„Aber es ist doch für Gott!“

 

Diesen Satz höre ich immer wieder, wenn ich mit erschöpften Menschen spreche. Die Ehrenamtliche, die seit zwölf Jahren jeden Sonntag die Kinderkirche stemmt und nachts wachliegt. Der Hauskreisleiter, der neben Job und Familie noch drei Dienste trägt. Und die Mutter, die nebenbei noch die alte Nachbarin versorgt, weil das doch selbstverständlich ist, wenn man glaubt.

 

Ein Satz wie ein Schild. Dahinter verschwindet die Müdigkeit. Denn wenn die Sache heilig ist, darf die Erschöpfung nicht zählen. Eigentlich darf sie noch nicht mal sein, oder? Ich kenne diesen Satz in mir. Ich habe ihn selbst geglaubt. Bis mein Körper die Diskussion beendet hat.

 

Warum trifft es so oft die Engagierten?

Es wirkt wie ein schlechter Witz: Ausgerechnet Menschen, die aus Glauben leben und sich einsetzen, trifft die Erschöpfung besonders oft. Hauptamtliche, Ehrenamtliche, Menschen in helfenden Berufen mit christlicher Motivation. Und engagiert heißt dabei längst nicht nur Amt oder Aufgabe in einer Gemeinde: Auch die stille Sorge für Eltern, Kinder oder Nachbarn kann sich anfühlen wie ein Dienst, den man Gott schuldet.

Wer seine Arbeit als Job versteht, kann sie ablegen. Wer sie als Berufung versteht, trägt sie mit ins Bett.

Meiner Erfahrung nach liegt das selten am Glauben selbst. Es liegt an zwei Mustern, die sich unbemerkt in ihn hineinschleichen können. Beide sehen fromm aus. Beide sind es nicht.

 

Muster 1: Berufung kennt keinen Feierabend

Wer seine Arbeit als Job versteht, kann sie ablegen. Wer sie als Berufung versteht, trägt sie mit ins Bett. Berufung ist etwas Wunderbares. Und sie hat eine gefährliche Kehrseite: Sie macht jede Grenze verhandelbar. Einem Job kündigt man oder kann ihn nach Dienstschluss zumindest bis morgen vergessen. Einem Ruf sagt man nicht ab.

 

Das Tückische daran: Die Erschöpfung wird umgedeutet. Müdigkeit gilt dann nicht als Signal, sondern als Opfer. Je leerer, desto hingegebener. In manchen frommen Kreisen ist Selbstverschleiß eine heimliche Währung der Ernsthaftigkeit geworden. Wer eine Pause braucht, fühlt sich, als würde er den Glauben verraten. Vielleicht sogar Gott selbst.

 

Aber die Bibel erzählt von einem anderen Gott. Der Gott, der Menschen ruft, ist derselbe, der den Ruhetag erfindet. Und zwar nicht als Belohnung für Fleißige, sondern als Rhythmus für alle, gleich auf den ersten Seiten der Bibel (siehe 1. Mose 2,3). Und auch Jesus selbst, mitten in seiner intensivsten Zeit, zieht sich immer wieder an einsame Orte zurück. Ganz am Anfang des Markusevangeliums gibt es eine Szene, die ich lange überlesen habe: Ganz Kapernaum sucht Jesus, es warten noch Kranke, die geheilt werden wollen. Aus Sicht der Menschen dort war Jesus noch lange nicht fertig mit „arbeiten“. Und Jesus? Er zieht trotzdem weiter in die nächsten Dörfer, weil er wusste, wozu er unterwegs war. Er hat Bedarf offengelassen. Der Sohn Gottes höchstpersönlich hat nicht alle Erwartungen erfüllt, die an ihn gerichtet wurden.

 

Eine Berufung, die deine Grenzen überrollt, beruft sich auf einen Gott, den es so nicht gibt.

