„Vor einigen Jahren habe ich begonnen, viele Glaubenssätze, mit denen ich aufgewachsen bin, radikal zu hinterfragen. Das hat meinen Glauben, wie ich ihn von Kind an kannte und gelebt habe, zerbrechen lassen. Ich habe so ziemlich alles über Bord geworfen, was ich einmal glaubte, und mich eine Zeit lang sogar als überzeugten Atheisten gesehen. Doch nun, nach Jahren des Abstands, spüre ich, dass meine Sehnsucht nach Gott wieder wächst. Nachdem ich vieles auf den Prüfstand gestellt und heute um etliches an ungesundem religiösem Ballast leichter bin, bin ich an dem Punkt, dass ich mein Leben gern mit Gott weiterleben möchte – auch wenn ich gerade noch nicht so recht weiß, wie! Ich frage mich: Wie kann ich meinen neu aufkeimenden Glauben so füllen und leben, dass er auch in Zukunft überlebensfähig bleibt? Wie kann ich mich Gott neu nähern, wie ihm wieder vertrauen lernen? Ich bin erfüllt von Hoffnung, habe aber auch Angst, ich könnte wieder in alte Zwänge und Gesetzlichkeiten geraten. Wie lerne ich neu laufen auf diesem mir noch unbekanntem Terrain?“

 

 

Ich kann dein vorsichtiges Vorantasten auf dünnem Eis gut nachvollziehen. Die Autorin Rachel Held Evans schrieb in ihrem Buch „Es ist kompliziert“ dazu: „Es gibt Aufbauangebote für Menschen, die den Verlust eines Elternteils, eines Geschwisters oder Ehepartners betrauern. Man kann Bücher darüber kaufen, wie man mit dem Tod eines geliebten Haustiers umgeht oder sich durch den seelischen Schmerz nach einer Fehlgeburt kämpft. Wir sprechen offen miteinander darüber, was für ein schmerzlicher Verlust mit einer Kündigung, einem Umzug, einer Diagnose oder einem geplatzten Traum einhergehen kann. Aber niemand lehrt einen wirklich, wie man den Verlust seines Glaubens betrauert. Was das angeht, steht man ganz allein da.“

 

Was glaubst du – und wie?

Vielleicht kann es dir helfen, wenn du in deinem neu aufkeimenden Glauben zwei Aspekte unterscheidest, wie zwei Seiten ein- und derselben Medaille: Der Glaube, den du glaubst (also die Glaubensinhalte) und der Glaube, mit dem du glaubst (also die Glaubenshaltung). Natürlich beeinflussen sich diese beiden Bereiche gegenseitig, aber dennoch ist es gut und heilsam, sie auch jeweils für sich zu betrachten.

 

Ich will das kurz erläutern: Der christliche Glaube entsteht durch eine göttliche Umarmung, durch eine Begegnung mit der Liebe Gottes. Manche Menschen haben schon lange nach einer solchen Umarmung gesucht, doch für viele andere kommt sie völlig unerwartet, wie bei Sara Miles. Sara hatte keinerlei Interesse an Religion. Sie wuchs in einem säkularen Umfeld auf, war eine liberale, lesbische Frau und hatte mit der Kirche absolut nichts am Hut, vor allem nicht mit ihren fundamentalistischen Zügen. Doch eines Tages wurde sie in der Episkopalkirche „St. Gregory of Nyssa“ in San Francisco zur Teilnahme am Mahl eingeladen. „Und dann passierte etwas Unerhörtes und Erschreckendes“, sagt sie. „Jesus passierte mir.“ Und plötzlich glaubte sie! „Ich konnte das Erlebnis mit nichts, das ich kannte oder was man mir gesagt hatte, vergleichen“, schreibt sie in ihrer Autobiografie „Take This Bread“.

Der christliche Glaube entsteht durch eine göttliche Umarmung, durch eine Begegnung mit der Liebe Gottes.

