Es gibt eine Gruppe von Menschen, die in den Erschöpfungsstatistiken weit oben steht und in fast jeder Selbstfürsorge-Debatte fehlt: die Sorgenden. Erzieherinnen, Pflegekräfte, Sozialarbeiter, pflegende Angehörige, Ehrenamtliche. Menschen, deren Beruf oder Alltag darin besteht, für andere da zu sein.

 

Wenn du dazugehörst, kennst du wahrscheinlich das Paradox: Du weißt alles über Fürsorge. Du könntest Vorträge darüber halten, was Menschen brauchen. Du erkennst Überlastung bei anderen auf hundert Meter Entfernung gegen den Wind. Nur bei einer einzigen Person versagt die ganze Kompetenz zuverlässig: bei dir selbst.

 

Falls du dich jetzt ertappt fühlst: Das ist keine persönliche Schwäche. Es ist eine Berufskrankheit mit System. Und wer das System versteht, kann anfangen, es zu unterlaufen. Kann er nicht nur, sollte er sogar, finde ich.

 

Warum ausgerechnet die Fürsorge-Profis?

Drei Mechanismen greifen bei sorgenden Menschen ineinander. Keiner davon ist böse gemeint. Aber alle drei sind gefährlich.

 

Die Bedürfnis-Hierarchie. Wer helfend arbeitet, lernt vom ersten Tag an: Die Bedürfnisse der anderen sind dringend, die eigenen sind aufschiebbar. Das weinende Kind kann nicht warten. Der Patient mit Schmerzen kann nicht warten. Die eigene Mittagspause? Kann immer warten. Was als Situations-Logik beginnt, wird über die Jahre zur Identität: Ich bin die, deren Bedürfnisse warten können. Irgendwann meldet der eigene Körper kaum noch etwas an. Wozu auch, es wird ja doch vertagt.

 

Das Helfer-Selbstbild. „Ich bin doch die Starke.“ Viele Sorgende beziehen Identität und Würde daraus, auf der gebenden Seite zu stehen. Das ist zunächst gesund. Bis es kippt: Wenn das Geben das Selbstbild trägt, wird das Empfangen zur Bedrohung. Hilfe annehmen fühlt sich dann nicht wie Entlastung an, sondern wie Rollenverlust. Und so schleppen sich ausgerechnet die Fürsorge-Profis am längsten durch, bevor sie sich eingestehen: Jetzt wäre ich mal dran.

 

Der Übersetzungsfehler. „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, einer der ältesten Fürsorge-Sätze der Welt, er steht in der Bibel. In helfenden Milieus ist daraus oft ein „Statt-dich-Selbst“ geworden. Dabei steckt in dem kleinen Wort „wie“ ein Maßstab: Die Selbstfürsorge ist hier nicht der Feind der Nächstenliebe. Sie ist ihre Referenzgröße. Wer sich selbst behandelt, wie er nie einen Schützling behandeln würde, erfüllt diesen Satz nicht besonders gründlich. Er konterkariert ihn.

 

Du darfst für dich selbst in Anspruch nehmen, was du täglich verteilst.

 

Beide Seiten des Gebens

Ich bin beruflich und ehrenamtlich seit über zwanzig Jahren in sorgenden Rollen unterwegs: Seelsorge, Begleitung, Leitung. Und auch privat gehört Sorgearbeit bei uns zum Alltag: Unser jüngerer Sohn lebt mit einer seltenen Behinderung. Wir tragen das als Familie gemeinsam, wobei meine Frau den Löwenanteil stemmt. Ich kenne darum beide Seiten des Gebens. Das Geben, das erfüllt und trägt. Und das Geben, das leer macht, wenn nichts mehr nachfließt.

 

Der Moment, der mir die Augen geöffnet hat, war ausgerechnet einer, in dem mir jemand etwas Gutes tun wollte. Jemand fragte mich schlicht: „Und wer sorgt eigentlich für dich?“ Ich habe eine Antwort gesucht, musste lange nachdenken, hab dann nochmal nachgedacht und am Ende keine Antwort gefunden. Nicht eine. Ich hatte ein dichtes Netz von Menschen um mich, für die ich da war. Und keinen Ort, an dem ich selbst einfach nur empfangen durfte.

Wenn ich ehrlich bin: Die Frage hat mich zuerst geärgert. Und genau daran habe ich gemerkt, wie nötig sie war. Mit etwas Abstand hat mich diese Erkenntnis echt erwischt.

Von innen fühlt sich Überlastung fast immer alternativlos an. Es braucht jemanden, der von außen draufschaut und die Wahrheit sagen darf.

Die „Jitro“-Frage

In der Bibel gibt es eine Szene, die ich jedem sorgenden Menschen ans Herz legen möchte. Mose, der große Anführer der Israeliten, sitzt vom Morgen bis zum Abend und löst die Probleme seines Volkes. Alle kommen zu ihm. Er ist der Engpass, über den alles läuft, und er hält das für seine Pflicht (Geschichte nachlesen in 2. Mose 18,13–27).

