Vor einigen Jahren begegnete ich auf einer Konferenz einem Leiter aus meinem damaligen Kirchenverband. Ich mochte ihn nicht – dabei hatte ich ihn noch nie persönlich getroffen hatte. Dennoch wusste ich, dass er nur so vor Arroganz strotzte – und ich wusste, dass er mich nicht respektierte. Warum also um alles in der Welt sollte ich einen solch hochnäsigen Schnösel treffen wollen?
Als ich eines Tages in der Mittagspause am Buffet stand und meinen Teller füllte, drehte ich mich um und blickte ihm mitten ins Gesicht. Verlegen sagte ich: „Ähm, hallo! Ich glaube nicht, dass wir uns schon kennen. Ich bin Matt Woodley.“ Seine Augen leuchteten: „Du meine Güte, wie schön, dich zu treffen! Ich habe so viel Gutes über dich und deine Gemeinde gehört. Und auch, dass du als Autor arbeitest. Ich habe eine so hohe Meinung von dir – ich freue mich, dich endlich einmal kennenzulernen!“
Innerlich sank ich beschämt in mich zusammen. Denn im Gegensatz zu mir spiegelte er den „Geist der Großzügigkeit“ – jene Einstellung, die Jesus Christus auszeichnete, und deren Kennzeichen es ist, stets das Beste in anderen Menschen zu sehen. Großzügigkeit ist eine Haltung, zu der die Bibel uns an vielen Stellen auffordert, zum Beispiel:
„Hören wir auf, uns gegenseitig zu verurteilen.“ (Römer 14,13)
„Nehmt euch gegenseitig an.“ (Römer 15,7)
„Die Liebe gibt nie jemand auf.“ (1. Korinther 13,6)
Und so sieht ein weites Herz aus: Menschen mit einem großzügigen Herzen, denken so lange das Beste von anderen, bis sich das Gegenteil herausstellen sollte. Sie weigern sich, auf Gerüchte zu hören und bilden sich ihre Meinung über Menschen in persönlichen Gesprächen. Ein weites Herz anderen gegenüber lässt Beziehungen entstehen, die Jesus Christus widerspiegeln; ein enges Herz hingegen untergräbt und zerstört sie. Ein weites Herz macht Gott und uns glücklich; Engherzigkeit hingegen sorgt dafür, dass wir uns in Verdächtigungen verstricken und anderen (und uns) Leid bereiten. Wie aber können wir ein solches Herz bekommen?
Jetzt schau dir den mal an!
Herzensgüte beginnt dort, wo wir bewusst gegen das angehen, was ich die „Blödmann-Grundannahme“ nenne. Die Blödmann-Grundannahme ist diese tief ins uns verwurzelte Haltung, die gerne sofort das Schlimmste von anderen denkt. Sobald wir einen Hauch von Inkompetenz oder Versagen entdecken, denken wir: „Jetzt schau dir den mal an! Ja, ich weiß, dass es wahrscheinlich noch zig andere mögliche Erklärungen für sein Verhalten gibt, aber ich fang einfach mal damit an: ,Dieser Typ ist ein Blödmann!’“
Ein Beispiel: Neulich wollte ich dem Feierabendverkehr ausweichen und nahm eine Abkürzung. Prompt stand ich hinter einer 20 Autos langen Schlange, die hinter einem Bus wartete. Alle 20 Fahrer warteten darauf, dass ein sehr langsamer Schüler aus dem Bus ausstieg. Wir fingen an zu hupen und zu schimpfen – und verstummten schlagartig, als wir sahen, dass der Schüler ein stark behinderter Junge war, der mit aller Mühe versuchte, aus dem Bus auf den Bürgersteig zu gelangen!
Mir ist aufgefallen, dass Jesus negative Grundannahmen nicht kannte. Ohne Frage: Er hat Menschen herausgefordert und sie mit ihrem Fehlverhalten und ihrer Sünde konfrontiert; aber er begann dabei nie mit dem Satz: „Du musst ein Blödmann sein!“
Ich liebe die Geschichte von den vier Männern, die ein Dach abdeckten, um für ihren gelähmten Freund einen Weg zu Jesus zu bahnen (Markus 2,1–12). Wenn ich unter den Zuschauern gesessen hätte, hätte ich wahrscheinlich sofort das Schlimmste angenommen: „Das gibt’s doch nicht! Wer denken diese Typen eigentlich, wer sie sind? Und wer soll das Chaos hier gleich wieder aufräumen?“ Doch Jesus reagierte anders. Der Evangelist Markus schreibt: „Jesus sah ihren Glauben“ (Vers 5). Jesus sah das Beste in den vier Männern und heilte ihren gelähmten Freund.