Es gibt eine Fülle solcher Glaubensgeschichten in unendlich vielen individuellen Variationen. Doch eines haben sie alle gemeinsam: Der Glaube beginnt mit einer göttlichen Umarmung. Und auffallend ist, dass dabei drei Dinge fast immer eine wichtige Rolle spielen: das Gebet, die Bibel und die Gemeinschaft der Glaubenden. Es scheint fast so, als bildeten diese drei miteinander ein göttliches Kraftfeld, in dem diese Umarmung Gottes früher oder später stattfindet.

 

Lass dich von Gott umarmen!

Was ich dir daher empfehlen möchte, ist, genau dieses Kraftfeld wieder aufzusuchen. So hat es auch Maria Magdalena gemacht: Als man den Leichnam Jesu vom Kreuz nahm und ihn in eine Grabhöhle brachte, da waren mit ihrem Herrn auch alle ihre Hoffnungen gestorben. Und doch macht sie sich am Ostermorgen auf den Weg zum Grab. Sie erwartet nichts, aber sie muss noch einmal zu Jesus, um ihn einzubalsamieren. Es ist die Liebe, die sie in Bewegung setzt, weil sie trotz allem Verstörenden, was sie erlebt hat, nicht bereit ist, so schnell loszulassen. Und eben dort – am Grab – begegnet ihr der auferstandene Jesus (siehe Johannes 20).

 

So wie sie kannst du dich auf den Weg machen. Suche dir eine Gemeinschaft von Christinnen und Christen, in der dir die Barmherzigkeit und bedingungslose Annahme Gottes begegnet. Eine Kirche, in der du dich nicht verstellen musst, um an- und aufgenommen zu werden. Eine Kirche, in der du alle deine Fragen und Zweifel äußern kannst, ohne zurechtgewiesen zu werden. Eine Kirche, in der die Tränen ebenso Raum haben wie der Lobpreis. Eine Kirche, in der man auf Gottes Gnade vertraut und nicht auf die eigene Rechtgläubigkeit. Vielleicht musst du länger suchen und bist anfangs enttäuscht. Aber eine solche Kirche gibt es – sicher auch in deinem Umfeld!

 

Und dann öffne dein Herz neu für das geschriebene Wort Gottes, die Bibel. Lies es am besten laut, meditierend, in kurzen Abschnitten, so wie es zum Beispiel seit Jahrhunderten in der benediktinischen Tradition der „Lectio Divina“ praktiziert wird. Lies es weniger mit einem Kopf, der nach Erklärungen sucht, sondern vielmehr mit einem Herzen, das sich nach der göttlichen Umarmung sehnt. Oder wie der evangelische Theologe Gerrit Hohage es ausdrückt: „Nicht was wir über die Schrift denken, ist wichtig, sondern ob wir sie so lesen, dass wir Gottes Stimme in ihr hören.“

 

Kopf an, Herz auf!

Selbstverständlich musst du deinen Kopf nicht ausschalten, um glauben zu können! Aber zunächst einmal gilt der alte und weise Satz von Blaise Pascal: „Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt.“ Darum gib dich nicht mit einem Kopfglauben zufrieden, sondern warte auf die göttliche Umarmung. Denn wenn du die erfahren hast, dann wird dein Glaube im Herzen fest genug verankert sein, um in den Stürmen des Verstandes nicht zu kentern.

Selbstverständlich musst du deinen Kopf nicht ausschalten, um glauben zu können!