 

Dann kommt sein Schwiegervater Jitro zu Besuch. Er schaut sich das einen Tag lang an. Und dann sagt er einen Satz, der bis heute sitzt. Sinngemäß sagt er: „Es ist nicht gut, was du tust. Du reibst dich auf, und die Menschen mit dir.“ Er hilft Mose, die Last auf viele Schultern zu verteilen.

 

Was mich an dieser Geschichte packt: Der Rat musste von außen kommen. Mose selbst hätte ewig weitergemacht. Von innen fühlt sich Überlastung nämlich fast immer alternativlos an. Es braucht jemanden, der von außen draufschaut und die Wahrheit sagen darf.

 

Darum die Frage an dich: Wer ist dein Jitro? Wer darf dir sagen, dass es so nicht weitergeht? Und wann hast du diesen Menschen zuletzt wirklich gefragt? Oder ihm das Mandat gegeben, von selbst zu sprechen, wenn er es für angebracht hält?

Übung: Die empfangende Stunde

Eine Praxis, die für Menschen mit Helfer-Identität erstaunlich schwer ist. Genau daran merkst du, wie nötig sie ist: eine Stunde pro Woche, in der du ausschließlich auf der empfangenden Seite bist.

 

1. Verabrede dich mit dir. Diese Woche noch, mit Datum und Uhrzeit. Nicht als weitere Pflicht auf der Liste, sondern als Termin mit dem einen Menschen, der bei dir sonst immer zuletzt kommt.

 

2. Wähl etwas, bei dem du nichts gibst, organisierst oder verantwortest. Ein Bad hinter abgeschlossener Tür. Eine Bank in der Sonne. Ein Telefonat, in dem du erzählst und die andere zuhört. Eine Massage oder ein Konzert, wenn es das Budget hergibt. Ein Gottesdienst, in dem du keinen einzigen Dienst hast.

 

3. Erwarte den Widerstand. Er kommt zuverlässig, meist als Gedanke: „Dafür habe ich keine Zeit“ oder „Das ist doch egoistisch.“ Du musst ihn nicht wegmachen. Nur nicht das letzte Wort haben lassen.

 

4. Bleib, solange es gut ist. Idealerweise die volle Stunde, denn Empfangen ist für Sorgende ein Muskel, der erst wieder wachsen muss. Und wenn du nach zwanzig Minuten merkst, mehr geht heute nicht – auch gut. Zwanzig Minuten Empfangen sind mehr, als du letzte Woche hattest.

 

5. Beobachte, was es mit dir macht. Nach vier Wochen weißt du mehr über dich als aus manchem Ratgeber.

 

 

Und falls sich beim Lesen dieser Übung etwas in dir meldet, das sagt: „Eine Stunde? Ich bräuchte eher ein Jahr …!“, dann nimm auch das ernst. Dann ist es Zeit für mehr als eine Übung: Hausärztin, Beratungsstelle, Therapie. Du darfst in Anspruch nehmen, was du täglich an andere verteilst.

Nicht heldenhaft, sondern lebendig

Die Menschen, für die du da bist, brauchen dich nicht heldenhaft – sie brauchen dich lebendig. Echt da und mit Freude am Leben und dem, was du tust. Das könnte der wichtigste Satz dieses Artikels sein, gerade wenn du ihn für übertrieben hältst.

 

Ein leiser Verdacht zum Schluss: Könnte es sein, dass du→ diesen Artikel gerade mit dem Gedanken liest, wem du ihn weiterschicken solltest? Schön. Tu das gern. Aber lies ihn vorher noch einmal –  für dich.

 

 

→ DEMNÄCHST: In Teil 3 unserer Serie geht es darum „Wie Erholung gelingt“

Impuls

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ In dem kleinen Wort „wie“ steckt deine Würde: Du bist nicht die Ausnahme von der Fürsorge, die du allen anderen gönnst.

 

Reflexionsfrage

Wer ist dein Jitro, der Mensch, der dir sagen dürfte: „Es ist nicht gut, was du tust“? Und wie lange ist es her, dass du ihn wirklich gefragt hast, wie er dich gerade sieht?

 

Wichtig zu wissen

Wenn du merkst, dass es längst mehr ist als Müdigkeit: Sprich mit deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt, wende dich an eine Beratungsstelle oder ruf die Telefon-Seelsorge an: 0800 111 0 111 (kostenlos, rund um die Uhr).

Heiko Metz

ist doppelt Papa, Theologe, Autor („Einfach mal durchatmen“) und geistlicher Begleiter. Nach einem eigenen Burnout schreibt er über Spiritualität, die den Alltag leichter macht, statt voller. Sein kostenloser 7-Tage-Audiokurs „Einmal kurz Himmel atmen“ ist der einfachste Einstieg.

 

Mehr auf: heiko-metz.de

 

Instagram: @heikometz

Zum Weiterlesen