 

 

Muster 2: Das fromme Gefühls-Verbot

Das zweite Muster ist leiser. Viele von uns haben irgendwo unterwegs gelernt, dass bestimmte innere Zustände eher unfromm sind: Wut. Leere. Zweifel. Das große „Ich-kann-nicht-Mehr!“ Also werden sie lieber nicht gefühlt, sondern übertönt. Mit Dankbarkeits-Pflicht, mit Lobpreis-Tapferkeit, mit einem Lächeln, das immer schwerer wird. Nur: Weggedrückte Gefühle gehen nicht einfach weg. Sie melden sich bloß woanders wieder. Als Schlaflosigkeit. Als Gereiztheit. Als diese bleierne Müdigkeit, für die es scheinbar keinen Grund gibt …

 

Dabei kennt die Bibel selbst das ehrliche Gefühl bestens. Die Psalmen, das Gebetsbuch der Bibel, sind voll von Menschen, die Gott ihre Leere, ihre Wut, ihre Fragen und auch ihre Erschöpfung hinwerfen. Genau das war ihr Glaube. Nicht sein Gegenteil.

 

Ein Glaube, der nur erlaubte Gefühle kennt, kennt dich nicht ganz. Und Gott auch nicht.

 

 

Als mein Körper die Diskussion beendete

Mit Anfang vierzig war ich ein Mann mit vollem Kalender und guten Gründen dafür. Beruf, Ehrenamt, inklusive Familie: alles ziemlich sinnvoll, alles ziemlich wichtig, alles für Gott und die Menschen. Ich hätte dir, rein wissenstechnisch, jeden Vortrag über gesunde Grenzen halten können. Gehalten habe ich mich selbst an keinen davon.

Irgendwann hat mein Körper aufgehört zu verhandeln. Er hat einfach nicht mehr mitgemacht. Und ich saß da, mit all meiner Theologie, und konnte nicht mehr.

Die Warnzeichen kamen früh und ich habe sie alle wegargumentiert. Müdigkeit? – Nur eine anstrengende Phase. Gereiztheit? – Die Umstände. Dass ich mich auf nichts mehr freuen konnte? – Wird schon wieder. Es war ja alles für eine gute Sache. Nötig. Und es war doch für Gott…

 

Irgendwann hat mein Körper aufgehört zu verhandeln. Er hat einfach nicht mehr mitgemacht. Und ich saß da, mit all meiner Theologie, und konnte nicht mehr. Also wirklich gar nicht mehr! Und das monatelang.

 

Was mich in der Zeit danach getröstet hat, war ausgerechnet eine alte Geschichte aus der Bibel: Elia, ein Prophet, also jemand, der für Gott spricht, liegt erschöpft und lebensmüde unter einem Strauch in der Wüste. Er will nur noch schlafen und am liebsten nicht mehr aufwachen. Und Gott? Hält keine Predigt. Stellt keine einzige Frage. Gibt auch keine optimierte To-Do-Liste mit neuen Deadlines weiter. Er schickt einen Engel mit frischem Brot und Wasser. Lässt ihn schlafen. Weckt ihn, lässt ihn noch mal essen und wieder schlafen. Erst viel später, nach Tagen, kommt alles Weitere. Schlaf und Essen zuerst. Das ist Gottes Seelsorge an einem Ausgebrannten. Keine Standpauke. Ein Frühstück. (Nachzulesen in 1. Könige 19)

 

Ich schreibe das hier übrigens nicht als einer, der das alles inzwischen kann mit den Pausen und der Balance und so. Ich schreibe als einer, der es lernt. Immer noch. Manche Wochen besser, manche schlechter.

 

 

Was dich schützt: 3 Verschiebungen

Trenn die Berufung vom Pensum. Berufen bist du als Mensch, mit deinem Namen. Nicht als Funktionsträger eines bestimmten Stundenumfangs. Die Frage „Wozu bin ich berufen?“ braucht eine Schwester, die viel seltener gestellt wird: „Wozu bin ich nicht berufen?“ Du darfst dir dabei Jesus zum Vorbild nehmen: Er hat Kapernaum verlassen, während dort noch Menschen auf ihn warteten.

