„Vor einem Jahr sind wir umgezogen. In letzter Zeit häufen sich die Anfragen von Freunden aus der alten Heimat, die uns gerne besuchen möchten – häufig bis zu einer Woche. Grundsätzlich halte ich gerne Kontakt, aber ich merke auch, dass mir diese ausgedehnten Besuche manchmal zu viel werden und ich vermehrt ein Bedürfnis nach Privatsphäre spüre: in Ruhe frühstücken, ausschlafen, den halben Tag im Pyjama verbringen, selbstbestimmt Tage planen. Sende ich gegenüber meinen Freunden vielleicht ein falsches Signal aus, dass sich diese Anfragen häufen? Und wie kann ich gut damit umgehen: Beziehungen pflegen, aber gleichzeitig auch meinem Bedürfnis nach Privatsphäre entsprechen und meine Grenzen wahren?“
Eigene Grenzen zu wahren – und das im besten Fall, ohne dabei jemanden vor den Kopf zu stoßen –, das fällt uns oft gar nicht so leicht. Umso mehr lohnt es sich, einmal genauer hinzuschauen: Wie kommuniziere ich meine Bedürfnisse? Wie sorge ich für meinen „Privatraum“? Und wie lassen sich sowohl der Wunsch nach Kontakt und Nähe als auch der Wunsch nach Selbstbestimmtheit beide gut leben?
1. Meine Bedürfnisse kennen
Wie so häufig, beginnt auch hier der Weg bei uns selbst: Es geht erst einmal darum, die eigenen Grenzen zu erkennen und bewusst wahrzunehmen: Was genau tut mir gut? Ab wann wird es mir „zu viel“? Wo fehlt mir etwas – und was genau fehlt?
Dazu gehören ganz individuelle Bedürfnisse – etwa nach Privatsphäre, Zeit mit dem Partner oder der Familie, ausschlafen und entspannen. Für manche Menschen ist das bewusste Alleinsein, für andere ist das Bedürfnis nach Gemeinsamkeit und Geselligkeit wichtiger. Manche erleben gerne Abenteuer, anderen bevorzugen das gewohnte Umfeld. Das hat mit unserer ganz individuellen Persönlichkeit zu tun und wird auch durch unser Gewordensein und unsere Lebenserfahrungen geprägt. Vor jeder Kommunikation braucht es darum diese eigene Klarheit: Welche Bedürfnisse stehen bei mir in dieser Lebensphase im Vordergrund? Was ist mir deshalb wichtig?
2. Mein Gartenzaun: Grenzen kommunizieren
Nur wenn ich mir selbst im Klaren darüber bin, was ich für mich brauche, kann ich das auch gut kommunizieren. Gelingt uns das, ohne Menschen zu verletzen, ist das ist ein echtes Plus in Sachen Beziehungskompetenz. Und das lässt sich erlernen. Zu einem hilfreichen Tool gleich mehr.
Gerne stelle ich mir die persönlichen Grenzen vor wie meinen eigenen privaten Gartenzaun, der mein Grundstück umgibt. Wenn wir uns das bildlich vorstellen: Möchte der Nachbar (oder die Nachbarin) mich besuchen kommen, dann ist es entscheidend, dass mein Zaun auch „sichtbar“ ist und nicht versehentlich zur Stolperfalle wird. Ich mache dem Nachbarn, der Nachbarin (oder beiden) auch gerne mal das Gartentor auf – vorausgesetzt, ich bin zu Hause und gerade nicht im Pyjama unterwegs.
Damit der Nachbar oder die Nachbarin meinen Zaun überhaupt wahrnehmen kann, muss ich ihn sichtbar machen. Ein rein „imaginärer“ Zaun ist als Grenze schwer einzuhalten. Meist errichten wir Zäune auch gar nicht in erster Linie, um jemanden oder etwas auszuschließen, sondern mit der Absicht, etwas Wertvolles innerhalb des Zaunes zu schützen. Genau deshalb gibt es ja auch das Gartentor: Besuch ist nämlich gerne willkommen!
Und das darf unser Gegenüber auch spüren. Meine Grenze heißt nicht: „Ich bewerte dich negativ“ oder „Ich lehne dich ab“, sondern: „Ich gebe dir eine Information darüber, welches Bedürfnis gerade für mich wichtig und schützenswert ist.“ Und gleichzeitig die freundliche und wertschätzende Einladung: „Besuch mich doch mal, wenn ich Zeit habe – aber bitte durchs Gartentor!“
Klarheit ist freundlicher als unerklärte Distanz. Trauen Sie sich und Ihrer Beziehung zu, offen über unterschiedliche Bedürfnisse zu sprechen.
