auch für unser Glaubensleben.

Wir brauchen Schönheit. Sie ist kein überflüssiger Luxus, den wir in unseren Kirchen und Gemeinden nicht benötigen, sondern ein Abglanz der Herrlichkeit Gottes.

Wir alle haben Dinge in unserem Leben – ganz persönliche Dinge, wie eine alte Puppe oder einen Teddy –, die uns über viele Jahre begleitet haben und die uns sehr viel bedeuten. Obwohl sie im Laufe der Jahre vielleicht unansehnlicher geworden sind und an Glanz verloren haben, bleiben sie für uns persönlich schön und wertvoll. Genauso ist es auch mit dem Glauben. Darum darf man das, was uns einmal wertvoll im Glauben geworden und vielleicht im Laufe der Zeit verblasst ist, wieder hervorholen, neu zum Glänzen bringen und übersetzen in die aktuelle Zeit und Lebenssituation. Dann kommt auch die alte Schönheit wieder durch.

 

 

Nun erleben Menschen im Laufe ihres Lebens aber manchmal das genaue Gegenteil, nämlich, dass sie ihren Glauben nicht mehr schön, sondern einengend oder gar lebensfeindlich empfinden. Machen die was falsch?

 

MAY: Die meisten machen gar nichts falsch. Es kann ja eine reale Erfahrung werden, dass ich gemeindliche Enge erlebe. Dass ich auch rein theologisch falsche Lehre erlebe, bis hin zu Verletzungen oder einem Erwartungsdruck, wie ich als Christ zu sein habe. All das gibt es, das kann man nicht von der Hand weisen.

 

Aber auch diese Erfahrungen sind nicht zwingend ausschließlich schlecht. Irgendwann erlebt jeder von uns eine Verletzung oder Enttäuschung. Wir müssen und dürfen lernen, damit umzugehen. Aber wir machen oft den Fehler, dass wir damit alleine bleiben und uns schlimmstenfalls einfach zurückziehen. Stattdessen sollten in solchen Situationen nach Begleitern suchen, nach Ratgebern und Seelsorgern, mit denen wir uns über unsere Erfahrungen austauschen können. Oder auch Vorbilder, die uns neu inspirieren.

 

 

Sie sind Psychologe. Was sagen Sie jemandem, der mit dieser Art Glaubensproblem in die Beratung kommt?

 

MAY: Den ultimativen Tipp, der für jeden funktioniert, den gibt es nicht. Aber es gibt immer Hoffnung. Zuerst geht es einmal darum, den anderen zu verstehen, ihm zuzuhören. Das, was er erlebt hat, ist seine Wahrheit, und die nehme ich ernst. Ich würde zunächst auch gar keine großen Ziele setzen, sondern im Gespräch erst einmal herausfinden, wie mein Gegenüber denkt. Vielleicht haben sich Denkfehler eingeschlichen, vielleicht vergleicht er sich zu sehr mit anderen Christen. Sätze wie „Es muss wie früher sein“ oder Ähnliches muss man entlarven und loslassen. „Dein Glaube muss nicht mehr so wie früher sein. Lass uns etwas Neues entdecken!“, wäre beispielsweise ein Ansatz.

 

 

AUFBRUCH STATT ZERBRUCH

Seit einigen Jahren macht das Schlagwort der „Dekonstruktion“ die Runde, also das Hinterfragen bisher geglaubter Überzeugungen. Doch so mancher legt dabei nicht nur ungute Glaubenssätze ab, sondern kehrt dem Glauben gleich ganz den Rücken. Kann man dekonstruieren, ohne dass die Gottesbeziehung zerbricht? Sprich: Wie kommt es zu Aufbruch statt Zerbruch?

 

MAY: Das geht meiner Überzeugung nach nicht alleine – und das braucht man auch nicht alleine zu tun. Der Glaube sieht uns nie als Einzelkämpfer, sondern immer in einem guten Verbund. Darum sollte man diese Dekonstruktion nie alleine gehen, indem man lediglich irgendein Buch liest und dann alles für sich durchcheckt. Das ist sicher ein guter Anfang, kann aber nicht die Lösung sein.

Glaube wird schöner, wenn wir den kleinen Dingen zutrauen, uns zu erfüllen.

Vielmehr sollte man sich andere suchen, die mit einem gemeinsam reflektieren. Nachdem ich rund 30 Jahre als Christ unterwegs war, habe ich mich gefragt: „Bin ich immer noch der Gleiche wie am Anfang? Wo stehe ich heute? Manches, was mich früher begeistert hat, begeistert mich nicht mehr – was hat sich verändert?“ Ich habe dann in Gemeinden Seminare angeboten für Menschen, die bereits länger als zwanzig Jahre Christen waren, und dann saßen wir mit oft mit fünfzehn, zwanzig Leuten zusammen und hatten nahezu alle die gleichen Fragen: „Wo ist meine anfängliche Begeisterung? Wer bin ich heute?“ Und dann haben wir uns ausgetauscht. Es gab völlig unterschiedliche Erfahrungen und das war sehr bereichernd. Denn dieses Isolationsgefühl – „Ich bin der Einzige, dem es so geht, alle anderen haben das Problem nicht!“ – halte ich für sehr gefährlich. Im Glauben, in der Nachfolge geht es darum, miteinander unterwegs zu bleiben und voneinander zu lernen – auch, um manche Dinge zu durchdenken, zu dekonstruieren und dann neu zu konstruieren.

 

 

Ergänzen Sie in diesem Sinne zum Schluss bitte folgende Sätze: Glaube wird weiter, wenn …

 

MAY: … wenn wir über unseren Tellerrand schauen und den Reichtum unseres Glaubens in der (Kirchen-)Geschichte und auch weltweit schmecken.

 

 

Glaube wird schöner, wenn …

 

MAY: … wir den kleinen Dingen zutrauen, uns zu erfüllen. Manchmal genügt ein einziger Satz aus der Bibel, auf dem ich eine ganze Woche kaue.

 

 

Und Glaube wird näher wenn …

 

MAY: … wir uns der Gegenwart Gottes immer bewusster werden.

 

 

Herr May, vielen Dank für das Gespräch.

 

Die Fragen stellte Inge Frantzen.

 

Werner May

Diplom-Psychologe, war über 25 Jahre erster Vorsitzender der „IGNIS-Akademie für Christliche Psychologie“ in Kitzingen, wo er Grundfragen Christlicher Psychologie und Beratung lehrte. Außerdem baute er über viele Jahre das „Institut für Christliche Psychologie, Pädagogik und Therapie“ in der Schweiz mit auf und ist Herausgeber des E-Magazins „gehaltvoll“.

 

Mehr unter: https://wernermay.jimdo.com

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