 

Erlaube deiner Müdigkeit Ehrlichkeit. Sie darf vorkommen, auch vor Gott. Gerade vor Gott. Wie das konkret gehen kann, zeigt dir die kleine Übung unten.

 

Adle das Hilfe-Annehmen. In vielen engagierten Milieus gilt: Für andere Hilfe organisieren ist Stärke, selbst Hilfe brauchen fühlt sich wie Versagen an. Dreh es um. Der Gang zum/zur Hausärzt/in, Therapeut/in, Seelsorger/in ist keine Kapitulation. Er ist die praktische Form von: Ich muss nicht Gott sein – es gibt schon einen!

Übung: Die ehrliche Abendzeile

Eine Praxis für die nächsten sieben Tage. Sie kostet dich eine Minute und ist klein genug für einen richtig schlechten Tag:

 

1. Such dir einen festen Moment am Abend. Beim Zähneputzen, auf der Bettkante – egal wo, Hauptsache derselbe Moment jeden Abend.

 

2. Sprich oder schreib diesen einen Satz: „Gott, so müde bin ich wirklich: …“ Und dann vervollständige ihn. Ehrlich. Und so unfromm, wie es eben gerade ist.

 

3. Widersteh der frommen Korrektur. Kein „Aber ich bin ja auch dankbar“ hinterher. Kein Abfedern. Der Satz darf so stehen bleiben, wie er gekommen ist.

 

4. Hör auf, wenn der Satz gesagt ist. Mehr muss es nicht sein. Wirklich nicht. Und wenn du einen Abend vergisst: Dann fehlt eine Zeile, mehr nicht. Die Übung führt kein Protokoll.

 

5. Nach sieben Tagen: Schau zurück. Was hat sich da angesammelt? Überrascht dich etwas? Vielleicht magst du das, was du entdeckst, mit einem Menschen teilen, dem du vertraust.

Wer vor Gott nicht erschöpft sein darf, darf es nirgends.

 

Du darfst müde sein

Vielleicht liest du das hier und merkst: Da ist längst mehr Erschöpfung, als ich zugeben wollte. Dann nimm das ernst. Sprich mit deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt darüber, hol dir Begleitung. Das ist kein Glaubensversagen. Es ist der erste Schritt zurück ins Leben.

 

Denn das ist am Ende die Wahrheit, die mich zurückgebracht hat: Gott braucht keine verbrannten Diener. Was sollte er auch mit lauter Ausgebrannten? Er will lebendige Menschen, die ihr Leben gerne leben und feiern. Deine Müdigkeit ist kein Verrat an deiner Berufung. Sie ist eine Nachricht. Und ich glaube: Der, der dich berufen hat, hat sie mitgeschickt.

 

Impuls

Berufen bist du als Mensch, mit deinem Namen. Kein Kalender, kein Stundenkonto, keine Funktion. Der Gott, der dich ruft, ist derselbe, der den Ruhetag erfunden hat. Für dich.

 

 

Reflexionsfrage

An welcher Stelle deines Engagements sagst du „Es ist doch für Gott“ und meinst eigentlich: „Ich traue mich nicht, Nein zu sagen“? Du musst heute nichts daraus machen. Einmal ehrlich hinsehen reicht.

 

Wichtig: Wenn du beim Lesen gemerkt hast, dass deine Erschöpfung tiefer sitzt: Sprich mit deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt, oder ruf die Telefon-Seelsorge an: 0800 111 0 111 (kostenlos, rund um die Uhr).

 

Heiko Metz

ist doppelt Papa, Theologe, Autor („Einfach mal durchatmen“) und geistlicher Begleiter. Nach einem eigenen Burnout schreibt er über Spiritualität, die den Alltag leichter macht, statt voller. Sein kostenloser 7-Tage-Audiokurs „Einmal kurz Himmel atmen“ ist der einfachste Einstieg.

 

Mehr auf: heiko-metz.de

 

Instagram: @heikometz

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