Ein kleinlicher Geist trennt uns von anderen – Großzügigkeit öffnet unser Herz für unvollkommene Menschen.
Manchmal zeigt sich unsere Engherzigkeit sogar in unseren engsten Beziehungen. Als mein Sohn noch jünger war und eines Tages nicht mehr zum Fußballtraining wollte, kam mir nur ein Grund dafür in den Sinn: Er benimmt sich wie ein trotziger Teenager! Ich schimpfte mit ihm und drohte mit Sanktionen. Er schrie mich an und bockte – bis er auf einmal in sich zusammensank: „Papa“, erklärte er mir, „da gibt es eine Gruppe Jungs, die sich in jedem Training über mich lustig macht. Ich halte das einfach nicht mehr aus!“ – Das Traurigste an einem harten Herzen ist: Wenn wir immerzu das Schlechteste hinsichtlich der Beweggründe und Handlungen anderer annehmen, hören wir auf, so zu lieben wie Jesus.
Aber es gibt auch eine gute Nachricht: Negative Grundannahmen können durch positive ersetzt werden. Der erste Schritt hin zu einer weitherzigen Haltung besteht darin, dass wir unseren Hang, schlecht über andere zu denken, vor Gott bekennen und uns davon distanzieren. Wir müssen dieses angeborene und heimtückische „Virus-Programm“ in uns erkennen und Jesus bitten, uns zu helfen, es zu überwinden. Am besten wirken wir unseren arroganten Haltung entgegen, wenn wir uns den Zustand unseres eigenen Herzens vor Augen malen: Auch wir sind auf unsere Weise „Blödmänner“ und brauchen die Gnade, die wir anderen so oft verweigern, ebenso nötig wie sie. Wenn wir das begreifen, wird unser Urteil vorsichtiger und wir werden offener dafür, großzügig und sanft mit anderen umzugehen.
Natürlich dürfen wir uns weiterhin auch eine Meinung über Menschen bilden. In Matthäus 7 sagt Jesus zum Beispiel, dass wir unsere Perlen nicht vor die Säue werfen und uns vor falschen Propheten in Acht nehmen sollen (Verse 6+15). Aber mir immer wieder klarzumachen, dass sich mein Kopf viel zu oft in einem vorprogrammierten Verurteilungsmodus befindet, schafft Raum für weitherzige Liebe.
Lieben wie Jesus
Sobald wir aufgehört haben, vorschnelle Urteile zu fällen, sind wir bereit für den aktiven Teil, den eine großzügigen Herzenshaltung ausmacht: Wir nehmen einander in Christus an. Ein kleinlicher Geist trennt uns von anderen; Großzügigkeit öffnet unser Herz für unvollkommene Menschen, die ebenso wie wir mit dem Leben und oft auch mit sich selbst ringen. Als Paulus an die Christen in Rom schrieb, eine Gemeinde, die von tiefen kulturellen und menschlichen Konflikten gezeichnet war, sagte er: „Lasst einander also gelten und nehmt euch gegenseitig an, so wie Christus euch angenommen hat. Das dient zum Ruhm und zur Ehre Gottes“ (Römer 15,7).
Für Paulus waren diese Worte kein abstraktes, religiöses Geschwätz; er verdankte sein Leben Christus sowie der Tatsache, dass auch dessen Nachfolger ihn so annahmen wie er war. Es gab eine Zeit, in der Paulus (damals noch Saulus) „gegen die Anhänger des Herrn wütete“ und „alles daransetzte, sie zu vernichten“ (Apostelgeschichte 9,1). Doch dann wurde er von Jesus auf dem Weg nach Damaskus gestoppt, sein Leben auf den Kopf gestellt, und kurze Zeit später durch die unvoreingenommene Liebe zweier Christen wieder neu zusammengesetzt.