Und damit bin ich beim zweiten Aspekt, nämlich bei den Glaubensinhalten. Bitte hab keine Angst, dort einiges neu zu ordnen und neu zu denken! Vermutlich wirst du längst bemerkt haben, dass es jenseits deiner früheren Bubble eine ganz Welt voller spannender theologischer Ansätze gibt, die du zuvor nie gehört hattest, geschweige denn über sie nachgedacht. Auch dort musst du nicht alles übernehmen, aber du hast nun die Freiheit, alles angstfrei zu prüfen, um das Gute zu behalten. Je nachdem, wie du geprägt wurdest, ist das mit dem „angstfrei prüfen“ aber gar nicht so einfach: „Kommst du vielleicht in die Hölle, wenn du nicht mehr daran glaubst, dass die Erde in sieben Tagen erschaffen wurde? Wirst du von Gott am Ende verdammt werden, wenn du das Buch Hiob nicht für historisch hältst? Und wirst du dich im Gericht dafür verantworten müssen, dass du die Sintflut-Geschichte mit anderen antiken Erzählungen vergleichst?“ Mir persönlich sind solche Ängste begegnet, als ich angefangen habe, Glaubensinhalte neu zu denken. Doch die Angst ist nicht nur ein schlechter Ratgeber, sondern auch ein noch viel schlechterer Glaubensmotor! Sie führt dich nicht in die Weite des Glaubens, sondern zurück in die Enge – dorthin, wo dir die Luft wegbleibt. Inzwischen bin ich mir ziemlich sicher: Wenn ich einmal vor Jesus stehe, dann wird er mich nicht danach fragen, ob ich die „Chicagoer Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift“ unterschrieben habe, sondern er wird mich danach fragen, ob ich den Armen, Schwachen, Kranken und Ausgegrenzten mit Barmherzigkeit begegnet bin. Im Übrigen bin ich heute der Meinung, dass man gerade dann „bibeltreu“ ist, wenn man gelernt hat, die Bibel nicht in allen ihren Aussagen wörtlich zu nehmen, sondern sie als ein historisch gewachsenes Dokument zu betrachten. Ein Dokument, welches von Gott durch seinen Geist inspiriert ist, aber von Menschen geschrieben wurde, mit all ihren Grenzen und zeitlich bedingten Weltbildern.

 

Unterwegs zu neuem Vertrauen

Du hast gefragt, wie du im Glauben wieder neu lernen kannst, zu laufen. Vermutlich wird das ähnlich sein, wie bei deinen ersten Schritten als Kleinkind: Du wirst einige Male hinfallen und am Anfang sehr wackelig unterwegs sein. Aber wenn du dich nicht gleich entmutigen lässt und dich zudem geborgen weißt in einer Gemeinschaft, die zu dir steht, an dich glaubt und dich motiviert, dann wirst du immer weiter gehen. Und das wirklich Erstaunliche auf deinem Weg ist: Der, der dich umarmt hat, möchte, dass du das Laufen lernst! Er hält dich an deiner Hand, er richtet dich auf, wenn du am Boden liegst, ja er trägt dich ein kleines Stück, wenn es sein muss. Aber er wird dir immer die Freiheit lassen, stehen zu bleiben oder andere Wege einzuschlagen. Und je länger du mit Gott unterwegs bist, umso mehr wirst du erkennen, dass es die überwältigende Höhe, Breite und Tiefe seiner bedingungslosen Liebe ist, die dich „auf Spur“ hält. Denn warum solltest du woanders hin? Oder um es mit Petrus zu formulieren: „Herr, zu wem sollten wir gehen? Du hast Worte, die zum ewigen Leben führen!“ (Johannes 6,68)

VOLKER HALFMANN

verheiratet, drei Kinder, ist Pastor, Buchautor und Suchtberater in der Psychosozialen Suchtberatungsstelle des Blauen Kreuzes. Er bloggt unter www.schwereloswerden.de

 

Die Fragen in unserer Rubrik „Glaubensfragen“ sind aus dem Erfahrungshintergrund der Beraterinnen und Berater exemplarisch formuliert worden, sodass jederzeit strenge Vertraulichkeit gewährleistet bleibt. Wir veröffentlichen keine seelsorgerlichen Anfragen an die Redaktion ohne vorherige ausdrückliche Genehmigung der Ratsuchenden.

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