3. Ich-Botschaften: Bedürfnisse kommunizieren
Eine sogenannte „Ich-Botschaft“ ist hier sehr hilfreich für beziehungsorientierte Kommunikation. Sie ermöglicht einen Raum für Austausch, Dialog und Nähe, den wir mit unserem Gegenüber teilen können.
Eine gute „Ich-Botschaft“ drückt eigene Beobachtungen, Gefühle und Bedürfnisse aus und formuliert eine konkrete Bitte, ohne zu werten oder zu beschuldigen. Das kann zum Beispiel so aussehen: „Ich freue mich (Gefühl), wenn du uns für ein paar Tage besuchen kommst (Beobachtung). Mir ist es morgens wichtig, ruhig in den Tag zu starten, weil ich Erholung und Struktur brauche (Bedürfnis). Deshalb wünsche ich mir, dass wir uns nach dem Frühstück treffen und dann danach gemeinsam die Gegend erkunden (Bitte).
Da unsere Wohnung sehr klein ist, würde ich dir gern ein Hotelzimmer in der Nähe organisieren (klare Bitte, Angebot). Was denkst du darüber?“
Im Unterschied zu einer Du-Botschaft machen Ich-Botschaften es deutlich unwahrscheinlicher, dass das Gegenüber sich bewertet, kritisiert oder abgelehnt fühlt. Denn wir sprechen von uns selbst und unseren Bedürfnissen – und nicht über den anderen.
4. Klarheit vor Rückzug
Klarheit ist freundlicher als unerklärte Distanz. Oft spüren Menschen uns ab, wenn wir uns nicht ganz wohl sind mit einer Situation – auch dann, wenn wir noch keine Worte dafür gefunden haben. Eine angespannte oder unfreie Atmosphäre kann die Beziehung belasten.
Offene, ehrliche Kommunikation ermöglicht tragfähige Beziehungen. Entscheidend ist es dabei, über die eigenen Wünsche zu sprechen und für diese auch Verantwortung zu übernehmen – und eben nicht, den anderen kritisieren oder seine Bedürfnisse in Frage zu stellen. Auf diese Weise entsteht Raum für Verständnis, und es werden Kompromisse möglich, die beiden Seiten Freude machen.
5. Klare Signale ermöglichen Beziehung
Manchmal kann es sein, dass unser Privatraum „unbegrenzt“ wirkt, wenn die eigenen Grenzen und Bedürfnisse in der Vergangenheit nicht klar kommuniziert worden sind. Andere Menschen haben dann gar keine Möglichkeit, sie wahrzunehmen und entsprechend zu reagieren. Vielleicht fühlten sie sich „jederzeit eingeladen“, weil der sprichwörtliche Gartenzaun bisher noch gar nicht aufgerichtet war. Trauen Sie sich und Ihrer Beziehung zu, offen über unterschiedliche Bedürfnisse zu sprechen. Geben Sie damit Ihren Freunden und Freundinnen die Chance, eine nachbarschaftlich-freundliche Beziehung zu führen.
6. Einladungen aussprechen
Gibt es vielleicht auch Zeiten, Tage oder Zeiträume, in denen Sie sich Gemeinschaft wünschen? Manchmal ergibt sich eine Gelegenheit, den Anfragen von außen zuvorkommen.
Wenn Sie bereits im Vorhinein wissen: „Da habe ich Zeit, das wäre ein Anlass, da würde Besuch mich sehr freuen“, könnte sich eine Möglichkeit ergeben, selbstbestimmt Beziehung zu pflegen und Einladungen zum passenden Zeitpunkt auszusprechen. Sie werden erleben: Ihr Gegenüber fühlt sich dadurch vielleicht ganz besonders wertgeschätzt. Beim Gestalten Ihres ganz persönlichen Gartenzaunes wünsche ich Ihnen Gelingen – und freudebringende nachbarschaftliche Beziehungen!
Die Fragen in unserer Rubrik „Beziehungsfragen“ sind aus dem Erfahrungshintergrund der Beraterinnen und Berater exemplarisch formuliert worden, sodass jederzeit strenge Vertraulichkeit gewährleistet bleibt. Wir veröffentlichen keine seelsorgerlichen Anfragen an die Redaktion ohne vorherige ausdrückliche Genehmigung der Ratsuchenden.
2 Kommentare
cooler Artikel
Auf diesen Kommentar antwortenDas freut uns! Ist ein wichtiges Thema, finden wir.
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