Als erstes öffnete Judas sein Haus für den Verfolger Saulus, und kurz darauf berief Gott Ananias, Saulus zu besuchen und für ihn zu beten. Zunächst zögerte Ananias: „Herr“, warf er ein, „ich habe von vielen Seiten gehört, wie viel Böses dieser Mann in Jerusalem deiner Gemeinde angetan hat“ (Apostelgeschichte 9,13). Doch dann befolgte er Gottes Anweisung: Mit einer geradezu liebevollen Geste der Großzügigkeit legte er Saulus die Hände auf, taufte ihn in „Bruder“ um, und betete um Segen für sein Leben. Durch diese Haltung der Annahme wurde aus Saulus, dem Christenverfolger, Paulus – Gottes „auserwähltes Werkzeug“. Auf dem Hintergrund seiner eigenen Lebensgeschichte wusste und lehrte Paulus darum, dass es Gottes Ehre dient, wenn wir einander annehmen.
Dazu müssen wir eins verstehen: Unsere Fähigkeit, andere anzunehmen, wächst in dem Maß, wie wir verinnerlichen, dass Christus auch uns angenommen hat. Wenn wir diese Wahrheit in unser Herz sinken lassen, weicht Gottes Geist langsam unser hartes Urteil auf und verändert unsere „Blödmann“-Einstellung. Und während wir immer mehr begreifen, wie groß die Gnade ist, aus der wir leben (Römer 5,2), und je näher wir der Wahrheit kommen, dass Jesus uns angenommen hat, desto mehr öffnen wir unsere Herzen und umarmen unsere „Mit-Sünder“.
Wenn ich mir Gottes Sicht auf mein Leben vor Augen male, dann begreife ich, dass meine Engherzigkeit nicht bloß ein kleiner Charakterfehler ist; sie ist das Zerrbild dessen, was ich als Jesusnachfolger eigentlich sein sollte.
Ich habe ein paar gute Freunde, die mich so annehmen, wie ich bin. Wir treffen wir uns regelmäßig auf einen Kaffee und dann sprechen wir offen miteinander. Sie kennen meine Kämpfe und meine Versuchungen und sie zögern nicht, mich herauszufordern. Und doch weiß ich – inmitten meiner Fehler, meinem Zorn, meiner Selbstsucht und meiner Feigheit –, dass sie mich niemals verurteilen würden. Stattdessen umarmen sie mich mit einem weiten Herzen, nennen mich „Bruder“ und beten für mich. Und ich tue dasselbe für sie.
Großzügige Gnade
Wenn ich mir Gottes Sicht auf mein Leben vor Augen male – nämlich, dass mich früher Sünde von ihm trennte und er, „der reich an Erbarmen ist“ (Epheser 2,4), dennoch seine Gnade auf mich hat überströmen lassen (Epheser 1,8) –, dann begreife ich, dass meine Engherzigkeit nicht bloß ein kleiner Charakterfehler ist; sie ist das Zerrbild dessen, was ich als Jesusnachfolger eigentlich sein sollte – und sie zerstört Beziehungen! „Wenn ihr jedoch wie wilde Tiere aufeinander losgeht, einander beißt und zerfleischt, dann passt nur auf! Sonst werdet ihr am Ende noch einer vom anderen aufgefressen“ (Galater 5,15). Was für ein hässliches Bild eines kleinlichen Geistes!
Der Geist der Großzügigkeit hingegen beschenkt andere mit Leben. Er bietet anderen Menschen den weiten Raum freundlicher und großzügiger Liebe. Und wenn ich mich danach ausstrecke, stets das Beste von anderen zu denken, wenn ich damit aufhöre, sie zu verurteilen und sie stattdessen annehme, ergreife ich die großartigste Möglichkeit meinem Nächsten die Liebe Gottes zu erweisen.
Ein weites Herz und ein großzügiger Geist – das ist gelebte Gnade. Wenn ich auf diese Weise liebe, bleibt der Ruf nach einem Lebensstil, der von Jesus geprägt ist, nicht länger in der Theorie stecken, sondern wird Wirklichkeit: „Nehmt euch daher Gott selbst zum Vorbild; ihr seid doch seine geliebten Kinder! Alles, was ihr tut, soll von der Liebe bestimmt sein“ (Epheser 5,1+2).